Ausgabe 
4.1.1937
 
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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1957 Montag, den ^.Januar Nummer I

Klick aus dem Spielzeugladen

Roman für das große und kleine Volk

Von Friedrich Schnack

Copyright by 2nsel-Verlag zu Leipzig

7. Fortsetzung.

Das Gemüse sah zerzaust aus.

Peter sagte, mit der Ringelnatter könne er ihn natürlich nicht zu­sammenlassen; er hätte ihr schon einmal einen Hieb versetzt, ohne sie aber tödlich zu verletzen. Peter war rechtzeitig dazugekommen.

Die Ringelnatter wohnte jetzt in einem kleinen, von Peter gezimmerten, rot gestrichenen Häuschen, unter einem engmaschigen Drahtnetz. Nach Peters Angaben war sie ein kluges und reizendes Tier, das meistens in einem Bett von Holzwolle zusammengeringelt schlief.

Was ist das für eine kleine Glocke über ihrem Schlupf?", fragte Klick, auf eine Klingel deutend, die über dem Eingang hing.

Ihre Hausglocke. Wenn ich läute, kriecht sie heraus."

Bitte, läute!", bat Klick.

Peter riß am Bindfaden, das Glöckchen schlug an. Nichts geschah. Er klingelte noch einmal wer kam heraus? Nicht die Ringelnatter. Ein grüner Wasserfrosch tat einen Satz in den Sand, das Klingeln mochte ihn erschreckt haben. Mit Ueberraschung wurde er gesichtet.

Heute früh hab ich ihn an den Elbwiesen gefangen und hineingesteckt. Sie scheint nicht hungrig zu sein", sagte Peter.

Armer Kerl, bedauerte Klick bei sich, es war vielleicht sein Sterbegeläut.

Peter zerrte noch ein paarmal an dem Bindfaden und klingelte, um­sonst. Die Ringelnatter folgte ebensowenig dem Glockenton, wie das Krokodil dem Lockruf: Ali Baba.

Befriedigt von diesen unbefriedigenden Zähmungsversuchen seines Schulfreundes ging Klick nach Hause. Er ries sogleich Ali an. Aber sie meldete sich nicht. Da begab er sich, im Umweg durch die Küche, wo er ein Stück Brot mitnahm, in den Laden des Hustenonkels. Aber der Hustenonkel erschien nicht.

Hallo!"

Hallo!", antworteten die Papageien.

Pong schmetterte die Futterschale im Käfig wie einen Ball. Die Nach­barn lachten ihn aus und warfen mit Schimpfwörtern um sich, die Spring­maus raschelte im Käfig, ein schwarzes Eichhörnchen, neuer Bewohner des Tierladens, zuckelte auf feiner Stange unermüdlich hin und her, das Gezwitscher und Schlagen der Singvögel schwoll zu einem Lärm von Tönen und Lauten. Auch die madegassischen Strahlenschildkröten, die hoch­gebuckelten Tiere, die so lange geschlafen hatten, waren munter; sie zischten und fauchten.

Ali kam aus der-kleinen Stube neben dem Laden, die der Junggeselle bewohnte.

Pst!", machte sie.Onkel ist krank. Fieber. Ich pflege ihn."

Sie sah besorgt aus. Klick ging mit ihr ins Zimmer und sah nach dem Kranken. Der lag im Bett, zugedeckt bis an die Ohren, und schnaufte. Sein spitzes Gesicht glühte. Auf die Stirn war ihm ein kühler Umschlag gelegt. Er schien zu schlafen.

Sehr krank?", fragte Klick erschrocken.

Er hat vierzig Komma zwei Schüttelfrost."

Erkältet? Immer fror ihn. Die Tropensonne hat ihn verwöhnt."

Der grüne Regenschirm hing am Fenstergriff, auf dem kleinen Sofa lag der schwarze Filzhut.

Sollten wir nicht lieber den Arzt rufen?", meinte Klick.

Er hat es untersagt, als ich ihn ins Bett schickte. Es sei nicht schlimm. Tabletten hat er geschluckt."

Auf dem Nachttischchen stand ein Glasfläschchen mit Tabletten.

Chinin!", las Klick.Klar! Einen Malaria-Anfall hat er, Tropen­fieber."

Schwelte nicht über dem Kranken geheimnisvolle, fremdartige Glut? Am Fenster schlang der Christusdorn, eine ausländische Stachelpflanze, die langen Ranken, und feuerrote Blumen trieben aus ihnen hervor. Lange Pflanzenfäden rieselten von oben aus einer Blumenampel einem Dickicht glich das Gewirr, einer Tropenwildnis, darin unbekannte Krankheiten und Gefahren nlltcten. Für Klick hatte die Webergasse plötzlich etwas Aben­teuerliches. Tropengeist wohnte in ihr, ein grünverschossener Troven- sonnenschirm hing am Fenster, und draußen im Laden schnurrte der Affe. Der Tierjäger und Sammler aber, niedergeworfen von einem tückischen Anfall, fieberte auf seinem Lager.

Ali erneuerte den kühlen Umschlag.

Du bist eine tüchtige Pflegerin ...", jagte Klick, und Ali tat, als hätte sie es nicht gehört. Säuglingspflege und Krankenpflege, war es nicht ein und dasselbe? Hilflos wie ein kleines Kind lag der Onkel in seinen Kissen vergraben, und seine Augen waren geschlossen.

Ich werde heute für dich die zweite Ausgabe beim .Anzeiger' holen", sagte Klick zu seiner Freundin.

Die Ladentür ging. Er rannte in den Laden und vertrat die Stelle des Tierhändlers. Einen Feuersalamander mit schönen, sieberischen Feuerflecken verkaufte er an einen alten Herrn.

Vier Wochen später war der Hustenonkel längst wieder gesund. Nach einem Tag Bettruhe hatte er das Fieber ausgeschwitzt. Anopheles nannte er die Sumpfmücke, die ihn einst auf seinen Tierjagden in den heißen Zonen gestochen hatte. Wie eine leibhaftige Uebeltäterin beschimpfte er sie in seinen Erzählungen.

Früher, als die Zeiten besser waren, hätte er sich manchmal einen Anophelesstich leisten können. Aber jetzt ... Er hustete auf die Gegenwart.

Aber gegen diesen Hustenreiz schien es in seiner Dose kein Bonbon zu geben.

Einmal", erzählte er,hatte mich Hagenbeck zum Großtierfang ein­geladen. Monatelang weilten wir in Afrika und fingen Elefanten und Straußvögel. Ich brachte aber immer nur kleine Tiere mit nach Hause. Und das war gut. Denkt euch, ich hätte eine Giraffe mitgenommen. Wohin mit ihr? In meinen Laden hätte ich sie doch nicht einstallen können

Warum nicht, Onkel?", meinte Klick.Du hättest eben das ganze Haus mieten und die Decke durchbrechen sollen. Wie lustig, wenn die Giraffe aus den Fenstern des zweiten Stocks in die Webergasse hinunter­geblickt hätte! Und wie viele Käufer für deine Fische und Vögel hättest du mit ihr angelockt!"

Eine Giraffe zu halten, kann einem doch niemand verwehren?", bemerkte Ali.

Giraffen sind gute Tiere", sagte Klick.

Wenn sie nicht gerade mit einem Tritt die Wand durchfeuern wandte der einstige Tierjäger ein.

Die Ladenglocke bimmelte. Ein dicker Herr trat aufgeregt ein.

Was steht zu Diensten?"

Ich möchte einen stubenreinen Papagei."

Klick und Ali blickten einander besorgt an: hoffentlich kaufte er nicht den roten Ricka, den sie so liebten.

Meine Papageien sind stubenrein", versicherte der Tierhändler ge­kränkt.Noch nie hatte ich so wohlerzogene Vögel."

Aber er soll auch Liebe zu Frauen haben", wünschte der Herr.

Versteht sich. Darüber können Sie beruhigt sein. Meine Papageien hegen eine ausgesprochene Liebe für Frauen. Es sind ja auch männliche Vögel."

Wissen Sie", sagte der Kunde,mit meiner Frau ist es nicht zum Aushalten. Jahrelang hatten wir einen Papagei, Lora hieß er, schöner Name, nicht? Lora war so verständig und schlau, beinahe wie ein Mensch. Gesprochen hat er wie ein Frauenzimmer, unaufhörlich ... vor vier Wochen ist er gestorben." Der dicke Herr führte sein Taschentuch an die Augen.Im Garten haben wir ihn begraben und einen Kürbis auf fein Grab gepflanzt. Kürbiskerne fraß er so gern. Und nun ist mit meiner Frau nicht mehr auszukommen. Seitdem sind alle Vorhänge zugezogen, niemand darf ein lautes Wort im Haufe reden, auf der Stiege muß ich meine Schuhe ausziehen, sie geht nicht weg, zeigt sich nicht, hak etwas Schwarzes umgehängt, liegt im Bett und trauert. Ist ja verständlich. Der Vogel gehörte eben zur Familie; wie ein Kind war er, so anhänglich. Wir haben nämlich keine Kinder ..."

Versteht sich!", sagte der Hustenonkel.

Natürlich habt ihr keine Kinder, dachte Klick, sonst wäre die Frau nicht so überspannt.

Dummer Kerl!", rief Ricka und schnatterte ein halbesdutzendmal den Namen Klick.

Verstohlen nickte Klick ihm zu, und Ali machte ihm schöne Augen.

Und so, habe ich mir gedacht", fuhr der Mann der trauernden Papa­geienfrau fort,ist es am besten, ich kaufe einen neuen. Neue Sachen wirken immer bei Frauen, das kennt man. Wahrscheinlich vergißt sie dann den alten und kommt wieder ins Geleise."

Kirr! Prrtzl", schnalzte Ricka.

Der Tierhändler stellte die Papageienbauer auf den Ladentisch. Die Vögel hielten die Köpfe schief und betugten aufmerksam ihre Umgebung. Dann brach Ricka in ein mörderisches Gelächter aus, indes der Zahnarzt­vogel sich als ungehobelter Bursche zeigte: wütend riß er an den Stäben, schrie gellend und warf Sand und Unrat heraus.

Geld regiert die Welt!", krächzte Ricka.

Der Kunde war von ihm sogleich begeistert. Wie eine Ziehharmonika legte sich sein Gesicht in lauter Falten. Und er gurgelte los:Sehr richtig. Meine Frau sagt das auch immer. Man meint wahrhaftig, fo(rh ein Vogel wär ein Mensch. Den nehm ich!", entschied der Mann und fragte