Oer Lindenbaum.
Volksweise.
Am Brunnen vor dem To?e Da steht ein Lindenbaum, Ich träumt in seinem Schatten So manchen süßen Traum; Ich schnitt in seine Rinde So manches liebe Wort, Es zog in Freud und Leide Zu ihm mich immerfort.
Ich mußt auch heute wandern Vorbei in tiefer Nacht, Da hab ich noch im Dunkeln Die Augen zugemacht;
Und seine Zweige rauschten, Als riefen sie mir zu: Komm her zu mir, Geselle Hier findst du deine Ruh.
Die kalten Winde bliesen Mir grad ins Angesicht, Der Hut flog mir vom Kopfe, Ich wendete mich nicht.
Nun bin ich manche Stunde Entfernt von jenem Ort Und immer hör ichs rauschen: Du fändest Ruhe dort.
Öer große Canon.
Ein Versuch in Landfchasismorphologie.
Von Josef Ponten.
Es gibt einige geographische Begriffe, die alle gebrauchen, und geographische Individuen, die alle kennen, obgleich im Verhältnis wenige sie gesehen haben, zum Beispiel der Niagara, der Gran Canon.
Canon, das ist ein Dal mit steilen Wänden, deren Schichten waagrecht liegen. Ein Canon muß nicht eng und tief sein, er ist meist nur in seiner Jugend eng und tief wie der Große Canon, er kann auch breit sein mit wenig hohen Wänden wie der Chaco-Canon der nahen Navajo- wüste und zahlreiche andere. Die waagrechte Schichtlagerung vereint mit senkrecht wirkenden Kräften bedingt das Architekturartige, das die individuellen Formgebilde der Canonwände haben, denn Architektur arbeitet mit waagrecht und senkrecht. Im Canon sind die Formen in gewissem Grade berechenbar, und wenn auch zahllose Formen möglich find, so sind sie alle sozusagen von einer Familie, sie tragen verwandte Züge. Hinzu kommt, daß wir den Begriff Canon an Tälern des trockenen Klinias gebildet haben. Weil da die Wände ganz oder fast ganz nackt find, ist die Tektonik so vor- und die Architektur so aufdringlich.
Much im feuchten Klima kann es den Canon geben, auch in Europa haben wir Canons, aber nur wenige. Wenn es den Canon im feuchten Klima geben soll, so müssen die Wände des Tales so steil sein, daß sie entgegen der Bestrebung des feuchten Klimas, alles mit Grün zu überziehen, vegetationslos find und die Struktur nackt zeigen. Mit seiner Neigung zu senkrechten Klüften kommt der Kalk dieser Forderung entgegen, und sind seine Bänke dann noch waagrecht oder fast waagrecht gelagert, so entsteht der Neckarcanon im Muschelkalk zwischen Cannstatt und Marbach oder der des Jskers in Bulgarien, der schönste mir bekannte europäische Canon. Im trockenen Klima bedarf es des Kalkes nicht. Obgleich Kalk auch an der Bildung des Großen Canons teil hat, so baut sich dieser in der Hauptsache aus Sandsteinen oder doch kalkhaltigen Sandsteinen, aber auch aus Schiefern auf. In China gibt es Canons im Löß, weichem Stoff, dec im dortigen trockenen Klima steinhart wird und wie der Kalk senkrecht klüftet.
Ist die Zusammensetzung des Schichtpakets, in dem der Canon liegt, einfach und einförmig, besteht es zum Beispiel aus Kalk oder Löß, so ist auch der Canon ein einfacher und einförmiger, mit wenig gegliederten Wänden, d. h. an der Grohform des Gran Canon gemessen, ein uneigentlicher. Oder besser gesagt: der uneigentliche ist nur eine Teil- oder Unter» form, ein Stadium des eigentlichen. Er findet sich überall dort, wo das Erosionstal erst eine einheitliche Schicht durchschnitten, noch nicht das Paket uneinheitlicher Schichten durchfallen hat. Nirgendwo auf der Erde finden sich einheitliche Schichten von beliebiger Mächtigkeit, Artwechsel zeigt sich meist, und sinkt das Erosionstal in die Schicht einer anderen Art, so ergibt sich die Bildung der anderen Art, doch immer innerhalb des Gesetzes des Formtypus.'Das wichtigste für das Zustandekommen des idealen Falls ist der Wechsel von Hart und Weich. Wir wollen schrittweise vorgehen: der Fluß schneidet sich durch eine Kalkplatte von hundert Meter Dicke, seine Erosionskrast kann nicht viel nach den Seiten wirken; jetzt trifft er auf eine Schicht weichen Schiefers, er schneidet sie schnell ein, spült aber auch seitwärts und bis unter den Kalk den Schiefer aus, vom vom Kalk sinken kubische Blöcke, weil jetzt ohne Unterlage, ab, der Fluß bricht, obschon mehr in der Kalkschicht fließend, von diesen mächtigen Brocken ab, das Tal erweitert sich. Der Fluß hat nun die weiche Schicht durchfallen, von ihr bleibt naturgemäß ein flacher Böschungswinkel zurück, im Gegensatz zum steilen oder gar senkrechten der harten. Welch ein Architekturelementi Wir denken diesen Rhythmus durch drei Körte Wechsel wirksam, ein sehr tiefes und oben breites Tal ist da mit änden deutlicher Stackwerke, Tiefe und Steilheit sind bedingt durch das Harte, Breite und Rhythmus durch das Weiche des Aufbaus.
Da es nun natürlich Grade des Harten und Weichen gibt und inner
halb von Hark und Weich die Schichten verschieden konsistent, auch gewöhnlich ver chieden mächtig sind — oben mag der Kalk 100, der Schiefer 50 darunter der Kalk 50, der Schiefer 100, weiter darunter der Kalk 50, der Schiefer 10 Meter dicht sein —, so ist für Abwechslung in der Regel, für Spiel im Gesetz, das die Aesthetik fordert, von Natur gesorgt.
Der große Fall setzt nun auch voraus, daß das langsame Atmen der Erde nicht unterbrochen wird durch heftiges Umwälzen in der Rinde bei Gebirgsbildung oder gar -faltung. Die Erosionstätigkeit des von oben arbeitenden Flusses muß eine ungestörte, säkulare, endlose fein. Klima, änberungen können das Zustandekommen der beabsichtigten Form ver. eiteln. Und nun: Ein Fluß schneidet sich kräftiger ein, wenn der Block, den er durchsägt, sich langsam ihm entgegen aufwärts bewegt.
Alle diese Gunstfaktoren hat es im Falle des Großen Canon einmal zusammen gegeben. Sie haben das eigenartigste Erosionstal der Erde erzeugt. Hier ist der unterste Sandstein „Tontosandstein", braun, darüber folgen, immer von Schieferanlagen durchbrochen, die Massen des „Red> wall-Sandsteins" aus einem früheren, weit strengeren Wüstenklima, als es heute um den Caäon herrscht, und die weißen des „Kokonino"- bis hinauf zu denen des „Kaibad"-Kalkes.
lieber taufend Meter tief ist dieser ebenmäßig gebaute Teil des Tales. Unter ihm hebt sich ein unterirdisches granitisches Urgebirge heraus, ganz und gar nicht zum oberen Schichtgebirge gehörend, in dessen runden, abgehobelten Kops dort, wo die meisten den Canon sehen, die unterste Flußschlucht noch fast 500 Meter eingeschnitten ist. Diese Schlucht ist dunkel bis schwarz, man denkt an den Kölner Dom, dessen Sockel schwarze Lava bildet. Ganz zu unterft sieht man den Coloradosluß seine trüben Wassermassen wälzen. Und wenn der Wind nicht in den Gell» liefern oben auf den Randebenen rauscht, hört man aus der Tiefe den Fluß ganz fern, ganz fein brausen.
—■ So liegt dieser Canon da, bestaunt von aller Welt. Man gehl über die weite Hochebene — ganz plötzlich tritt man an den scharfen Rand, und fast jeder Ankommende schrickt wohl im ersten Augenblick zurück.
Was da aus drei geometrischen Elementen: Ebene (hier Terrasse), Böschung und Steilwand, aus einer Haupt- und Längserosion und vielen Seitenerosionen an stufenpyramidenähnlichen Hauptgebilden zustande kam, das läßt sich nicht beschreiben.
Hier läßt dich Mutter Erde wie nirgendwo sonst, gleichsam vergessen aller Aengstlichkeit und Scham, einen Blick tief in ihren Körper tun.
Der Canon zieht über das unterirdische Granitgebirge ostwestlich hin. Oestlich außerhalb des Granits ist das innerste Tal keine enge Schlucht, sondern eine Mulde — weicher Stoff steht an, der Fluß erodierte auch in die Breite. Die Schichttafeln sind entgegen einigem Augenschein nicht gleichmäßig dick. Ueber dem Granitgebirge ist die tiefliegende weiche Tontosandsteinschicht dick — das ergab Seitenspiel der Erosion und sehr flache Böschung am Fuß der Architekturgebilde, die außerordentlich schöne Tontoterrasse. Weiter ab nach Westen dünnt diese Schicht sich aus, in der Erosion ergibt sich eine schmale Leiste; aber eine ziemlich oben liegende Schicht von Hermitschiefer schwoll an, es ergab sich die flach, geböschte breite Terrasse der sogenannten Esplanade.
Am schönsten fand ich den Canon nach Sonnenuntergang oder am bedeckten Tag, wenn ein blaues, mystisches Licht ihn erfüllte.
Der Canon ist ein offener Riß in den Schalen der Erde. Aber mit Katastrophen hat sein Werden nichts zu tun. Nein, zum Erlebnis gehört das Staunen über die Größe der Langsamkeit und der ununterbrochenen Dauer der Wirkung. Die Zahl Million ist keine Phrase. Und doch ist der Canon erst im Quartär entstanden, unter den Augen der Menschen, Und doch ist es schon so lange her, daß die grauen Eichhörnchen hüben und drüben Zeit sanden, verschiedene Arten zu entwickeln.
Und nun sei verraten, daß auch dieser ideale Fall kein absoluter ist. Die Canonschichten gehören alle der alten Steinkohlenformation an, die einst darüberliegenden des Mittelalters und Tertiärs find weggefährt worden. Seitab, nicht im Canonbild wirksam, stehen einige Zeugen, wie der Cederberg, in der Wüste am kleinen Kolorado. Im absolut idealen Fall, im Besitz auch der jüngeren Schichten, wäre der Canon wohl um ein Drittel tiefer.
Ein Unglücksfall ist vermieden worden. Das Schichtpaket sank mit dem Südflügel. Der Kolorado hätte auf der schiefen Ebene sozusagen abrutschen oder sich ein anderes, südwärts gerichtetes Bett suchen können. Aber die Schichtsenkung ist offensichtlich jünger als der Talbeginn, sie konnte Fluß und Tal nichts mehr anhaben.
Und wie es so geht, daß ein verhütetes Unglück sich nachträglich in ein Glück verwandelt: Ohne die leichte Schiefstellung der Ebene von Nordarizona würden beide Talflanken gleichmäßig ausgebildet worden fein; jetzt ist die südliche niedrigere Flanke steil, unter ihr sind wenig Zwischengebilde bis zum nahen Fluß, die nördliche höhere, flußfernere aber ist durch die Senkung der Südseite und die ihr zuzuschiebende Belebung der lokalen Quererosionen der Nordseite zerlappt, zerteilt und in vielen Zwischenbildungen plastiziert.
Die Hauptbedingungen für das Entstehen des Canons war das fast ungestörte ebene karbonifche Schichtpaket. Ueberall im Boden des ungeheueren Nordarizona liegt das Schichtpaket und ist die Bedingung gegeben — dort unter dem 36. Grad nördlicher Breite wurde Arizona und die Erde vom Formgeist, der Rechenschaften verschmäht, geküßt.
Und auch dies Bekenntnis: mich hat der Canon enttäuscht. Ich hatte viel über ihn gelesen, ich hatte im Geist ein so ungeheueres Bild von Größe, Tiefe, Weite, Glanz und Zauber, in das die dingliche Wirklichkeit vergebens hinaufzuwachsen suchte. Dasselbe enttäuschende Erlebnis haben wir, wenn wir die Landschaft unserer Kindheit in späterer Zeit besuchen. Aber so, wie nach der Enttäuschung langsam das frühere phantastische Bild sich vor und über das spätere reale schiebt und es ersetzt, so geht es mit dem Bild von jenem Tal der Erde mir, nachdem ich den Kanon verlassen. Das Schönste ist, was wir bei einiger Einbildungskraft nicht sehen.
Verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. — Druck und Verlag: Brühlfche UniverfitätSdruckerei R. Lange, Gießen.


