Ausgabe 
4.6.1937
 
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nicht so?" , ,

Nun, es kommt sicherlich nicht so,

Sind Sie dessen sicher? '

Ganz sicher." , ...

Dann sagen Sie mir, wie es kommt, aber ehrlich.

Nun das kann ich leicht, und Sie haben mir selber den Weg ge­wiesen, als Sie gleich anfangs von .König und Kronprinz sprachen. Dieser Gegensatz existiert natürlich überall und in allen Lebensverhalt­nissen Es kommen eben immer Tage, wo die Leute nach irgendeinem .Kronprinzen' aussehn. Aber so gewiß das richtig ist, noch richtiger ist das andre: der Kronprinz, nach dem ausgeschaut wurde, halt nie das, was man von ihm erwartete. Manchmal kippt er gleich um und erklärt in plötzlich erwachter Pietät, im Sinne des Hochseligen weiterregieren zu wollen- in der Regel aber macht er einen leidlich ehrlichen Versuch, als Neuaestalter aufzutreten, und holt ein Bolksbeglückungsprogramm auch wirklich aus der Tasche. Nur nicht auf lange. .Leicht beieinander wohnen die Gedanken, doch eng im Raume stoßen sich die Sachern -Uni) nach einem halben Jahre lenkt der Neuerer wieder in alte Bahnen uno Geleise ein." , ,

Und so wird es Woldemar auch machen?

' So wird es Woldemar auch machen. Wenigstens wird ihn die Lust sehr bald anwandeln, so halb und halb ins Alte wieder einzulenken.

Und diese Lust werden Sie natürlich bekämpfen. Sie haben ihm in den Kopf gesetzt, daß etwas durchaus Neues kommen müsse. Sogar ein neues Christentum." , .

Ich weiß nicht, ob ich so gesprochen habe; aber wenn ich so sprach, dies neue Christentum ist gerade das alte."

Glauben Sie das?

,5,ä) glaube es. Und was besser ist: ich suhle es.

| (Fortsetzung folgt.)

Lorenzen nahm des Alten Hand und sagte:Gewiß kommen andre Beiten Aber man muh mit der Frage, was kommt und was wird, nicht 3U früh anfangen. Ich seh nicht ein, warum unser alter König von Thule hier nicht noch lange regieren sollte. Seinen letzten Trunk zu tun und den Becher dann in den Stechlin zu wersen, damit hat es noch gute Wege.

Nein, Lorenzen, es dauert nicht mehr lange; die Zeichen sind da, mehr als zuviel. Und damit alles klappt und paßt, geh ich nun auch grade ins Siebenundsechzigste, und wenn ein nichtiger Stechlm ins Siebenundsechzigste geht, dann geht er auch m Tod und Grab. Das is so Familientradition. Ich wollte mir hatten eine andre. Denn der Mensch is nun mal feige und will dies schändliche Leben gern "^.Schändliches Leben! Herr von Stechlin, Sie haben ein sehr gutes L^Nm w°eun'es nur wahr ist! Ich weiß nicht, ob alle Globsower ebenso denken. Und die bringen mich wieder auf mein Hauptthema.

Das^laut^et- ^Teuerster Pastor, sorgen Sie dafür, daß die Globsower nicht zu sehr obenauf kommen'."

.Aber, Herr von Stechlin, die armen Leute..."

Saaen Sie das nicht. Die armen Leute! Das war mal richtig; heut­zutage aber paßt es nicht mehr. Und solch unsichere Passagiere wie mein Woldemar und wie mein lieber Lorenzen (von dem der Junge, Pardon, all den Unsinn hat), solche unsichere Passagiere, statt den Riegel vorzu- schieben, kommen den Torgelowschen auf halbem ®ege entgegen u sagen: ,3a, ja, Töffel, du hast auch eigentlich ganz recht, oder, was noch schlimmer ist: ,3a, ja, 3ochem, wir wollen mal nachschlagen.

Aber, Herr von Stechlin."

3a, Lorenzen, wenn Sie auch noch solch gutes Gesicht machen es ist hoch so Die ganze Geschichte wird au einen andern Leisten gebracht, und wenn dann wieder eine Wahl ist, dann sährt der Woldemar, rum und erzählt überall, Katzenstein sei der rechte Mann. Oder ^endem ai dre . Aber das ist Mus und Mine; verzeihen Sie den etwas fortgeschrit tenen Ausdruck. Und wenn dann ine junge gnädige Frau Besuch kriegt oder wohl gar einen Ball gibt, da will ich Ihnen ganz genau saßen wer I dann hier in diesem alten Kasten, der dann aber renoviert sein wird, I antritt Da ist in erster Reihe der Minister von Ritzenberg geladen, der, wegen Kaltstellung unter Bismarck, von langer Hand her eine wahre Wut auf den allen Sachsenwalder hat, unb eröffnet d e P°l°n°'e mit Armgard Und dann ist da ein Profeffor, Kathedersozialist, von dem kein Mensch weiß ob er die Gesellschaft einrenken oder aus den Fugen bringen wich und führt eine Adelige, init kurzgeschnittenem ^ar (die natürlich schriftstellert), zur Quadrille. Und dann bewegen sich da noch em Afrika rasender, ein Architekt und ein Porträtmaler, und wenn sie nach den ersten Tänzen eine Pause machen, dann stellen sie em lebendes Bild, wo ein Wilddieb von einem Edelmann erschossen wird, °der sie fuhren em französisches Stück auf, das die Dame mit dem kurzgeschnittenen Haar übersetzt hat, ein sogenanntes Ehebruchsdrama, drin eine Advokaten frau gefeiert wird weil sie ihren Mann mit einem Taschenrevolver über den Haufen geschossen hat. Und dann gibt es Musikstücke, bet benen der Klavierspieler mit seiner langen Mahne über bie Tasten hmfegt, unb in einer Nebenstube sitzen andere unb blättern m einem Album mit lauter Berühmtheiten, obenan natürlich ber alte Wilhelm unb Kaiser Friebrich unb Bismarck unb Mottke, unb ganz gemütlich bazwischen Mazzini unb Garibaldi und Marx und Lassalle, die aber wenigstens I fgf (inti und daneben Bebel und Liebknecht. Unb bann sagt Woldemar.

Sehen Sie da den Bebel. Mein politischer Gegner, aber em Mann von Gesinnung unb Intelligenz.' Unb wenn bann ein Adeliger aus der Rest- denz an ihn herantritt und ihm sagt: ,3ch bin überrascht, Herr von Stech, (in ich glaubte den Grasen Schwerin hier zu finden', bann sagt Wolbe- mar: ,3ch habe bie Fühlung mit diesem Herrn verloren.

Der Pastor lachte.Und Sie wollen sterben? Wer so lange sprechen kann, der lebt noch zehn 3ahr."

Nichts, nichts. 3ch halte Sie sest. Kommt es sy ober kommt es

Ausnahmefall." ........ , ,

3ch will es gelten lassen unb mich auch gleich legitimieren. Haben Sie benn in 3hrer Zeitung gelesen, wie sie da meulich wieder dem armen Bennigsen zugesetzt haben? Mir mißfällt es, wiewohl Bennigsen nicht gerade mein Mann ist." .

Auch meiner nicht. Aber, er sei, rote er sei, er ist doch em Exzelsior- Mann. Und wer Hierlandes für ein freudiges ,excelsior' ist, der ist bei den Ostelbiern (Pardon, Sie gehören ja selbst mit dazu) van vornherein verdächtig und ein Gegenstand tiefen Mißtrauens. Jedes höher gesteckte Ziel, jedes Wollen, das über den Kartoffelsack hinausgeht, findet kein Verständnis, sicherlich keinen Glauben. Unb bringt einer irgendein Opfer, so heißt es bloß, baß er bie Wurst nach der Speckseite werfe."

Dubslav lachte.Lorenzen, Sie sitzen wieder auf Ihrem Steckenpferd. Aber ich selber bin freilich schuld. Warum kam ich auf Bennigsen! Da war das Thema gegeben, und Ihr Ritt ins Bebelsche (benn weitab davon finb Sie nicht) konnte beginnen. Aber daß Sie's wissen, ich hab auch mein Steckenpserb, und bas heißt: König und Kronprinz ober alte Zeit unb neue Zeit. Unb darüber hab ich seit lange mit Ihnen sprechen wollen, nicht akademisch, sondern märkisch-praktisch, so recht mit Rück­sicht auf meine nächste Zukunft. Denn es heißt nachgrade bei mir: .Was du tun mußt, tue bald'."

rant Dina will Weile haben. Und Torgelow, wenn er auch vielleicht reden I sann retten kann er noch lange nicht. Sagen Sie, was macht er benn eigentlich. Ich meine Torgelow. Sinb benn unsre kleinen Leute jetzt m h 5Ufrieben mtt ihm?^, ^ch nicht zufrieden mit ihm.

Er wollte' da neulich in Berlin reden und hat auch wirklich was zu Gras Voiadoroskn gesagt Und bas is so bumm gewesen, baß es bie anbern geniert hat. Unb da haben sie ihn bebeutet: .Torgelow, nu bist bu still, ° 8Ja"^lachte° Dubslav,unb roo ber nu steht, ba sollte ich eigentlich Heben Ader es is boch besser so. Nu kann Torgelow zeigen, baß er nichts' kann. Und bie andern auch. Unb wenn sie's alle gereigt haben na bann sind mir vielleicht wieder dran unb kommen noch mal oben auf, unl ieber kriegt Zulage. Sie auch, Uncke, und Pyterke natur-

Uncke schmunzelte unb legte seine zwei Dienstfinger an die Schläfe. I

Vorläufig aber müssen wir abroarten und den sogenannten .Ausbruch' verhüten unb bafür sorgen, daß unsere Globforoer 3uJrieben sind Und wenn wir klug sind, glückt es vielleicht auch. Glauben Sie nickt auch, Uncke, baß es kleine Mittel gibt?"

Zu Beseht, Herr Major, kleine Mittel gibt es. Es hat s schon.

"Und welche meinen Sie?"

Musik Herr Major, und verlängerte Polizeistunde.

'',3a", lachte Dubslav,so was hilft. Musik und neu Schottschen, dann UnV^b^ätigte Untfe,wenn bie Mädchens zufrieden sind, Herr ma{l°nctebbattefljnu[agetIn mästen,°mal wieder vorzusprechen, aber es kam nicht dazu weil Dubslavs Zustand sich rasch verschlimmerte. Bon Be­suchern wurde keiner mehr angenommen, unb nur Lorenzen hatte Zu­tritt. Aber er kam meist nur, wenn er gerufen wurde.

Sonderbar", sagte der Alte, während er in den Frühlingstag hm- ausblitfte,dieser Lorenzen is eigentlich gar kein richtiger Pastor. Er spricht nicht von Erlösung und auch nicht von Unsterblichkeit, und s beinah, als ob ihm so was für alltags wie zu schade sei. Wellttcht ts es aber auch noch was andres, und er weih am Ende selber nicht viel davon. Anfangs hab ich mich darüber gewundert, wett ich Mir irmner sagte: 3a, solch Talar- und Beffchenmann, ber muh es boch schließlich wissen; er hat so seine brei Jahre studiert unb eine Probepredigt ge­halten, unb ein Konsistorialrat oder wohl gar ein Generalsuperintendent hat ihn eingejegnet und ihm und noch ein paar andern gesagt: .Nun geht hin und lehret alle Heiden'. Und wenn man das so hort, ja, ba verlangt man benn auch, baß einer weiß, roies mit einem steht. Is gerabe roie mit ben Doktors. Aber zuletzt begibt man sich und hat die Doktors am liebsten, bie einem ehrlich sagen: .Horen Sie, wir wissen es auch nicht, wir müssen es abroarten'. Der gute Spanholz, ber nun wohl schon an ber Brücke mit bem Ichthyosaurus vorbei ist, war beinah so einer, unb Lorenzen is nu schon ganz gewiß so. Seit beinah zwanzig Jahren kenn ich ihn, unb noch hat er mich nicht ein einziges Mal be­mogelt. Und daß man das von einem sagen kann, das ist eigentlich die Hauptsache. Das andre ..., ja, du lieber Himmel, wo soll es am Ende Herkommen? Auf dem Sinai hat nun schon lange keiner mehr gestanden, und wenn auch, was ber liebe Gott ba oben gesagt Hat, das schließt eigentlich auch keine großen Rätsel auf. Es ist alles sehr diesseitig geblieben; bu sollst, bu sollst, unb noch öfter, ,du sollst nicht. Unb Hingt eigentlich alles, roie wenn ein Nürnberger Schultheiß gesprochen ^Gleich danach kam Engelke und brachte die Mittagspost.Engelke, du konntest mal wieder die Marie zu Lorenzen rüberschicken ich lieh ihn bitten." , . .,

Lorenzen kam denn auch und rückte seinen Stuhl an des Alken eette.

Das ist recht, Pastor, daß Sie gleich gekommen sind, und ich sehe wieder, wie sich alles Gute schon gleich hier unten belohnt. Sie müßen nämlich wissen, baß ich mich heute schon ganz eingehenb nut Ihnen beschäftigt unb Ihr Charakterbild, bas ja auch schwankt, wie so manch andres, nach Möglichkeit festgestellt habe. Würbe mir bas Sprechen wegen meines Asthmas nicht einigermaßen schwer, ich wär imstande, gegen mich selber in eine Indiskretion zu verfallen und Ihnen auszu- plauöern was ich über Sie gedacht habe. Habe ja, wie Sie wissen, ne natürliche Neigung zum Ausplaudern, zum Plaudern überhaupt, und Kortschädel, ber sich im übrigen burch französische Vokabeln nicht aus- zeichnete, hat mich sogar einmal einen .Causeur' genannt. Aber freilich schon lange her, unb jetzt ist es damit total vorbei. Zuletzt stirbt selbst die alte Kindermuhme in einem aus."

Glaub ich nicht. Wenigstens Sie, Herr von Stechlin, sorgen für den