Ausgabe 
3.9.1937
 
Einzelbild herunterladen

(Fortsetzung folgt.)

--) Der fette Donnerstag, der erste nach den Fasten.

ao) D. h. den alten Dogen mit feiner Gemahlin zu betrügen wie nach der antiken Sage Ares (Mars) den häßlichen und alten Hephästos (Vulkan) mit

) Xieöifo hatte fich 1344 freiwillig der Republik Venedig unterworfen, doch konnte diefe die Stadt zunächst nur schwer halten. ...

32) Niccolo Pisani hatte den genuesischen Admiral Pagamm Doria in der Rähe von Chios mehrfach zu einem Seegefecht zu bewegen gesucht und ich dann nach Porto Longo begeben. Hier griff ihn Doria plötzlich an, siegte 'rnzend und legte damit den Grund zum Frieden vom Ium 1355.

--SL---H-M-UWD , Tnnino'__Ach, dein Herzchat es dir ja doch gesagt, datz ou, ein

tteine?Knabe"an meinemBusen lagst" -Weib",sprach Antomo dumpf m netefitt Weib, es ist mir io, als wenn ich dir glauben mutzte.

Aber wer war mein Vater? Wie hieß er? Welchem grausigen Schickial mutzte^ er^eAiegen Vn jener Schreckensnacht? - Wer war es, der mich aus- nahm? und was geschah in meinem Leben, das noch letzt^wie mächtig

chiüber aus fremder unbekannter Welt mein ganzes Sechst unwiderstehlich beherrscht, so daß alle meine Gedanken sich verlausen wie m em, dchtres näcbtiaes Meer? Das alles sollst du mrr sagen, du rätselhaftes Werb, werde ick dir alauben!" -Tonino", erwiderte dre Alte seufzend, dir zum Heil muß ich schweigen, aber bald, bald wird es an berjfaitfcm. (Txpv. ^ontcdo der ?VoTiteQO bleib rveg vom ^onteßo. » , ' ?

Antonio erzürnt,deiner dunklen Worte bedarf es nicht mehr, mich Mit verrichhter^Kunst zu verlocken. - Mein Inneres ist zerrissen - du mußt smecken oderHalt ein", unterbrach ,hn bte Alte,ferne Drohungen - bin ich nicht deine treue Amme, deine Pflegerin!" -Ohne abzuwarten, was die Alte weiter sprechen wollte, raffte sich Antomo aus und rannt schnell von dannen. Aus der Ferne ries er dem äßeibe ju:: ^«neue Kapuze sollst du doch haben, und Zechinen obendrem, soviel du willst. .

Es war in der Tat ein wunderlich Schauspiel, den alten Dogen Marino Falieri zu sehen mit seiner blutjungen Gattm. Er, zwar stark und robust genug, aber mit greisem Bart, tausend Runzefa rm braunroten Gesicht, mit mühsam zurückgebogenem Nacken, pathetisch daherschreitend, sie dre Anmut selbst, fromme Engelsmilde im himmlisch Antlitz, unwider­stehlichen Zauber im sehnsüchtigen Blick, Hoheit und Würde auf der offnen, lilienweißen, von dunklen Locken umschatteten Stirne, süßes Lächeln auf Wang' und Lippen, das Köpfchen geneigt tn holder Demut, den schlamen Leib leicht tragend, daherschwebend ein herrliches Frauenbild, heimatlich in anderer höherer Welt. Nun, ihr kennt wohl solche Engelsgestalten, wie sie die alten Maler zu ersassen und darzustellen wußten. So war An­nunziata. Könnt' es denn fehlen, daß jeher, der sie sah, in Erstaunen und Entzücken geriet, daß jeder feurige Jüngling von der Ägnorre aufloderte in Hellen Flammen und, den Alten mit spöttischen Blicken messend, im Herzen schwur, der Mars dieses Vulkans zu werden-"), koste es, was es wolle? Annunziata sah sich bald von Anbetern umringt, bereit schmeichlerische, verführerische Reben sie still unb freunblich aufnahm, ohne sich was Beson- beres dabei zu benken. Ihr engelreines Gemüt hatte bas Verhältnis zu bem alten festlichen Gemahl nicht anders begrissen, als baß sie ihn wie ihren hohen Herrn verehren unb ihm anhängen müsse mit bet unbebingten Treue einer unterwürfigen Magb. Er war freunblich, ja zärtlich gegen sie, er brückte sie an feine eiskalte Brust, er nannte sie fern Siebten, er beschenkte sie nut allen Kostbarkeiten, die es nur gab; was hatte fre sonst noch für SSunfaje, für Rechte an ihn? Auf biefe Weise konnte der Gedanke, daß es möglich sei, dem Alten untreu zu werden, sich in ferner Art tn ihr gestalten, alles, was außer dem engen Kreise jenes beschränkten Verhältnisses lag, war em frem­des Gebiet, dessen verbotene Grenze tm dunkeln Nebel lag, ungesehen, ungeahnet von dem frommen Kinde. So kam es, daß alle Bewerbungen sruchtlos blieben. Keiner von allen war aber so heftig m wildem Liebesfeuer entbrannt für die schöne Dogaresse al§ Michaele Steno Seiner Jugend unerachtet, bekleidete er die wichtige, einflußreiche Stelle eines Rats der Vierzig. Darauf sowie aus seine äußere Schönheit bauend, war er fernes Sieges gewiß. Er fürchtete den alten Marino Falieri nicht, und tn bet Tat, biefet schien, sowie er verheiratet, ganz abzulassen von f?mem jähen, auf- brauienben Zorn, von seiner rohen, unbezähmbaren Wildheit. An der Seite der schönen Annunziata saß er in den reichsten, buntesten Kleidern, ausgeschniegelt und geputzt da, schmunzelnd und lächelnd und mit süßem Blick aus den grauen Augen, denen manchmal em Tranchen enttnefte, die andern herausfordernd, ob sich folcher Gemahlin einer rühmen könne. Statt des herrischen Tons, in dem er sonst zu sprechen pflegte, lispelte er, die Lippen kaum bewegend, nannte jeden feinen Allerliebsten und bewilligte die widersinnigsten Gesuche. Wer hätte in diesem weichlichen verliebten Alten den Falieri erkennen sollen, der in Treviso in toller Hitze am Fron­leichnamsfeste den Bischof ins Gesicht schlugt), der den fap ern Morbasfan besiegte? Diese zunehmende Schwäche feuerte den Michaele Steno an zu den rasendsten Unternehmungen. Annunziata verstand nicht, was Michaele, sie unaufhörlich mit Blicken unb Worten verfolgenb, von ihr eigentlich wollte, sie blieb in steter milder Ruhe unb Freundlichkeit, und bas eben, bas Trost­lose, was in biesem unbefangenen, stets gleichen Wesen lag, brachte ihn zur Verzweiflung. Er sann auf verruchte Mittel. Es gelang ihm, einen Liebes- hanbel mit Annunziatas vertrautestem Kammermädchen anzuspinnen, die ihm enblich nächtliche Besuche verstattete. So glaubte er ben Weg gebahnt zu Annunziatas unentweihtem Gemach, aber bte ewige Macht des Himmels wollte, baß solche trügerische Tücke zurückfallen mußte auf bas Haupt des boshaften Urhebers. Es begab sich, baß eines Nachts der Tage, der eben die böse Nachricht von der Schlacht, die Nicolo Pisani bei Portelongo gegen Doria verloren--), erhalten, schlailos in tiefer Kümmerms unb Sorge die Gänge des herzoglichen Palastes burchstrich. Da gewahrte er einen Schatten, der, wie aus Annunziatas Gemächern schlüpfend, nach ben Treppen schlich. Schnell eilte er barauf los, es war Michaele Steno, ber von fernem Liebchen tarn. Ein entsetzlicher Gedanke durchfuhr ben Falieri; nut bem Schrei: Annunziata!" rannte er ein auf ben Steno mit gezogenem Stilett. Aber Steno, kräftiger unb geroanbter als ber Alte, unterlief ihn, warf ihn mit einem tüchtigen Faustfchlage zu Boben unb stürzte laut auflachend.An­

nunziata! Annunziata!" die Treppe herab Der Me raffte sich auf und schlich, brennende Qualen der Hölle tm Herzen, nach Annunziata Ge- mächern Alles ruhig still wie im Grabe. Er klopfte an, em fremdes KamEtmäbchen, nicht die, welche sonst gewohnt, neben Annunziatas Gemach zu schlafen, öffnete ihm die Tür.Was bestehlt mein fürstlicher Gemahl nm die e späte, ungewohnte Zeit?" so sprach Annunziata, bte unterdessen ein leichtes Nachtgewand umgeworfen und herausgetreten, mit ruhigem engelsmildem Ton. Der Alte starrteJte «n, dann hob er beide fränbc hoch in die Höhe unb tief:Nein, es ist nicht möglich, es 'st mcht mög­lich i» Was ist nicht möglich, mein fürstlicher Herr?' fragte bte über ben feierlichen dumpfen Ton des Alten ganz bestürzte Annunziata. Aber Falieri, ohne zu antworten, wandte sich an das Kammermädchen.Warum Masst du, warum schläft Luigia nicht hier tote gewöhnlich?Ach , erwiderte die Kleine,Luigia wollte durchaus mit mit tauschen diese Nacht, die schläft im Vordergemach dicht neben bet Treppe.SW neben der Treppe?" rief Falieri voller Freude unb eilte mit raschen Schritten nach bem Vorbergemach. Luigia öffnete auf starkes Klopsen, unb als sie nun das zornrote Antlitz, die 'funkensprühenden Augen des fürstlichen Herrn erblickte, fiel sie nieder auf die nackten Knie unb bekannte ihre Schmach, über bie auch ein Paar zierliche Männerhanbschuhe, bte auf dem Polsterstuhle lagen, unb bereu ^Ambrageruch ben stutzerhaften Eigentümer verriet, gar keinen «Geisel ließen. Ganz ergrimmt über Stenos unerhörte Frechheit, schrieb bet ®oge ihm anbern Morgens, bei Strafe bet Verbannung aus ber Stabt habe er ben herzoglichen Palast, jebe Nähe des Dogen und der Dogaresse zu vetmeiben Michaele Steno war toll vor Wut über bas Mißlingen des wohlangelegten Planes, über bie Schmach bet Verbannung aus ber Nahe seines Abgotts. Als et nun aus bet Ferne sehen mußte, tote dw Dogaresse milb unb freundlich ihr Wesen war nun einmal so mit andern Jung lingen von bet Signorie sprach, so gab ihm bet Neid, bie Wut der Leiden- schäft ben bösen Gebauten ein, daß bte Dogaresse wohl nur deshalb ihn verschmäht haben möge, weil anbete ihm nut besserem Glück juBorgctom* men, unb fi unterftanb sich, bation laut unb öffentlich zu sprechen. Sei es nun, baß 8er alte Falieri Kunde erhielt von solchen unverschämten Reben, ober bah bas Bilb jener Nacht ihm erschien rote em roatuenber Wink des Schicksals, ober daß ihm selbst bei aller Ruhe und Behaglichkeit, bet vollem Vertrauen auf bie Frömmigkeit seines Weibes hoch bte Gefahr bes unnatur« liehen Mißverhältnisses mit ber Gattin hell vor Augen kam, kurz, er wurde . grämlich und mürrisch, alle tausend Eifersuchtsteufel zwickten ihn wund, , et sperrte Annunziata ein in die inneren Gemächer des herzoglichen Pa- j lastes, unb kein Mensch bekam sie mehr zu sehen. Vodoeri nahm sich seiner Großnichte an unb schalt ben alten galtet« wacker aus, bet aber von ber | Aenberung seines Betragens gar nichts wissen wollte. Dies geschah alles farz vor bem Giovebi grasso--). Es ist Sitte, baß bei ben Volksfesten die auf bem Markusplatze ftattfinben, bte Dogaresse unter bem Thronhimmel, ber auf einer bem kleinen Platz gegenüberstehenben Galerie angebracht ist, , neben bem Dogen Platz nimmt. Vodoeri erinnerte ihn baran unb meinte, daß es sehr abgeschmackt sein unb er ganz gewiß von Volk und Signone ob seiner verkehrten Eifersucht weidlich ausgefacht werben würbe,, wemi e , aller Sitte unb Gewohnheit entgegen, Annunziata von bwfer Eh« au schlösse Glaubst bu", erwiberte ber alte Falieri, besten Ehrgeiz auf emmnl angeregt würbe,glaubst bu, baß ich, ein alter blöbsrnrnger Tor, mich d-nn scheue, mein kostbarstes Kleinob zu zeigen aus Furcht vor biebischen Händen, denen ick nickt ben Raub wehren könnte nut meutern guten Schwerte l' Nein, Alter, bu irrst, morgenben Tages wanble ich mit Nnnunztata in feier- , lick glänzenbem Zuge über ben Markusplatz, bamtt bas Volk feine Dogaresse j sehe^unb am Giovebi grasso empfängt sie ben Blumenstrauß vondem kühn Segler, der sich aus den Lüsten zu ihr herabschwingt Der Doge dach - indem er diese Worte sprach, an eine uralte Gewohnheit. Am Grove b, gras ° fährt nämlich irgendein kühner Mensch aus dem Volke anJeet en, die aus bem Meere steigen unb in bet Spitze des Markusturms befestigt sm , einer Maschine, bie einem kleinen Schiffchen gleicht, heraus unb schieß bann von bet Spitze bes Turms pfeilschnell herab b,s zum Platz-, wo W

' unb Dogaresse sitzen, ber et ben Blumenstrauß, ben sonst ber Doge, st er : allein, erhält überreicht. - Andern Tages tat ber Doge wie er vethWw

Annunziata mußte die prächtigsten Kleider an egen, und von be6 gnor

, umringt, von Edelknaben unb Trabanten begleitet roanbelte Falieri üb 1 ' ben vom Volk überströmten Markusplatz. Man stieß unb brangte

tot, um bie schone Dogaresse zu sehen, unb wem es gelang sie zu erb «n, bet glaubte, er habe ins Parabies geschaut, unb bas schönste Eng-lsbildfe ihm sttahlenb unb herrlich aufgegangen. Wie bie JBenetianer nun i - mitten unter ben tollsten Ausbrüchen wahnsinniger Verzückung hort- m hie unb ba allerlei spöttische Redensarten unb Steinte, bie betb genug am ben alten Falieri mit bet jungen grau losfuhten. Falieri schien aber nichts zu bemerken, fanbern schritt, von aller Eifersucht d'-smal v°rfa obgleich er überall Blicke des brennendsten Verfangens °uf die ,chöne Gatt gerichtet sah, fchmunzelnd und lächelnd nut bem ganzen Gesicht,-so path-mq als möglich an Annunziatas Seite daher. Vor dem Hauptportal des Palast hatten die Trabanten das Volk mit Mühe auseinanbetgetrieben fa daß als bet Doge mit feiner Gemahlin hineinschtitt, nur hm unb lieber ei kleine Hausen besser gelleibeter Bürger standen, denen man selbst den L tritt in ben innern Hof bes Palastes nicht wohl verwehren konnte Da 0 schah es, baß in bem Augenblicke, als bte Dogaresse in ben $oftta , .

iunaer Mensch, ber nebst wenigen anbetn Leuten am Saulengange I Sem S Schrei:',,O buGott des Himmels st- entseeltaubash^ Marmorpflaster nieberschlug. Alles lies herbei unb umringte den Tor^. so baß bie Dogaresse ihn nicht erblicken konnte, aber sowie ber I S (i(, niederstützte, durchfuhr plötzlich ein glühenbet Dolchstich ihre Br erbleichte, sie wankte, nur bte Riechfläschchen bet herbe,eUmiben Ft retteten sie von tiefer Ohnmacht. Der alte gaben, voller Schreck stützt,ng über ben Unfall, wünschte ben jungen M-nfchen mitantl R Schlagfluß zu allen Teufeln unb trug, so sauer es fam aufa .ourbe, i | Annunziata, bie bas Köpfchen mit geschlossenen Augen über ine ® wie eine kranke Taube, die Treppe hinaus in bte innern Gemacher.