Stimmen im Advent.
Von Hedwig Forstreuter.
Die Schritte der Einsamkeit gehen ums Haus, Man kann sie zur Nachtzeit hören;
Durch Tunnensausen und Windgebraus Immer im Schnee die Schritte ums Haus Und Stimmen von fernen Chören.
Wer rastlos war und sehr leise schlief, Darf wieder den Schlummer lernen Und hört es mit Freude, wie jemand rief Mit sanfter Stimme, dringend und tief, O Stimme über den Sternen.
O Stunde des Wartens, so fern aller Qual Verstummt vor dem ewigen Lauschen, Der Wind auf den Höhen, das Klingen im Tal, Du weißt es im Herzen, dies war schon einmal. Und es kam wie mit Flügelrauschen.
Sie kommt unabweisbar, so bittend und klar, So sicher durch alle Fernen
Und ruft um die dunkelste Zeit im Jahr, weil dunkel immer das Heilige war. Die Stimme über den Sternen.
Oer Zausterfink.
Eine Geschichte von OttoAnthes.
Josias Vrederloh, aus dem Braunschweigischen stammend und nach einem abenteuerlichen Leben nun kurpfälzischer Schlotzhauptmunn und Kommandant auf dem Hohen Dilberg am Neckar, war der jüngste nicht mehr und auch schon ziemlich mitgenommen von seinen Kriegsfahrten in ineler Herren Ländern und Diensten. Er war aber darum noch keineswegs gewillt, auf die großen und kleinen Vergnügungen des Lebens zu verzichten. Nun war der Hohe Dilberg in Kriegszeiten wohl ein wichtiger Aatz, weil er das Neckartal sperrte und damit die kurpfälzische Haupt- itadt Heidelberg deckte, im Frieden jedoch ein einsamer und wenig unterhaltsamer Sitz. Und also nahm sich Josias Vrederloh zu seiner Gesellschaft ein junges Weib. Es war ein Fräulein aus einem kleinen pfäl- jifchen Adelshaus, in dem es verzweifelt wenig zu brechen und zu ieißen gab, weshalb die Sippe allem Adelsstolz zum Trotz stoh war, !ie Tochter an den ältlichen und fremdstämmigen Kriegsmann loszu- verden. Die junge Frau fand sich auf ihre Art in den neuen Zustand, ndem sie nämlich den ganzen Tag auf der alten Feste herumschalt und inerte, weil ihr alles nicht gut genug war. Da dies aber, wie jeder Igürte, nicht einer Bosheit ihres Herzens entsprang, sondern nur eine Ablenkung ihres unbändigen Lebensdranges war, so nahm es ihr eigent- lch keiner übel, am wenigsten Josias Vrederloh, der nur krachend lachte, venn sie ihm zum so und sovielten Male am Tag den grauen Kopf rusch, daß es eine Art hatte. Er nannte sie mit einem aus seiner nörd- ichen Heimat mitgebrachten Scherznamen seinen „Zausterfink". Und weil tes Wort in ihrem pfälzischen Wörterbuch nicht vorkam, gab es ihr innrer wieder Anlaß, noch heftiger zu zaustern.
„Du braunschweigischer Stockfisch", schalt sie, „du kannst nichts als lichen. Kein einziges vernünftiges Wort weißt du zu sagen."
„Doch", erwiderte er. „Zausterfinkl" Und lachte noch krachender. Es Hang, als ob einer ein dickes Brett auseinanderbräche.
Das ging fo eine ganze Zeit wunderschön, bis der Schloßhauptmann tines Tages merkte, daß eine Veränderung eingetreten roar: aus seinem Lausterfink war schier über Nacht ein kleines betrübtes Vögelchen ge» iwrben. Er staunte ein paar Stunden lang über dieses Naturereignis. Hann aber fragte er sie geradewegs: „Was hast du, mein Zausterfink? Lu zausterst ja nicht."
Sie sah ihn aus vorwurfsvoll traurigen Augen an und antwortete: -Kch bin verliebt."
Josias zerbrach zunächst einmal ein besonders dickes Brett, ehe er sichst vergnügt weiterfragte: „In wen denn?"
„3n deinen jungen Seutenant."
Da wurde der Schloßhauptmann ganz still. Er kratzte sich erst den «pf und dann das rechte Bein,'das schon manchmal Anwandlungen von pipperlein hatte, murmelte darauf: „Verflucht, verflucht!" und sand end- ch wieder festen Boden unter den Füßen.
„Wie weit seid ihr denn schon miteinander?" erkundigte er sich und Jtö sich Mühe, feiner Stimme einen harten Klang zu geben.
„So weit, daß jeden Augenblick ein Unglück geschehen kann", sagte sie
Vor diesem Ton wurde er vollends ratlos.
„ „Ja, was soll ich denn dabei tun?" sagte er, nun auch seinerseits »-glich.
,^hn fortschicken", riet sie mit einem Tränchen im Auge.
.. Er starrte sie an wie ein Wunder. Dann nickte er gewaltig^ mit '!r«em bicken Schädel und sagte, erlöst und befreit: „Soll geschehen.
, Selbigen Abends noch ritt der ßeutenant seelenvergnügt gen Heidel- •e,S) ab. Denn der Schloßhauptmann, der ein grundguter Kerl war, hatte M verraten, was in dem Briefe stand, den er ihm an die kurpfalzisch« "egskammer mitgab: daß es nämlich schade sei um den jungen tüchtigen
ÜRann, wenn er auf dem Dilberg versauere. Man solle ihm einen Bosten geben, wo er mehr zu tun und heftiger zu leben hätte
Indes — wenn Josias gedacht hatte, daß nun alles gut sei, dann batte er sich getauscht. Sein Weib ging weiterhin still und versonnen durchs Haus und kein kräftiges Wort kam aus ihrem Munde. Er fragte fte: „Tuts sehr weh, daß er fort ist?" a
.. fa9fe„ f’c verächtlich. „Der hat ja übers ganze Gesicht ge»
ftrarjlt, daß er wegkam. Nun ist er weg, auch aus meinem Herzen."
„Ja dann —" zögerte der Schlaßhauptmann. Aber er vollendete nicht, |onöern ging in feine Stube und lief in tiefen Gedanken darin auf und ab.
„Wenn sie nicht mehr in ihn verliebt ist und doch nicht wieder zauftert, dann ist es überhaupt darum, daß sie einen alten Mann hat."
Er trat zum Spind, langte fein großmächtiges Reiterpistol hervor, das ihn auf all feinen Feldzügen begleitet hatte, und legte es vor sich auf den Tisch. 1 '
„Das hätte ich auch nicht gedacht", setzte er fein stummes Selbst- gefpracb fort, „daß ich mir mit diesem braven Schießeisen noch einmal selbst eine Kugel vor den Schädel brennen würde. Aber was soll man machen? Soll man ein junges Menschenkind kreuzunglücklich werden kiffen, weil man als alter Knabe noch so luftig ist, daß ‘man ein junges Weib haben mochte? Das will die Natur nicht, und.alfo muß die Schieß» kunst helfen. ' u
Er war aber in eine so tiefe Mutlosigkeit seines sonst so tapferen alten Herzens verfallen, daß er noch eine Weile zauderte zu tun was er feft vorhatte Und plötzlich stand fein Weib in der Stube hinter ihm. Als sie das Pistol auf dem Tische sah, brach das Gezauster mit Macht über ihre Lippen. ’
„Du alter Kracher", rief sie, „was soll denn das bedeuten? Bist du etwa ganz verrückt geworden? Oder was fehlt dir sonst?"
sie bas Pistol vom Tisch, schmiß es in das Spind zurück, schloß ab und steckte den Schlüssel in die Tasche, die sie am Gürtel trug. Uno Zeterte unaufhaltsam weiter: „Das wär mir ein rechtes Helden» stuckchen, daß du dich davon machtest, damit ich nachher gar keinen hätte. Glaubst du, es würde mir Spaß machen, als arme Witwe der Sippe auf dem Hals zu liegen? Denn hinterlassen tatst du mir ja auch nichts, außer deinen alten Wämsern, den Reiterstiefeln und dem Schießeisen da drin. Mit dem könnt ich dann ja wohl auf die Männerjagd gehen, bafe fu erft recht davonliefen. Du alter Esel, du gutes dummes Schaf! Nichts kannst du dir recht überlegen, und wenn ich nicht wär, machtest du nichts als Torheiten und Narrenstreiche."
So ging es noch eine gute Weile weiter, und der Schloßhauptmann wurde immer fröhlicher dabei, er zerbrach ein Brett nach dem andern, bis es em ganzer Stapel war. Zuletzt fing er sich den wilden Vogel und erstickte mit seinem dicken Schnauzbart das Gezauster des schnellen'Schna» bels. Was allerdings auch auf die Dauer nicht glückte.
Nun herrschte wieder wie vordem der fröhliche Krieg auf dem Hohen Dilberg, bis ein ernsthafter Krieg ihn abzulösen sich anschickte. Der Kur» fürst von der Pfalz, Friedrich der Fünfte, hatte sich zum König von Böh, men wählen lassen und damit den grimmen Zorn des Kaisers geweckt. Der warf ihn zuerst aus Böhmen hinaus, daß der arme Fürst flüchtig gehen mußte, und war nun drauf und dran, ihm auch fein angestammtes Kurfürstentum zu entreißen. Von zwei Seiten rückte der Feind gegen die Pfalz heran, vom oberen- Neckar der Tilly mit dem Heer der Liga, und von Süden die Spanier unter Spmola. Der Schloßhauptmann Josias Vrederloh hatte alle Hände voll zu tun, um feinen Dilberg in gut-n Verteidigungszustand zu fetzen. Und feine Frau war Tag für Tag und auch einen Teil der Nächte damit beschäftigt, die Keller und Vorratskammern mit Proviant zu füllen. Darüber wurde sie abermals still und in sich gekehrt.
Josias fah es, und feine Gedanken fingen wieder an, die alten Wege zu gehen. „Sie denkt daran", sagte er sich, „daß mich hierbei der Teufel holen könnte und daß sie bann frei wäre." Aber es machte ihn nicht klein und traurig wie damals, dies zu vermuten. „Sie wird auf eine anständig? Art Witwe", sagte er sich befriedigt. „Und ganz so arm, wie sie meint, wirb sie auch nicht sein", fuhr er listig fort. „Ich hab heimlich drunten in Neckarsteinach ein hübsches Haus gekauft mit einem großen Garten, einem netten Weinberg und auch ein paar Aeckerchen mit Wiesen. Das ist ihr vermacht und verschrieben. Wenn sie dann so nachher ein bißchen etwas in die Milch zu brocken hat, wer weiß —? Jung ist sie noch immer und sehr ansehnlich auch —"
Der Krieg nahm einen üblen Gang. Tilly schlug den Markgrafen von Baden, der für den Kurfürsten kämpfte, bei Wimpfen aufs Haupt und rückte vor den Hohen Dilberg. Josias Vrederloh wehrte sich wie ein Löwe, aber es half ihm nichts. Nachdem sie feine Mauern zufammen- geschoffen hatten, drangen die Feinde in die Feste. Josias verteidigte noch mit dem übriggebliebenen kleinen Häuslein seiner Leute, auf der Freitreppe stehend, feine Kommandantur. Da traf ihn eine Musketenkugel, und als er zur Erde sank, gaben auch die Letzten den Widerstand auf. Schon stürzten sich drei oder vier von den Tillyschen auf den am Boden -Liegenden und schickten sich an, ihm mit Piken und Säbeln den Rest zu geben. Da fegte wie ein Sturmwind aus der Tür des Hauses ein Weibs- wesen heraus und überschüttete die Kerle mit einem wahren Gewitter von Gezeter und Geschimpfe. Ob sie Christenmenschen oder wilde Tiere wären, schrie sie, daß sie einen alten wehrlosen Mann verhackstücken wollten, der bis zum Letzten seine Pflicht getan habe? Schämen sollten ie sich in ihre dreckigen Seelen hinein und sich alsbald zum Teufel cheren. Sonst ginge sie geradewegs zum Tilly selbst, der zwar ein Mordbrenner sei, aber doch auch ein Offizier, wie der da am Boden. —
Die Tillyschen waren derart verblüfft ob solcher ungewohnten Behandlung von feiten eines Weibes, daß sie wirklich von dem Verwundeten abließen. Und da im selben Augenblick einer durchs Tor rief, daß der Feldherr eben einritte, so wandten sie sich und traten zur Seite. Die Frau aber kümmerte sich weiterhin weder um sie noch um den gewaltigen Tilly, der zu Pferd unterm Tor hielt und erstaunt auf das Schau- piel blickte, das sich chm auf der Freitreppe der Kommandantur bot.


