Ausgabe 
5.2.1937
 
Einzelbild herunterladen

GietzenerZamilienbMer

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang <937 Zreitag. -en S.Zebruar Nummer <0

Dee Giechlin

Vornan von Theodor Fontane

4. Fortsetzung.

3a, diese von der neuesten Schule, das sind Christus dazwischen. Aber ich lasse mich so leicht nicht hinters Licht führen. Es läuft alles darauf hinaus, daß sie mit uns aufräumen wollen, und mit dem -alten Christentum auch. Sie haben ein neues, und das überlieferte behandeln sie despektierlich."

Kann ich Ihnen unter Umständen nicht verdenken. Seien Sie gut, Rex, und lassen Sie Konventikel und Partei mal beiseite. Das Ueber- lieferte, was einem da so vor die Klinge kommt, namentlich wenn Sie sich die Menschen ansehen, wie sie nun mal sind, ist doch sehr reparatur­bedürftig, und auf solche Reparatur ist ein Mann wie dieser Lorenzen eben aus. Machen Sie die Probe. Hie Lorenzen, hie Gundermann. Und Ihren guten Glauben in Ehren, aber Sie werden diesen Gundermann doch nicht über den Lorenzen stellen und ihn überhaupt nur ernsthaft nehmen wollen. Und wie dieser Wassermüller aus der Brettscheidebranche, so sind die meisten. Phrase, Phrase. Mitunter auch Geschäft oder noch Schlimmeres."

Ich kann jetzt nicht antworten, Czako. Was Sie da sagen, berührt eine große Frage, bei der man doch aufpassen muß. Und so mit dem Messer in der Hand, da verbietet sich's. Und das eine wacklige Licht hat ohnehin schon einen Dieb. Erzählen Sie mir lieber was von der Frau von Gundermann. Debattieren kann ich nicht mehr, aber wenn Sie plaudern, brauch ich bloß zuzuhären. Sie haben ihr ja bei Tisch nen langen Vortrag gehalten."

Ja. Unb noch dazu über Ratten."

Rein, Czako, davon dürfen Sie jetzt nicht sprechen; dann doch lieber über alten und neuen Glauben. Und gerade hier. In solchem alten Kasten ist man nie sicher vor Spuk und Ratten. Wenn Sie nichts andres wissen, dann bitt ich um die Geschichte, bei der wir heute früh in Ckemmen unterbrochen wurden. Es schien mir was Pikantes."

Ach, die Geschichte von der kleinen Stubbe Ja, hären Sie, Rex, das regt Sie aber auch auf. Und wenn man nicht schlafen kann, ist es am Ende gleich, ob wegen der Ratten oder wegen der Stubbe."

Fünftes Kapitel.

Rex und Czako waren so müde, daß sie sich, wenn nötig, über Spuk und Ratten weggeschlafen hätten. Aber es war nicht nötig, nichts war da, was sie hätte stören können. Kurz vor acht erschien das alte Fak­totum mit einem silbernen Deckelkrug, aus dem der Wrasen heißen Wassers aufstieg, einen der wenigen Renommierstücke, über die Schloß Stechlin verfügte. Dazu bot Cngelke den Herren einen guten Morgen und stattete seinen Wetterbericht ab: Es gebe gewiß einen schonen Tag, und der junge Herr sei auch schon auf und gehe mit dem alten um das Rundell herum.

So war es denn auch. Waldemar war schon gleich nach sieben unten im Salon erschienen, um mit seinem Vater, von dem er wußte, daß er ein Frühauf war, ein Familiengespräch über allerhand diffizile Dinge zu führen. Aber er war entschlossen, seinerseits damit nicht anzufangen, sondern: alles von der Neugier und dem guten Herzen des Vaters zu erwarten. Und darin sah er sich auch nicht getäuscht.

Ah, Waldemar, das ist recht, daß du schan da bitt. Nur nicht zu lang im Bett. Die meisten Langschläfer haben einen Knacks. Es können aber sanft ganz gute Leute fein. Ich wette, dein Freund Rex schläft bis n-un."

, Nein Papa, der gerade nirf><-, W"r wie Rex ist kann sich das nicht gönnen. Er hat nämlich einen Verein aegriindet für Frübgattesdienste, abwechs lnd in Schönhausen und Finkenkrug. Aber es ist nach nicht perf->kt geworden."

. Freut mich, daß es nach hapert. Ich mag so was nicht. Der alte Wilbttm hat -war seinem Valke die Religian wiedergeben wallen, was ein schönes Wart non ihm war alles, was er tat und sagte, war gut aber Rsligwn und L-mdvartie, daaegen bin ich dach Ich bin überh-nint gegen all- falschen Mischungen. Auch bei den Meirichen. Die reine Rass?, das ist das eigentlich Legitim«. Das andre, was sie neben­her nach Legitimität nennen, dos ist schon alles mehr künstlich. Sage, wie steh- es denn eigentlich damit? Du weißt schon, was ich meine."

, 3a, Papa ..."

Nein, nicht fo; nicht immer bloß Ja, P.-va'. Sa fängst du jedes- maf an. wenn ich auf dies Thema komme Da liegt fchon ein halber Refus drin, ober ein Hinausfchieben. ein Abmartenwollen. Und damit kann ich mich nicht befreunden Du bist jetzt zweiunddreißig ober doch beinah, da muß der mit der Fackel kommen; aber du fackelst (verzeih

den Kalauer, ich bin eigentlich gegen Kalauer, die sind so mehr für Handlungsreifende), also du fackelst, sag ich, und ist kein Ernst dahinter. Und soviel kann ich dir außerdem sagen, deine Tante Sanctissima drü­ben in Kloster Wutz, die wird auch schon ungeduldig. Und das sollte dir zu denken geben. Mich hat sie zeitlebens schlecht behandelt; wir stimm­ten eben nie zusammen und konnten auch nicht, denn so halb Königin Elisabeth, halb Kaffeeschwester, das is ne Melange, mit der ich mich nie habe befreunden können. Ihr drittes Wort ist immer ihr Rent­meister Fix, und wäre sie nicht sechsundfiebzig, fo erfänd ich mir eine Geschichte dazu."

Mach es gnädig, Papa. Sie meint es ja doch gut. Und mit mir nun schon ganz gewiß."

Gnädig machen? Ja, Waldemar, ich will es versuchen. Nur fürcht >ch, es wird nicht viel dabei herauskommen. Da heißt es immer, man solle Familiengefühl haben, aber es wird einem doch auch zu blutsauer gemacht, unb ich kann umgekehrt ber Versuchung nicht widerstehen, eine richtige Familienkritik zu üben. Adelheid fordert sie geradezu heraus. Andrerseits freilich, in dich ist sie wie vernarrt, für dich hat sie Geld und Liebe. Was davon wichtiger ist, stehe dahin; aber soviel ist gewiß, ohne sie wäre es überhaupt gar nicht gegangen, ich meine dein Leben in deinem Regiment. Also wir haben ihr zu danken, und weil sie das gerade so gut weiß wie wir, ober vielleicht noch ein bißchen besser, gerabe des­halb wird sie ungeduldig; sie will Taten sehen, was vom Weiberstand­punkt aus allemal so viel heißt wie Verheiratung. Und wenn man will, kann man es auch so nennen, ich meine Taten. Cs ist und bleibt ein Heroismus. Wer Xante Adelheid geheiratet hätte, hätte sich die Tapfer- keitsmedaille verdient, und wenn ich schändlich fein wollte, fo sagte ich das Eiserne Kreuz."

Ja, Papa ..."

Schon wieder Ja Papa'. Nun, meinetwegen, ich will dich schließlich in deiner Lieblingswendung nicht stören. Aber bekenne mir nebenher denn das ist doch schließlich das, um was sich's handelt, liegst du mit was im Anschlag, hast du was auf dem Korn?"

Papa, diese Wendungen erschrecken mich beinah. Aber wenn denn schon so jägermäßig gesprochen werden soll, ja; meine Wünsche haben ein bestimmtes Ziel, und ich darf sagen, mich beschäftigen diese Dinge."

Mich beschäftigen diese Dinge ... Nimm mir's nicht übel, Waldemar, das ist ja gar nichts. Beschäftigen! Ich bin nicht fürs Poetische, das ist für Gouvernanten und arme Lehrer, die nach Gärbersdorf müssen (bloß, daß sie meistens kein Geld dazu haben), aber diese Wendung .sich be­schäftigen', das ist mir denn doch zu prosaisch. Wenn es sich um solche Dinge wie Liebe handelt (wiewohl ich über Liebe nicht viel günstiger denke wie über Poesie, bloß das Liebe doch noch mehr Unheil anrichtet, weil sie noch allgemeiner auftritt) wenn es sich um Dinge wie Liebe handelt, so darf man nicht sagen, ,ich habe mich damit beschäftigt'. Liebe ist doch schließlich immer was Forsches, sonst kann sie sich ganz und gar begraben lassen, und da macht ich denn doch etwas von dir hären, was ein bißchen wie Leidenschaft aussieht. Es braucht ja nicht gleich was Schreckliches zu fein. Aber so ganz ohne Stimulus, wie man, glaub ich, jetzt sagt, so ganz ohne fo was geht es nicht; alle Menschheit ist darauf zwar recht gut, es geht auch ohne uns, aber das ist doch alles bloß etwas, gestellt, und wo's einschläft, ist fo gut wie alles vorbei. Nun weiß ich zwar recht gut, es geht auch ohne uns, aber das ist doch alles bloß etwas, was einem von Verstandes wegen aufgezwungen wird; das egoistische Gefühl, das immer unrecht, aber auch immer recht hat, will von dem allem nichts wissen und besteht darauf, daß die Stechline weiterleben, wenn es sein kann, in aeternum. Ewig weiterleben: ich räume ein, es hat ein bißchen was Komisches, aber es gibt wenig ernste Sachen, die nicht auch eine komische Seite hätten ... Also dich .beschäftigen' diese Dinge. Kannst du Namen nennen? Auf wen haben Eurer Hoheit Augen zu ruhen geruht?"

Papa, Namen darf ich noch nicht nennen. Ich bin meiner Sache noch nicht sicher genug, und das ist auch der Grund, warum ich Wendungen gebraucht habe, die dir nüchtern und prosaisch erschienen sind. Ich kann dir aber sagen, ich hätte mich lieber anders ausgedrückt; nur darf ich es noch nicht Und dann weiß ich ja auch, daß du selber einen abergläu­bischen Zug hast und ganz aufrichtig davon ausgehst, daß man sich sein Glück verreden kann, wenn man zu früh oder zu viel davon spricht."

Brav, brav. Das gefällt mir. So ist es. Wir sind immer von neidi­schen und boshaften Wesen mit Fuchsschwänzen und Fledermausflügeln umstellt, und wenn wir renommieren ober sicher tun, dann lachen sie. Und wenn sie erst lachen, dann sind wir schon so gut wie verloren. Mit unsrer eignen Kraft ist nichts getan, ich habe nicht den Grashalm sicher, den ich hier ausreiße. Demut, Demut ... Aber trotzdem komm irh dir mit der nnioen Frage (denn man widerspricht sich in einem fort), ist es was Vornehmes, was Pikfeines?"

Pikfein, Papa, will ich nicht sagen. Aber vornehm gewiß."