„Sie haben überwintert, die Tagpfauen?" meinte Florus, verwundert darüber, daß Schmetterlinge Winterschlaf halten, „Einige unserer Tagschmetterlinge, die Vanessen und der Zitronenfalter überwintern als fertiges Infekt, indes die andern in der Puppe schlafen. Sie gefrieren wie zu Eis und tauen im Frühling wieder auf!"
„Welch ein Sieg über den Tod!"
Nun waren alle Schmetterlinge gefüttert und wieder im Käfig. „Helfen Sie mir, den Kasten ins Freie tragen!", bat das Mädchen. Er faßte zu, und sie traten hinaus auf die Terraffe, wo sie den Kasten auf die Mauer mitten in die Sonne niedersetzten.
„Flieg', Vogel, flieg'!", sagte Vanessa schlicht, ohne Schwärmerei, und die Vanessen, die Tagpfauenaugen, flatterten mit einem Husch von ihrer Hand. Trunken taumelten sie ins Licht und stöberten in den blitzenden Frühlingshimmel hinein. Für Florus hatte sich in diesem Augenblick das Mädchen in eine wahrhafte Schmetterlingsgöttin verwandelt. Er blickte sie entzückt an und umfaßte ihre Gestalt mit begeistertem Auge.
Als auch der letzte von ihrer Hand weggeschwebt war, schaute sie zu Florus mit einem heiteren Ausdruck, wie wenn sie sagen wolle: War es nicht schön?
„Herrliches Bild!" entgegnete er, und es blieb unentschieden, ob er die Schmetterlingsfreundin oder ihre Elfen und Geister meinte.
Ein gelber Schmetterling, ein Zitronenfalter, stürmte über die Terrasse. Vanessa zeigte mit dem Finger auf ihn. „Die Zitronenfalter haben jetzt Legezeit. Es gibt auch schon junge Räupchen. Morgen will ich in ein hübsches Tal in der Nähe, wo ihre Büsche wachsen. Wenn Sie Lust haben, mitzukommen ...!"
Damit war er erfreut einverstanden. „Und wie lautet morgen das Losungswort?, fragte er scherzend.
„Gonepteryx rhamni!" antwortet sie, den lateinischen Namen des Zitronensalters nennend.
Er hatte ihn noch nie gehört. Er klang wie ein mexikanisches Zauberwort. Und er sagte ihn sich immer wieder, als er schon lange die Schmetterlingsburg verlassen hatte und auf dem Weinbergsweg hinunter ging.
Ellingen.
Von Ilse Schmidt-Wissendorff.
Der Wagen rollt durch fränkisches Land. Es ist wie ein großes Bilderbuch, das man Blatt um Blatt umwendet: die alten Häuser mit den kunstvollen Wahrzeichen, Marktplätze, deren durchgebildeter und geschlossener Form man ansieht, wie sehr sie Mittelpunkt einer Stadtsiedlung waren, in dem sie alles öffentliche Leben aus engen Gaffen in ihr geräumiges Rund zwangen, Pestsäulen schwerer Notjahre, Wehrtürme und trotzige Tore. Man ist eingefangen von Vergangenheit, müde vom Schauen, so daß man für Augenblicke die Augen schließt, als wolle man alles Geschaute tief in sich versenken, um es von diesem Grunde, wie von einem Spiegel, erneut abzulesen.
Nun rüttelt ein holpriges Pflaster das minutenlange Entspannen wieder aus den Gliedern. Die Augen öffnen sich, die Hand legt sich auf den Arm des Wagenlenkers:
„Bitte ... halt ... für einen Augenblick!"
Was da vor uns aufragt, übertrifft doch alles Geschaute.
lieber die Straße wuchtet sich ein Tor. So gewaltig und voll gedrängter Kraft, als solle jeder Ausweg aus den Mauern, die es abschließt, gesperrt werden. Wenn man nichts wüßte vom Mittelalter, das in Begrenzung und Zwang sich sein kraftvolles Leben schuf, dieses eine Tor könnte davon aussagen!
„Wo sind wir?" Der Finger tastet sich schnell auf der Karte zurecht.
„Weißenburg. Das Ellinger Tor."
Der Name prägt sich unvergeßlich ein. Und die Augen umschließen das Gemäuer wie einen Besitz. Wie sich das aufbaut! In mächtigen Quadern der kantige Unterbau, in den der Torbogen eingeschnitten ist, über dem ein mächtiges Wappen wie ein Ausrufezeichen steht. An jeder Seite dieses Sockels zwei kleinere, behelmte Rundtürme, die durch eine steinerne, durchbrochene Galerie verbunden sind. Darüber erhebt sich wie ein Klotz der hohe viereckige Turm, der trotz aller Schwere doch irgendwie gestreckt wirkt und sich noch ein lustiges kleines Rundtürmchen ausgesetzt hat.
Merkwürdig. Dieses Tor sieht aus wie ein Versprechen, daß jetzt noch etwas viel Schöneres kommen muh. Wie heißt der nächste Ort, den wir passieren müssen ... Ellingen? ... Weiß jemand von euch etwas von Ellingen? Die Reisegefährten schütteln alle die Köpfe. Nun, wir werden ja sehen!
Und wir fahren wieder. Plötzlich, bei einer Wegbiegung — es ist fast wie ein Blitz nur, der das Auge streift — steht einer Fata morgana gleich, in der Ferne der Umriß eines mächtigen Barockschlosses vor mir. Die nächste Biegung hat alles ausgelöscht.
„Habt ihr es gesehen?"
„Was denn?"
„Das Schloß!"
„Ein Schloß ... keine Spur."
Ich habe doch nicht geträumt?
Und dann stehen wir vor einem, im Vergleich zu dem Weißenburger, fast zierlichem Tor, mit einem verschnörkelten Barockgiebel und einem putzigen angeklebten Erkerlein, alles umrauscht und umrahmt vom Grün mächtiger Kastanien. Hier müssen wir aussteigen und auf Entdeckungsreisen gehen, dann dies ist Ellingen, ist das Besondere.
Hinter dem Tor öffnet sich eine Straße. Was für eine Fröhlichkeit atmet diese Straße! Reines heiteres Barock strahlt von jedem Haus, von den Freitreppen, kichert um Amoretten und Stuckgirlanden, schwingt
sich leicht an schmiedeeisernen Armen zu schweren Laternen hinab und setzt sich zuguterletzt noch eine Urne auf den obersten Giebelschnörkel. Keine Linie, die stört, kein Haus, das hier nicht hineingehört Das Auge geht auf die Weide, ist froh gesättigt von Harmonie. An^ Ausgang der Straße schließt ein prunkvolleres Gebäude — ein Rathaus offenbar, der Traum von einem Rathaus, die Straße ab. Zu unserer Linken eine köstliche Barockkirche, dahinter Gärten mit geradezu fürstlichen Orangeriegebäuden. Statuen auf den Dächern, Muschelstuck, Säulen, Treppchen. Kein Mensch in den vergrasten Gärten. Nur ein paar Kinder balgen sich herum, stecken schleunigst den Finger in den Mund, wie sie uns sehen, und schließen einen augenblicklichen Frieden, der ihnen Sprache und Bewegung völlig raubt.
Was in aller Welt hatte es nur für eine Bewandtnis mit diesem Dornröschenort?
Wir stehen nun vor dem Rathaus. Welch wunderbares Maß für Harmonie hat die Baumeister jener Zeit beherrscht. Wie sich die Fenster in die Mauern fügen, die Mauern in ihren Proportionen zu einander stehen und zu dem hohen geschwungenen Dach.
Nun fliegt der Blick die kleine Gasse nach links hinunter. Da ist es ja, das Schloß, die Fata morgana. Welch ein gewaltiger Bau! Vielleicht nicht ganz einheitlich, nicht ganz rein. Es sieht so aus, als ob Früheres benutzt, durch den französischen Pavillonstil vergrößert, zu einem wahrhaft imposanten Ganzen zusammengefügt wurde. Ein altes Mütterchen humpelt durch den Sonnenglast. Nach Schloß und Eigentümer befragt, strahlt sie uns glücklich an:
,,S' gehört unsrem Fürsten Wrede. Und zu haben ist der auch noch?" Ein Privatbesitz? Es scheint fast unmöglich. Wieder fliegt das Auge über die Brücke hinweg, die über den Schloßgraben führt, zum Eingangstor, zu den mittelalterlichen Panduren, die lanzenbewehrt und steinern auf ihren Säulen den' Eingang bewachen, gleiten über die endlosen Fensterreihen des im Quadrat angelegten Blocks; wir sind schmerzlich berührt von den mancherlei Zeichen des Verfalls, und doch immer wieder gefesselt und entzückt.
Ueber dem Schloßhos liegt die Sonne und strahlt goltmen Glanz über diesen Winkel, der den ganzen Zauber einer Vergangenheit um sich gebreitet hat, geheimnisvoll in der Stille eines üppigen Sommertages. Die große Eichentür des Portals scheint nur angelehnt und ladet zum Durchschlüpfen. Eine Treppe, prunkend, verschwenderisch, führt bis in das dritte Stockwerk hinauf. Da oben muß bestimmt ein Festsaal liegen. Nirgends ein Mensch, nirgends ein Laut. Ein Weiterdringen scheint unmöglich, man ist wie verzaubert. Gibt es eine Welt draußen, einen Wagen, der wartet?
Wir stehen wieder im Schlvßhvf. Ein Wind streicht durch die mächtigen Bäume. Blütenblätter wehen herab. Auf begrastem Platz eine St. (Seorgsfigur. Mik welch weitausladender Kraft die Lanze den sich windenden Drachen trifft. Sehr viel Jugend, sehr viel Ernst liegt über dem Monument. Dahinter dunkle Alleen, dämmernde Schatten.
Dort in der Straße, die prunkvolle Fassade des kleinen Palais trägt ein Wirthausschild „Zum römischen Kaiser". Also hinein in den Schatten des Torbogens. Altes, edles Holz tönt den Raum mit seiner Wärme, biegt sich zu Treppengeländer und Tafelwerk. Pelargonien blühen verschwenderisch auf den Fenstersimsen und erfüllen die Luft mit ihrem herben Duft, handgeschmiedete Laternen schaukeln an der Decke. Reichtum baute das Haus. Eine Tür führt in einen Saal, mit leuchtenden Deckengemälden und Stuckoerzierung. Er ist ganz leer
Dann steht auch der Wirt vor uns, und es erweist sich, daß wir hier speisen können, zwar nur eine schlichte fränkische Schlachtschüssel, aber es wird uns hier im Saal gedeckt werden, wenn wir es so wollen, für uns ganz allein. An der Tafel des weißen Saales erfahren wir auch, was es für eine Bewandtnis hatte mit Ellingen.
Es war historischer Grund, auf dem wir standen, geheiligt durch Leben und Vergehen vieler Geschlechter, — urkundlich bereits 899 in einem Gütertausch zwischen Bischof Erchanbold von Eichstätt und dem Grafen Meginwart erwähnt. 1190 übergaben Walter und Kunigunde von Ellingen dem Kaiser Friedrich I. ihre Besitzungen mit dem Wunsch, daß an dieser Stelle ein Hospital errichtet werde, in dem alte Leute gepflegt und kranke Reisende ausgenommen und betreut würden. Diese Schenkung war der Grund dazu, daß später, im 13. Jahrhundert, der Deutsche Orden sich hier niederließ. Bis 1803 war Ellingen Sitz des Landkomturs der Ballei Franken, der mächtigsten des Ordens. Das 18. Jahrhundert sah großzügige und geniale Männer auf diesem Posten, den Freiherrn von Hornstein und Gras Satzenhosen. Sie gestalteten Ellingen von Grund auf um: Schloß und Städtchen. Was immer dazu gehörte, erstand in den anmutigen, lebensvoll heiteren Formen des Barock, in einer Einheitlichkeit der ganzen Siedlung, wie sie in dieser Geschlossenheit selten anderswo zu sehen ist. Das Palais, in dessen Prunksaal wir tafelten, hatte sich der Bankier des Ordens erbaut und keine Mittel dabei gescheut. Wo behandschuhte Diener mit Platten und Kannen hin- und hergeglitten sein mochten bei Kerzenlicht und Silberglanz, prangte auf grobem Seinen die Schlachtschüssel. Aber der lichte Frankenwein funkelte in den Gläsern und war auch Gold und glückliche Gegenwart.
Das kraftvolle Barock tändelte ins zierliche Rokoko hinüber, und auch dieser wurde hinweggefegt von den Stürmen der Geschichte. Zu Anfang des 19. Jahrhunderts wurde auch der Deutsche Orden van Napoleon aufgelöst, und Ellingen ging an die Krone Bayern über. 1815 wurde Feldmarschall Fürst von Wrede mit dem Fürstentum belehnt und seitdem hat sich der Besitz in der Familie weitervererbt.
Wir sind über dieser Erzählung nachdenklich geworden. Die erste Freude des Eroberns ist verflogen. Leise mahnt die Stimme der Vergangenheit. Welch ein gewaltiges Leben war hier einst lebendig. Und mit welch unzerreißbaren Fäden sind wir an das Erbe dieser Vergangenheit gefesselt. — Ein letzter Schluck des edlen Weins, noch ein umschließender Blick, ein dankbares Erinnern.
Der Wagen rollt wieder.
Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Vruhlsche Universilätsdruckerei R.Lange, Gießen.


