.Hch habe zu hart geschlagen." , t ,
Der ruhreiÄe alte Herr — ich mußte mich wieder setzen, und er gab sich erdenkliche Mühe, mich von meiner Unschuld zu überzeugen, und daß ich für mein Alter allzu subtil empfände.
„Etwas anderes", sagte er, „nimmt mich wunder, und das war es eigentlich, weshalb ich Sie sehen wollte. Nicht, daß in den fürchterlichen Minuten Ihre Besonnenheit Sie verlassen hat. Aber — Sie waren doch zu dreien auf Ihrem Heimweg; die beiden anderen Herren waren alter als Sie und Ihre Vorgesetzten Wie kam denn das, daß da Sie die größere Besonnenheit aufbrachten und Gewissenhaftigkeit, muß ich sagen.
Diese Frage so schön sie die Genauigkeit seiner Teilnahme an dem Vorgang offenbarte, setzte mich in Verlegenheit — um so mehr als ich der Majestät strack und rascher zu antworten hatte, als ich gemeinhin dachte. Wenn er, wie es schien, nichts von dem heiteren Nebel wußte, in dem sich die Kameraden befunden hatten, so war ja kein Gedanke daran, daß ich sie verraten durfte. Leider etwas stotternd, brachte ich die Rechtfertigung vor, die wohl gelten konnte: Majestät wisse wohl, daß es seinen Offizieren nicht erlaubt fei, sich in zivile und verdächtige Dinge zu mischen.
Da lächelte der Greis überlegen und sagte:
,,Ssth an — also die Herren handelten recht — und Sre verkehrt?
'.Majestät, ich war in Zivil."
„Um so schlimmer für Sie. Ein Fähnrich sollte noch gar nicht wissen, was Zivil ist. Aber dann haben Sie wohl diese — ganz besondere Aufmerksamkeit — auf dem Gymnasium gelernt?" , .
Er sah mich gottväterlich an — und erinnerte mich doch an den scharfgeäugten Lehrer, über den ich den Tisch geworfen hatte. Welche Worte ich gebraucht habe, um diese Pennälerbeklommenheit abzuschutteln, weiß ich nun nicht; ich versuchte jedenfalls verständlich zu machen, daß hier von keiner Schulbankgewissenhastigkeit die Rede sein könne; daß ich mich vielmehr in einem außerordentlichen Zustand befand — einem Zustand der Klarheit und Lebensfülle, dem das Unreine, Tödliche schlechthin unerträglich war. „ „ ...
Der Kaiser sagte nach einer Weile: „Ach so ... Und dann mit dem Ausdruck des Batertums und auch der Höflichkeit, den seine Züge indes angenommen hatten: .
„Nun — wer ist denn die glückliche pinge Dame?
Es gab in jenen Jahren ein Wort, das für Augenblicke wie diesen meinigen geprägt war. Das Wort hieß: „Tableau!" und sollte wohl andeuten, daß der Betroffene zur Bildsäule erstarrte.
Jedenfalls tat ich es. Meine Verlegenheit war nun unbeschreiblich. So heilig das Band mir war, das Ulrike und mich verknüpfte — diese Heiligkeit ließ sich nicht aussprechen, sondern nur das Illegitime kam zutage. Sprach ich nur den Namen, den der Kaiser zweifellos kannte, so erklang auch die ganze Dissonanz — meiner Jugend, meines Standes, meiner Armut — zwischen ihr und mir. In Wirklichkeit war zwar sie es gewesen, die sich mir verband; aber um den Verdacht des Gegenteils von mir abzuwischen, konnte ich wohl nicht ihr — Taschentuch nehmen. — Glutrot sah ich da, völlig stumm, und der gute Greis fing an, sich zu wundern. ,
Da habe ich denn den Namen genannt und noch einige Zeit Worte hervorgestottert, die mir sofort wieder entfallen sind, und mit denen ich ungefähr das zu erklären versuchte, was mir not schien. Ich hörte auf — als er sich langsam dem Schreibtisch zuwandte — unter dem Eindruck, daß er genug gehört habe. Er saß sekundenlang nachdenklich, sagte aber nichts, sondern versenkte auf einmal seine linke Hand in die Hosentasche — während ich mich erhob und zurücktrat. Das sehe ich nun noch heute, wie ich es damals sah:
Er förderte eine Anzahl Schlüssel hervor, unter denen er auf der stachen Hand, mit dem Zeigefinger der Rechten diesen und jenen antippend, einen auswählte und mit ihm die Mittelschublade auffchlvß. Aus der halb aufgezogenen nahm er wieder einen Schlüssel und öffnete, indem er sich bückte, die linke Schreibtifchtür. Die Fächer drinnen waren mit Etuis und Kästen gefüllt; er brachte nach langem Tasten, halb kniend und leife ächzend, einen Kasten hervor, der von exotischer Lackarbeit war, und stellte ihn auf die Tischplatte. Und er sagte nun, aus dem Kasten und aus Hüllen von gelber und blauer Seide ein Ding wie ein goldenes Zigarrenetui voller Blumen und Schriftzeichen schälend, mit hochgezogenen Krauen:
„Hat mir — hm — der Kaiser von Siam verehrt. Aber das Ding ist so schwer — na, versuchen Sie mal — Sie können's am Ende heben."
Und indes ich gehorchte, sagte er, zu mir aufblickend, verschmitzt und vertraulich:
„Wissen Sie, was ich glaube? Unter dem Gold ift’s von Blei. So - schwer ist ja gar kein Gold — aber die waren so schlau: die haben gedacht, siamesisches Gold, das kann für uns gar nicht schwer genug sein. Da haben sie's denn zü schwer gemacht."
Sein ernster gewordenes Auge ließ mich die Anspielung auf meinen ,zu starken Schlag' wohl begreifen. Ich küßte seine alte Hand und weiß heute nicht mehr, wie ich mit den Kästen und Tüchern, mit Czapka und Säbel zur Tür gekommen bin.
Das Etui hat nachmals, am Spionstop, für die Kugeln der englischen Scharfschützen eine solche Anziehungskraft gehabt, daß sie zweimal hineinschlugen. Erhielt es dabei mein Leben, so kam doch auch zutage, daß der Kaiser recht geraten hatte: innerlich* war's von Blei.
Einige Tage später erhielt mein Kommandeur zugleich mit dem Patent, das mich außer der Reihe zum Setonbeleutnant beförderte, einen Bries des Monarchen, der — um es kurz zu sagen — unsre Verlobung zur Folge hatte; unter der Bedingung freilich, daß wir — unserer Jugend wegen — uns zwei Jahre lang nicht sahen, auch keine Briese tauschten, um uns selber zu prüfen und uns und allen,-die es anging, die Dauerkraft unserer Neigung zu beweisen. Ich habe diese zwei Jahre nicht beim Regiment verbracht, sondern im Ausland. Die beiden Kommandos jener Nacht hatten eine Sprachstörung beim Kommandieren zur Folge, die mich dienstuntauglich machte, mit den Jahren jedoch verging, spurloser als
das ganze Erlebnis, das wohl aus meinem Bewußtsein versank, aber indem es aufging in meinem Wesen. — Verschiedenen Botschaften atta- chiert, weilte ich die längste Zeit in Sofia und knüpfte damals die Der. binbungen, die mich fünfzehn Jahre später zurückführten. .
Die zwei Jahre der Trennung hatte ich acht Jahre spater doch sehr zu bereuen, da ich meine Frau nur diese acht Jahre behalten durste. Sie starb nach kurzer Krankheit. Ein Vierteljahr darauf ging ich zu den Buren. Dort verlor ich meine Unke Hand, als ob ich die nun auch nicht mehr brauchte.
Nun, Kinder, wir sind am Ende.
Nachschrift aus dem Jahr 1930.
Liebe Kinder — die Zeit eilt dahin, ich bleibe schon lange am Ufer zurück und weiß nicht, wie lange ich das Vorübergleitende noch betrach, ten darf. Ein Anfall meines kleinen Herzleidens, das der Arzt unbebenf- lieh nennt, das aber mitunter mich doch bedenklich stimmen muh, lieh mich dieser Tage in alten Scharteken kramen, wobei dies Manuskript sich einfanb. Ich las cs n>icber — mit Rührung zuerst, mit Erstaunen und mit Befremdung.
Mit Befremdung — denn die Lebenswärme, die zu mir auffheg, traf ein kühleres Herz und einen Geist, der sich vom Persönlichen schon gelöst und entfernt hat und nur noch im Allgemeinen leise töitterno herumgeistert — wie so ein erledigtes Faltergeschopf m diesem Spat- herbst, das kein Haften und Verweilen mehr kennt, fonbern nur noch auf unb nieber schwimmt im Strome ber Wärme unb Kuhle. Teuer und heilig ist mir dies Allgemeine noch — mit vielen und ahndevollen Gedanken über das Werden und Geschehen des Volkes und Reiches, des gesamten und des besonderen Stammes im Norden, aus dem ich bin, — ber Stämme sollte ich sagen — ober spiegelt meine Herkunft aus niebersächsischem unb märkischem Blut mir eine Einheit ber betben nur vor? Gedanken, sagt ich, die fteilich zumeist unter ber Sphäre liegen, wo sie sich wörtlich fassen und nieberschreiben lassen
Unb mit Erstaunen las ich, weil nun vor meinen Augen die einzelnen Stücke, die ich schreibend nach und nach aneinandersetzte, mehr dem Empfinden unb ber Erinnerung gehorchend als einem Ordnungssinn, sich zu einem Ganzen zusammenschlossen, bas von feinen Teilen feinen entbehren möchte. Ob ihr mir zubilligt, daß biefes Ganze, wie es ba nun ist, Sinn unb Bedeutung zur Schau trägt für seine Zeit und ihr so angehört, daß es sich in keiner anderen denken ließe? Dann konnte vielleicht wirklich ber Wert, den es erst nur für mich halle, zu einem Wert auch für euch werden.
Freilich fehlt ber größere Teil meines Lebens bann — ober vielleicht nur ber längere —> eines Lebens, das im Jahr 70 immerhin all genug war, den Stolz und bas Aufgangsleuchten, unb im Jahr 18 noch nicht zu alt war, um Demütigung unb Untergang ju begreifen, eo umfaß ich sie beide — nicht kummervoll — denn das Reich muh uns boch bleiben —, aber doch mit der alten heimlichen Sorge.
Denn ber in Anführungszeichen zu fetzende „Friede" Europas hat unferm Volk Einbußen auferlegt, wie kein Lebendiges sie lange ertragt; unb ich lefe in der Geschichte nirgends, daß Feber und Rede Ketten gebrochen ober Amputiertes regeneriert hätten. Aber ich habe auch bas ungeheuerlichste Kriegsgeschehen, das im vierten Jahr durch keine Kriegs- Handlung beendet wurde, schon in feinem ersten Jahr wirklich beendet gesehn — an der Marne.
Dort lieh ein zu großer Sieg einen zu großen Plan mißlingen.
Dars ich aber mitreden? Der Stratege bin ich nicht geworben, als den mein Jugendauge mich sah. Denn als jene Traume reiften, als Erfahrung und Wissen gestillt war und zugleich die große Weltstunde schlug, in ber sie zu brauchen gewesen wären — ba war es bereits zu spät. Da war mein Wissen, wenn ich so sagen darf, bereits transzen- dental Es wußte bas Geschehende bereits nichtig, die strategischen Möglichkeiten verbaut. Unb der Schicksalsgeist wußte es nicht anders.
£) wohl — wohl — niemand kann mehr begreifen, als bestenfalls seine eigene Zeit; und ich will nicht für undenkbar erachten eine höhere Strategie in einer höheren Stunde der Völker. Doch weiß ich, daß — was mich nur Erfahrung und Logik lehrten —, daß sich barüber — aus Urwissen — Friedrich der Große und Moltke und viele andere erlauchte Geister einig waren mit Vater Homer: ber Krieg fei bas größte Uebel. Daß es darum nur einen Grund geben könne, ihn zu führen — nämlich um ihn fo rasch wie möglich zu endigen. Und daß es nur darum nötig sei, Stratege — und zwar der beste zu werden. Denn ber Beste, ber am raschesten siegt, bringt auch bas rascheste Ende.
Aber das ist nicht ber, der zu stark schlägt.
Das alte Deutsche Reich und das alte Preußen — mir einzig teuer und ehrwürdig, weil es durch eine immer mit ihm wachsende Dynastie aus sandiger Nichtswürdigkeit groß und glänzend erblühte —, diese sind hin. Nur Wibematur kann sich gegen die Grenze sträuben, die allem Lebendigen von der Natur gesetzt wurde. „Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit." Reich und Formen mögen zerfallen, allein die Mütter gebären, unb immer schält sich neues Leben — solange ber Volksgeist lebt — blank unb tapfer ans Licht.
Fangt denn von vorn an zu bauen, von Grund auf zur Hohe, oie unerkannt in den Wolken der Göller schwebt — ein neues Preußen, ein neues Deutschland, in einer neuen Fügsamkeit, die höheren Bestaub verbürgt. Ich, der kein General, aber der auch zeitlebens kein Träumer war, will nun einen Traum — ober nennt es Hoffnung, ja, nennt es Glauben — aus meiner abendlichen in die morgendliche Dämmerung stiegen lassen: den Traum von einem Starken, ber so hoch ist in seiner Kraft — bah er sie nicht braucht, um zu schlagen.
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Die Erzählung „Der General" von Albrecht Schaeffer ist im Rüllen & Loening Verlag, Potsdam, in einer fchönen Ausgabe als Buch erschienen.


