Komplicen zugesteckt haben. So kam es, daß die zwölf Geschworenen bald darauf in der Hauptverhandlung das fürchterliche „Schuldig" über den armen bedauernswerten Jüngling aussprachen. Der Spruch lautete auf Tod durch den Strang, wollte man doch mit der Härte dieses Urteils der Landplage der Wegelagerer einmal energisch zu Leibe gehen. In dieser Hauptverhandlung nun, die, wie alle Verhandlungen in England, öffentlich stattfand, befand sich auch der eigentliche Täter. Von Beginn bis zum Schlüße der Vernehmungen war er Zuschauer und Zuhörer gewesen: aber er hatte wohlweislich geschwiegen, bis nun die Geschworenen ihren Spruch gefällt hatten. Dann trat er kühnlich hervor, wandte sich an den dichter und sprach:
„Dieser Prozeß ist sicher mit aller Unparteilichkeit geführt worden. Eine Verletzung des Gesetzes kann ich nirgends erblicken. Und doch glaube ich daß in der Beweisführung von Kläger und Gericht zuviel Gewicht auf die Perücke gelegt worden ist. Wenn es erlaubt ist, so will ich das sofort durch ein schlagendes Beispiel erörtern."
Der öffentliche Ankläger, der nichts sehnlicher wünschte als den unbescholtenen jungen Mann vor dem Galgen zu retten, willfahrte nach einer kurzen Beratung dieser Bitte und ließ dem Fremden die Perücke reichen, die während der ganzen Verhandlung auf dem Richtertlsche gelegen hatte.
Der Räuber nun stürzte sich die wollige Haube rasch über den Kopf, wobei er wohlweislich hinter den Wollhändler getreten war. Dann aber wandte er sich mit einer plötzlichen Gebärde gegen den durch diesen Ueberfall ehrlich Erschreckten, und mit eben dem Tone, eben dem Gehaben, die er damals angewendet hatte, schrie er ihm zu: „Deine Börse, du Elender'"
Der Wollhändler war von diesem Dakapo seiner schrecklichen Stunde so überrumpelt, daß er ohne Besinnen rief: „Gott verdamme mich, ich habe mich geirrt! Dies hier muß der wahre Täter fein!"
Aber ebenso rasch, wie er sie aufgesetzt hatte, riß der kluge Räuber die Perücke wieder von seinem Kopfe, lächelte arglos zu dem Richter und den Geschworenen hinüber und sagte artig: „Euer Herrlichkeit sehen nun, was alles diese Perücke ausmacht: kaum hat der Kläger mich erblickt, als er auch bereits seinen schon beschworenen Standpunkt aufgibt. Bei Gott, ich glaube, er würde auch Euer Herrlichkeit, Herr Richter, beschuldigen, der Täter zu sein, wenn Ihr dieses Ungetüm aufgestülpt hättet! Nur dieses wollte ich beweisen!" Und mit bescheidener Anmut trat der Räuber wieder aus seinen Platz zurück. .
Es war klar, daß der Kläger seinen Eid widerrufen hatte. Nach englischem Gesetze jener Tage galt über diesen Punkt keine Frage mehr. Und ebensowenig konnte der Wollhändler nach einem schon geleisteten Falscheid noch einen neuen schwören oder irgendeine Klage gegen einen mutmaßlichen Täter erheben. Der junge Mann wurde freigesprochen.
Den klugen Sachwalter seiner Interessen, den Fremden, aber suchte man am Schluß der Verhandlung vergeblich. Keinem freilich fiel es ein, an der Redlichkeit dieses bescheidenen Mannes zu zweifeln.
Eroberung einer Gestatt.
Von Günther Birkenfeld
Die Dichtkunst ist die freieste von allen Künsten. Weder kann man sie lehren noch sie erlernen. Gewiß besitzt auch sie ihre Grundgesetze und Regeln. Aber sie stehen niemals im vornherein klar und allgemeingültig fest, sind vielmehr einzig durch das Schreiben selbst erfahrbar und sind mit jedem Werke neu zu erproben und zu erweisen. Dies gilt auch für alle einzelnen Probleme des dichterischen Schaffens. Zum Beispiel für die heute durch die Fülle historischer Romane und Biographien besonders lebhaft gewordene Frage: auf welche Weise und durch welche Mittel eigentlich eine historische Persönlichkeit zur dichterischen Gestalt wird.
Wie bereitet der Dichter sich vor? Und was ist zuerst da? Ist es eine langgehegte Idee, die man eines guten Tages in einem Giordano Bruno, in einem Hutten eindrucksvoll vorgelebt findet? Ist es eine einmalige, unvergeßliche Haltung, eine ergreifende Gebärde? Oder Fülle und Farbigkeit einer Gestalt, die abenteuerliche Buntheit eines kraftvoll gelebten Lebens? — Alles dies und manches andere noch kann der erste Anlaß sein, die Keimzelle.
Die Vielfalt der Möglichkeiten ist einzig durch Berichte der Schaffenden selbst zu klären und zu begrenzen. Im Falle meines „Augustus" (®. G. Cotta), wie meines Gutenberg-Romans „Die Schwarze Kunst" (Paul Neff,Berlin), war zu allererst eine allgemeine Idee da, ein geistiges Verlangen, das. — in beiden Fällen durch einen glücklichen Zufall —. zur rechten Stunde auf die rechte Gestalt traf. Seit dem Jahre 1932 fvürte ich immer heftiger die Nnotwendigkeit, die großen Bewegungen und Wandlungen unseres Zeitalters in ihren wesentlichen Bs- dingungen, in ihrer schick'alhaften Gesetzlichkeit an einem abgeklärten, umfals-nden Ebenbilde auizuzeigen. Eines Tages sprach meine Mutter von d">n Standbilde des Augustus im Alten Museum in Berlin. Im . da der Nome fiel, wußte ich. daß Augustus die Gestalt war, die ich >o unablästig suchte. Noch ungefährer wurde der Gutenberg mir zuget>^"'n. durch einen befreundeten Verleger nämlich, der mich mit leisem 'N^rwurf fraote, weshalb noch niemals ein Dichter die Lebens- tragöb"' d'eses größten deutschen Dichters dargestellt habe. Eine erste zögernde Durchsicht der lieberlieferung ergab nicht nur die Möglichkeit, die ewm wiederkehrende Tragödie des Erfinders zu versuchen, gewährte oielm darüber hinaus noch die Verwirklichung der lange gehegten Absi-'u den unversöhnlichen Kamps des Genies im Geiste mit dem Genie im irdischen Machtbereich, die scheinbare Unterlegenheit des Geiltia'n auf Zeit und seinen endlir'nn Sieg auf Dauer darzustellen.
B h-nivn Plänen erkannte ich innerhalb der allgemein gestellten dichtwi'chm Aufgabe soo'-ich noch eine besondere und besonders reizvolle.
Die ältere Augustus-Philologie, die heute noch ziemlich tonangebend ist, wurde mit einem Bruch, mit einem dem Anschein nach unvereinbaren Zwiespalt im Wesen des Augustus nicht fertig. Streng an die Tatsachen gebunden, wie Philologie zunächst immer sein muß, berichtete sie, daß Octavian während der Kampfzeit von kaltem Ehrgeiz und von brutaler Grausamkeit beherrscht war, während er sich nach dem Machtantritt, als weltgebietender Augustus, stets gütig und zum Verzeihen bereit bezeigte. Unbefangen, als erster Dichter der Gestalt nahend, sagte ich mir: wenn jemand in der Machtfülle, die ihm jegliche Willkür und Roheit gestattet, nur immer milde ist, so kann er von Natur her während der Kampfzeit nicht herrschsüchtig und grausam gewesen sein, vielmehr müssen es dann erbarmungslose Umstände und erbarmungslose Gegner gewesen sein — ich erkannte den gefährlichsten, zum Befremden meiner englischen Leser, in Marcus Antonius —, die den siebzehnjährigen Erben Julius Caesars wider sein besseres Selbst zu jenen erbarmungslosen Handlungen gezwungen haben. Ich durchforschte daraufhin die Quellen und sehr eingehend auch sämtliche Überlieferte Köpfe des Augustus. Meine Folgerung wurde mir im vollen Umfange bestätigt, und ich gewann ein gänzlich neues, eignes Augustus-Bild in dem erschütternden Lebensschicksal eines Jünglings, der von seinem siebzehnten bis zum drei- unddreißigsten Jahre im Gehorsam gegen die Götter herzloser als seine vielen gewaltigen Widersacher nur immer sein eigentliches Ich zu bekämpfen und zu verleugnen hatte, der, vom Wesen her ein friedwün- schender, aller Schönheit hingegebener Apollo, nach außen hin den waffenklirrenden Mars spielen mußte.
Während es für Augustus galt, die Fülle überlieferter, einander widersprechender Tatsachen zu dem überzeugenden Bilde eines Menschen von Fleisch und Blut zusammenzufassen und zu vereinfachen, war für Gutenberg von seinem Wesen wie von seinem Leben nur derart Bruchstückhaftes und Aeußerliches feftzuftellen, daß feine Gestalt eigentlich erst erschaffen werden mußte, — die Gestalt eines begnadeten Erfinders, der, wie die karge lieberlieferung andeutete, im gleichen Maße ein standes- bewußter Junker vor den Menschen und ein demütiger, werkbesessener Goldschmiedemeister vor Gott war. Auch die Personen seines Schicksals waren nur so knapp, oft nur mit dem Namen angedeutet, daß sie durch Rückschlüsse aus den größeren Zusammenhängen, die die Akten des Straßburger und des Mainzer Prozesses vermittelten, in ihren Charakteren festgelegt und in allen eigenen Zügen erdichtet werden muhten.
Nachdem für beide Bücher die geistige Absicht und der Verlauf der Handlung ausführlich niedergeschrieben worden war, folgte jedesmal ein Jahr des stillen Studiums, ein Jahr erfüllt von jener reinsten Freude, der Vorfreude. Nun wird man Nudent und "id
Grübler, Kombinator und oft auch schon Detektiv in einer Person. Hinter jeder Angabe, die eine wichtige Einsicht vermuten läßt, setzl man lui) mit der Zähigkeit eines'Spürhundes auf die Fährte. Eine jede Quelle verweist auf jo und fo viele andere, neue. Mitunter erschrickt man vor der Fülle des Materials, vor der Weite der Gebiete, die noch zu durchforschen sind, und sieht kein Ende mehr. Solche Anwandlungen der Verzagtheit, auch der Ermüdung, werden doppelt ausgewogen durch jene Augenblicke, in denen eine Aeußerung einer der Gestalten einen wichtigen Wesenszug hinzufügt oder eine aus der Phantasie geschaffene Vorstellung bestätigt. Dann wieder trifft man auf Nachrichten, die einander heftig widersprechen oder ein mühsam zusammengesetztes Bild ernstlich gefährden. Zweifel nagen, wen nicht gar Verzweiflung. Sieht man jedoch feine Menschen wesentlich genug, so wird sich stets eine gerechte Lösung finden lassen. So enthüllte sich mir beispielsweise manches böse Wort über Augustus als Stoßseufzer eines kaiserfeindlichen Autors der späteren Zeit, der im Herzen Republikaner geblieben war.
Da eine historische Gestalt nur innerhalb ihres Zeit- und Lebensraumes überzeugende Lebendigkeit wiedergewinnt, so muß der Dichter nach meiner Meinung alle wichtigen Stätten aus eigener Anschauung kennen. Ueberbies wird er zum Sachverständigen von Trachten und Speisenfolgen, von Möbeln und Geschirren und von allen nur irgend in Betracht kommenden Szenerien und Gegenständen werden. Und jedesmal werden sich durch die Betrachtung der Landschaften und Räume völlig neue, unvermutete Gesichtspunkte zeigen, die weitere Monate des stillen Studiums in den Bibliotheken und im eigenen Arbeitszimmer erzwingen.
Für den „Augustus" habe ich mehr als zweihundert Werke, zu oft vier und mehr Bänden, in sechs Sprachen durchgelesen und habe in Italien, vornehmlich in Rom, alle erhaltenen Reste bis auf das geringste Stuckornament betrachtet. Allein für den berühmten Friedensaltar habe ich volle zwei Wochen verwandt, — km Roman später konnte die Ara Pacis nur in einer einzigen Zeile erwähnt werden. Für die „Schwarze Kunst" zählt meine Liste einhundertundfünf Werke. Reisen nach Nürnberg, Mainz, Frankfurt und zum Deutschen Museum in München belebten die Kenntnis des literarisch wie bildnerisch so spärlich bezeugten ersten Teils des 15. Jahrhunderts. Das Gesicht der mittelalterlichen Städte, Räume und Menschen veranschaulichte ich stur außerdem noch durch die Holzschnitte und Gemälde von Burgkmair und Grünewald bis zu Dürer. Für beide Bücher konnte etwa der zwanzigste Teil der erworbenen Kenntnisse bei der Niederschrift verwandt werden. Ich halte dieses Verhältnis für notwendig und richtig.
Das Gutenberg-Studium im besonderen wurde sehr erschwert durch die heftig widersprechenden Meinungen der Gelehrten über die Entwicklung der Erfindung sowie über die Drucke Gutenbergs und seiner Schüler. Noch dem Abschluß dieses gesamten Studiums nahm ich in der Preußischen Staatsbibliothek die Gutenberg-Bibel zu zweiundoierzig Zeilen in meine Hände und bereitete mir eine der stillsten und unvergeßlichsten Andachtsstunden meines Hebens.
Aus eigener Erfahrung wiederhole ich das schöne Wort Jean Pauls, daß es noch ein schöneres gebe, als ein Buch zu schreiben, nämlich: eins zu entwerfen und auszudenken.
»et aniwottlich' Dr Hans Thyriot. — Druck undDerlag:Brühl'fcheUniversitäts-'Duch» und Hteindrucker ei, R. Lange, Gieße».


