Oie ÜcKe nach Weißenfels.
krzählung um Georg Friedrich Händel.
Von Hans Gäfgen.
Er war im Februar des Jahres 1692, als der Chirurgus Händel in Halle ein dringliches Schreiben seines Verwandten Georg Ehr,Man, Kammerdieners beim Herzog von Weißenfels, erhielt, mit der Aufforderung, nach der Residenz zu kommen, da ein erkrankter Hofherr sehr nach ihm verlange und feiner Kunst bedürfe.
Zuerst schüttelte der Chirurgus ärgerlich den Kopf, denn es wollte ihm gar nicht paffen, in dieser kalten Jahreszeit zu verreisen.
Zuweilen schneite es, dann wieder fiel Regen, wie es halt der Februar fo mit sich bringt.
Der kleine Georg Friedrich, noch nicht ganz sieben Jahre alt, stand neben Mutter und Vater und weinte.
Er hatte schon allerlei gehört vom Hof in Weißenfels, von der Musik und der Oper, die der kunstsinnige Herzog eifrig pflegte, und es war seit langem sein Herzenswunsch, einmal den Herrn Kammerdiener besuchen und womöglich ein Zipfelchen von all den Herrlichkeiten erwischen zu dürfen.
Nun war die Gelegenheit da, aber der Vater wollte nicht.
,Das fehlte gerade noch", donnerte er eben wieder los, „daß man dir in der Residenz wieder mit Musik die Ohren vollflötet. Ich kann das Gedudel nun mal nicht leiden, du wirft einmal die Rechte studieren und ein gelehrter Herr werden, aber kein Hungerleider, wie die Musikanten es meist sind."
Friedrich bat und bat.
Vergeblich!
Als am nächsten Tage der Wagen vorm Haus stand, mußte der Knabe zurückbleiben und allein fuhr der Vater in die Welt hinaus, nach Weißenfels, wo es Musik und Oper gab. Und feinen Geburtstag am 23. Februar mußte Friedrich auch zum erstenmal ohne den Vater feiern.
Es war ein kalter Morgen.
Der Chirurgus zog den Mantel fest an sich und sagte zum Kutscher: „Nun bin ich wirklich froh, daß ich den Friedrich zu Hause gelassen habe. Das ist kein Wetter für Kinder, das vertragen die Alten kaum, wenn sie nicht dann und wann einen tüchtigen Schluck nehmen."
. Und schon langte der Arzt die Flasche aus dem Mantelsack und hielt sie dem Kutscher hin: „Stärk dich, Philipp, es ist kein edler Tropfen zwar, aber wärmen tut er exzellent!".
Weil eines der Pferde plötzlich lahmte und ihm ein eingetretener Nagel ausgezogen werden mußte, gab es einen Aufenthalt.
Als der Kutscher eben wieder ausstieg und zufällig rückwärts schaute, erblickte er einen Knaben, der sich in raschem Lauf dem Wagen näherte.
„Wenn mich nicht alles täuscht, ist das der Friedrich!", rief der Philipp aus.
Der alte Händel schnellte auf und erbleichte.
Wirklich, der Friedrich kam angekeucht, atemlos und rief: „Vater, seid nicht böse, ich habe es nimmer ausgehalten zu Hause, nehmt mich mit!".
„Prügel verdienst du, verstehst du mich?", antwortete der Vater, dessen Gesicht vom Zorn gerötet war, und es schien, als wolle er feine Drohung sogleich wahrmachen.
Da bat der Philipp für den Knaben, allmählich legte sich des Vaters Zorn, aber plötzlich wurde er wieder nachdenklich: „Und die Mutter, wird sie sich nicht zu Tode grämen, wenn du verschwunden bist, Friedrich?".
Schüchtern kam es von des Buben Lippen: „Die Barbara weiß, daß ich Euch nachgelaufen bin, Vater!".
„So, so, die Barbara, die lacht ja stets zu deinen Streichen und entschuldigt dich, wenn es nur irgend geht. Heute aber ist es gut, daß sie Bescheid weiß, denn zurück können wir nicht, wir haben uns zu lange ausgehalten, so mußt du mitreisen, Friedrich. Sperr Augen und Ohren auf, Bub, daß die Fahrt dir zum Segen wird!"
Am Spätnachmittag hielt der Wagen in Weißenfels beim Hofknopfmacher Leisetritt, einem Jugendfreunde des alten Händel.
Hier sollte Quartier genommen werden.
Sobald es aber anging und der Vater ins Schloß gerufen worden zu dem Patienten, lief Friedrich zum Kammerdiener Christian, der sich gleich fxei geben lieh, um dem Knaben die Sehenswürdigkeiten der Residenz zu zeigen.
Das Schönste war das Schloß auf dem Berge, sonst war Friedrich ein wenig enttäuscht, denn es gab noch Strohdächer auf manchen Häusern, und das Straßenpslaster war auch nicht vom besten. Gleich aber war er wieder versöhnt, als der Verwandte vom Herzog Johann Adolf zu erzählen begann, von den Malern, die hier lebten, den Hospoeten Riemer, Linke und Neumeister. Richtig aufhorchen muhte der Knabe aber erst, als der Kammerdiener vom Hofkapellmeister Johann Philipp Krüger und seinen trefflichen Musikanten sprach, und dem Hoforganisten Edelmann, einem Meister auf seinem Instrument.
„Und eine Oper gibt's hier auch, Herr Vetter?", fragte Friedrich.
„Eine vorzügliche Oper sogar. Es trifft sich ausgezeichnet, denn morgen ist Vorstellung. Man wird das Trauerspiel mit Gesängen, betitelt „Nero, der verzweilelte Selbstmörder", ausfllhren, das solchen Beifall gefunden, dah das Publikum es zum fünften Male begehrt."
Vom Rathaus wollte der Verwandte dann sprechen, dah es ein uraltes Haus und der Stolz der Stadt sei, aber Friedrich war und blieb bei der Musik, fragte, ob es wahr sei, daß es eine Sängerin hier gebe, die im
Jahr fünfhundert Taler erhalte, und hatte gar kein Auge für das herrliche Gebäude, das da vor den beiden lag.
„Ich werde dir", meinte der Vetter, „durch einen befreundeten Musiker einen Platz im Orchesterraum verschaffen, dann hast du Musik und Spiel in nächster Nähe."
Friedrichs Augen leuchteten, und In der Nacht hatte er herrliche Träume, aber die Wirklichkeit am Abend übertraf sie dennoch.
Ein richtiges Theater gab es in Halle nicht, da spielte man Puppenstücke im „Grünen Hof", aber hier in Weißenfels, da war die ganze Wunderwelt der Bühne aufgebaut, da mochte man hundert Augen haben, um alle die Herrlichkeiten zu sehen.
Endlich erschien auch der Herzog und feine Familie in der Hofloge, der Kapellmeister nahm seinen Platz ein, das Spiel begann.
Wie ein Mäuschen huschte der kleine Händel im Orchester umher, sah bald einem Geiger, bald einem Flötenspieler auf die Hand und gab acht, daß er von den Zuschauern nicht bemerkt wurde, auch nicht versehentlich an die große Baßgeige stieß, die, wenn sie umfiel, dröhnte, als ginge die Welt in Trümmer.
Es war bald schön, bald schauerlich, und als Nero sich das Leben nahm, floß wirklich Blut, aber die Musiker erschraken gar nicht darüber, was Friedrich nicht begreifen konnte. Und als der Vorhang niedergerauscht war, packten sie die Instrumente ein und gingen gemütlich plaudernd hinaus.
Wie bedauerte der Knabe den Vater, der während des Theaters in der „Goldenen Kanne" gewesen und eine Flasche Naumburger dem Spiel vorgezogen hatte.
Am nächsten Tage, der ein Sonntag war, ging, wie der Kammerdiener erzählte, der ganze Hof zur Kirche.
Friedrich hatte sich an der Tür des Gotteshauses aufgestellt, sah den Herzog und die Hofleute an sich vorüberschreiten und schlich sich bann, hinter dem letzten der dazu gehörte, in die Kirche und hinauf, wo Meister Edelmann seines Amtes an der Orgel waltete.
Als nun der Knabe dem Orgelspieler aufmerksam auf die Finger sah, was Edelmann nicht leiden konnte, da es ihn störte und leicht aus dem Konzept brachte, räusperte er sich und suchte den Störenfried durch drohende Blicke zu vertreiben.
Ms er aber einmal den leuchtenden Augen Friedrichs begegnete, fühlte er sich geheimnisvoll berührt, stieg während der langen Predigt zu dem Knaben herab und fragte ihn, wer er fei.
„Georg Friedrich Händel heiße ich und bin mit meinem Vater zu Besuch in Weißenfels,"
,Hast Freude an der Musik, Büblein?"
„Ja, sehr, habe auch schon auf der Orgelbank gesessen in Halle bei Meister Zachau."
„Einen Bären willst du mir aufbinden, BübleinI", lachte da Edelmann.
„Mit Nichten, Meister, und wenn Ihr erlaubt, zeige ich Euch nach dem Gottesdienst, dah ich die Wahrheit gesprochen habe."
Als der Schlußvers gesungen, erlaubte der Organist dem Buben, auf die Orgelbank hinaufzuklettern.
Es war ein rechtes Wunder, so dünkte es Edelmann, als der Kleine nun in die Tasten griff, als habe er es schon viele Jahre getan.
Aber auch der Herzog, der von seinem Platz zufällig nach der Orgel hinaufblickte, staunte, als er da ein Büblein sitzen sah und nicht Meister Edelmann.
Am Nachmittag muhten Vater und Sohn aufs Schloß kommen.
Der alte Händel wußte nicht recht, sollte er sich freuen über die Ehre ober sollte er traurig (ein, baß ber Bub nun boch roieber unter bie Herrschaft ber Frau Musika, ber ber Alte keineswegs gewogen, geraten war.
Steif, bie einem Herzog gegenüber üblichen Worte gebrechselt vernehmen zu lassen, nahte sich ber Herr Chirurgus bem Fürsten unb seiner Gemahlin, inbes Friebrich kerzengerabe neben bem Vater einherging unb ben Blick frei auf bie herzogliche Familie richtete.
Der Herzog, ber sich inzwischen genau über Hänbel unb seinen Sohn unterrichtet hatte, fragte ben Vater, was benn werben solle aus seinem Sohn, der schon mit sieben Jahren an der Orgel sitze und nichts als Musik im Kopfe habe.
„Ein gelehrter Herr, Durchlaucht, einer, der die Rechte studiert unb angesehen ist im Lanbe."
„Unb unglücklich, sehr unglücklich, lieber Chirurgus, weil er burch väterlichen Unverstanb nicht das hat werden dürfen, wozu ihn Gott bestimmt."
„Zu einem Hungerleider, Durchlaucht, kann ich den Friedrich doch nicht werden lassen", wagte der alte Händel zu erwidern.
„Nein, gewiß nicht, Händel, aber zu einem großen Meister, wie der alte Heinrich Schütz einer gewesen, der hier in Weißenfels gelebt und geschaffen hat."
„Ja, Durchlaucht, ein Schütz wird nicht alle Tage geboren , meinte der Vater.
„Ja, unb ein Knabe, ber mit sieben Jahren nur bie Musik kennt, ber feinem Vater nachläuft, nicht ber zu ermartenben Strafe achtenb, nur, um borthin zu kommen, wo es eine Oper gibt unb Musikanten, ein solches Kinb, lieber Hänbel, bas muh man hegen unb pflegen, baß es ein Meister wird. Versprecht Ihr mir, Herr Chirurgus, daß Ihr dem Knaben einen guten Lehrer geben wollt, der ihn geleitet in das Reich der Musik?"
Der Vater nickte, unb so würbe bie Reise nach Weißenfels ein Wendepunkt im Leben des Knaben, der auffteigen sollte zu Ehren und Rubm, den Beethoven in seinen letzten Tagen ehrfurchtsvoll „Meister aller Meister" nannte.
Verantwortlich: 0r. HanS Thyriot. — Druck und Derlag: Deühi'fche Univ er s itäts-Duch- unb Eteinbruckerei, R. Lange, Giehen.


