Februar.

Von Joses Weinheber.

Die Dohlen überm Baumschlag schrein. Es fegt der Wind den Himmel rein. Der Schlitten schellt, das Tannicht rauscht, die Magd aus stiller Kammer lauscht. Der Knecht fährt mit dem Holz zu Tal, viel Narren hat der Karneval.

Schon färbt sich rost der Haselstrauch, am Fenster friert der Atemhauch.

Was Matheis und Sankt Peter macht, das bleibt noch so durch vierzig Nacht. Der Riegel knirscht o Heimlichkeit! Jetzt ist der Frühling nimmer weit.

Gchitterbildniffe.

Von H a

Bilder, die Schillers Wesen und Aeußeres völlig wiedergeben, tunen wir, wenn wir aufrichtig fein wollen, nicht. Gerade bei diesem lichter können wir beobachten, daß feder etwas von dem, was er i: dem Dichter sah, in ihn, in sein Bild hineintrug. Dagegen sind ttir in unserer Zeit unserer Vorstellung von Schillers Aeußerem ziem- kch nahegekommen, wohlgemsrkt nur ihr, nicht der gewesenen Wirk- lhkeit, in die sich hineinzusehen es vieler Liebe bedarf. Schiller war tineswegs schön, das ist ja bekannt. Aber in seinen Augen leuchtete unser Schiller, der gute Geist der Deutschen. Wenn Goethe im Jahre 1825 vom Aeußeren seines Freundes sagte:Alles übrige an ihm »ar stolz und großartig, aber seine Augen waren sanft", fo vergißt er öis Feuer, das in ihnen an Schöpfertagen brannte, oder die lodernde Elut, die Krankheit in sie versenken mochte. Schiller war ein Mensch d-r inneren Leidenschaften, wir wissen es, nicht jener sanfte Träumer, dichtende Jüngling, den man auf Bildern und Kupferstichen um die Litte des vergangenen Jahrhunderts sehen kann, sondern ein Mann, der ße Tat kannte, der die Tat auch nicht sürchtete, wie ja seine Flucht t; beweist. Schiller war auch kein Mensch, der zögerte, dazu war er viel selbständig und zu tätig, wie schon sein Lebensbeschreiber Eugen ssühnemann sagt; er war eine Persönlichkeit,eine Persönlichkeit sän heißt: mit freier Selbständigkeit das Leben gestalten im Dienste einer angeborenen Berufung".

Diese Persönlichkeit muß im Bilde Schillers zum Ausdruck kommen. Pie schwer ist das und wie wenigen Malern ist es Nur annähernd ge­lungen! Vollständig befriedigend wohl keinem! Unter den zahlreichen Schillerbildnissen ist der größte Teil ich möchte sagen langweilig, e- fesselt nicht. Das gilt besonders für die Bildnisse nach seinem Tode. Tie zu seinen Lebzeiten gemacht worden sind, erwecken stärker Urtiere Anteilnahme, denn schließlich bei langer Betrachtung. Der« enigt sich unsere Einfühlungskraft doch stets so weit, daß wir durch Ver­zechen ein lebendiges Bild unseres Dichters aus ihnen gewinnen.

An der Spitze der nach dem lebenden Schiller gefertigten Bilder steht nicht als das beste, aber als das älteste Höflingers Gemälde, das 1781 für Dalberg gemalt wurde. Es gibt uns den jungen Schiller, den lichter derRäuber", der sich als solcher noch nicht zu bezeichnen wagte, d nn ohne Verfassernamen erschien das Drama in Buchform. Höflinger ligt uns einen ganz fremden Menschen, erst allmählich sehen wir uns hinein, finden wir Züge aus jüngeren Bildnissen wieder, ein etwas söttischer Zug um den Mund fällt auf. Schiller hat ihn bald verloren, er wich dem der Güte und des Leidens. Schon das Bildnis, das dem Stuttgarter Bildnismaler I. Fr. W e ck h e r l i n (1761 bis 1815) zuge- förieben wird und auch in der Manhneimer Zeit entstand, hat chn licht mehr, dafür aber erhalten wir ein Bild von Schiller, dem Stürmer und Dränger. Man sieht, es wogt von Gedanken, Entwürfen mb Träumereien in diesem unruhig-kraftvollen Kopfe, um den die rot« bionden Haare ungeordnet wallen. Die scharfe Wlernase ruht stark her- eastretenb über den eckigen Backenknochen, die Augen schauen zukunfts- kihn hinaus, sie suchen die Ferne. Von Verträumtheit nichts zu sehen, der Wille beginnt sich zu klären und beginnt zu herrschen.

Erst sechs Jahre später, 1787, bietet sich uns wieder ein Bild von Schiller in eigenartiger Auffassung: die Silberstiftzeichnung von Dora Stock, die bis 1905 nur durch den Stich von Schreyer bekannt war, bann aber imMarbacher Schillerbuche" des Schwäbischen Schiller- oereins vervielfältigt wurde. Dora Stock schuf emen mehr weiblichen Schiller, wenigstens ist diese Seite seines sonst so männlichen Wesens mehr betont: auf den dunklen, von starken Brauen überschatteten Augen rcht der Nachdruck; ein wenig Unruhe, Verzagtheit, aber auch etwas Liebes, Sanftes und Zutrauliches. Nicht Schiller, der Dichter, sondern Schiller, der Mensch, der Bräutigam, möchte ich (agem Der Sturmer u ib Dränger ist verschwunden: das Haar geordnet im Zopf geflochten, en tadellos geschnittener Rock mit sorgfältig geglättetem Kragen. Im ganzen ernster, gereifter, aber nicht vertiefter dem Bilde nach. In Wirklichkeit war es anders. Das weiß uns Anton Graffs Bildnis u sagen, das im Körner-Museum zu Dresden aufgehoben wird und für ins beste von allen Schillerbildnissen gilt, die nach dem Leben gemalt vorden sind. In der Tat, es tritt dem Beschauer als erstes naher es erwärmt Herz und Sinn. Graff hat ein wenig ver chont, aber auch den Ausdruck gefunden, der Schillers g e i st i g e s Wesen mehr wiedergibt °ls alle Werke zuvor. Und bann ist Leben in dem D-lde: das lei e Lächeln des Spottes hat sich gewandelt in gütiges .Gewahrenlas en, die graublauen Augen schauen uns nachdenklich, aber nicht träumerisch 3 - los, sondern fest an; er scheint uns zu prüfen. Wir alle kennen dies Mb, es gehört zu Schillers Werken. Ein anderes folgt Zwanzig Jahre darauf: das von Qubovike Simanowicz, geb. Reichenbach U?59 bis ii 1-127). Es ist im Winter 1793 auf 1794 entstanden, als Schiller in Lub-

im

mal unb öfter.

Doch genug der Gegenüberstellungen. Will man den ganzen Schiller im Bilde haben, fo besitzen wir als unmittelbarstes Zeugnis die Toten­maske, die der Bildhauer Ludwig flauer am Tag nach dem Ab­leben des Dichters vorn ganzen Haupte abgoß. Sie ruft mit dem Adel, den sie ausstrahlt, unsere ganze Verehrung wach, unb wir sollten sie stets Gedächtnis tragen unb neben alle vorhandenen Schillerbilder halten.

wigsburg weive, wo dar Gatte der Malerin, die viel In Schillers Familie verkehrte, als Leutnant stand. Sie gibt uns den kranken Schiller: weh­mütig ist seine Stimmung, er fühlt sich nur halb gerettet, sanft blicken deshalb seine Augen:

Er hatte früh das strenge Wort gelesen, Dem Leiden war er, war dem Tod vertraut."

Aber trotzdem, er liebt das Leben noch, des Mundes Zucken verrät es. Die Malerin fand das Bild nicht ganz gelungen, sie schuf ein zweites, wo sie unnötig verschonte; es ist bekannter als bas erste; dieses aber ist wertvoller. Den Zug des Leidens hält die weiteren Kreisen noch un­bekannte, erst im März 1804 begonnene Formung der in der späteren Ausführung allgemein bekannten Schillerbüste von I. H. Dannecker fest, die sich in Weimar befindet. Fehlen uns hier auch die lebensvollen Augen, so lassen uns doch die Formen das Gesicht zum Erlebnis werden. Die eingesallenen Wangen, der etwas vorstehende Mund, die scharf« Nase, wir fühlen beim Sehen noch mehr, was hinter solchem Aeußeren gelebt haben muß.

Damit sind wir mit den bedeutendsten, zu Schillers Lebzeiten an ge­fertigten Bildern am Ende. Wie bietet sich uns nun das Bild des Dichters dar? So haben sich schon viele Maler gefragt unb so auch Leo Sam« berget und Karl Bauer, die nach langem Forschen uns bas Er­gebnis ihrer Arbeit in mannigfachen Abbilbungen vorlegten. Und es ist merkwürbig, sie finb zu manchen Aehnlichkeiten in Auffassung und Wiedergabe gelangt: das ist das Wesentliche an Schillers Aeußerem. Bei (Bamberger wächst der Kopf aus dem Dunkel heraus, die Augen liegen tief in schattendüfteren Hohlen, die von Krankheit zu erzählen wissen, der eigenwillige Mund geschlossen, in starker Selbstzucht an eigener Kraft sich aufrichtend der Kopf, stolz, starr, ein wenig nach rückwärts gelehnt, so schaut er in die Ferne, so sucht er die Hohen des Lebens: ein großer Mensch.

Samberger gibt zuerst eine wirkliche geschlossene Persönlichkeit, aber das mehr nach dem Innern, dem Geistigen. Karl Bauer tut dasselbe mehr nach dem Aeußeren, der malerischen Erscheinung; Samberger will das Wesen des ganzen Schillers, des inneren wie äußeren Menschen und Dichters geben, Bauer das Wesen des äußeren Dichters, der zugleich auch noch ein kranker Mensch ist. Deshalb ist Bauer den Formen nach deutlicher und leichter erfaßbar, in (Bambergers Schillerbild muß man sich erst hineinsehen. Samberger hat Schiller zweimal gemalt, Bauer drei-

Die schwarze Perücke.

Eine Erzählung von Hans Franke-Heilbronn.

Zu Beginn des vorigen Jahrhunderts war in England viel die Rede von einem Prozesse, bei dem fast ein Unglücklicher sich in den Maschen der Justiz verfangen hätte, wenn nicht der eigentliche Täter des Ver­brechens, ein Straßenräuber, durch einen schlauen Einsal! ihn und sich selbst vom Galgen errettet hätte.

Ein solcher Straßenräuder oberhighwayman, wie man biefe Sorte von Menschen, bie burch Ueberfälle auf harmlose Reisenbe, auf ßanbpfarrer unb Geschäftleute ihren Lebensunterhalt erwarben, bamals nannte, setzte eines Tages einem reichen Wollhänbler in einer einsamen Gegenb unweit Liverpols bie Pistole auf bie Brust unb zwang ihn, nicht nur ein paar Guineen guten Golbes, fonbern auch eine runbe Tasche mit Banknoten unb Wechseln herauszugeben. Bei biefem UeberfoU, ber sich als sehr lohnenb erwies, trug ber Räuber eine schwarze Perücke, bie burch ihre Lockenfülle auch einen guten Teil bes Gesichtes verbarg. Als nun ber Räuber lachenb feinen Raub unb sich selber in Sicherheit wußte, wars er bas schwarze Ungetüm mit einem Grinsen in ben Graben und sprengte davon. .

Der Zufall wollte es, daß der einzige Sohn eines Esquires em roenig später auf diesem Nebenwege geritten tarn. Als er nun diese Haarhaube liegen sah, spießte er sie mit ber Reitgerte auf, unb babei kam ihm ber Gebanke, sich einen Spaß zu machen.Wie wäre es", fo dachte er,wenn ich dieses Scheusal aufsetzte; sicher würde man mich nicht erkennen, selbst meine eigene Schwester würde mir die Tür meines Vaterhauses vor der Nase zuschlagen."

Der junge Mann setzte also die Perücke auf und ritt weiter. Ehe er aber zu dem ansehnlichen Grundstück seines Vaters gelangte, muhte er an einem Zollhäuschen und einem Schlagbaum vorüber. Er tat es unbe­kümmert wie je in feinem Leben, konnte er doch nicht ahnen, daß unter den zahlreichen Männern, die dort umherstanden und heftig gestikulierten, sich auch der überfallene Wollhändler befand, der in dem Augenblicke, ba er bes jungen Mannes ansichtig würbe, mit lauter Stimme schrie:Da reitet ber Sieb! Haltet ben Räuber! Ergreift ihn, ergreift ihn!" Ehe ber ahnungslose junge Mann es sich versah, war er umringt, vom Pferbe pertssen unb ben herbeieilenben Polizisten übergeben, so sehr auch ber Zolleinnehmer selbst ber bie Familie bes Esquires, also auch ben jungen Herrn gut kannte bagegen Einspruch erhob.

Der Csquire selbst unb seine juristischen Sachwalter boten alles auf, bie Schulblosigkeit bes bald barauf unter Anklage Stehenben zu be­teuern unb zu beweisen. Wahl hatte er burchweg einen guten Lcumunb, aber über bie verbächtige Mertelstunbe konnte er keinen Zeugen auf­bringen, dazu blieb der Wollhänbler bei allen Gegenüberstellungen strikte babei baß bieser junge Mann, angetan mit ber schwarzen Peruke unb fein anderer ber Täter gewesen fei, ja, er legte barauf einen rtb ab; bas Geld unb bie WertMcke mochte er vergraben ober einem unbrtannten