Ausgabe 
5.3.1937
 
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Sehr warr, sehr roarr", sagte der rasch wleder beruhigte Wrschowitz und nahm nur noch Veranlassung, energisch gegen die Mischung von Kunst und Sektierertum zu protestieren.

Woldemar, großer Tolstoischwärmer, wollte für den russischen Grafen eine Lanze brechen, aber Armgard, die, wenn derartige Themata berührt wurden, der Salonfähigkeit ihres Freundes Wrschowitz arg mißtraute, war sofort aufrichtig bemüht, das Gespräch auf harmlosere Gebiete hm- überzuspielen. Als ein solches friedeverheißendes Gebiet erschien ihr m diesem Augenblicke ganz eminent die Grafschaft Ruppin, aus deren ab­gelegenster Nordostecke Woldemar eben wieder eingetroffen war, und so sprach sie denn gegen diesen den Wunsch aus, ihn über seinen jüngsten Ausflug einen kurzen Bericht erstatten zu sehen. ,,3d) weih wohl, daß ich meiner Schwester Melusine (die voll Neugier und Verlangen ist, auch davon zu hören) einen schlechten Dienst damit leiste; Herr von Stechlin wird es aber nicht verschmähen, wenn meine Schwester erst wieder da ist, darauf zurückzukommen. Es braucht ja, wenn man plaudert, nicht alles absolut neu zu sein. Man darf sich wiederholen. Papa hat auch einzelnes, das er öfter erzählt."

Einzelnes?" lachte der alte Graf,meine Tochter Armgard meint .vieles'."

Nein, Papa, ich meine einzelnes. Da gibt es denn doch ganz andre, zum Beispiel unser guter Baron. Und die Baronin sieht auch immer weg, wenn er anfängt. Aber lassen wir den Baron und seine Ge­schichten, und hören wir lieber von Stechlins Ausfluge. Doktor Wrscho­witz teilt gewiß meinen Geschmack." »

Teile vollkommen."

Also, Herr von Stechlin", fuhr Armgard fort.Sie haben nach diesen Erklärungen unters Freundes Wrschowitz einen freundlichen Zuhörer mehr, vielleicht sogar einen begeisterten. Auch für Papa möcht ich mich verbürgen. Wir sind ja eigentlich selber märkisch ober doch beinah, und wissen trotzdem so wenig davon, weil wir immer draußen waren. Ich kenne wohl Saatwinkel und den Grünewald, aber das eigentliche branden­burgische Land, das ist dach noch etwas andres. Es soll alles so romantisch sein und so melancholisch, Sand und Sumps und im Wasser ein paar Binsen oder eine Birke, dran das Laub zittert. Ist Ihre Ruppiner Gegend auch so?"

Nein, Komtesse, wir haben viel Wald und See, die sogenannte Mecklenburgische Seenplatte."

Nun, das ist auch gut. Mecklenburg, wie mir die Berchtesgadens erst neulich versichert haben, hat auch seine Romantik."

Sehr warr. Habe gelesen Stromtid und habe gelesen Franzosen- tid .. ."

Und dann glaub ich auch zu wissen", fuhr Armgard fort,daß Sie Rheinsberg ganz in der Nähe haben. Ist es richtig? Und kennen Sie's? Es soll fo viel Interessantes bieten. Ich erinnere mich seiner aus meinen Kindertagen her, trotzdem wir damals in London lebten. Oder vielleicht auch gerade deshalb. Denn es war die Zeit, wo das Carlylesche Buch über Friedrich den Großen immer noch in Mode war, und wo's zum guten Ton gehörte, sich nicht bloß um die Terrasse von Sanssouci zu kümmern, sondern auch um Rheinsberg und den Orden de la generositä. Lebt das alles noch da? Spricht das Volk noch davon?"

Nein, Komtesse, das ist alles fort. Und überhaupt, von dem großen König spricht im Rheinsbergischen niemand mehr, was auch kaum anders sein kann. Der große König war als Kronprinz nur kurze Zeit da, fein Bruder Heinrich aber fünfzig Jahre. Und fo hat die Prinz-Heinrich-Zeit beklagenswerterweife die Kronprinzenzeit ganz erdrückt. Aber beklagens­wert doch nicht in allem. Denn Prinz Heinrich war auch bedeutend und vor allem sehr kritisch. Was doch immer ein Vorzug ist/

Sehr warr, sehr warr", unterbrach hier Wrschowitz.

Er war sehr kritisch", wiederholte Woldemar.Namentlich auch gegen feinen Bruder, den König. Und die Malkontenten, deren es auch damals schon die Hülle und Fülle gab, waren beständig um ihn herum. Und dabei kommt immer was heraus."

Sehr warr, sehr warr ..."

Denn zufriedene Hofleute sind allemal öd und langweiUg, aber die Frondeurs, wenn d i e den Mund auftun, da kann man was hören, da tut sich einem was auf."

Gewiß", sagte Armgard.Aber trotzdem, Herr von Stechlin, ich kann das Frondieren nicht leiden. Frondeur ist doch immer nur der ge­wohnheitsmäßig Unzufriedene, und wer immer unzufrieden ist, der taugt nichts. Immer Unzufriedene sind dünkelhaft und oft boshaft dazu, und während sie sich über andre luftig machen, lassen sie selber viel zu wünschen übrig."

Sehr warr, sehr warr, gnädigste Komtesse", verbeugte sich Wrscho­witz.Aber, wollen verzeihn, Komtesse, wenn ich trotzdem bin für Fron­deur. Frondeur ist Krittikk, und wo (Buttes sein will, muß sein Krittikk. Deutsche Kunst viel Krittikk. Erst muß sein Kunst, gewiß, gewiß, aber gleich danach muh fein Krittikk. Krittikk ist wie große Revolution. Kopf ab aus Prinzipp. Kunst muß haben ein Prinzipp. Und wo Prinzipp is, is Kopf ab."

Alles schwieg, so daß dem Grafen nichts übrigblieb, als etwas ver­spätet seine halbe Zustimmung auszudrücken. Armgard ihrerseits beeilte sich, auf Rheinsberg zurückzukommen, das ihr, trotz des fatalen Zwischen­falls mitKopf ab", im Vergleich zu vielleicht wiederkehrenden Musik- gesprachen immer noch als wenigstens ein Nothafen erschien.

Ich glaube", sagte sie,neben manchem andern auch mal von der Frauenfeindschaft des Prinzen gehört zu haben. Er soll irre ich mich, fo werden Sie mich korrigieren ein sogenannter Misogyne gewesen sein. Etwas durchaus Krankhaftes in meinen Augen oder doch mindestens etwas sehr Sonderbares."

Sehr sonderbarr", sagte Wrschowitz, während sich, unter huldigendem Hinblick auf Armgard, sein Gesicht wie verklärte.

Wie gut, lieber Wrschowitz/ fuhr Armgard fort,daß Sie, mein Wort bestätigend, für uns arme Frauen und Mädchen eintreten. Es gibt immer nach Ritter, und wir sind ihrer fo sehr benötigt. Denn wie mir Meluiine «zählt hat, sind die Weiberfeinde sogar stolz daraus,

Weiberfeinde zu seln, und behandeln ihr Denken und Tun als eine höhere Lebensform. Kennen Sie solche Leute, Herr von Stechlin? Und wenn Sie solche Leute kennen, wie denken Sie darüber?"

Ich betrachte sie zunächst als Unglückliche."

Das ist recht."

Und zum zweiten als Kranke. Der Prinz, rote Komtesse schon ganz richtig ausgesprochen haben, war auch ein solcher Kranker."

Und wie äußerte sich das? Oder ist es überhaupt nicht möglich, über das Thema zu sprechen?"

Nicht ganz leicht, Komtesse. Doch in Gegenwart des Herrn Grafen und nicht zu vergessen auch in Gegenwart von Doktor Wrschowitz, der so schön und ritterlich gegen die Misogynität Partei genommen, unter solchem Beistände will ich es doch wagen."

Nun, das freut mich. Denn ich brenne vor Neugier."

Und will auch nicht länger ängstlich um die Sache herumgehen. Unser Rheinsberger Prinz war ein richtiger Prinz aus dem vorigen Jahrhundert. Die jetzigen sind Menschen; die damaligen waren nur Prinzen. Eine der Passionen unseres Rheinsberger Prinzen wenn man will, in einer Art Gegensatz von dem, was schon gesagt wurde war eine geheimnisvolle Vorliebe für jungfräuliche Tote, besonders Bräute. Wenn eine Braut im Rheinsbergischen, am liebsten auf dem Lande, gestorben war, so lud er sich zum Begräbnis zu Gast. Und eh der Geistliche noch da fein konnte (den vermied er), erschien er und stellte sich an das Fußende des Sarges und starrte die Tote an. Aber sie mußte geschminkt sein und aussehen wie das Leben."

Aber das ist ja schrecklich", brach es beinahe leidenschaftlich aus Armgard hervor.Ich mag diesen Prinzen nicht und seine ganze Fronde nicht. Denn die müssen ebenso gewesen fein. Das ist ja Blasphemie, das ist ja Gräberfchändung, ich muß das Wort ausfprechen, weil ich so empört bin und nicht anders kann."

Der alte Graf fah die Tochter an, und ein Freudenstrahl umleuchtete fein gutes altes Gesicht. Auch Wrschowitz empfand fo was von Huldigung, bezwang sich aber und fah, statt auf Armgard, auf das Bild der Gräfin- Mutter, das von der Wand niederblickte.

Nur Woldemar blieb ruhig und sagte:Komtesse, Sie gehen viel­leicht zu weit. Wissen Sie, was in der Seele des Prinzen vorgegangen ist? Es kann etwas Infernales gewesen sein, aber auch etwas ganz andres. Wir wissen es nicht. Und weil er nebenher unbedingt große Züge hatte, so bin ich dafür, ihm das in Rechnung zu stellen."

Bravo, Stechlin", sagte der alte Graf.Ich war erst Armgards Meinung. Aber Sie haben recht, wir wissen es nicht. Und soviel weiß ich noch von der Juristerei her, in der ich wohl oder übel, eine Gastrolle gab, daß man in zweifelhaften Fällen in favorem entscheiden muß. Uebrigens geht eben die Klingel. An bester Stelle wird ein Gespräch immer unterbrochen. Es wird Melusine sein. Und so sehr ich gewünscht hätte, sie wäre von Anfang an mit dabei gewesen, wenn sie jetzt so mit einem Make dazwischenfährt, ist selbst Melusine eine Störung."

Es war wirklich Melusine. Sie trat, ohne draußen abgelegt zu haben, ins Zimmer, warf das schottische Cape, das sie trug, in eine Sofaecke und schritt, während sie noch den Hut aus dem Haare nestelte, bis an den Tisch, um hier zunächst den Vater, dann aber die beiden andern Herren zu begrüßen.Ich seh euch so verlegen, woraus ich schließe, daß eben etwas Gefährliches gesagt worden ist. Also etwas über mich."

Aber, Melusine, wie eitell"

Nun, dann also nicht über mich. Aber über wen? Das wenigstens will ich wissen. Von wem war die Rede?"

Vom Prinzen Heinrich. Aber von dem ganz alten, der schon fast hundert Jahre tot ist."

Da konntet ihr auch was Besieres tun."

Wenn du wüßtest, was uns Stechlin von ihm erzählt hat, und daß er nicht Stechlin, aber der Prinz eine Misogyne war, so würdest du vielleicht anders sprechen."

Misogyne. Das freilich ändert die Sache. Ja, lieber Stechlin, da kann ich Ihnen nicht helfen, davon muß ich auch noch hören. Und wenn Sie mirs abschlaaen, fo wenigstens was Gleichwertiges."

Gräfin Melusine, was Gleichwertiges gibt es nicht."

,JDas ist gut, sehr gut, weil es fo wahr ist. Aber dann bitt ich um etwas zweiten Ranges. Ich sehe daß Sie von Ihrem Ausfluge erzählt haben, von Ihrem Papa, von Schloß Stechlin selbst ober von Ihrem Dorf und Ihrer Gegend. Und davon macht ich auch hören, wenn es auch steilich nicht an das andre heranreicht."

Ach, Gräfin, Sie wissen nicht, wie bescheiden es mit unserem Stechliner Erdenwinkel bestellt ist. Wir haben da, von einem Pastor abgesehen, der beinah Sozialdemokrat ist, und des weiteren von einem Oberförster abgesehen, der eine Prinzessin, eine Jppe-Büchsenstein, geheiratet hat ..."

Aber das ist ja alles großartig ..."

Wir haben da, von diesen zwei Sehenswürdigkeiten abgesehen, eigent­lich nur noch den ,Stechlin'. Der ginge vielleicht, über den ließe sich vielleicht etwas sagen."

Den .Stechlin?' Was ist das? Ich bin fo glücklich zu wissen" (und sie machte verbindlich eine Handbewegung auf Woldemar zu), bin fo glücklich, zu wissen, daß es Stechline gibt. Aber der Stechlin! Was ist der Stechlin?"

Das ist ein See."

Ein See. Das besagt nicht viel. Seen, wenn es nicht gerade der Vierwaldstätter ist, werden immer erst interessant durch ihre Fische, durch Sterlet oder Felchen. Ich will nicht weiter aufzählen. Aber was hat der Stechlin? Ich vermute Steckerlinge."

Nein, Gräfin, die hat er nun gerade nicht. Er hat genau das, was Sie geneigt sind am wenigsten zu vermuten. Er hat Weltbeziehungen, vornehme, geheimnisvolle Beziehungen, und nur alles Gewöhnliche, wie beispielsweise Steckerlinge, hat er nicht. Steckerlinge fehlen ihm."

Aber, Stechlin, Sie werben doch nicht den Empfindlichen spielen. Rittmeister in der Garde!"

(Fortsetzung folgt.)