Giernstunde.
Von Hans Thyriot.
lieber deinem Scheitel steht zuweilen Jenes Sternbild, silbern und sehr fiar, Welches wirkte und berufen war. Dir dein kleines Schicksal zuzuteilen — Einst, als deine Mutter dich gebar.
Und du brauchtest nur den Blick zu heben, Einen Herzschlag lang es anzusehn. Um alsbald getröstet heimzugehn, Denn du weißt: in deinem ganzen Leben Kann dir künftig nichts geschehn,
Was nicht gut und voll Bestimmung wäre (schiene es dir auch gering und schlicht) — Wer sein Sternbild sand, vergißt es nicht: Alles, auch das scheinbar Ungefähre, Hat in unserm Leben sein Gewicht.
Oer Glückliche.
Von Wilhelm von Scholz.*)
Was anders war es.
Prügeleien oder Prüfungen ter Krempe, den der Junge
Das Wiedersehen von Jugendfreunden in gereisten Jahren bringt in der Seele vielleicht am stärksten das Gefühl der Lebenskürze, des Gealtertseins und jener seltsamen Unfestigkeit des Daseins hervor, die das Kind und der Heranwachsende Mensch nicht ahnen, ein Gefühl, das dem
nachträglich bewußt werdenden Erschrecken über eine schon lange verborgen vorhandene Ursache gleicht.
Solche Zusammenkünfte alter Knaben — das ist hier das treffendste Wort! — die den Höhebogen ihres Weges, wenn auch nur um ein kleines Stück, überschritten haben, sind nie innerlich heiter und fröhlich, wenn die Gesellen auch lachen und lärmen, sind immer eine stille Abrechnung, die jeder im Anblick und Anhören der anderen mit sich, seinem Leben, seinen Hoffnungen, seinem Errungenen vornimmt.
"... _____ _j, daß der Abbe Gaspard Daubignac den Grafen
Henri de Monterlan daran erinnerte: feine Mitschüler hätten ihn, Henri, stets den Glückspilz genannt, und diese Bezeichnung scheine seinem Aussehen nach auch jetzt noch gültig? Das hieß doch: er, Daubignac, war mit sich und seinem Erreichten nicht so zufrieden, wie er das, freilich nach dem äußerlichen Eindruck, bei Monterlan mutmaßte!
Es waren sechs einstige Schüler eines vornehmen Jesuitenstifts in Paris, die sich wiedergetroffen hatten, Männer um die Mitte der fünfzig: ein Hofmann, zwei Offiziere, ein Gesandter des Königs, einer, der als Gutsherr auf seinem Schloß saß, und eben Daubignac, der, aus Ueber- zeugung einst Priester geworden, jetzt doch eine von einem Stellvertreter versehene Landpsründe innehatte und in Paris seinen wissenschaftlichen und literarischen Liebhabereien lebte. Gaspard übrigens hatte die kleine Gesellschaft, fast die letzten eines Trupps, der zu dreißig einst in die Lebensschlacht gezogen war, zusammengetrommelt und bewirtete sie in seiner wohlhabenden Junggesellenbehausung.
Als er den einen der beiden Offiziere, den Obersten Grafen Henri de Monterlan, der unter den Mitschülern immer der Glückspilz geheißen, gerade daran erinnerte, wie neben dessen sprichwörtlichem Gluck bei all und jeder Gelegenheit, ob es sich um Prügeleien oder Prüfungen handelte, ein altväterischer Hut mit sehr breiter Krempe, den der Junge damals oft aufgehabt, wohl mitgewirkt habe, diesen Spitznamen zu schassen, erwiderte der andere Offizier, ein Marquis Favavd, für seinen Kameraden, der nur halb geschmeichelt, halb abwehrend lächelte: »Das ist schon auf der Schule auffallend gewesen? Dann ist es eine nun säst idurch zwei Menschenalter bewährte Eigenschaft unseres lieben Monterlan! Denn ohne ihm den erwähnten oder einen anderen Uebernamen zu verleihen, haben feine Vorgesetzten, seine Kameraden und Untergebenen von nichts so viel Wunderdinge erzählt wie vom Gluck diests Offiziers, der für die Geschosse des Mars unverwundbar war; dem ider Zufall immer half, zur rechten Zeit da zu sein, wenn man jemanden für eine ausgezeichnete Stelle suchte, und fort zu sein, wenn es UP< angenehme Dinge gab; dessen Waffe in jedem Zweikamps, dessen Würfel bei jedem Spiel siegreich blieben; der jetzt als kaum leicht ergrauter, doppelt genießender Mann in den besten Jahren eine der reizendsten, lliebenswürdigsten Frauen von Paris geheiratet, durch sie Herr große Güter, eines Palais in der Hauptstadt, eines selbst für einen alten 'Spieler nicht leicht erschöpfbaren Vermögens geworden ist und heule, kaum drei Wochen nach der Hochzeit, ungehindert bis Mitternacht im -8'rkel feiner alten Mitschüler verweilen kann. " .
Die anderen hatten schon während dieser Lobrede Favards wie auf Verabredung zu den Gläsern gegriffen und tranken »eretnt 'Gepriesenen zu, der ernster dreinschaute und über sein behauptetes G
^,Es°mag sich^das für andere so ansehen", .erwiderte^er der Anrede, ».auch man selbst wird, wenn man so, wie ich letzt durch euch aus sdrücklich aufmerksam gemacht, sein Leben zuruckdenkt, bemerken müssen 'daß ihr recht habt. Aber ich stelle es mit einem gew ssen Erstaunen fest, weil es mir in aller Zeit kaum aufgefallen ist; well ich selbst mich Wahrscheinlich gar nicht glücklicher gesuhlt habe, als ich es bet den 'onbern voraussetzte. Höchstens, daß ich mir in einem gewissen Lebens !° ter die Sorgen und Befürchtungen abgewohnte und mir nnmer a^ Hft bisher alles geglückt, wird es weiter gut gehen! Aber ich gla
*) Aus dem neuen Erzählungsbuche "Di? Gefährten vont ®il- !)eitn von Scholz, das demnächst im Paul List Verlag, Leipz g, Ich
nicht, daß ich mich deshalb auch nur einen Deut glücklicher gefühlt habe als ihr euch, wie chr da zusammensitzt, und daß es deshalb Unsinn ist, mich den Glückspilz zu nennen. Denn es kommt doch nur auf das Sichglücklichsiihlen an. Und das war, ich wiederhole es, bei mir sicherlich nicht weiter her, als bei euch oder bei meinen Waffenkameraden, die stets genau so vergnügt, trink-, kampf-, liebeslustig waren wie ich und ebenso ihr Leben genossen."
,,Du bist deshalb doch der Glücklichste von uns, mein Lieber", ließ sich der königliche Gesandte vernehmen, „schon allein in Ansehung von Madame."
„Schon allein in Ansehung der Güter, die du erheiratet hast, die den verhältnismäßig höchsten Abgabe- und Pachtvertrag bringen, den ich kenne", ergänzte der Gutsherr, Herr von Voisenon, der sonst schweigend trank und nur insoweit an der Unterhaltung teilnahm, daß seine Augen jeweils von dem, der einen Ausspruch beendete, zu dem, der einen solchen anfing, aufmerksam doch ohne sichtbares Zeichen von Verstehen, Nichtverstehen, Billigung, Mißbilligung hinüberglitten.
„Und in Ansehung der sichern, beweglichen, schlanken Kraft und Gesundheit, die dein Beruf dir bewahrt hat, mit der du jetzt noch einen Kavalier nicht nur für das Jeu, sondern für die Frauen abgibst, während wir anderen ..
Das hatte der durch seine behagliche Lebensweise zu Fett und Kurzatmigkeit neigende Abbe zu äußern gehabt, der jedes Jahr mühsamer die Palasttreppe zum geistreichen Salon seiner einstigen Geliebten, der Marquise von CalprenÄe, zu der seine Beziehung nur noch ein Bonmot war, hinaufstieg.
Der Hofmann und Favard bestritten lebhaft das „während wir anderen", pflichteten im übrigen der Behauptung, daß Monterlan der Glücklichste von ihnen allen sei, rückhaltlos bet.
Sonst war die Unterhaltung der sechs Herren an dem Abend nicht ergiebig. Das rührte wohl daher, daß sie alle sechs dasselbe bewegte, eben dies Zurückblicken über ihr bisheriges Leben, was immer ein wenig empfindsam und traurig macht; was aber wieder nicht sehr zum Sprechen drängte, weil man dem Nachbar und dem Gegenüber die Gedanken und Gefühle, die man selber hatte, schon von der Stirn ablas, sie auch einfach voraussetzen konnte, so daß es töricht geklungen hätte, erst noch davon Aufhebens und Worte $u machen.
Der Kammerherr schlug zur Belebung ein Spielchen vor, das gewiß die Absicht dieser Zusammenkunft nicht gewesen war, aber allgemeine, nur beim Hausherrn leicht zögernde Zustimmung fand. Die "farbigen Kartenbilder, groß, nahe am Licht und nicht fern vom Auge gehalten, im Schein der Kerzen, die neben den Spielern standen: der König, die Dame, die Troßdube, die roten Herzen, die schwarzen Treffkreuze, neben denen freilich Karo und Pik keine Deutung ihrer Sinnform aufdrängten, mochten an diesem Erinnerungsabend den Herren mehr als sonst von der Welt und dem Leben spiegeln. Wenigstens nahm der Hofmann, als ihm der Bube des Abbes den König stach, das zum Anlaß, geheimnisvoll einiges Unbefriedigende über den König zu erzählen. Und Monterlan wies feinen Waffenkameraden auf die Same, die er, Henri, gerade ins Spiel warf, und fragte Fovard, mit wem das Bild Aehn- lichkeit habe? Der Gefragte rief lachend einen Namen, der einer einstigen Geliebten Monterlans gehört haben mochte, worauf der Frager nickte. „Sie grüßt dich", sagte Fovard, „ich weiß es, daß sie dich sehr geliebt. Aber sie verläßt dich trotzdem." Er nahm die Dame mit dem As.
Monterlan gewann lange Reihen des Spiels, obschon er ohne Anteilnahme setzte und mehrere Male in der Absicht, für sich einen ausgleichenden Verlust herbeizuführen, besonders leichtsinnig und gegen alle Klugheitsregeln spielte. Er gewann dennoch und hörte von den Freunden wieder: daß er ein Glückspilz sei!
Da erhob er sich schließlich, tief Atem holend, mit seinem Glas, trat vom Tisch an den Ofen zurück, an dessen Rundung er sich lehnte, sagte langsam und sehr bestimmt: „Ihr habt recht. Es ist so, ich bin der Glücklichste von euch. Aber seid so gut, hört jetzt auf, davon zu sprechen! Ihr wißt ja doch nicht, wie sehr ich es bin. Als ich es bestritt vorhin, das war nicht ehrlich. Prosit!" Er teerte das frisch gefüllte Glas auf einen Zug, schloß, noch an den weißen Kacheln lehnend, die Augen und sank langsam neben dem Ofen um.
Die anderen sprangen zu, obwohl sie an einen Schreckspaß dachten, weil das Umfinten wie die Uebung eines gewandten Turners ausgesehen hatte, bei der nicht einmal das in der Hand den Boden berührende Glas zerbrochen war. Aber der Glückspilz war tot. Ein Herzschlag schien sein fieben beendet zu haben.
Als ein van dem ausgesandten Diener rasch herbeigerusener Arzt, der den Tod festgestellt hatte, wieder gegangen war und nun ein Wagen ben Toten in sein Palais bringen sollte, unterhielten sich die Wartenden weiter von dem stumm neben ihnen liegenden Genossen.
„So haben wir doch zu viel von seinem Glück gesprochen", meinte in Erschütterung der Marquis Fovard.
Der Gesandte schüttelte den Kops: „Es ist nicht euer Emst, daß das eingewirkt haben könnte! Das ist Aberglaube."
„Welcher Tag ist heute?"
Der Hausherr wies in einem Kalender den 30. Juni: „Monterlan ist am 1. Juli 1734 geboren. Wir feierten seinen Geburtstag stets mit den schönen Dingen, die ein Bote seiner Mutter zu dem Tage brachte. Er hat jetzt also gerade fünsundfünfzig Jahre vollendet. Unsere These ist umgestoßen. Sind wir nicht alle glücklicher, da wir noch leben und er tot ist?"
Als der Abbe aber ein paar pfeilschnell verflogene Jahre spater die Guillotine besteigen mußte, auf der die Köpfe der anderen vier Tischgenosscn dieses Abends schon gefallen waren, da beneidete er den damals jo jäh Gestorbenen wieder. Nur wird es dem Glückspilz — sagte der zum Fallbeil Verurteilte zu sich — so wenig wie bisher bewußt geworden sein, daß er glücklicher war als wir. Aber wir hätten stutzig werden sollen, als er starb; daß war das Zeichen, daß es fein großes Glück mehr sein möchte, weiter zu leben!


