Ausgabe 
3.12.1937
 
Einzelbild herunterladen

Gießener Zamilienbliitter

Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger

Jahrgang 1957

Zteitag, den 5.vezember

Nummer 94

Ja, liebe Kinder, für meine junge selbstsüchtige Kraft waren die drei Minuten der Twdesfolter viel stärker als nach der Erlösung irgendein Geschehen. Und wenn ein Gedanke in mir war, war es der: daß von uns beiden einer hatte tot sein sollen und daß nun einer es war. Ich hatte den Tod geschmeckt er halte ihn bekommen. Ich glaube nicht, daß ich das nun unterscheiden konnte: und so war in uns beiden die Ruhe. ,

Erst als ich meinem Oberst gegenüberstand und erklären sollte, ließ meine Kraft nach. Der Nachmittag, der Nachtmarsch nun summierte sich alles. Er merkte, daß ich am Einschlafen war, und schickte mich gütig nach Hause. Dort schlief ich den Tag über und die Nacht, ohne einmal zu erwachen.

V ä te r u n d Söhne.

Zwei Nachspiele hatte das Ereignis für mich ein schlimmes und ein sehr gutes.

Am Nachmittag nach meinem langen Schlaf faß ich beim früh­stück mit meiner kleinen Mutter, die wie immer im schwarzen Kleid und dem Häubchen ihren Sohn nicht anzusehn wagte, als mir ge­meldet wurde, daß ein Mann mich zu sprechen wünschte. Der im halb­dunklen kleinen Vorzimmer gebeugt Stehende in bäuerlicher Kleidung ließ sich sogleich erkennen als der Vater des von mir erschlagenen Ulanen, wenn er auch doppelt sa alt war, mit einem rötlichen Hängeschnurrbart. Er nahm erst Haltung, um anzudeuten, daß er gedient hatte: trug auch Ehrenzeichen am Rock. Dann sagte er, er wäre gekommen, um sich bei mir zu bedanken. Denn ich hätte, sagte er, seinen Sohn vor der Schande bewahrt, durch eine Kugel zu enden oder im Jrrenhause.

Er streckte mir die Hand hin, und ich nahm sie, die hart und furchtbar groß war und leblos wie Holz oder Leder. Dann hatte ich noch die Kraft, eine Weile zu stehen, eine Hand auf seiner Schulter, bis er sich denn zur Tür wandte. Ihr werdet begreifen, daß ich zu Mutter hm- einstürzte und brüllte., .

Aber es war doch auch gul; denn fo löste sich das zlergft&

Der General

Von Albrecht Schaeffer

Copyright 1934 by Rütten und Loentng Verlag, Potsdam

Schluß.

Eine Stimme fragte:Sind die drei Minuten bald um?"

Da war der Mann und die Karabinermündung. Meine Lippen sagten:Nein." Und nun eine lange Leere.

Dann fiel mein Blick auf die Hosen des Mannes, zog entlang an der roten Biese; und auf einmal lockerte sich etwas; ich sagte:

Mann weißt du wer ich bin?"

iZu Befehl Fahnenjunker von Krosigk."

tGut. Und du kennst die Kommandos?"

TZu Befehl kenne Kommandos."

j Ich hob meine Stimme:Achtung!"

Uni) dann:Hahn in Ruh!"

Gewehr---ab."

Und klapp und klapp so wie meine Kommandos flogen seine Hände und Griffe. Gerade aufgereckt stand der Soldat, und ick) sprang vom Fenster seitwärts zur Hauswand. Ulrike Ulrike mein Gott! Der Atemzug ging bis ins Morgenrot über den Dächern glänzt" es.

Allein im Raum drinnen polterte es und stampfte, und während ich das Haustor, Stimmen und Tritte und Sporen höre, stürzt der rasend gewordene Mensch über die Fensterbrüstung ins Freie, den Karabiner in der einen, den nackten Pallasch in der andern Faust und sieht mich und fällt mich an. Aber er war so viel kleiner und wie blind; ich hole aus mit der Rechten und schlage von oben auf seinen Kopf, daß er Mfamm*nstürzt.

Ich batte chn totgeschlagen.

Zwar meiner Faust allein, zumal sie von oben traf, hätte sein Schädel gewiß widerstanden. Indessen wußte ich nicht, daß ich in all der Zeit, während ich vor ihm stand mit dem Tod im Auge, die Hände in den Rocktaschen und mit der Rechten ein Ding von Eisen umklammert hatte. Das war mein leiblicher Halt gewesen mein großer Tor­schlüssel, fast spannenlang. Mit dem und mit meiner Kraft schlug ich zu; und beide vereint waren zu viel.

Aber nun war in mir Ruhe.

Das zweite Nachspiel war, daß ich zum Kaiser nach Berlin be­sohlen wurde, der einen persönlichen Bericht von mir wünschte.

Es war noch der alte Kaiser, Wilhelm I.. der damals, im August 1887, ein halbes Jahr nach seinem neunzigsten Geburtstag, ein halbes Jahr vor seinem Tode stand. Daher betrat ich das Arbeitszimmer, in dem er mich empfing, mit begreiflicher Bewegung, daß der uralte Mann, hinfällig und von der gefährlichen Krankheit seines Sohnes erschüttert, noch Teilnahme aufbrachte für das Geschick eines Fähnrichs. Ich habe die fast eine Stunde währende Unterredung mit soviel Details, als ich beobachten konnte, gleich danach zu Papier gebracht, um sie als teure Denkwürdigkeit zu verwahren.

Er sah an dem warmen Vormittag im leichten Dämmer der Sonnen­vorhänge im Erker vor seinem Schreibtisch, meiner Tür gegenüber, aber so, daß ich ihn im Profil sah zurückgelehnt im Armstuhl; das aus­rasierte Kinn im weißen Bart ruhte auf der Brust. Er war in bürger­licher Kleidung mit der weißen Weste; seine Hände lagen auf den aus­einandergesunkenen Knien. Der Adjutant vom Dienst rief halblaut meinen Namen, warf mir noch einen mahnenden Blick zu und ging, während der alte Herr langsam den Kopf hob und drehte.

Bei meinem Anblick schlug er die Hände zusammen.Nein", sagte er, nein das ist ja nicht abzusehen. So jung und bereits so lang!" Und er fragte nach meinem Alter. Da ich als Fähnrich nun nicht mehr der jüngste war, mußte ich von meiner haprigen Gymnasialzeit berichten; er wußte aber, daß ich auf Kriegsschule la war. Ein Aktenstück lag auf dem Schreibtisch.

Ich saß dann schräg vor ihm, und ich erinnere mich noch seiner Handbewegung nach meinem Czapka, als ob er ihn mir fortnehmen wollte, worauf ich ihn unter den Stuhl stellte.

Seine Hände lagen wieder auf den Knien: und da konnte ich ihn nun sehn, leibhaftig, der schon fast eine Sage war, neunzigjährig, aus einem vergangenen Jahrhundert. Seine geröteten Lider waren feucht von den Tränen des Alters, aber die Augen blickten klar und freundlich, wenn auch sehr müde. Hinter ihm stand unendlich die Dynastie von einziger Größe ihm, der selber kein großer Mann war, aber als Herrscher und Mensch Eigenschaften vereinte, die ihn im Alter zu wahr­haft menschlicher Größe erhoben. Deren Blick standzuhalten und Rede zu stehn, war nicht leicht.

Nach einigen Fragen von ihm und Antworten von mir, die den Be­richt, den er erhalten hatte, ergänzen sollten, geriet ich in eine zusammen­hängende Darstellung, die ich wohl richtig machte, die mir am Ende -aber doch den Schweiß aus der Stirn trieb, zumal es im Raum wirklich sehr warm war. Er ließ mir dann Zeit, aufzuatmen, indem er still mit bekümmertem, sanftem Blick vor sich hin sah.

Es wird Ihnen", sagte er endlich,eine Genugtuung gewähren, daß für den armen Menschen dieses der beste Ausgang war."

Ich schwieg sekundenlang, ehe ich die Erwiderung wagte: diese Ge­nugtuung hätte ich noch in mir nicht finden können.

Nun, nun lassen Sie sich Zeit. Ich verstehe wohl aber der Mann war ein Mörder, sein Opfer einer meiner schneidigsten und fähigsten Ofsiziere, soviel ich hörte."

Den Mund öffnend, sprach ich doch nicht, wurde indes van ihm er­mahnt, nur zu sagen, was mir auf dem Herzen liege.

,^Jhre Aufführung war ja musterhaft", sagte er.Ich lege Wert auf Ihr Urteil."

So begann ich mit einiger Mühe auseinanderzusetzen, daß er ohne Zweifel die Wahrheit erfahren habe: daß aber der Rittmeister, wie im Regiment seit langem bekannt als Mensch ein andrer war denn als Offizier. Ueberfpringenb nach einer Pause, während er einen Zeigefinger warnend bewegte, fuhr ich fort: Ich wisse nicht, ob der Bericht ent­halten habe, daß der Leichnam des Mörders zwei blutunterlaufene Strie­men im Gesicht aufwies, die nur vom Schlag einer Reitpeitsche her- rllhren konnten.

Die Untat, sprach ich weiter, fei zwar nachweislich um dreiviertel drei Uhr des Morgens geschehen, und der Tote habe auch ausgekleidet im Bett gelegen. Doch war er erst nach ein Uhr in der Nacht heimgekom­men, und diesem Zeitraum entspreche die Frische der Striemen. Er war so gering daß der Vorwurf überlegten ober nur vorsätzlichen Mordes kaum erhoben werden dürfe. Ein Gericht, schloß ich, das alles in ge­rechte Erwägung zog, die bis dahin musterhafte Führung des Mannes und eine Empfindlichkeit, wie sie »ft gerade die Besten im bäuerlichen Stande auszeichne

Er unterbrach mich:Ach, ich sehe schon wie gut Sie das aus- gedacht haben, viel zu gut für Sie selbst, allzu gewissenhaft. Da denken Sie nun milde Strafe, am Ende mein Gnadenrecht, und mit Ihrer Ihrer Notwehrhandlung hätten Sie das"

Er stockte, fand vielleicht das paffende Wort nicht. In meiner Er- cegung stand ich auf und sagt« beinah »einend: