Oie Entschwundene.
Von Gottfried Keller.
*• Es war ein heitres, goldnes Jahr, Nun rauscht das Laub im Sande, Und als es noch im Knospen war, Da ging sie noch im Lande.
Besehen hat sie Berg und Tal Und unsrer Ströme Wallen; Es hat im jungen Sonnenstrahl Ihr alles Wohlgefallen.
Ich weiß in meinem Vaterland Noch manchen Berg, o Liebe, Noch manches Tal, das Hand in Hand Uns zu durchwandern bliebe.
Noch manches schöne Tal kenn ich Voll dunkelgrüner Eichen; — O fernes Herz, besinne dich Und gib ein leises Zeichen!
Da eilte sie voll Freundlichkeit, Die Heimat zu erlangen — Doch irrend ist sie allzu weit Und aus der Welt gegangen.
Das Falterschloß.
Von Friedrich Schnack.
Der Insektenforscher Doktor Leander, bei den Falterfreunden ebenso wohlbekannt wie bei den Hirten an der Grenze von Tibet und China, wo er einst Schmetterlinge gejagt, Puppen und Raupen gesammelt, seltsame Vögel und Käfer entdeckt, auch wunderliche Pflanzen und prächtige Orchideen zusammengebracht hatte, erwarb nach seiner Rückkehr auf einem Rebhügel am Main ein kleines, verwahrlostes Bischofsschlöstchen und richtete in seinem verwilderten Garten für seine Lieblinge ein Falterhaus ein, ein Warmhaus von Glas. Darin zog er ein üppiges Dickicht heran und setzte in dieses Dschungel seine Falterschwärme.
Florus, der von diesem Mann und seinem Glashaus gehört hatte, benützte ein paar Urloubstage dazu, den Doktor aufzusuchen. Bald stand er vor dem steinernen, verwitterten Tor. Es dauerte eine Weile, bis jemand kam — konnte Florus doch nicht vermuten, daß ihn in der Zwischenzeit der Doktor mit einem langen Fernrohr vom Türmchen aus angespäht hatte. Ein junges und sehr hübsches Mädchen erschien und fragte ihn hinter den Eisenstäben nach seinem Begehr. Ihre Auaen waren so strahlend blau, daß ihr Glanz ihn an den Schein von Bläulings- flllgeln erinnerte.
Er brachte seinen Wunsch vor, mußte jedoch sogleich merken, daß er nicht ohne weiteres eintreten durste. Ob er etwa eine Empfehlung mithabe?
Eine Empfehlung ... meinte er zögernd und wagte einen kleinen Scherz: er könne sich höchstens auf die altmexikanische Schmetterlings- aöttin Jtzpapalotl beziehen, wisse jedoch nicht, ob die Dame hier bekannt sei ...
Sie sei es nicht, wurde ihm gesagt, ohne daß das Mädchen eine Miene verzog.
Ob dann vielleicht ein Losungswort genüge?
„Wie soll es laufen?" fragte sie, kaum wahrnehmbar lächelnd.
„Parnassius apollo!" sagte er, mit diesem Falternamen auf eine andere Gottheit anspielend, der ein schöner Bergschmetterlmg zugeeignet war. _ .,
„Bitte!" erwiderte das Mädchen nach kurzem Zögern und ließ ihn ein. „Der Herr Doktor ist in seinem Warmhaus ..."
Er folgte ihr und trat an ihre Seite. Das Mädchen war schlank gewachsen und so groß wie er. In ihrem blonden Haar flimmerte das Sonnenlicht. Da trat sie auch schon in das gläserne Haus. Hatte sich Florus noch eben im lichten Frühling der Natur befunden, so sah er sich jetzt in einen gesteigerten und künstlichen Sommer versetzt. Ranken trieben und schlangen sich, sonderbare Blätter zackten und fächerten. Bluten flammten rot und blau, von Geäst und Gezweig rieselten Feuer-
„Wen bringst du mir, Vanessa?" fragte eine ruhige, tiefe Stimme hinter den Büschen. , _
Einen Schmetterlingsnamen hat sie auch noch zu ihren Schmetter- fingsaugen, sagte sich Florus — könnte sie auch anders beifjen. — und hörte, wie sie sagte: „Einen Herrn, der mit dem Apolloschmetterling be- ^Hoffentlich doch auch mit dem Kohlweißling!" entgegnete ber Doktor und kam lachend und seinem Besucher freundlich entgegentretend, hinter dem Dickicht hervor. .
Florus nannte, sich verbeugend, seinen Namen Nikolai und erklärte dem Doktor den Zweck seines Besuches, daß er Schmetterlinge liebe, vor allem die prächtigen, und daß er, wenn es erlaubt sei, gerne ein paar zeichnen und malen wolle.
Der Doktor nickte kurz. Vanessa achtete nicht auf das kleine Zwiegespräch, sie stand an einem langen Tisch mit verschiedenen Zuchtkasten.
„Er ist ausgeschlüpft!" rief sie freudig. „ .
„Sie kommen zur Geburt eines Ausländers ... meinte Ceanber au feinem Gast unb roanbte sich zum Kasten. „Ein afrikanischer Nichts Rares, dennoch schön. Der schwarzgelbe Schwalbenschwanz. Papilio demodocus ...
Ihm war feine ferne, heiße Heimat wohl anzusehen. Die schwarze Afrikamutter hatte ihn bautet gefärbt und mit schwefelgelben Lichtern überatmet. Der schwärzliche Stoff [einer noch unentwickelten, feuchten, schlaff hängenden Ftügetläppchen war eigentümlich beftammt. An der Unterseite ber nodj- winzigen Hinterftüget schimmerte ein Kranz pfauen- haft htinkender Spiegel. Der Falter erzitterte, er schien zu atmen, bie Flügel auszupumpen.
„Mit Arbeit beginnt bas Leben", bemerkte ber Gelehrte. „Er hat schon ein gewaltiges Stück Arbeit vollbracht, ben Ausstieg aus bem Gefängnis feiner Puppe."
Florus schenkte seine Aufmerksamkeit nicht ausschließlich bem Schmetterling. Manchmal glitt sein Blick zu Vanessa. Ob es seine Tochter ist? buchte er. Sie sieht ihm eigentlich nicht ähnlich ... Dann sah er: an bem Zweig hing mindestens ein Dutzend großer Puppen. Sie glichen merkwürdig geformten Knospen. Aus ihnen würde sich die Wunderblute der Falter entfalten, Blumen, bestimmt zu fliegen, um Blumen zu besuchen, die nicht fliegen können.
„Woher haben Sie diese Puppen?", fragte er.
„Geschickt bekommen, durch Flugpost aus Mombassa. Hab' dort einen alten englischen Freund ..."
Florus hatte keine freundschaftlichen Beziehungen zum Ausland.
„Ist es eigentlich schwer, Schmetterlinge aus Eiern ober Raupen aufzuziehen?"
„Man muß wissen, wovon sie sich nähren, unb was sie sonst noch für Bebürsnisse haben. Sie wollen gut unb richtig behanbelt werben — es sind kleine Kinder!" sagte ber Doktor.
,^Ich sehe schon", meine Florus bebauernb, „es ist nicht leicht."
„Es ist nicht schwierig!" sagte Vanessa.
„Sie machen mir Mut!" erroiberte Florus. ,^Ich würbe mich gern unterrichten ..."
Das Tun bes Mannes unb bes Mädchens empfand Florus als etwas Märchenhaftes, sie wohnten bei Blumen unb Faltern.
An Zweigen unb Blättern entbetfte er plötzlich einige Riefenraupen, grün, braun, rot unb in Fabelfarben — lebendigen Juwelen nicht unähnlich. Sie nagten an ben Blättern, er hörte bas Feilen unb Raspeln ihrer Mundwerkzeuge. Er kannte sie nicht. Niemals hatte er solch ungewöhnliche Prachtraupen gesehen.
Er nahm ben Zeichenblock aus ber Tasche unb skizzierte ben Zweig, bie nictenbe Feuerblume, bas handförmige Blatt, am Ranb eingefressen, unb bie wunberlich gehöckerte unb mit sckiillernben Spiegelflecken gezierte Riesenraupe. Während er ben Bleistift über bas Blatt gleiten ließ, stieß er an ein nieberhängendes Lianenseil. Er erschrak gelinb im gleichen Augenblick: unversehens hatten sich vor ihm nachtbunkie, fieberrot geron- bete Eulenaugen aufgetan unb roieber geschlossen. Wie eine spukhafte Erscheinung war es. Er berührte noch einmal ben Strang — abermals die bannenden, umringten Buschaugen ... Es war ein mächtiger Schmetterling, der an der Rückseite des Lianenseils saß unb bei ber Erschütterung seine Schwingen aufklappte, deren Unterseiten mit ben einbringlich-mas- fenhaften Augenzeichnungen bemalt waren. Schnell warf Florus ben Einbruck auf bas Papier, unb wie er noch den holzbraunen, mahagoni- farbenen Waldfchmetterling näher besehen wollte, schwebte der märchenhafte Geist eulenäugig fort, in bas tiefere Dickicht.
„Das war ein Morpho-Schmetterling", sagte Vanessa, bie plötzlich neben ihm stand. „Ein Brasilianer mit Namen LaliZo Oberon ..."
„Oberon ...", erwiderte Florus. „Er hat mich bezaubert — und auch erschreckt."
Das Mädchen schlüpfte durch eine schmale Buschlücke zur Glaswand, wo mehrere Zuchtkasten aufgestellt waren. Man könne nicht jede Raupenart in der Freiheit lassen, sagte sie, die Tiere würden sich verlaufen. Hier könne er die Raupen feines Parnassius apollo sehen. Die jungen Räupchen seien erst kürzlich angeschasst worden, machten aber gute Fortschritte.
Den weißen, rotberingten Apolloschmetterling kannte Florus nicht nur dem Namen nach: er hatte ihn oft auf den Bergen bes Salzkammerguts berounbert. Nun lernte er auch bie Raupen kennen, bie im Gebirge an den Wänben unb Riffen (eben. Sie waren schwarz unb rotgeziert. Ein Gewimmel.
„Daß Sie bie Falter alle ernähren können, ober saugen sie an den Blüten hier?"
„Die Nachtpfauenaugen fasten. Man hat es mit ihnen beguem. Sie leben ohne Nahrung. Den Nektar kennen sie nicht. Sie haben auf feinen Genuß verzichtet. Deshalb leben sie auch nicht lange. Sobald sie sich gepaart und ihre Weibchen Eier gelegt haben, entschwinden sie in ihr Faliervarabies ..."
„Mir scheint", meinte Florus, „sie haben ihren Himmel auf Erden."
„Die Schwärmerpuppen habe ich selbst gezüchtet. Im vergangenen Sommer habe ich sie im Freien an ihren Pflanzen und Büschen gesammelt. Ich kann mir ohne diese schönen Raupen und ihre wunderbaren Falter kein richtiges Schmetterlingsjahr vorftellen. Wenn sie ge- schlüvst sind, lasse ich sie fort.“
Merkwürdiges Mädchen", dachte er, ein Naturgeist, befreundet mit beflügelten Wesen.
„Jetzt muß ich bie Bemessen füttern", sagte sie unb ging nach vorne zum großen Arbeitstisch. „Tagpfauenaugen leben auf Brenneffeln. Man finbet sie sehr häufig, unb es ist keine Kunst, sie aufzuziehen, wenn sie täglich frische Brenneffeln bekommen ... Probieren Sie es boch einmal! Es ist entzückerst», wenn sie ausschlüpfen unb in Ihrem Zimmer gegen bie Fenster flattern. Dann müssen Sie sie hinauslassen. Gespannte, tote Schmetterlinge finb langweilig."
Der Doktor war nicht mehr ba. Vanessa nahm nun von einem großen, ziemlich hohen Flugkäfig ein buntles Tuch, bas den Bewohnern des Gaze-Hauses bas Tageslicht verborgen hatte. Florus mußte bei dieser Gebärde an eine Zauberin denken, bie ihren Schatz enthüllt. „Ich habe sie sorgfältig aufgehoben, um sie fliegen zu lassen", sagte sie. „Es finb Tagpfauenaugen vom vorigen Jahr, die in einem dunklen Keller überwinterten. Aber nun ist ihre Zeit da ..."


