»Ich, ausgezeichnet."
„Sic werden Hunger haben, Vetter", sagte Eugcme, „kommen ©te zu Lisch"
„Aber ich frühstücke ja nie vor zwölf Uhr, gerade wenn ich aufstehe. Indessen, ich habe so schlecht unterwegs gelebt, daß ich nicht abgeneigt bin. Uebrigcns ..." Und er zog die entzückendste flache Uhr heraus, die je Bröguet gemacht hat.
„Nanu, cs ist eis Uhr, bin ich aber früh ausgestanden l"
„Früh?" sagte Frau Grandei.
„Ja, aber ich wollte meine Sachen auspacken. Nun gut, ich wiU gern etwas essen, eine Kleinigkeit, ein bißchen Geflügel, ein Rcbhühnchen ..."
„Heilige Jungsrau I" schrie Nanon, die diese Worte hörte.
„Ein Rebhuhn", dachte Eugenie bei sich, und hätte ihre ganzen Ersparnisse für ein Rebhuhn hergebcn mögen.
„Kommen Sie, sehen Sie sich", sagte die Tante.
Der Dandy ließ sich aus den Armstuhl nieder, so wie eine schöne Frau sich aus ihren Diwan sinken läßt. Eugenie und ihre Blutter rückten ihre Stühle heran und setzten sich neben ihn vor das Feuer.
„Leben Sie immer hier?" fragte Charles, der den Saal am Tage noch häßlicher sand als bei Licht.
„Ja, immer", antwortete Erigenie und sah ihn an; „außer während der
Welnernie; da Helsen wir Nanon und wohnen alle in der Abtei von NoyerS." „Gehen Sie nie spazieren?'
„Manchmal am Sonntag nach der Vesper, wenn sckönes Wetter ,st, sagte Frau Gründet, „gehen wir auf die Brücke oder sehen zu, wie daS Gras gemäht wird."
„Haben Sie ein Theater?'
„Ins Theater gehen!" ries Frau Gründet aus, „Komödianten ansehenl Aber wissen Sie nicht, daß das eine Todsünde ist?'
„Sehen Sie, mein lieber Herr", sagte Nanon, die bte Eier hereinbrachte, „wir servieren Ihnen die Hühner in der Schale."
„Ach, frische Eierl" sagte Charles, der wie alle an Luxus gewöhnte Leute schon nicht mehr an sein Rebhuhn dachte. „Aber das ist köstlich. Hütten Sie wohl Butter, wie, mein liebes Kind?"
„Was, Butter! Dann wollen Sie also kein Weißbrot?"
„Aber bring' doch Butter, Nanon", ries Eugenie aus.
Das junge Mädchen beobachtete ihren Vetter, wie er sich seine Brot» schnittchen zurechtmachte und fand daran soviel Vergnügen, wie das gefühlvollste Nähmädchen von Paris, das ein Melodrama spielen sieht, in dem die Unschuld triuinphiert. In der Tat hatte Charles, der von einer anmutigen Mutter erzogen worden war und von einer Frau von Welt den letzten Schliff bekommen hatte, so kokette, elegante, zierliche Bewegungen wie ein Dämchen. Das Mitleid und das zärtliche Gesühl eines jungen Mädchens besitzen einen wahrhaft magnetischen Einfluß. Daher konnte Charles, als er sah, wie aufmerksam Tante und Cousine zu ihm waren, dem Einfluß der Gefühle nicht ividerstehen, die aus ihn zuströmten und ihn sozusagen über- fluteten. Er wars Eugenie eine« vor Freundlichkeit und Liebenswürdigkeit strahlenden Blick zu, einen Blick, der zu lächeln schien. Als er Eugenie be- trachtete, nahm er die außerordentliche Harmonie der Züge dieses reinen Gesichts wahr, ihren unschuldigen Ausdruck, die bezaubernde Klarheit ihr^ Augen, in denen die jungen Liebesgedanken schimmerten, aber der Wunsch die Lust noch nicht kannte.
„Wahrhaftig, liebe Cousine, wenn Sie in der großen Loge und in großer Toilette in der Oper säßen, versichere ich Sie, daß die Tante ganz recht hätte, Sie würden viele Sünden des Begehrens bei den Männern und der Eifersucht bei den Frauen Hervorrusen."
Bei diesem Kompliment zog sich Eugeniens Herz zusammen und smg vor Freude an zu klopfen, obwohl sie kein Wort davon verstand.
„Ach, lieber Vetter, Sie wollen sich über eine arme Kleinstädterin lustig machen." t ...
„Wenn Sie mich kennen würden, liebe Cousine, würden Sre wissen, daß ich den Spott verabscheue; er vertrocknet das Herz, mordet alle Ge- fühle ..." Und er schluckte sehr anmutig seine Butterschnitte herunter.
„Nein, ich habe vermutlich nicht genug Geist, nm mich über andre lustig zu inachen, und dieser Fehler schadet mir sehr. In Paris hat man eine ge- wisse Art, einen Menschen zu erledigen, indem man von ihm sagt: Er hat ein gutes Herz. Dieser Satz bedeutet soviel wie: Der arme Junge ist dumm wie ein Rhinozeros. Aber da ich reich und dafür bekannt bin, daß ich eine Puppe beim ersten Schuß aus dreißig Schritt Entfernung mit jeder Art von Pistolen und auf freiem Felde treffe, nimmt sich der Spott vor mir in acht."
„Was Sie da sagen, lieber Reffe, verrät em gutes Herz.
„Sie haben einen sehr hübschen Ring", sagte Eugenie, „darf man Sie bitten, ihn ansehcn zu lassen?"
Charles streckte die Hand aus, indem er den Ring abnahm, und Eugenie errötete, als sie mit ihren Fingern leicht die rosigen Nägel ihres Vetter« berührte.
„Sieh mal, Mutter, die schöne Arbeit."
„Ei, der hat schtveres Gold", sagte Nanon, die den Kaffee hereinbrachte.
„Was ist denn das da?" fragte Charles lachend. Und er zeigte auf einen länglichen Topf aus braunem Ton, der lackiert und ans der Innenseite von Steingut war; ein Kranz von Asche umgab ihn; der Kaffee stieg vom Boden des Topfes zur Oberfläche der siedenden Flüssigkeit aus.
„Das ist kochender Kaffee", sagte Nanon.
„Nun, meine liebe Tante, ich werde wenigstens einige wohltätige Spuren meiner Durchreise hier zurücklassen. Ihr seid sehr zurück! Ich werde Ihnen beibringen, guten Kaffee in einer Kaffeemaschine ä la Chaptal zu ,,m Unb er versuchte, das System der Kaffeemaschine ü la Chaptal zu erklären.
„Oje! wenn es so umständlich ist", sagte Nanon, „muß man gleich sein ganzes Leben draus verwenden. Nie werd' ich so Kaffee kochen. Na, das wäre so was! Unb wer würde für unsre Kuh das Futter machen, während ich den Kaffee mache?"
„Dann werde eben ich ihn machen", sagte Eugenie.
„Kind l" sagte Frau Grandet und sah ihre Tochter an.
Nach diesem Wort, das den schon fast vergessenen Kummer über den unglücklichen jungen Mann wieder wachrief, schwiegen die drei Frauen still und sahen sich mit einem mitleidigen Ausdruck an, der ihm aufsiel.
„Was haben Sie denn, Cousine?"
„Schi!" sagte Frau Grandet zu Eugenie, die antworten wollte. „Du weißt, mein Kind, daß der Vater es übernommen hat, mit dem Herrn zu sprechen."
„Sagen Sie Charles", sagte der junge Grandet.
„Ach, Sie heißen Charles? Das ist ein hübscher Name", rief Eugenie auS. Die schlimmen Vorahnungen treffen fast immer ein.
Schon hörten Nanon, Frau Grandet und Eugenie, die mit Zittern an die Rückkehr des alten Böttchers dachten, einen Hammerschlag, dessen Ton ihnen wohlbekannt war.
„Das ist Papa!" sagte Eugenie.
Sie nahm die Untertasse mit dem Zucker weg und ließ nur ein paar Stücke auf dem Tischtuch liegen. Nanon trug den Eierteller fort. Frau Grandet stand auf wie ein verschrecktes Reh. Es entstand eine panische Furcht, über die Charles sich wunderte, ohne sie sich erklären zu können.
(Fortsetzung folgt.)
„Du Nebst ihn aNo schon? DaS ist schlimm."
„Schlimm!" erwiderte Eugenie, „warum? Er gefällt dir, er gefallt Nanon, warum darf er mir nicht gefallen? Weißt du, Mama, wir wollen den Tisch für sein Frühstück decken!"
Sie warf ihre Arbeit hin, ihre Mutter tat dasselbe nut den Worten:
„Du bist ja toll.“
Aber es gefiel ihr, die Verrücktheit ihrer Tochter zu rechtfertigen, indem sie sie mitmachte.
Eugenie rief Nanon.
„Was ist denn los, Fräulein?"
„Nanon, du hast doch wohl Rahm gegen Mittag?'
„Ja, gegen Mittag wohl", antwortete die alte Köchin.
„Sehr schön, mach' ihm also sehr starken Kaffee, ich habe gehört, wie er zu Herrn des Grassins sagte, daß man in Paris den Kassee sehr stark macht. Nimm viel!"
„Wo soll ich ihn aber hernehmen?"
„Kauf' welchen!"
„Und wenn der Herr mich trifft?"
„Er ist auf seinen Wiesen." I
„Dann renne ich. Aber Herr Fessard hat mich schon gefragt, ob die heiligen drei Könige bei uns eingekehrt sind, als er mir das Wachslicht gab. Die ganze Stadt wird unsere Ucppigkeit erfahren."
„Wenn dein Vater irgend etwas bemerkt", sagte Frau Gründet, „ist er imstande, uns zu schlagen."
„Meinetwegen soll er uns schlage», bann nehmen totr seine Schlage auf ben Knien entgegen."
Frau Grandet hob statt aller Antwort die Augen zum Himmel. Nanon setzte ihre Haube auf und ging. Eugenie legte reines Tischzeug auf, sw holte ein paar von den Weintrauben, die sie zum Zeitvertreib an der Trockenleine auf dem Boden aufgereiht hatte. Sie ging mit leisen Schritten den Flur entlang, um ihren Vetter ja nicht zu wecken, und konnte sich nicht enthalten, an der Tür auf seine Atemzüge zu lauschen, die in regelmäßigen Zwischenräumen von seinen Lippen kamen.
„Düs Unglück wacht, während er schläft", dachte sie bei sich.
Sie nahm die grünsten Blätter der Reben, baute ihre Traube so zierlich auf, >vie ein alter Küchenchef sie hätte anrichten können, und trug sie voll Stolz auf den Tisch. In der Küche stibitzte sie die von ihrem Vater gezählten Birnen, und ordnete sie pyramidensörmig zwischen Blättern an. Sie ging, sic kam, sie lief, sie rannte hin und her. Sie hätte am liebsten ihres Vaters ganzes Haus ausgeräumt, aber er hatte alles unter Verschluß. Nanon tarn mit zwei frischen Eiern heim. Beim Anblick der Eier war Engenw draus und dran, ihr um den Hals zu fallen.
„Der Pächter von Lalande hatte welche in seinem Korb. Ich habe ihn drum angekriegt, unb aus Gefälligkeit für mich hat er sie mir gegeben, der gute Mann.''
Nach zweistündigen Mühen, während welcher Zeit Eugenie zwanzigmal von ihrer Arbeit wcglief, um den Kassee kochen zu sehen, um zu horchen, ob ihr Vetter schon oufftaub, war eS ihr gelungen, ein Frühstück herzurichten, das sehr einfach war, sehr wenig kostete, das aber in erschreckender Weise von den eingewurzelten Gewohnheiten des Hauses abwich. Das Zwölf- Uhr-Frühstück wurde im Stehen abgemacht. Jeder nahm ein bißchen Brot zu sich mit etwas Obst oder Butter oder ein Glas Wein. Beim Anblick des Tisches, der ans Kaminfeuer gerückt war, des einen Armstuhls vor dem Gedeck ihres Vetters, beim Anblick von den beiden Fruchtschalen, dem Eier- becher, der Flasche Weißwein, dem Brot und dem auf eine Untertasse auf- gehäuften Zucker, zitterte Eugenie an allen Gliedern beim bloßen Gedanken an die Blicke, die ihr Vater ihr zuschleudern würde, wenn er unversehens in diesem Augenblick heimkäme. Und sie warf oft einen Blick auf die Wanduhr, um sich auszurechnen, ob ihr Vetter noch vor der Rückkehr des Alten gefrühstückt haben könnte.
„Sei nur ruhig, Eugenie, wenn der Vater kommt, werde ich alles auf mich nehmen", sagte Fran Grandet. Eugenie kamen Tränen in die Augen.
„O du gute Mutter!" ries sie aus, „ich habe dich nicht lieb genug gehabt!" Nachdem Charles vor sich hinsummend hundertmal in seinem Zimmer hin und her gegangen War, kam er endlich hernntcr. Gott sei Dank, es war noch nicht ganz elf Uhr. Der echte Pariser! Er hatte so schmucke Toilette gemacht, wie wenn er sich aus dem Schloß der vornehmen Dame befunden hätte, die in Schottland auf Reisen War. Er kam mit dieser liebenswürdigen und heiteren Miene herein, die der Jugend so gut steht, und die Eugenie mit einer schmerzlichen Freude erfüllte. Er Hütte den Zusammensturz seiner Lustschlösser von der lustigen Seite genommen und wnndte sich in bester Laune an seine Tante:
„Haben Sic gut geschlafen, liebe Tante? und Sie, Cousine?' „Sehr gut, lieber Reffe, und Sie?" sagte Fran Grandet.


