Verantwortlich. Or. Hans Tbhrivt. — Druck und Derlag: Brühl',ch« Universitäts-Buch- und Steinüruckerei. R. Lange, Gieße».
War es die gütige Stimme des Alten oder der Waffenlärm, den er schon zu hören meinte? Der Türmer richtete sich auf, gab flüsternd zur Antworte „Auch wenn ich mache, wird Nördlingen heute Nacht nicht schlafen können, Herr!" Forschend senkte sich der Blick des Bürgermeisters in seine Augen. Eilig ging er mit dem Gesellen zum Rathaus.
Als der Geselle Johannes eine Stunde später wieder seine Türmerstube betrat, stand der Bürgermeister, der auf den Stadthauptmann und die Ratsherren wartete, an seinem Fenster. Er sah lächelnd zum Daniel hinaus. Er hatte dem Türmer versprochen, daß sie ihn ehrlich machen wollten, wegen dreimaliger Errettung der Stadt.
Die Bürger und Stadtknechte zogen nicht in den Wehrgang. Auch die Pforte am Wassertor blieb offen. Keine Armbrüste und Hakenbüchsen drohten diesmal aus Scharten und Schießlöchern. Wehrlos waren die Mauern, als die Oettinger kamen. ,
Nur der Platz vor dem Ratsgebäude starrte plötzlich von Spießen, als die Gräflichen einrückten. An der verschneiten Treppe des Rathauses standen, wie es sich zum Empfange so hoher Gäste geziemt, in schwarzen Mänteln mit weißer Krause und goldener Kette die Ratherren und der Bürgermeister. Neben ihm der Scharfrichter, dessen rotes Kleid im Fackellicht glühte. .
Der erste, den der Henker ergriff, war der Magister Antonius, der neben dem Hauptmann der Oettinger ging.
Das sah droben von seinem Turm der Geselle Johannes. Und weil der Bürgermeister ihm auch versprochen hatte, daß dann die Stadt selber ihrem Erretter die Hochzeit rüsten werde mit der Gerberstochter, war er so übermütig vor Glück, daß, als der Scharlachrote die Hand auf die Schulter des Magisters legte, er dessen gestrige Worte wiederholte und jauchzend hinunterrief: „So, G'sell — so!"
Wie es noch heute der Türmer des Daniel allabendlich ausftngt über die einst freie Reichsstadt im Ries.
b a ch auch den Kunstfreund Konrad Fiedler kennen, der ihm ein Leben lang, auch wenn er ihn nicht immer verstand, in treuer Freundschaft zugetan blieb und ihn fortan vor den größten materiellen Sorgen bewahrte.
Rein äußerlich ähnelt sein Schicksal dem Feuerbachs, dem Ueber- empfindlichen, der maßlos unter der fehlenden Anerkennung litt. Auch Marses blieb unverstanden, aber fein unbeirrbar innerer Weg. seine angeborene Vornehmheit ließen ihn schweigend über alle abfällige Meinung und Kritik hinwegsehen. Gewiß hat es ihn schmerzlich berührt, daß schließlich auch Böcklin, der anfangs bewundernd von feiner „mythischen Bindung" sprach und die höchste Meinung von seiner Kunst hatte, ihn fast verächtlich abtat, aber auch dies hat ihm die Gewißheit seiner Sendung nicht geschwächt. Weltfremd und in sich gekehrt, oft von grüblerischen Zweifeln heimgesucht, zerstörte er häufig nach Monaten angespanntester Arbeit vollendete Werke, oder er übermalte sie immer und immer wieder, bis sie schließlich vollkommen entstellt waren. Nicht Schrullenhaftigkeit oder gar Wahnsinn ließen ihn sein Werk immer wieder von neuem beginnen: für Marses waren diese Bilder keine Verkaufsobjekte, sondern nur Stationen aus dem Weg zu größerer Vollendung, zu größerer Klarheit.
Seine „Welt der Erscheinungen, das fortwährende Fühlen und Ahnen des Göttlichen in der Schöpfung", die er auf feine Bilder zu bannen versuchte, ist nichts anderes als die Natur. Eine Natur freilich nicht im Sinne des vordergründigen Naturalismus, sondern die von ewigen göttlichen Mächten beseelte Natur, für die auch Hölderlin fein Leben verzehrte, um sie den Deutschen noch einmal in seinen Strophen und Hymnen zu schenken. Hatten sich die Menschen nicht durch die Zivilisation viel zu weit von der Natur entfernt? Nur die Menschen der Antike besaßen noch jene heitere Leichtigkeit und Natürlichkeit, jenen unschuldigen Naturzustand, dessen Abglanz noch über allen Kunstwerken der Antike liegt. Die Antike und ihre Mittlerin Italien waren auch für Marees der Schlüssel zur Schaffung einer neuen Kunst. Er gab seinen Menschen wieder das fast mythische Einssein mit der Natur, nie sind sie äußerlich der Landschaft eingefügt, sondern eben ein Teil davon und schimmern hell aus dunkler Umgebung hervor, unbewegt oder gemessen die Glieder regend.
So in den monumental-dekorativen Freskenbildern der deutschen zoologischen Station in Neapel. Dieses Kunstwerk hat er 1873 in der kurzen Zeitspanne von drei Monaten vollendet; er, der die meisten Gemälde unvollendet ließ und deshalb der Schrecken seiner wenigen Auftraggeber war, hat nie [ein Können und seine hohe Kunst reiner geoffen- bart. Die nackten Ruderer dort, wohl sein bekanntestes Bild, arbeitende Männer, ein Orangenhain mit ruhenden und pflückenden Frauen — all das find schlichte Motive, und doch sind diese Menschen mit ihren edlen Gebärden überzeitlich schön, sie könnten ebensogut in der Antike wie im deutschen Mittelalter gelebt haben. Dabei brauchte er nicht nach Modellen zu arbeiten, denn durch fein ungewöhnliches Formengedächtnis war er, sobald er den Pinfel oder Stift zur Hand nahm, „inwendig sovoll Figur, daß ihm das Höchste gelang. Ohne hemmende Zweifel vollendete er diese Fresken, die ein wirkliches „Kunstwerk" wurden im Sinne Hebbels, vor dem man nur sagen kann: „so muß es sein"
Aus einem dieser Wandgemälde ist Marses auch selbst zu sehen, zusammen mit seinem Freund und bedeutendsten Schüler Hildebrand: Marses Kopf mit der hohen Stirn über einem schmalen Gesicht mit fast harten Zügen, aber weichen verträumten Augen. Ein früheres Selbstporträt, das Doppelbildnis Lenbach-Marses, zeigt ihn hingegen jugendlich-übermütig, in einem Moment erfaßt, wie wir ihm in späteren Selbstbildnissen nie mehr begegnen. Aber selbst hier in diesen improvisierten Köpfen noch aus der Münchener Zeit ist schon der neue Stil Marses' angebeutet, hell schimmern die Köpfe aus dunkler Umgebung hervor; so auch auf dem Bild „Pferdeführer mit Nymphe", wo die helle Figur des Mannes besonders plastisch vor dem Dunkel des Pferdeleibes hervorkritt. Ohne es zu wollen oder gar zu wissen — denn nie war er ein Nachahmer — war er Rembrandt nahegekommen. Rembrandt und die Antike, nordische Kunst und Geist von Hellas, diese scheinbar unüberwindlichen Gegensätze, hat er in einem tragisch gespannten Lebensbogen zu einer Einheit zusammengesührt und damit zugleich einen neuen deutschen heroischen Stil angebahnt. Hebbel sagte einmal, daß „in der geistigen Sphäre hin und wieder an gewissen Punkten mit Notwendigkeit ein Uebergangsgeschöpf hervortreten müsse, das der Idee nach einer höheren Gattung angehört, als es durch feine noch mangelhaften Organe zu realisieren vermag". Uebergangsgeschöpf, auch darin Nietzsche verwandt, Vorläufer und Künder und Wegbereiter. Vieles ist unvollendet geblieben, aber in den Werken in der Münchener Neuen Staatsgalerie — „Werbung", „Abschied" — und vor allem der kurz vor seinem Tode vollendete „Ganymed" und anderen in Berlin und Bremen, ist es ihm doch gelungen, sein hohes Wollen zu „realisieren". Daneben hat er in Rom (wo er am 5. Juni 1887 starb), einem begeisterten Kreis junger, begabter Künstler (Hildebrand, Tuaillon, Volkmann, Pidoll u. a.) den entscheidenden Weg gewiesen.
Heute, fünfzig Jahre nach seinem Tode, sieht man feine Bedeutung auch darin, daß er erkannte, innerhalb welcher Grenzen die Antike für uns nutzbar zu machen fei. Das ersehnte Ziel von ihm: unter Führung der Antike einen neuen deutschen Stil zu finden — so wie man in Italien unter Führung der Antike zur Renaissance gelangte.
Es gehört zur Tragik dieses großen deutschen Menschen, daß erst ein Franzose so ganz das typisch Deutsche dieser Kunst gu erfassen vermochte. Rodin drückt das Wesentliche aus, wenn er sagt: „Das faustisch- heroische Ringen, das Marses' Bilder widerspiegeln, ist der Ausdruck seines deutschen Charakters. Er hat sich mit seinem schweren deutschen Gemüt tief in die Antike versenkt, sie nachgefühlt und neu geschaffen, wie nur wenige unserer größten Franzosen. Marses erscheint mir wie der ringende deutsche Faust".
Hans von Marees, ein deutsches Künstterfchicksal.
Zum 50. Todestage des Malers am 5. 3uni.
Von Jürgen Rauch.
„Es ist etwas in mir, was mich immer und immer wieder über jeden traurigen Zustand erhebt. Und dieses Etwas ist nichts anderes als meine unmittelbare Beziehung zum Reiche der Erscheinung, wenn auch nicht, im Verstehen, so doch ein fortwährendes Fühlen und Ahnen des Göttlichen ober wie man’s nennen will, in der Schöpfung. Darinnen kann ich auch, und wenn die ganze Welt den Kopf darüber schüttelt, still und geduldig meinen Weg gehen, und es deucht mir wohl der Mühe wert zu fein, daß auch einmal einer fein ganzes volles Dasein diesem Nachgeben hingebe. Die Gunst der Ungunst der Zeit kommt dann gar nicht mehr in Betracht .. "
Diese Stelle findet sich in einem Brief Marees an seinen Freund Konrad Rebler. Wie sehr Marees alle Ungunst der Zeit und des Schicksals zu ertragen hatte, zeigt zum Beispiel das Urteil eines damals maßgeblichen Kritikers, der in Marses' Figuren voll unerhörter Ausdruckskraft und Freiheit der Gebärde nur „nichtssagende, träge Gestalten mit greulichen Proportionsfehlern ohne die geringste Luftperfpek- tive" sah und ein Urteil darüber überhaupt nur vom pathologisch- psychiatrischen Standpunkt aus für möglich hielt!
Hatte man je von einem Maler gehört, der sich zur schöpferischen Anregung mit der Philosophie Schopenhauers herumplagte? „Unzeitgemäß im schönsten Sinne" war Richard Wagner von Nietzsche genannt worden, sicher nicht nur wegen seiner Vorliebe für Schopenhauer. Auch Marses war solch ein großer „Unzeitgemäßer".
Adelig von Geburt, seine Vorfahren gehörten dem französischen Uradel an, der erste Ritter von Marees war 1096 im Turnier gefallen. Adelig vor allem aber von Gesinnung, von einer Charaktergröße, die wohl ein Teil jener Glaubensstärke ist, beretroegen seine Familie (eine der ersten protestantischen überhaupt) schon im 16. Jahrhundert über Holland nach Deutschland ausgewandert war. Fast gleichgültig hat Maries sein äußeres Schicksal auf sich genommen, „einsam auf gletscher- kalter Gipfelhöhe", ähnlich dem andern „Unzeitgemäßen" seiner Zeit, Friedrich Nietzsche, ringend um das Ewig-Gültige.
Hans von Marees wurde am 25. Dezember 1837 zu Elberfeld geboren, aber schon in seinem zehnten Lebensjahr zogen die Eltern nach Koblenz, wo fein Vater Kammerpräsident geworden war. Sehr früh zeigte er ein starkes Maltalent und einen ungewöhnlichen Formensinn. Der Vater legte seinem Drang zur Kunst nichts in den Weg, und so bezog er zuerst die Berliner Akademie, wo er es aber nur ein Jahr aushielt; doch sind auch die folgenden acht Münchener Jahre, ziemlich spurlos an ihm vorübergegangen. „Sehen lernen ist alles", wiederholte Marees immer wieder. Und wo konnte das ein Maler besser als in der reinen Luft des Südens.
Das größte Erlebnis in Marees' Leben war die Ueberfieblung nach Italien und die Begegnung mit der Antike — auch darin unseren großen Deutschen verwandt. Hatte nicht Hamann, der „Magus des Nordens", schon der deutschen Kunst diesen Weg gezeigt — war nicht Goethe durch die italienische Reise, von allen Zeitströmungen getrennt, ins Zeitlose gezogen, erst zu einem deutschen Stil gelangt?
Schon in feiner Münchener Zeit hatte Gras Schack ein Bild des jungen Marees für seine Galerie erworben und ihn — zusammen mit Lenbach — nach Florenz und Rom geschickt, um ihn dort Werke der großen Meister kopieren zu lassen. Graf Schack hat die höchsten Erwartungen, und die Arbeiten Marees' erfüllen sie, aber weitere Kopierarbeiten lehnt Marees ab — obwohl er sich dadurch größter Armut aussetzt. Aber Armut war eben etwas, was man bei einer solchen Berufung achselzuckend als nicht zu änderndes Uebel ertragen mußte. In Rom lernt er neben den andern Deutsch-Römern Böcklin und Feuer-


