Ausgabe 
5.3.1937
 
Einzelbild herunterladen

Gießener ZamilienlMer

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1957 Hreitag, -en 5. März Nummer (8

Der Giervlin

Vornan von Theodor Kontane

12. Fortsetzung.

Es war gegen acht, als er in dem Barbyschen Hause die mit Teppich überdeckte Marmortreppe hinaufstieg und die Klingel zog. Im selben Augenblick, wo Ieserich öffnete, sah Woldemar an des Alten verlegenem Gesicht, daß die Damen aller Wahrscheinlichkeit nach wieder nicht zu Hause waren. Aber eine Verstimmung darüber durfte nicht aufkommen, und so ließ er es geschehen, daß Ieserich ihn bet dem alten Grafen meldete.

Der Herr Graf lassen bitten."

Und nun trat Woldemar in das Zimmer des wieder mal von Neur­algie Geplagten ein, der ihm, auf einen dicken Stock gestützt, unter freundlichem Gruß entaegenkam.

Aber Herr Graf', sagte Woldemar und nahm des alten Herrn linken Arm, um ihn bis an seinen Lehnstuhl und eine für den kranken Fuß zurechtgemachte Stellage zurückzufllhren.Ich fürchte, daß ich störe."

Ganz im Gegenteil, lieber Stechlin. Mir hochwillkommen. Außerdem hab ich strikten Befehl, Sie, coüte que coüte, festzuhalten: Sie wissen, Damen sind groß in Ahnungen, und bei Melusine hat es schon geradezu was Prophetisches."

Woldemar lächelte.

Sie lächeln, lieber Stechlin, und haben recht. Denn daß sie nun schließlich doch gegangen ist (natürlich zu den Berchtesgadens), ist ein Be­weis, daß sie sich und ihrer Prophetie doch auch wieder einigermaßen miß­traute. Aber man ist immer nur klug und weise für andre. Die Doktors machen es ebenso; wenn sie sich selber behandeln sollen, wälzen sie die Verantwortung von sich ab und sterben lieber durch fremde Hand. Aber was spreche ich nur immer von Melusine. Freilich, wer in unserm Hause so gut Bescheid weih wie Sie, wird nichts Ueberraschliches darin finden. Und zugleich wissen Sie, wie's gemeint ist. Armgard ist übrigens in Sicht; keine zehn Minuten mehr, so werden wir sie hier haben."

Ist sie mit bei der Baronin?"

Nein, Sie dürfen sie nicht so weit suchen. Armgard ist in ihrem Zimmer, und Doktor Wrschowitz ist bei ihr. Es kann aber nicht lange mehr dauern."

Aber ich bitte Sie, Herr Graf, ist die Komtesse krank?

Gott sei Dank, nein. Und Wrschowitz ist auch kein Medizindoktor, son­dern ein Musikdoktor. Sie haben von ihm rein zufällig noch nicht gehört, weil erst vorige Woche, nach einer langen, langen Pause, die Musik­stunden wieder ausgenommen wurden. Er ist aber schon seit Jahr und Tag Armgards Lehrer."

Musikdoktor? Gibt es denn die?"

Lieber Stechlin, es gibt alles. Also natürlich auch das. Und so sehr ich im ganzen gegen die Doktorhascherei bin, so liegt es hier doch so, daß ich dem armen Wrschowitz seinen Musikdoktor gönnen oder doch mindestens verzeihen muh. Er hat den Titel auch noch nicht lange.

Das klingt ja falt wie ne Geschichte."

Trifft auch zu. Können Sie sich denken, daß Wrschowitz aus einer Art Verzweiflung Doktor geworden ist?"

Kaum. Und wenn kein Geheimnis ..." .... .. ... ,.

Durchaus nicht; nur ein Kuriosum. Wrschowitz hieß nämlich bis vor zwei Jahren, wo er als Klavierlehrer, aber als ein ^^rer (denn er hat auch eine Oper komponiert), in unser Haus kam, einfach Niels Wrfcho- witz, und er ist bloß Doktor geworden, um den Niels auf feiner Vistten- kaite loszuwerden."

Und das ist ihm auch geglückt?" . .

a glaube ja, wiewohl es immer noch vorkommt, daß ihn einzelne ganz wie früher Niels nennen, entweder aus Zufall oder auch wohl aus Schändlichkeit. In letzterem Falle sind es immer Kollegen. Denn die Musiker sind die boshaftesten Menschen. Meist denkt man die Prediger und die Schauspieler seien die schlimmsten Aber weit gefehlt. Die Musiker sind ihnen über. Und ganz besonders schlimm sind die, ine die sogenannte heilige Musik machen."

Ich habe dergleichen auch schon gehört , sagte WoldemarAber was ist das nur mit Niels? Niels ist doch an und für sich em hübscher und ganz harmloser Name. Nichts Anzügliches drin."

Gewiß nicht. Aber Wrschowitz und Niels! Er litt, glaub ich, unter bleäläarn'lad)te.Das kenn ich. Das kenn ich von meinem Vater her, der Dubslav heißt, was ihm auch immer höchst unbequem war. Und da reichen wohl nicht hundertmal, daß ich ihn wegen dieses Namens feinen Vater habe verklagen hören."

Genau so hier", fuhr der Graf in feiner Erzählung fort.Wrschowitz' Vater, ein kleiner Kapellmeister an der tschechisch-polnischen Grenze, war ein Niels-Gade-Schwärmer, woraufhin er seinen Jungen einfach Niels taufte. Das war nun wegen des Kontrastes schon gerade bedenklich genug. Aber das eigentlich Bedenkliche kam doch erst, als der allmählich ein scharfer Wagnerianer werdende Wrschowitz sich zum direkten Niels-Gade- Verächter ausbildete. Niels Gade war ihm der Inbegriff alles Trivialen und Unbedeutenden, und dazu kam noch, wie Amen in der Kirche, daß unser junger Freund, wenn er als ,Niels Wrschowitz' vorgestellt wurde, mit einer Art Sicherheit der Phrase begegnete: ,Niels? Ah, Niels. Ein schöner Name innerhalb unsrer musikalischen Welt. Und hocherfreulich, ihn hier zum zweiten Male vertreten zu sehen'. All das konnte der arme Kerl auf die Dauer nicht aushalten, und so kam er auf den Gedanken, den Vornamen auf seiner Karte durch einen Doktortitel wegzueska- motieren."

Woldemar nickte.

Jedenfalls, lieber Stechlin, ersehen Sie daraus zur Genüge, daß unser Wrschowitz, als richtiger Künstler, in die Gruppe gens irrifabilis ge­hört, und wenn Armgard ihn vielleicht aufgefordert haben sollte, zum Tee zu bleiben, so bitt ich Sie herzlich, dieser Reizbarkeit eingedenk zu fein. Wenn irgend möglich, vermeiden Sie Beziehungen auf die ganze skandinavische Welt, besonders aber auf Dänemark direkt. Er wittert Überall Verrat. Uebrigens, wenn man auf feiner Hut ist, ist er ein feiner und gebildeter Mann. Ich hab ihn eigentlich gern, weil er anders ist wie andere."

Der alte Graf behielt recht mit feiner Vermutung: Armgard hatte den Doktor Wrschowitz aufgefordert zu bleiben, und als bald danach Ieserich eintrat, um den Grafen und Woldemar zum Dee zu bitten, fanden diese beim Eintritt in das Mittelzimmer nicht nur Armgard, sondern auch Wrschowitz vor, der, die Finger ineinander gefaltet, mitten in dem Salon stand und die an der Büfettwand hängenden Bilder mit jenem eigentümlichen Mischausdruck von aufrichtigem Gelangwelltsein und erkünsteltem Interesse musterte. Der Rittmeister hatte dem Grafen wieder seinen Arm geboten; Armgard ging auf Woldemar zu und sprach ihm ihre Freude aus, daß er gekommen; auch Melusine werde gewiß bald da sein; sie habe noch zuletzt gesagt:Du sollst sehen, heute kommt Stechlin." Danach wandte sich die junge Komtesse wieder Wrschowitz zu, der sich eben in das von Hubert Herkomer gemalte Bild der verstorbenen Gräfin vertieft zu haben schien, und sagte, gegenseitig vorstellend:Doktor Wrschowitz, Rittmeister von Stechlin." Woldemar, seiner Instruktion ein­gedenk, verbeugte sich sehr artig, während Wrschowitz, ziemlich ablehnend, seinem Gesicht den stolzen Doppelausdruck von Künstler und Hussitten gab.

Der alte Graf hatte mittlerweile Platz genommen, entschuldigte sich, mit der unglücklichen Stellage beschwerlich fallen zu müssen, und bat die beiden Herren, sich neben ihm niederzulassen, während Armgard, dem Vater gegenüber, an der andern Schmalseite des Tisches saß. Der alte Graf nahm seine Tasse Tee, schob den Kognak,des Tees beffren Teil", mit einem humoristischen Seufzer beifeit und sagte, während er sich links zu Wrschowitz wandte:Wenn ich recht gehört habe so ein bißchen von musikalischem Ohr ist mir geblieben, so war es Chopin, was Armgard zu Beginn der Stunde spielte ..."

Wrschowitz verneigte sich.

Chopin, für den ich eine Vorliebe habe, wie für alle Polen, vor­ausgesetzt, daß sie Musikanten oder Dichter oder auch Wissenschafts­menschen sind Als Politiker kann ich mich mit ihnen nicht befreunden. Aber vielleicht nur deshalb nicht, weil ich Deutscher und sogar Preuße bin."

Sehr roarr, sehr warr", sagte Wrschowitz, mehr gesinnungstüchtig als artig.

Ich darf sagen, daß ich für polnische Musiker, von meinen frühesten Leutnantstagen an, eine schwärmerische Vorliebe gehabt habe. Da gab es unter anberm eine Polonaise von Oginski, die damals so regelmäßig und mit so viel Passion gespielt wurde, wie später der .Erlkönig' ober die .Glocken von Speier'. Es war auch die Zeit vorn .Alten Feldherrn' und von .Denkst du daran, mein tapfrer Lagienka'."

Jawohl Herr Graff, eine schlechte Zeit. Und roarr mir immerbarr eine desonbere Lust zu sehen, wie bas Sentimentalle wieder fällt. Immer merr. Ich hasse bas Sentimentalle de tout coeur."

Worin ich", sagte Woldemar,Herrn Doktor Wrschowitz durchaus zustimme. Wir haben in der Poesie genau dasselbe. Da gab es auch der­gleichen, und ich bekenne, baß ich als Knabe für solche Sentimentalitäten geschwärmt habe. Meine besondere Schwärmerei war .König Renes Tochter' von Henrik Hertz, einem jungen Kopenhagener, wenn ich nicht irre ..."

Wrschowitz verfärbte sich, was Woldemar, als er es wahrnahm, zu sofortigem raschen Einlenken bestimmte.... .König Renes Tochter', ein lyrisches Drama. Aber schon feit lange wieder vergessen. Wir stehen jetzt im Zeichen von Tolstoi und der Kreutzersonate."