Ausgabe 
4.6.1937
 
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Don Kaken.

Von Theodor Storm.

Vergangenen Maitag brachte meine Katze Zur Welt sechs allerliebste kleine Kätzchen, Maikätzchen, alle weiß mit schwarzen Schwänzchen. Fürwahr, es war ein zierlich Wochenbettchenl Die Köchin aber Köchinnen sind grausam, Und Menschlichkeit wächst nicht in einer Küche Die wollte von den sechsen fünf ertränken, Fünf weiße, schwarzgeschwänzte Maienkätzchen Ermorden wollte dies verruchte Weib. Ich half ihr heim! Der Himmel segne Mir meine Menschlichkeit! Die lieben Kätzchen, Sie wuchsen auf und schritten binnen kurzem Erhobenen Schwanzes über Hof und Herd; Ja, wie die Köchin auch ingrimmig drein sah, Sie wuchsen auf, und nachts vor ihrem Fenster Probierten sie die allerliebsten Stimmchen. Ich aber, wie ich sie so wachsen sähe. Ich pries mich selbst und meine Menschlichkeit. Ein Jahr ist um, und Katzen sind die Kätzchen, Und Maitag ist's! Wie soll ich es beschreiben, Das Schauspiel, das sich jetzt vor mir entfaltet! Mein ganzes Haus, vom Keller bis zum Giebel, Ein jeder Winkel ist ein Wochenbettchenl Hier liegt das eine, dort das andre Kätzchen, In Schränken, Körben, unter Tisch und Treppen, Die Alte gar nein, es ist unaussprechlich, Liegt in der Köchin jungfräulichem Bette! Und jede, jede von den sieben Katzen Hat sieben, denkt euch! Sieben junge Kätzchen, Maikätzchen, alle weiß mit schwarzen Schwänzchen! Die Köchin rast, ich kann der blinden Wut Nicht Schranken setzen dieses Frauenzimmers; Ersäufen will sie alle neunundvierzig!

Mir selber! Ach, mir läuft der Kopf davon O Menschlichkeit, wie soll ich dich bewahren! Was fang ich an mit sechsundfünfzig Katzen!

Oer Türmer des Daniel.

Eine Novelle von Alfons von Czibulka.

Selbst von den fernsten Orten im Donauries sieht man den schlanken, schön gegliederten Bau des hohen Turmes der Sankt Georgskirche in Nördlingen, den sie den Daniel nennen seit altersher. Wie der Zeiger einer mächtigen Sonnenuhr steht er im Mittelpunkte dieses fruchtbaren Landteils, und die Türmer des Daniel blicken von ihrer wolkennahen Höhe bis zu den blauen Waldbergen, die um das Donauries aufsteigen und es abfchliehen gegen die übrige Welt.

Heute hat der Türmer von Sankt Georg wenig zu tun. An die frü­heren Zeiten erinnert nur noch der seltsame RufSo, G sellJo , den er allabendlich aus einem Fenster seiner Türmerstube über Nördlingen aussingt. Damals aber, als dieser Ruf entstanden ist und noch die Deut­schen gegeneinander zogen, haben oft zwei Augen auf dem Rundgang der Türmerstube die alte Reichsstadt vor Kriegsnot, Brand und Plünderung bewahrt. Das war auch zweimal während der vielen Fehden geschehen, mit den die Oettinger Grafen die einst reiche Stadt Überzogen.

Ein junger Gesell war damals Türmer des Daniel. Man nannte ihn nur den Gesellen Johannes, weil niemand seinen Vatersnamen tonnte. Er war erst vor einem Jahre zugewandert und hatte beim Gerber Wölflein Arbeit gefunden. Von seiner Herkunft wußte man mir, daß er aus Hamburg oder Bremen war, was feine Sprache verriet, tar war ein nicht großer, aber breitschultriger Bursch von unbändiger Kraft, zu der sein oft seltsam scheues Wesen nicht passen wollte Den Grund dafür meinte man aber zu kennen, weil Johannes nämlich die Tochter des Gerbers liebte, der alte Wölflein aber sagte, daß er sie einem Lano- remden nicht geben wolle. Das war eine Ausrede, denn auch der Ma­gister Antonius, den der Gerber gern als Schwiegersohn gesehen hatte, tammte nicht aus der Stadt. Welcher Kunst Magister er char, vermochte niemand zu sagen. Er selbst behauptete ein Astronom zu sein. Die meisten aber hielten ihn für einen Goldmacher, weil er nicht arbeitete und dennoch nicht hungerte. Allen aber war er unheimlich, wenn er in seinem^ schwarzen Mantel klein und dürr, nicht jung und nicht alt, durch die Gassen fajltd). Darum nannten ihn die Nördlinger nur den Teufel tm aRagifterroa. Das focht aber den Meister Wölflein nicht an, denn der Magister hatte Geld und rühmte sich, daß er noch einmal die Ratsherrenkette tragen werde.

Eine Weile sah es auch wirklich so aus, als wollte sich die hübsche Gerberstochter dem Willen ihres Vaters fügen. Doch als der alte JiSolt- lein den Gesellen Johannes eingestellt hatte, wurde es anders. Uno als der Magister eines Abends das Mädchen mit dem Johannes Hano in Hand auf dem Wehrgange sah, wußte er, daß der Geselle ihn aus- gestochen hatte. Seither hätte er ihm für fein Leben gern den Hal umgedreht, hätte sich nur eine Gelegenheit ergeben. Für den jungen

Gesellen war aber dennoch wenig erreicht, weil der Alke seinen Segen nicht gab. Darum meinten die Stadtväter, daß die [eltfame Traurigkeit, die manchmal seine Augen verschleierte, wohl zu verstehen sei. Sie hatten ihn nach dem Tode des alten Türmers um [o lieber auf den Daniel gestellt, als man diesen Augen nachrühmte, sie könnten noch auf dem fernen Kirch­turm von Wallerstein eine Taube erkennen. Darin täuschten sie sich auch nicht.

Zweimal mußten die Oettinger mit blutenden Köpfen abziehen. Der Türmer Johannes hatte das Blitzen ihrer Sturmhauben schon so früh-, zeitig gesehen, daß, als die Gräflichen kamen, die Scharten und Schieß­löcher von Armbrüsten und Hakenbüchsen starrten und die Reichsstadt einem zornigen Igel glich. Da nannten die Nördlinger den Gesellen nurdas Auge des Daniel".

In einer Dezembernacht, in der die Oettinger Grafen heimlich zu einer neuen Fehde rüsteten, kam der Türmer in seinem von Schnee über­schütteten Pelz in die Stube. Weil man draußen auf dem steinernen Rundgange ohnehin nichts sah, wollte er sich seine Suppe vom Ofen holen. Da hörte er Schritte in der Tiefe des Turms und sah gleich darauf das gelbliche Gesicht des Teufels im Magisterrock aus der Fall­türe tauchen. Der Geselle lachte:Ihr könnt wohl nicht schlafen, Herr Magister, daß Ihr zur Nachtzeit auf den Daniel geistert? Und was will der Herr?"

Nach den Sternen ausschauen, wenn es erlaubt ist", antwortete der Besucher und steckte seine Fackel in den Ring.

Erlaubt wird es wohl fein. Aber sehen werdet Ihr nichts."

Eine Sturmböe rüttelte am Turm.' Vielleicht erschrak der Magister Antonius darüber. Er stolperte fo heftig über die Schwelle, daß aus feinem Gürtel etliche Goldgulden über die Dielen rollten. Der Türmer schloß lachend die Türe:Also seid Ihr doch ein Goldmacher?" Dann bückte er sich nach dem Golde. Erst als er die Goldstücke auf den Tisch legte, gab der Magister Antwort:Gibt mancherlei Art des Gold­machens. Ihr kennt keine. Sonst säßet Ihr nicht hier auf dem Turm."

Eine Weile betrachtete der Türmer den Goldgulden, den er noch in der Hand hatte. Brauchen könnte man die Kunst! Er legte ihn zu den andern, trat ans Fenster, das gegen Dettingen sah und spähte hinaus. Als er sich umwandte, saß der Teufel im Magisterrock auf der Ofen­bank, hatte seine Katze geteert und schichteten Goldstücke zu kleinen Türmchen. Kopfschüttelnd holte sich der Geselle die Suppe vom Ofen. Der Magister schob die goldenen Türmchen zu einer Reihe und sagte: Gerade hundert Goldgulden! Gefallen sie Euch?" Gleichmütig löffelte der Türmer feine Suppe. Der Besucher fuhr fort:Wenn Ihr die hättet, könntet Ihr Euer Mädel freien. Dann wäret Ihr auch dem Alten recht. Der liebt doch das Gold". Die Augen des Johannes blinzelten in fröh­lichem Spott:Hat Euch das Gold was genützt, bei der Jungfer? .... Doch jetzt muß ich auf den Rundgang. Dem Oettinger Gelichter ist nicht zu trauen."

Der Magister kniff ein Auge zusammen:Ihr solltet vorsichtiger von den Gräflichen sprechen!"

Hab' keine Angst vor ihnen."

Sonnt doch sein, daß die Oettinger hier einmal die Herren sind." Nicht, solange das Auge des Daniel über Nördlingen wacht!"

Der Magister beugte sich lauernd über den Tisch:Fragt sich nur, wie lange es noch wachen wird, das Auge des Daniel ... Denn die Welt ist voller Vorurteil, Gesell!" Der Blick des Türmers wurde scheu. Was wußte der andere? Magister Antonius nickte befriedigt. Er fchob fein Gesicht dicht an das des Gesellen und flüsterte höhnisch:Manchmal weiß man nämlich auch in Nördlingen, was einer in Bremen getan." Ueber die Hände des Türmers lief ein Zittern. Sein Gesicht wurde weiß. Der Magister lachte:Brauchst keine Angst zu haben, Gefell! Ick; verrate dich fchon nicht Nur einen kleinen Pakt wollen wir schließen.' Er lehnte sich zurück und deutete auf die goldenen Türmchen:Diese hundert Goldgulden gehören übermorgen dir, wenn morgen Nacht dein Horn schweigt ..." Verständnislos starrte ihn der Türmer an. Der Magister stieß die Türmchen um:Viel Geld! Was? Und hat uns heute schon einmal das gleiche gekostet, damit auch das Wassertor offen bleibt morgen Nacht ... Nun, wie ist's?"

Der Gefelle Johannes schüttelte den Kopf.

Nicht? Ist es dir also lieber, wenn morgen auch die Ratsherren wissen, daß du der Sahn des Henkers von Bremen bist?" Stöhnend barg der Türmer seinen Kopf in die Arme Der Magister lachte spötttsch: Hast du denn wirklich geglaubt, mir nicht dafür zahlen zu müssen, daß du mir bei der Gerberstochter ins Gehege kamst? ... Es gibt keinen Ausweg." Eine Weile noch sah der Teufel im Magisterrock auf ihn nieder dann schob er das Gold in feine Katze, legte ihm die Hand auf die Schulter, lachte auf und sagte:So, G'sell so!" Dann nahm er die Fackel aus dem Ring und ging.

Am nächsten Tage stand der Geselle Johannes dreimal vor dem Hause des Bürgermeisters. Aber er brachte es nicht übers Herz, zu reden. Um ehrlich zu werden vor den Menschen, war er aus Bremen geflohen. Und nun würden ihm, wenn er redete, die Ratsherren einen Beutel mit Geld vor die Füße werfen und bann den Henkersfohn durch den Henker aus der Stadt jagen lassen, in der er eine neue Heimat zu finden gehofft. Seufzend stieg er immer wieder zur Türmerstube hinauf. Doch auch oben litt es ihn nicht. Friedlich tag das verschneite Nördlingen unter ihm. Freundlich stieg der Rauch aus den glitzernden Giebeln. Schon meinte er den Brand in den Dächern zu sehen, das Lärmen der Waffen in den Gassen zu hören, das Schreien der Frauen. Da ging er wieder zur Stadt hinunter. Es hämmerte schon.

An der Ecke des Marktes kam ihm der Bürgermeister entgegen. Der mar ein gütiger Mann und dankte freundlich, als der Türmer sich tief vor ihm neigte. Nur ein (eifer Vorwurf tag in feiner Stimme, als er sagte:Es wird Abend, Johannes. Was tust du noch in der Stabt? Nördlingen kann nicht schlafen, wenn bas Auge des Daniel nicht wacht".