Ausgabe 
3.12.1937
 
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Oie Lesusgeschichte.

Bon Hermann Claudius.

weg­seins Kopf:

Derantwortltch: 0r. Han» Thyrio«. - Druck und Derlag: Drühlfche Universität» druckerei R. Lange, Vieh en.

Kaum aber hatte ich aus dem engen Dunkel der Terrasse die Straße erreicht, wo bereits die ersten Laternen angesteckt wurden als em un- aeheurer Lärm von der Stadtseite her aufsprang und schnell naher kam Es ratterte und ratterte, und auf einmal erkannte ich an dem grellen Bellen der Klingel, daß es die Feuerwehr war, die dort heran­tollte. ,, .

Da waren auch schon die ersten Wagen mit der Mannschaft in ihren schwarzen Schutzhelmen mit den blanken Raupen. Der, Lenker hielt w vorgebeugt die gelblederne Leine. Die herrlichen Tiere jagten im Galopp mit wehender Mähne dahin, als wühlen sie, warum. f)inter dem Lenker stand ein Behelmter und regierte die Schelle, wahrend der Mann m der Mitte des Wagens die schwelende Fackel hielt. Die übrigen Manner standen links und rechts längsseits oder sahen. Der Fackelschein huschte hin und her über ihre trotzigen Gesichter Danach kam d>e Dampf­spritze mit dem Viergespann davor. Der dicke Kerl hinten stokerte un­geachtet der schnellen Fahrt geruhig in der roten Kohlenglut unterhalb des Kessels, dah einzelne Glutstücke auf das Pflaster sprangen. Zuletzt kam schwankend die grohe Leiter.

Aber vor allem waren es die Pferde, die herrlichen blanken und schlanken Pferde, von denen ich kein Auge ließ und im Trabe neben­her rannte, damit ich sie desto länger betrachten konnte. Ich glaube, meine blohen Haare flatterten mit den Hellen Pferdemahne« um die Wette.

Ja! Vier Mark und fünfunddreihig Pfennigs

Der Mann 'legte feine Hand auf meinen Kopf und fugte:S.eh m°L so genau weißt du das, Wie konntest du sie dann, nur verlieren? Dann langte er in seine Rocktasche und zog «me grüne seidene Bors« hervor, die genau so aussah, w,e meiner Mutter ihre

'Vt es dies« vielleicht?" sagte der Mann und hielt mir die Bors« hin" Ich qrifs hastig zu und fühlte die knirschende Seide und suhlte die' einzelnen Geldstücke und fühlte es mir warm ums Herz kriechen und sagte glückhaft erschrocken:Ja, das ist fiel

Dann halte sie nun aber besser fest - sagte der Mani ^

Und während ich noch immer leise ungläubig aus das Wieüervor bandene in meiner Hand staunte, war, als ich endlich aufsah, der Mann verschwunden. Ich blickte links und rechts die Straße hinauf und hinab aber ich sah ihn nirgends mehr. Ich hüpfte zum Kramer Paart und zahlte die Wochenschuld und vergaß, dah er stempeln sollte, und kehrte an d°r Tür wieder um und rief so laut, daß alle Leute mich ansahen:Aber stempeln, Herr Poort, aber Quittung stempeln lHoppa^ Ich hüpfte mit den wenigen dazugekauften Dingen Käse, Zucke und Schmalz - zur Mutter zurück, legte die Tuten aus den T.sch.und

Börse auf ihren Schoß. Dann setzte ich mich aus einen Stuhl der Mutter gegenüber und sagte gar nichts.Was siehst du nnch denn so seMam an Junge?" - fragte die Mutter -es stimmt doch alles!" Ja, Mutter" __ sagte ich und weiter nichts und den ganzen Abend

nichts und den andern Tag auch nichts.

Denn in mir war ein großes Streiten ausgebrochen und tobte durch meinen Kopf lauter als die Feuerwehr durch die Straßen getobt hatte. Wie war es gewesen? Hatte ich nicht den Himmel um em Wunder g beten? Ich hatte es nur leise getan, aber getan hatte ich s Und war der fremd« Mann mit dem schmalen Gesicht und den freundlichen Augen

Ml», »n» Ich burft; d.. (. * mandem erzählen. Alle würden mich auslachen Es konrüe ,a nicht der Herr Jesus gewesen sein. Und das vom Jüngling zu Rain war d) bloß eine Geschichte und ewig lange her. Aber ich trotzdem nicht mit mir ins Reine und lies wie versessen in meinen Gedanken umher. baß Peter Arp sagte:Mensch, was ist das mit brr? Habt ihr geerbt.

Nein wir hatten nicht geerbt. Aber weiter verriet ich auch nicht. Zwei Tage später sagte Peter Arp und kniff dabei das linke Auge zu sammen:Du - ihr habt doch geerbt." Ich sagte wieder nichts und muhte mir das schlimmste Wort bieten lassen, das es unter uns Knaben gab:Du Feigling du!" sagte Peter Arp und dabei spuckte er aus.

Ich^aberlernte mU einer Lust und einem Eifer, die ich sonst nur im Zeichenunterricht aufbrachte, die Gleichnisse und Jesusgeschichten aus mcnbig. Und als eben vor Ostern die Geschichte vom Abendmah e zählt ward und die vom Garten zu Gethsemane war ich stitl und r chüg traurig, und auf den Judas Jscharioth hatte ich eine wirkliche Wut im ^^Erst^'viel^'später habe W an einem ruhigen Sommerabend als ich neben meinem Baler auf dem Sofa saß und 'nem Vater wieder s°m lanae Pfeife rauchte, von der verlorenen und wledergefundenen Bon erzählt und von dem Manne mit dem fchmalen Gesichte und den großen freundlichen Augen. Ob es Jesus Christus gewesen fein könne hab« ich dann meinen Vater gefragt und meinen Kopf an seine Schulter g legt und gewartet. Mein Vater hat lange Zeit ftillgeschwiegem Dann faate er an seiner Pfeife vorbei und ohne mich anzusehen:Gewiß war es Jesus Christus! Gewiß war er es! Warum sollte er es mäst gewesen sein, der große Wundermann? Glaube es nur fest, aber rede usüsi b über. Man muß den Mund halten können, sonst ist es dahin. Dabe wa mein Vater mich fest an sich. Und der dicke Rauch aus seiner langen Pseif« fuhr mir wie eine Wolke über das Gesicht. Ich hielt still, obg es mir in den Augen brannte.

«»dlick mußte ich stoppen. Das Feuer schien weit weg zu sem Mit trauer irn Henen sah ich die leuchtende lärmende Pracht um die E Ecke entschwinden. Meine Aufregung sackte. Der Kramer Poort - ja, ja, zu dem mußte ich nun zuruck.

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baü« wa? ick so klug oder so dumm wie vorher. Wie war es bloß ÄsCns» W? » (Fg half auch nicht. Die Börse blieb weg.

auf Erden gewandelt hätte als ich beinahe gegeneinen Mann an vlöklick am Wege stand und mich lächelnd ansah.

je'S"£ war groß und Hage?und schmal von Gesicht Er trug feinen fiut Sein Haar und Bart waren hell und rote Wellen. Aber eigentlich sah ich nur seine großen sreundl^ älugen Vas

snnf ein weniges geneigt, auf mich niederblickte. Er fragte,was stichft du' Denn Ser Da konnte ich'den Tränen nicht mehr wehren und schluchzte mein« große Not stotternd heraus.

Der Mann sagte:So, so. War denn sehr viel Geld m deiner Bors«.

Als jemand einmal zu Hause über di« Gestalt Christi «ine werfende Bemerkung laut werden lieh, setzte mein Herr Vater lange Pfeife mit einem Ruck ab und sagte mit Zuruckgeworfenem Was einer nicht wisse, das wisse er eben nicht. Ihm aber sei fein Herr Jesus im Leben begegnet - und er könne wohl sagen: leibhaftig. Aber darüber rede man nicht. , x ,

Dieses Wort meines Vaters, ruhig und bestimmt gesprochen, horte ich mit heimlichem Erstaunen. Es schien mir rote der Anfang eines wunderickönen Märchens. Aber nach Knabenart vergaß ich es darauf bald Ld e7ft lang? danach sollte ich es am eigener, Lech« erfahrem

Meine Mutter hatte mich zum Kramer Poort geichsüt. Es war an einem Samstag, wenn bezahlt ward, was die Woche über zu Buch geschrieben worden war. Die Mutter hatte nur deshalb ihre Börse mit' acneben einen Beutel mit zwei Zipfeln und einem mittleren Einschnitt, üb®räen Zwei hölzerne Ringe als Verschluß geschoben wurden. Diese Börse war ein Hochzeitsgeschenk der Eltern, das wußte ich- Sie wo au? grüner Seide gehäkelt, die seltsam zwischen den Fingern knirschte.

Gib aut acht!" - hatte die Mutter gesagt - und nur die vier «Diart sünstmdd/eißig Pfennig genau vorgezahlt. ^Unddaherjade Duittuna stempelt!" rief sie nur noch nach.Ja, Mutter haue ich geantwortet und war damit schon die halben Treppen hinunter-

DI« Frau war neben ihrem Josias niedergekniet und hatte seinen Kopf

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S 88. «<£

^'unNndem sie weiter Walt, daß er eben nie d°- Richtige zu sagen

, ^Begrabtden Mann und laßt sie in Frieden!" sagte der Tilly.

Oezemberabend.

Von Georg Schwarz. Um der Laternen Flimmerkreis Tanzt Schnee wie weiße Mücken, Die Flockenschatten huschen leis We Mäuslein übers Linnenweiß Und schlüpfen in die Lücken.

Weiß pudert Straße sich und Haus, Behaubt sich Dach und Giebel, Ein alter Mann trägt Tannen aus, Schneebärtig wie Sankt Nikolaus In einer Kinderfibel.

Der frostige Dezemberwind Tanzt auf dem First und fächelt, Ein Mädchen träumt vom Himmelskind, Schaut in die Luft fchneezauberblind Und geht besternt und lächelt.