Januar.
Von Josef Weinheber.
Das Jahr geht an mit weißer Pracht, drei Könige stapfen durch die Nacht, das Rehlein scharrt den harten Grund, klar ziehn die Stern in ernster Rund. Der Weg verweht, das Haus so still, der Bauer liest in der Postill.
Der Ofen singt, die Stund vergeht, nur sacht, wir kommen nie zu spät. Um Fabian, Sebastian hebt neu der Baum zu saften an, und an dem Tag von Pauls Bekehr ist halb der Winter, hin und her.
Otto Ubbelohde.
Zum 70. Geburtslage des Künstlers am 5. Januar.
Bon Jürgen Rauch.
Auf uns Kinder übten drei dicke grüne Bücher in der elterlichen Bibliothek einen mystischen Zauber aus. Zur Betrübnis besonders meines Vaters verschwanden die Bände regelmäßig von dem Bücherbrett, um dann erst in irgendeinem Winkel in den Händen eines weltvergessen darin vertieften Knaben wieder auszutauchen. Der Zauber schien zu wachsen, je mehr die äußere Gestalt der Bücher litt, und er erneuerte sich erst recht, als die viel jüngere Schwester ■— unter ähnlichen Symptomen — in diesen Bann gezogen wurde. Die drei Bände der Grimmschen Märchen mit den Zeichnungen von Otto Ubbelohde waren die Bücher unserer Kindheit, und ganz unfaßbar schien uns, daß es lemand auf Erden geben sollte, der die Märchengestalten da hineingezeichnet hatte. Als dieser Jemand gar öfter in unser Haus kam, sahen wir mit atemloser Spannung an dem hochgewachsenen und breitschultrigen Manne mit dem dunklen Vollbart empor, sicher, auch an ihm selbst das Wunderbare zu entdecken. Das war schon einmal die gar nicht herkömmliche Kleidung — der Schnitt der kurzen Schnallenhose und der weiten Rockschoße — ähnlich dem der Schwälmer Tracht — und mehr noch seine leuchtenden braunen Augen über der kühnen Adlernase. Beweis des Wunderbaren war es uns auch, wenn wir den Stift in Ubbelohdes Hand scheinbar mühelos über das Papier gleiten sahen, und aus Linien, die gar nicht endeten, erstand ein Wolkengetümmel wie ferne Gebirge ausschauend. Noch kurz vor feinem Tode saß er auf dem Balkon und zeichnete fo mit wenigen Blei- stiftstrichen die Kapelle auf dem Alten Friedhof, umgeben von den alten schönen Bäumen, und das sparsam aufgetragene Rot und Gelb der Buntstifte fing die ganze melancholische Pracht des Herbsttages ein.
Wenn solche Erinnerungen an Ubbelohde aus unseren Kindertagen wieder aufwachen, dann sehe ich auch ganz deutlich das Haus unter den hohen rauschenden Bäumen vor mir mit dem ockerrot gefärbten Fachwerk und den kratzgeputzten Ranken, das noch bis ins kleinste Stuck der Ausstattung der Ausdruck seines Wesens war. Ganz nahe dabei die schwer zwischen steinigem Geröll dahinfließende Lahn und jenseits davon Hügel, Dörfer und Wälder. Hier im Goßseldener Tal bei Marburg lebte er 25 Jahre mit seiner Frau, die ihm gleichgestimmt war im Fuhlen und Denken. Hier, wo er den Wechsel der etwas schwertonigen Licht- und Luftstimmungen immer neu erlebte, dann in unserem Oberhessen sich erinnere nur an die Zeichnungen der Stadtkirche in Gießen, des Alten Gießener Rathauses, von Arnsburg, vom Büdinger Schloß, von den Burgen Gleiberg und Vetzberg), im Vogelsberg, an der Lahn, 'm Odenwald und im übrigen deutschen Vaterland erwuchsen seine Bilder, Radierungen und Federzeichnungen.
Wie einer jener königlichen, nie unfreien niedersächsischen Bauern, so saß der Abkömmling niedersächsischer Bauerngeschlechter auf seiner eigenen Scholle, und vielleicht ist es aus feinen Vorfahren auf dem einsamen Gehöft „Up der Lode" heraus zu erklären, daß es ihm überall zu viele waren, und er erst in der Einsamkeit bei Goßfelden eine bleibende Wohnstatt fand. Otto Ubbelohdes beide Eltern stammen aus dem Hannoverschen, von der Mutter, einer Schwester des Radierers Unger, hat er wohl die bildkünktlerische Begabung mitbekommen. Am 5. Januar 1867 wurde der große Zeichner — vor 70 Jahren also — in Marburg geboren, wo sein Vater Professor der Rechte an der Universität geworden war. So ist es zu verstehen, daß sein ganzes Schaffen, die schier unermeßliche Fülle seiner Griffelkunst, seiner Zeichnungen und auch seiner zu Unrecht weniger bekannten Gemälde, ein einziger Lobgesang auf seine hessische Heimat ist, obgleich die Mittel seiner Kunst ganz norddeutsch sind, im besten Smn des Wortes nordisch.
Nach der Marburger Schulzeit bezog Ubbelohde die Münchener Aka. demie. Daneben lernte er, zunächst von feinem Onkel, dem Wiener Grapbiker William Unger, dann von dem Münchener Radierer und Maler Men er (Basel) die graphischen Künste, besonders die Radierung. An den Kämpfen und Richtungsstreitigkeiten innerhalb des Münchener Kunft- lebens, wo die Diktatur Pilotys soeben von der ß e n bad) s abgelost war, nahm er so gut wie keinen Anteil. Eine Zeitlang schloß er sich Der Gruppe von Münchener Künstlern an, die wie Riemerschrnid u.a. von der Malerei zu einer vollkommenen Erneuerung der deutschen Kunstgewerbes kamen. Ubbelohde gehörte damals auch zu den Mitbegründern der Vereinigten Werkstätten für Kunst im Handwerk (1897). Nur wenige Jahre hat er sich dieser Bewegung gewidmet, die nut der leblosen Stil« Nachahmung und unechten Verschnörkelung aufräumte. Eine Reihe von
Entwürfen des Kunstgewerblers Ubbelohde befinden sich heute km Fletw» burger Museum. Dann schuf er auch damals die Wandteppiche, Wandschirme, die Möbel und überhaupt die ganze Innenausstattung seines Goß- seidener Hauses. Schon in dieser Frühzeit sind es heimatliche Motive, die ihn zur Gestaltung drängen: eine Schwälmer Gänsemagd, hochragende Kiefern ... Ein Wandschirm mit fliegenden Reihern über einer hessischen Landschaft, das im Breslauer Museum für bildende Kunst seinen Platz fand, kann man als eines der besten Werke Ubbelohdes überhaupt bezeichnen.
Nach seiner Münchener Akademiezeit lebte der Künstler einige Zeit in Worpswede, der Künstlerkolonie nahe bei Bremen, wo ihn Heinrich Vogeler und besonders Otto Moder sohn, der naturnahe Landschafter mit der phantastifchen Märchenftaffage, anzog. Es war 1895, also gerade zu einer Zeit, als diese Malergruppe mit ihrer Rückkehr zur Heimatlichkeit stimmungsvoller Natur im Münchener Glaspalast ihren großen Erfolg errang. Jedoch schon kurze Zeit später schlägt er in Goßfelden endgültig fein Heim auf, einsam und weltabgeschieden, ein freier Mann auf eigener Scholle, der die Gesellschaft von Wolken und Wind und sturmgepeitschten Bäumen mehr liebt als die der Menschen. (Die Städte Marburg und Gießen und die Freunde darin waren weit genug und doch auch wieder nah, wenn ihn danach verlangte.) Nur einmal hat er, dem Drängen von wohlmeinenden Freunden nachgebend, kurze Zeit als Lehrer an der Karlsruher Akademie gewirkt. Aber schon bald kehrte er wieder nach Goßfelden zurück: Unterrichten lag ihm nicht, er wollte und mußte schaffen. Mit unerhörtem Fleiß und strengster Selbstzucht hat hier Ubbelohde 25 Jahre lang gearbeitet.
Otto Ubbelohde ist in erster Linie durch feine Graphik bekannt geworden. Sein angeborener Sinn, feine persönliche Neigung ließen ihn eine solche Meisterschaft in der Kunst des Griffels erreichen, daß er scheinbar mühelos feinen Linien sowohl den Ausdruck heroischer Wucht, nordischer Strenge als auch märchenhafter Anmut und Zartheit geben kannte. Und die bleibende Wirkung wird wohl auch seiner graphischen Kunst vorbehalten fein. Deshalb war aber Ubbelohde doch ein Maler von Gottes Gnaden, der über feinen Gemälden in die göttliche Trunkenheit des echten Künstlers geriet und selbst glaubte, fein Höchstes und Bestes darin zu geben. Bestimmt ist der Maler Ubbelohde unterschätzt worden, das lag und liegt wohl daran, daß natürlich die Bilder weniger zugänglich sind Glücklicherweise besitzen wir in Gießen von ihm ein wundervolles Landschaftsbild, das die ganze Meisterfchaft des Malers offenbart. Es hing früher in der Städtischen Galerie und jetzt wohl im Kunstwissenschaftlichen Institut. Weitere Gemälde sind in der Kasseler Galerie, in der Darmstädter (eine Landschaft und ein Stilleben), Marburg besitzt zwei Landschaften.
Ubbelohde wurde nicht müde, auch im gemalten Bilde immer wieder in erster Linie die hessische Heimat zu gestalten; da ist unser Gleiberg zur Zeit der Schneeschmelze, mit dem in feinsten Linientönen schwingenden Schneelufthimmel, oder seine heroischen Bilder, wo die Landschaft in große Formen geballt ist wie bei der „Mellnau" (in Gießen) oder dem „Meu- bokus", der merkwürdigerweise in der Kasseler und nicht in der Darmstädter Galerie zu finden ist.
Am liebsten malte er einsame Natur ohne den Menschen, gern auch wellige Berglinien am Horizont, Vögel in der Luft und den unendlichen Wolkenreichtum am hohen Himmel. Wolken! Es war fein großer Wunsch, sie so zu malen, wie sie bisher noch niemand gemalt hatte, wenn sie drohend und schwermütig sich über der Heimatlandschaft ballen. Aber auch das ist ein echter Ubbelohde, wie er in der Wohnung meiner Eltern hangt: Leichte Schäferwölkchen, die ein morgenfrischer Wind über frühlingsfeuchte Felder jagt. Gerade in feinen Wolkenbildern lebt der Künstler feine Kunst am stärksten. Das urdeutfche Wollen bricht in ihm auch in dieser Wolken- fiebe durch, welche die von Nietzsche so verspottete echte deutsche Liebe zu allem Werdenden, zur ewigen Bewegung ist — nur darum verspottet, weil sie in Gefahr geriet, vom deutschen Philister gründlich mißverstanden zu werden. Romantisch hat man diesen Wesenszug auch genannt, und es ist kein Wunder, daß Ubbelohde in feinen letzten Jahren Eichendorfs so wesensgleich illustriert hat.
Wie fünfzig Jahre vor ihm Ludwig Richter, so fand auch Otto Ubbelohde über das Märchen den Weg mitten ins Herz des Volkes. Es mag fein, daß Richter den Ton kindlicher Einfalt besser getroffen hat, Ubbelohde hat in feinen Märchenbildern erst zum Bewußtsein gebracht, wie deutsch unser Märchenschatz ist. Vor noch gar nicht allzu langer Zeit war die deutsche Märchenwelt noch ganz mit orientalischen Vorstellungen bevölkert. Indem aber der große Zeichner Ubbelohde die Märchenhandlung auf den hessischen Heimatboden stellt, der ja zugleich die Heimat der meisten Grimmschen Märchen ist, gibt er ihnen neues, unerschöpflich reiches Leben. Auf jeder Seite fast sind Anklänge an unsere engere Heimat zu finden: der Däumling reitet auf einem Taler von einem romanischen Palast in die Lande. Unverkennbar ist die romanische Burg Münzenberg. Oder ,enes hochgewölbte Säulenfenster, durch das „die Rabe" nach ihren verzauberten Brüdern schaut, jeder kennt es wieder, der einmal in der Gelnhäuser Kaiserpfalz war. Aber die Natur, die Landschaft, die Kunstwerke sind nie sklavisch kopiert. Die einzelnen Motive sind gewiß überall von einem liebevoll beobachtenden Auge herauszufinden, aber das Hessische ist in diesen Federzeichnungen zugleich so wesenhaft und überzeitlich deutsch, daß auch ein Niedersachse ober Ostpreuße, der nie die hessische Landschaft gesehen hat, sich heimisch und vertraut angesprochen fühlt.
Daß die Reichsjugendführung vor einiger Zeit eine Neuauflage der Grimmschen Märchen mit den Zeichnungen von Otto Ubbelohde veranlaßt hat, zeigt, wie die deutsche Jugend und nicht nur die deutsche Jugend diese Märchen sehen soll: mit den Augen des großen deutschen Künstlers, dessen Kunst weiterleben wird als Geschenk an sein Volk.


