SietzeimZamilienblötter
Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger
Jahrgang 1937
Montag, den 4. Oktober
Nummer 77
Eugenie Hrandet
ROMAN
von Honore de Balzac
6. Fortsetzung.
„Jean", suhr er fort, „schütte die Löcher zu, ausgenommen die längs der Loire, da Pflanzt du die Pappeln hin, die ich gekauft habe. Wenn man sie an den Fluß setzt, nähren sie sich auf Kosten der Regierung", fügte er an Cruchot gewandt hinzu, und machte mit dem Geschwür auf seiner Nase eine kleine Bewegung, die einem Lächeln voller Ironie gleichkam.
„Das ist klar: Pappeln sollte man nur auf magern Boden pslanzen", sagte Cruchot, verblüfft über Grandets Berechnungen.
„Aller—dings, mein Herr", versetzte der Böttcher ironisch.
Eugenie, die den Anblick der herrlichen Landschaft der Loire genoß, ohne den Berechnungen ihres Vaters zuzuhören, spitzte schleunigst die Ohren bei den Worten Cruchots, als sie ihn zu seinem Klienten sagen hörte: „Na, Sie haben sich einen Schwiegersohn aus Paris kommen lassen; in ganz Saumur ist nur von Ihrem Neffen die Rede. Da hab' ich bald einen Kontrakt aufzusetzen, was Vater Grandet?"
„S... S ... Sie sind f... f... früh aufgestanden, um m ... m ... mir d ... das zu sagen", erwiderte Grandet und begleitete diese Betrachtung mit einer Bewegung seines Geschwürs. „Nun gut, mein alter Kamerad, ich will offen sein und Ihnen sagen, was Sic w w ... wissen w ... w ... wollen. Ich möchte lieber, sehen S ..'. Sie, m ... m ... meine To ... Tochter in die Loire w ... w ... werfen, als sie ihrem V ... V ... Vetter g ... g ... geben. Sie t... t.... können das v ... verkünden. Aber was, lassen Sie die W ... Welt schwatzen."
Diese Antwort rief einen Schwindel bei Eugenie hervor. Die fernen Hoffnungen, die in ihrem Herzen zu keimen begannen, blühten plötzlich auf, nahmen Gestalt an und bildete» ein Büschel von Blumen, die sie abgeschnitten und am Boden liegen sah. Seit dem vorigen Abend fühlte sie sich mit Charles durch alle die Bande des Glücks verbunden, die die Seelen vereinen; von nun ab begann das Leid sie zu befestigen. Liegt das nicht auch in der edlen Bestimmung der Frau, daß sie näher berührt wird von den ernsten Aufzügen der Leiden als von den Freuden des Glücks? Wie konnte nur das väterliche Gefühl im Herzen ihres Vaters erlöschen? Welchen Verbrechens war Charles denn schuldig? Geheimnisvolle Fragen! Schon wurde ihre eben geborene Liebe, selbst ein so tiefes Geheimnis, in Geheimnisse verwickelt. Sie kam mit zitternden Knien wieder zu sich, und als sie an der düstern alten Straße anlangten, die ihr so fröhlich erschienen war, fand sie den Anblick traurig, atmete sie die Meloncholie dieses Ortes ein, die ihm Zeit und Dinge ausgeprägt hatten. Sie lernte alle Stadien der Liebe kennen. Einige Schritt vor dem Hause ging sie ihrem Vater voran und wartete auf ihn an der Tür, nachdem sie geklopft hatte. Denn Grandet, der in der Haud des Notars eine Zeitung noch unter dem Kreuzband sah, hatte zu ihm gesagt:
„Wie stehen die Renten?"
Und der Notar hatte geantwortet: „Sie wollen nicht auf mich Horen, Grandet. Kaufen Sie schnell, man kann noch zwanzig Prozent in zwei Jahren daran verdienen, außer den Zinsen, zu einem ausgezeichneten Zinsfuß, fünftausend Franken Rente für achtzigtausend Franken. Die Renten stehen achtzig und einen halben Franken."
„Es wird sich finden", sagte Grandet und rieb sich das Kinn.
„Mein Gott!" sagte der Notar, der seine Zeitung geöffnet hatte.
„Nanu, was gibt's?" rief Grandet, als Cruchot ihm die Zeitung mit den Worten unter die Augen hielt:
„Lesen Sie diesen Artikel." , , , . „ ., ,, ,
„Herr Grandet, einer der angesehensten Geschäftsleute m Paris hat sich gestern erschossen, nachdem er wie gewöhnlich auf der Börse erschienen war. Er hatte beim Präsidenten der Deputiertenkammer seine Entlassung e>n- gereicht und gleichfalls sein Amt als Richter am Handelsgericht medergelegt. Der Bankrott der Herren Roguin und Souchet, seines Wechselmaklers und seines Notars, haben ihn ruiniert. Die Achtung, die Herr Grandet genoß und sein Kredit waren dennoch so, daß er zweifellos Hilfe am Pariser Geldmarkt gefunden hätte. Es ist zu bedauern, daß dieser ehrenwerte Mann dem ersten Augenblick der Verzweiflung nachgegeben hat... usw.
„Ich habe es gewußt", sagte der alte Winzer zum Notar.
Dies Wort ließ Cruchot erstarren, dem es trotz ferner Unempfindlichkeit als Notar kalt über den Rücken lief beim Gedanken, daß der Pariser Grandet vielleicht vergeblich die Millionen des Grandet in Saumur angesleht halte.
„Und sein Sohn, gestern so vergnügt..."
»Er weiß noch nichts", antwortete Grandet mit derselben Ruhe.
„Adieu, Herr Grandet", sagte Cruchot, der alles begriff und den Präsidenten von Bonfons beruhigen ging.
Zu Hause fand Grandet das Frühstück bereit. Frau Grandet saß schon auf ihrem erhöhten Sitz und strickte sich Pulswärmer für den Winter. Eugenie fiel ihr um den Hals und umarmte sie, bewegt von ihrem geheimen Kummer, mit überquellendem Herzen.
„Sie können frühstücken", sagte Nanon, die die Treppe heruntersprang, „der Junge schläft wie ein Engel. Wie hübsch er ist, wenn er die Augen zu hat. Ich bin 'reingegangen und hab' ihn angerufen. Ja, Kuchen, nichts rührt sich."
„Laß ihn schlafen", sagte Grandet, „er wacht früh genug auf, um böse Neuigkeiten zu erfahren."
„Was ist denn los?" fragte Eugenie und legte die beiden kleinen Stücke Zucker in ihren Kaffee, die kaum ein paar Gramm wogen; der Alte vergnügte sich damit, sie in seinen Mußestunden selbst abzuzwicken.
Frau Grandet, die nicht gewagt hatte, diese Frage zu stellen, blickt« ihren Mann an.
„Sein Vater hat sich erschossen."
„Mein Onkel?" ... sagte Eugenie.
„Der arme Junge!" rief Frau Grandet aus.
„Ja, arm", wiederholte Grandet, „er besitzt keinen Pfennig."
„Ach Gott, er schläft, wie wenn er der Herr der Welt wäre", sagte Nanon mit Rührung im Ton.
Eugenie hörte auf zu essen. Ihr Herz krampfte sich zusammen, wie das Herz sich zusammenkrampft, wenn bei dem Unglück dessen, den man liebt, zum erstenmal das Mitleid emporquillt und den ganzen Körper einer Frau durchströmt. Das junge Mädchen fing an zu weinen.
„Du hast deinen Onkel nicht gekannt, warum weinst du?" sagte ihr Vater und schleuderte ihr einen Blick wie ein hungriger Tiger zu, so einen Blick, wie er ihn ohne Zweifel auf seinen Goldhaufen warf.
„Aber Herr Grandet", sagte die Magd, „wer wird denn kein Mitleid mit dem armen jungen Manu haben, der wie ein Brett schläft und nicht weiß, was ihm blüht."
„Ich habe nicht mit dir gesprochen, Nanon, halt den Mund!"
Eugenie begriff in diesem Augenblick, daß die Frau, die liebt, immer ihre Gefühle verbergen muß. Sie antwortete nicht.
„Bis zu meiner Rückkehr werdet Ihr ihm gar nichts erzählen, wünfche ich, Frau Grandet", sprach der Alte weiter, „ich muß fort, um den Graben für meine Wiesen an der Straße abstecken zu lassen. Ich werde um zwölf zum zweiten Frühstück zurück sein und mich bann mit meinem Neffen über seine Angelegenheiten unterhalten. Was dich betrifft, mein Fräulein, wenn du etwa dieses Stutzers wegen weinst, Schluß damit, mein Kind. Er wird allerschleunigst nach Ostindien abreisen. Du wirst ihn nie wieder sehen."
Der Vater nahm seine Handschuhe vom Rand seines Hutes, zog sie mit seiner gewohnten Ruhe an, strich sie herunter, indem er seine Finger zwischeneinander steckte und ging fort.
„O, Mama, ich halte es nicht ans!" rief Eugenie, als sie mit ihrer Mutter allein war. „Ich habe noch nie so gelitten!"
Frau Grandet sah, wie ihre Tochter blaß wurde, sie öffnete das Fenster und ließ sie die frische Lust atmen.
„Mir ist besser", sagte Eugenie nach einem Augenblick.
Diese Nervenerschütterung bei einer Natur, die bis dahin dem Anschein nach ruhig und kühl war, ging Frau Grandet zu Herzen; sie sah mit diesem feinfühligen Verstehen, mit dem die Mütter für ihre zärtlich Geliebten begabt sind, ihre Tochter an und erriet alles. Zudem konnte wahrhaftig das Leben der berühmten ungarischen Schwestern, die ein Versehen der Natur aneinander geschmiedet hatte, keinen innigem Zusammenhang gehabt haben, als das von Eugenie und ihrer Mutter, die immer in der einen Fensternische zusammensaßen, zusammen zur Kirche gingen und beim Schlafen die gleiche Luft einsogen.
„Mein armes Kind!" sagte Frau Grandet und umfaßte den Kopf von Eugenie, um ihn an ihr Herz zu drücken.
Bei diesen Worten hob das junge Mädchen das Gesicht, sah ihre Mutter forsckend an, erspähte ihre geheimen Gedanken und fragte:
„Warum ihn nach Indien schicken? Wenn er im Unglück ist, sollte er bann nicht hier bleiben? Ist er nicht unser nächster Verwanbter?"
„Ja, mein Kinb, bas wäre ganz natürlich. Aber der Vater hat seine Grünbe, wir müssen sie achten."
Mutter unb Tochter setzten sich schweigend hin, die eine auf ihren erhöhten Stuhl, die andere auf ihren kleinen Sessel, und alle beide nahmen ihre Handarbeit vor. Ueberwältigt von Dankbarkeit für das wunderbare Herzens- verständnis ihrer Mutter, küßte ihr Eugenie die Hand und sagte:
„Wie gut du bist, meine geliebte Mama!"
Bei diesen Worten blühte das alte mütterliche Gesicht auf, das in langen Leiden welk geworden war.
„Findest du ihn nett?" fragte Eugenie.
Frau Grandet antwortete nur mit einem Lächeln; dann sagte sie nach einer Pause mit leiser Stimme:


