Ausgabe 
5.3.1937
 
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Lied eines Mädchens.

Von Eduard Mörike.

Bist du, goldner Frühling, Wieder auf dem Wege, Wirst du wieder rege. Warme Lebenslust?

Daß du, holder Knabe, Vor der Türe stehest, Linde mich umwehest. Spür' ich lange schon.

Willst du erst mich necken, Dann mit schnellen Schwingen Mir entgegenspringen. Wie der Braut in Arm?

Deine grüne Jacke Sah ich lange blitzen, Und aus allen Ritzen Flimmert sie hervor.

Nur den alten Winter Laß sich nimmer regen! Laß dich nimmer legen In das Leichentuch!

Sonst folg' ich dem Sieger Fort in alle Weite, Und im Flockenkkeide Kehr' ich nur zurück.

Daß du beim Erwachen Kalt und starr mich findest Und beinah' erblindest Vor dem Flockenmann!

Magst mit Rosen schmeicheln Und mit Blumenschmelze, Ei, am weißen Pelze Steht die Blüte wohl!

Glaubst mich zu erwärmen. Mir das Kleid zu rauben? Wolltts ja gern erlauben, Ach, so komme nur!

Oie verfärbten Tauben.

Von RobertSeitz.

In einer itoinen Stadt, von der wir als Kinder sangen, daß der Himmel dort blau wäre und der Ziegenbock mit seiner Frau tanzte, lebte vor Jahren ein junger Mann, der eine Liebhaberei hatte: weiße Tauben, von denen er vier Stücke besaß, die hinter einer Bodenluke ihren geräumigen Der­schlag hatten und Tag für Tag zur bestimmten Stunde über den Nach- bardächern kreisten, von dem roten Fähnchen des halb aus der Luke hängenden Besitzers gewissenhaft in gleichmäßiger Flugbahn gehalten.

Außer dieser harmlosen Liebhaberei hegte der junge Mann, der übri­gens Wermenthal hieß, eine weniger harmlose Liebe zu Helenen, der hübschen Tochter seines Vorgesetzten, des gestrengen Herrn Ebermann und seiner Gattin Sophie. Diese Liebe war schon so weit gediehen, daß Wer­menthal das Mädchen zärtlichmein Täubchen" nannte, denn wie hätte er sie anders rufen können als mit dem sanften Namen seiner weißen Lieb­linge, und daß sie diese Ansprache ohne Umschweife von ihr mitWer­menthal" erwiderte, manchmal sogar mit dem Ausrufmein lieber Wer­menthal", was ihn jedesmal veranlaßte, ihr zum seligsten Male ewige Treue zu schwören.

Dieser glückliche Zustand sand eines Tages einen jähen Verdruß, als der junge Mann sich bei einem Stelldichein über jede Gebühr verspätete, weil seine Tauben, aus unbekannten Gründen das rote Fähnchen miß­achtend, die gewohnte Flugbahn verlassen hatten und sich noch langem Suchen und Mühen endlich aus einem entfernten Doch wieder einfangen liehen.

Du liebst bloß deine Tauben", klagte Helene. Er widersprach aus das Heftigste, schon waren Tränen da und schließlich rief das Mädchen in Zorn: Deine langweiligen weißen Tauben! Wenn es noch bunte wären! Ach, es gibt so schöne bunte Tauben. Aber du hast ja kein Gefühl für das Schöne! Wenn es nur blank und weiß ist, das genügt dir!"

Der junge Wermenthal verbrachte den Abend in tiefem Nachdenken über Helenens Worte, aus benen ohne jeden Zweifel hervorging, daß sie sich ihm überlegen fühlte, ihn schon jetzt für einen langweiligen Menschen hielt, von dem man, was höhere Dinge an betraf, nicht allzuviel erwarten durfte: ja daß er im Grunde nichts anderes fei als ein bescheidenes Men­schenblümlein, das dem Himmel schon dankbar wäre, weil seine Tauben em blankes weißes Gefieder hätten.

Um die Mitte der Nacht hotte Wermenthal einen rettenden Einfall. Er wollte der klugen Jungfrau eine Lektion erteilen, wollte ihr an hand­greiflichem Beispiel klarmachen, wie leicht es wäre, durch einen bunten Wirrwarr Gemüter, die allzu hoch hinauswollen, in Verwirrung zu brin­gen: er wünschte ihr zu beweisen, daß nichts leichter sei als Täuschung, nichts schneller zu bewirken als das Entzücken über das Scheinbare, das bar aller Wahrhaftigkeit ist. m

In dieser erleuchteten Mitternachtsstunde kam Wermenthal auf den Gedanken, seine weißen Tauben mit Farbe anzustreichen, ihnen ein ande-

I res, buntes Gefieder zu geben. Ja, er wollte der Natur ins Handwerk pfuschen und aus seinem Schlag die seltsamsten Vögel flattern lassen, um dann, wenn das Mädchen in Schreie der Bewunderung ausbrechen würde, klar und männlich zu erklären:So betet die Eitelkeit den Schein an. Da sieh her, es sind noch immer die weißen Tauben!" Dann, daran zweifelte er nicht, würde Helene beschämt die Augen niederschlagen, er aber würde sie an (ein Herz ziehen und ihr verzeihen.

Wermenthal konnte kaum den Morgen erwarten, lief in die Drogerie, kam mit Tüten und Flaschen zurück, und als die bestimmte Stunde kam, sah man seltsame bunte Vögel, zaghaft und ängstlich aus dem Schlag schlüpfen und aneinandergepreßt auf dem Gesims sitzen.

Der erste, der vorüberkam und die sonderbaren Vögel entdeckte, war Herr Cbermann. Er blieb stehen, starrte hinauf, und bald sammelte sich ein Menschenschwarm um ihn, der gleich ihm in die Lust stierte. Wermen­thal sah lächelnd aus der Luke. (Ebermann strengte seine Stimme an: Woher haben Sie denn die Eichelhäher?"

Der junge Mann rief fidel zurück:Dos sind gewöhnliche weihe Tau­ben! Weihe Tauben! Hahaha!"

Ebermann bekam einen roten Kopf, plusterte sich auf und schrie:Wer­menthal, wollen Sie mich zum Narren halten?" Damit schritt er davon unter dem Gelächter der Leute, schritt davon, als wäre er gestiefelt uni) gespornt. Klack, klack, klack ...

Zu Hause sagte Vater Ebermann:Ein unverschämter Mensch, dieser Wermenthal. Ich werde dafür sorgen, daß er versetzt wird."

Helene erschrak und schluchzte. Mutter Sophie entging dieser Seufzer nicht, sie nickte bedeutsam und erwiderte laut und deutlich, denn sie war böse, daß sie in die Herzenssache nicht eingeweiht war:Möglichst schon zum neuen Quartal."

Ich will es sofort beantragen", schloß Vater (Ebermann und erzählte die Geschichte, die ihm da unterwegs passiert war.

Seit wann sind weiße Tauben bunte, frage ich? Seit wann sehen Tauben aus wie Eichelhäher? Kenn ich mich nicht auch aus in der Natur? Habe ich Augen im Kopf? Antworte, Sophie! Weiße Tauben haha hätte auch sagen können schwarze Raben! Und das mir, seinem Vor­gesetzten."

_ Weiße Tauben? Bunte Tauben? Helenen durchzuckte eine Ahnung. Sie mußte Wermenthal auf alle Fälle sprechen. Was hatte er da ange­richtet? Der kleine Verdruß von gestern weitete sich zu einer Katastrophe. Ja, das Schicksal war draus und dran, ihr mitleidslos ihren Wermenthal zu entreißen. Helene ging eiligst zu ihm und fand den Unseligen bei bester Laune, zufrieden mit sich und seiner guten Idee.

Du willst auch die Eichelhäher sehen?" lachte er.Jo, du hattest Recht, als du mir Vescheidenheit vorhieltest. Nun bin ich unbescheiden geworden, hab der Schöpfung ein Schnippchen geschlagen und mir selbst Vögel erschaffen."

Unglücklicher!" rief Helene,weißt du nicht, was uns droht?" und sie erzählte ihm, was Vater (Ebermann vorhatte.

Du lieber Himmel", erschrak Wermenthal.Was tun wir da?" Alle Erziehungspläne, die er sich für Helenen zurechtgelegt hatte, waren ihm verflogen, er verwünschte seinen Einfall und klagte feine Schöpfung die vier gefärbten Dauben an.

Die Liebenden wußten sich keinen Rat, ihre Herzen gerieten in Auf­ruhr, sie gaben sich Schwüre und Beteuerungen und versprochen ein­ander, daß nicht einmal der Tod sie trennen könnte. Mit diesem Gelübde eilte dos junge Mädchen nach Hause, aber eine hohe Mondnacht war heraufgezogen, die Sterne strahlten in tausendfacher Verklärung, und alle düsteren Gedanken lösten sich vor diesem Überwältigendem Ansturm des Unendlichen in Schluchzen und Tränen. Stammelnd entdeckte Helene ihr Herz der besorgten Mutter, es gelang ihr, die Leichtgerührte zu gewinnen, und mit Tröstungen und neuen Hoffnungen Überließ sich das Mädchen endlich dem Schlummer.

Der arme Wermenthal dagegen hatte eine andere schlaflose Nacht. Er begriff, daß die Liebe ein Opfer von ihm forderte: er ahnte, daß er sich von feinen ahnungslosen Tauben trennen müsse: daß nur über so schmerz­lichen Verzicht der Weg zu einer Versöhnung des erzürnten Vorgesetzten ginge.

Damals lebte am Rande der Stadt ein närrischer Mensch, ein alter Invalide, der Taubenkorl, der in einem Holzschuppen inmitten seiner ge­fiederten Freunde sein Leben verbrachte. Zu ihm trug am nächsten Tage der junge Wermenthal in einem Weidenkorbe seine ängstlich gurrende Schöpfung, gebrauchte einen rasch erfundenen Grund für seinen Ent­schluß und bat den Invaliden, ihm feine Zöglinge ohne (Entgelt abzu­nehmen. Dann es war ein Sonntagmorgen erschien der junge Monn im Hause feines Vorgesetzten, meldete sich bei dem gestrengen Herrn (Ebermnnn und entschuldigte sich in aller Förmlichkeit.Ich habe mir bereits selbst eine Strafe auferlegt", gestand er.Ich habe mich von den edlen Tauben getrennt. (Es ist mir schwer angekommen, denn sie hatten Recht, Herr Ebermann, es war eine besondere Taubenart, soge­nannte Hähertauben"

Hier fiel ihm der Vorgesetzte ins Wort:Hehe, Häher was habe ich gesagt?" und der junge Mann verbeugte sich vor der Kenntnis der Natur, die der verehrte Herr Ebermann da an den Tag gelegt hatte.

Er ist doch ein gebildeter Mensch, der Wermenthal. Ich habe es mir überlegt, ich will ihn hier behalten", sagte (Ebermann an der Mittagstafel zu Frau und Tochter, woraus Mutter Sophie der errötenden Helene wieder einen bedeutsamen Blick zuwarf, der dem verliebten Herzen biefesmal eine Verheißung nahenden Glückes zu sein schien.

*

Monate später wünschte Herr (Ebermann seinem nunmehrigen Schwie­gersöhne eine Freude zu bereiten, und weil er wußte, wie schweren Herzens der junge Wermenthal damals auf feine Tauben Verzicht geleistet hatte, wollte er ihm von neuem den Schlag füllen und fetzte sich mit dem närri­schen Taubenkarl in Verbindung. Der Invalide weigerte sich lange, von seinen Tauben auch nur eine einzige abzugeben, schließlich verstand er sich