ter hohen erloschenen Vulkans, auf, der das Wahrzeichen der iranischen Hauptstadt ift Die Reisemüdigkeit fällt plötzlich vor Staunen von uns ab, als wir in Teheran einfahren, das wir vor sieben Jahren zum letzten Mal sahen. Die Stadt hat sich in dieser Zeit derart zu ihren Gunsten verändert, daß sie nicht wiederzuerkennen ist. Wo einst ungepslasterte, von Lehmhäusern eingefaßte Gassen liefen, sind heute asphaltierte Avenuen mit zwei Fahrbahnen, die ein Grünstreifen trennt, durchgebrochen, zu beiden Seiten von schmucken Backsteinbauten, manchmal sogar von palastähnlichen össentlichen Gebäuden flankiert, die bei aller Neuzeitlichkeit der Ausführung nicht einfach Europa kopieren, sondern einen eigenen, iranischem Geschmack und Klima angepaßten Stil zu finden bestrebt sind. Auch das Straßenleben hat sich von Grund auf gewandelt. Anstelle der offenen basarartigen Verkaufsstände von früher traten Läden mit Schaufenstern, die Männer eilen geschäftig wie in einer südeuropäischen Stadt durch die Straßen, und die Frauen, die sich in der Provinz offensichtlich noch nicht ganz an die europäische Kleidung gewöhnt hatten, tragen in der Hauptstadt Kleid und Hut bereits mit selbstverständlicher Eleganz. Leise Wehmut beschleicht uns in der Erinnerung an die verloren gegangene Romantik des Orients, an die bunt gekachelten Stadttore. die einst den Reisenden empfingen, an das Treiben in den winkligen Straßen und die schwarzverhllllten Frauengestalten. Schon hält der Wagen vor dem Hotel und schon sind die Gedanken an die romantische Vergangenheit verscheucht. Der an die Bequemlichkeit der Zivilisation des 20. Jahrhunderts gewöhnte Mensch freut sich im Grunde doch, daß er in zwei Tagen auf weichen Polstern seinen Bestimmungsort erreichte, statt Wochen im Sattel oder einer schlecht gefederten Postkutsche verbracht zu haben und weiß dem Fortschritt des modernen Iran Dank, das für Hotels und gute Straßen sorgte.
Der Angler.
Erzählung von Ern st Kreuder.
Ais ein Mann von 35 Jahren kehrte Heuer nach Deutschland zurück. Er war auf vielen Schiffen gefahren und hatte zuletzt lange in holländischen Diensten in der Südsee gestanden. Mit einem kleinen Vermögen kehrte er zurück, gelbgesichtig, lederhäutig, breiten, schlenkernden Schritts, den Hut schief im Gesicht. So sah er aus wie ein rauher Bursche, der es an jeder Ecke mit jedem ausnimmt, Tabak kaute, die Hände in den Taschen behielt und niemand grüßte, da er niemand kannte. Und doch war dieser Mann mit einem fast kindlichen Wunsche zurückgekehrt. Er wollte seinen Vater suchen und ihm ein Häuschen bauen.
Seine Mutter war lange tot, Brüder und Schwestern hatte er keine, und vielleicht war dieser Wunsch, zu seinem Bater zurückzukommen, eins mit dem Wunsche, in seine Heimat zurückzukehren. Mit vierzehn Jahren war Heuer von zuhause ausgerückt, durchgebrannt in einer finsteren Novembernacht. Damals besaß sein Vater das Wirtshaus „Zum Nord- vol" in einer Stadt am Main. Nach einem schweren Zerwürfnis mit seinem Vater, nach einer Tracht Prügel war Heuer davongelaufen und hatte auf einem zurllckgelassenen Zettel geschworen, niemals mehr etwas von sich hören zu lassen.
Nun hatte er vor einem Jahre schon einmal versucht, mit seinem Vater wieder in Verbindung zu treten, aber der Brief war zurückgekommen nach Samarang mit dem Vermerk: „Unbekannt verzogen". Und jetzt hatte er sich selbst aufgemacht, seinen Vater zu suchen. Wenn er ihn fand, wollte er ihm den Vorschlag machen, in ein neues kleines Häuschen auf dem Lande zu ziehen, Heuer selbst würde sich in der Stadt Arbeit suchen. Ein kleines Häuschen an einem Wiesenhang, mit einem Garten und Nußbäumen, denn die mochte sein Vater besonders gern.
Auf diese Weise würde der Sohn Heuer auch noch einmal eine Heimat bekommen, er war ledig geblieben, und an freien Sonntagen würde er seinen Vater besuchen, im Garten mit ihm Kaffee trinken, eine Pfeife rauchen und von vergangenen Zeiten plaudern So hatte sich das Edgar Heuer ausgedacht. Und deswegen war er zurückgekommen.
Jetzt saß er in dem ehemaligen Wirtshaus seines Vaters vor der Stadt am Main und ließ sich von dem fremden Wirt ein Glas Bier bringen. Es war ein warmer Nachmittag, der Main floß drüben friedlich vorbei, die Sonne glitzerte auf dem Wasser, drüben am anderen Ufer dehnten sich die gemähten Wiesen, und die Weidenbüsche waren fast zu Bäumen geworden, seit Heuer zuletzt hier gewesen war.
Heuer gab sich nicht zu erkennen, er erfuhr, daß sein Vater in Not geraten war und vor einigen Jahren das Wirtshaus hatte aufgeben müssen. Ein Schisser kam jetzt die StzUen herauf, hängte seine blaue Kappe an den Haken, setzte sich zu Heuer'an den Tisch und bestellte einen Korn Als er den Namen des Vaters Heuer hörte, beteiligte er sich an dem Gespräch.
„Den alten Heuer, meinen Sie?" sagte der Schiffer und kippte genau die Hälfte seines Korns hinunter. Dann drehte er in seinen schweren, roten Händen das Gläschen. „Den hab' ich mal vor einem Vierteljahr hinter Hanau wo gesehen, er sah nicht gut aus, es scheint ihm kratzig zu gehen."
Am nächsten Tage war Heuer in Hanau. Aber er konnte dort nichts über seinen Vater erfahren. Am Nachmittag ging er über die Brücke nach Klein-Steinheim, kam nach Groß-Steinheim, trank da und dort einen Schnaps und ließ im Gespräch mit den Leuten den Namen des alten Heuer fallen Peter Heuer war hier unbekannt.
Am andern Morgen schlenderte Heuer zum Main hinunter. Die Lust war neblig und feucht, es war mitunter schon leise herbstlich. Er bummelte am Ufer entlang, blieb bei den Anglern stehen, aber es waren meistens stumme, mürrische Leute, die auf kein Gespräch eingingen. Bei sich selbst dachten diese Leute wohl, was dieser gelbgesichtige Fremde hier eigentlich wollte. Denn im Dorf wurde seit gestern abend von ihm gesprochen. Heuer schlenderte weiter, steckte seine Stummelpfeife in SBranö,
ließ die Angler Angler sein und freute sich über das frische Morgenwetter. Er hatte es nicht eilig, und wenn sein Bater noch lebte, würde er ihn schon noch finden.
Zuletzt ließ er sich auf der Böschung im Gras nieder und schaute dem ziehenden Wasser zu. Schräg unter ihm am Wasser waren dichte Weiden- bllsche, und als Heuer einmal länger hinsah, merkte er, daß sich in dem vordersten Busch etwas bewegte. Dann sah er auch die Angelrute. Wieder ein Angler, man konnte ihnen hier offenbar nicht entgehen. Nach einer Weile fuhr die Angelrute hoch und ein Fisch mit rötlichem Bauch zappelte einen Augenblick blitzend in der Lust. Heuer vergaß seine schlechten Erfahrungen mit den Anglern und versuchte, ein Gespräch anzufangen.
„Heh", rief er hinunter, „verkaufen Sie wohl so'n Fisch?"
Der Angler brummte etwas und meinte nach ein paar Minuten, daß dies fein erster Fisch heute sei. Der wäre fürs Mittagessen. Nach einer Weile meinte er dann, wenn er noch was finge, könnte er auch was verkaufen. Heuer störte sich nicht an der brurnrnligen Rede und sagte, er hätte Zeit und könnte ja warten. Er hätte heute gerade Lust auf sriscken Mainfisch, gebacken, mit Kartoffelsalat. Aber der Angler gab keine Antwort mehr und Heuer legte sich auf den Rücken und starrte in den Himmel.
Nach einiger Zeit wurde es ihm langweilig und so rief er hinunter, ob inzwischen einer angebissen hätte.
„Bis jetzt noch nicht", brummte der Angler.
„Sagen Sie mal", sagte Heuer, „haben Sie mal hier herum den Namen Heuer gehört?"
„Heuer?" fragte der Angler.
„Den alten Heuer meine ich", sagte Heuer, „sein Sohn ist ja im Ausland."
„So", sagte der Angler, ,chen Namen habe ich schon gehört. Er soll wohl hier in der Gegend wohnen, meine ich."
„Sie wissen, wo er wohnt?" rief Heuer und fühlte, wie plötzlich alles ganz schwer wurde an ihm.
„So ungefähr", brummte der Angler. Er schien jetzt zu bereuen, daß er so viel geredet hatte. Und als Heuer ihn bestürmte, mit ihm zu gehen und ihm den Weg zu zeigen, gab der Angler überhaupt keine Antwort. Erst nach einigen Minuten hörte er ihn wieder brummeln.
„Wenn Sie bis elf warten können, will ich Ihnen die Richtung zeigen."
Heuer wurde die Zeit bis elf Uhr unendlich lang. Wenn sich der Angler nur nicht geirrt hatte, dachte er. Und zugleich fühlte er, daß er sich das Wiedersehen noch gar nicht vorstellen konnte. Er rauchte noch zwei Stummelpfeifen, der Hals wurde ihm trocken und im Stillen fluchte er über diesen dickköpfigen Angler. Kurz vor elf packte der Angler seine Sachen im Busch zusammen, er hatte nichts mehr gefangen.
„Wenn Sie also mal mitkommen wollen", brummelte er, „bann geh ich mal voraus."
Heuer sah, daß es ein kleines, altes Männchen war. Er stiefelte hinter ihm her. Das kleine Männchen hatte einen weißen Spitzbart und der verschossene Tirolerhut saß tief in der Stirn, es steckte in einem zerschlissenen alten Mantel, der viel zu groß war. Nach zehn Minuten standen sie vor einer baufälligen Gartenhütte in der Nähe des Ufer» (djilfes. Zwei Ziegen waren an langen Seilen angebunden und kamen meckernd heran.
„Wenn Sie einen Augenblick hereinkommen wollen", murmelte der Alte und machte die Tür auf und ging hinein. Heuer folgte ihm, da drehte sich der Alte um, hob die dünnen Arme, legte die kleinen, runzeligen Hände auf Heuers Schultern und sagte: „Edgar."
Im selben Augenblick hatte Heuer seinen Vater erkannt. Er war so überrascht, daß ihm die Sprache fehlte. Zwanzig Jahre waren eine lange Zeit. Er umarmte den kleinen alten Mann, der sich vergeblch losmachen wollte, setzte ihm den Tirolerhut ab und half ihm aus dem großen Mantel. Er bestürmte ihn mit hundert Fragen
Vater Heuer gab nur einsilbig Antwort, seine Hände zitterten, er machte sich am Herd zu schassen, schichtete Papier und Kleinholz aus und zündete es an. Sie waren jetzt beide verlegen, die Hütte war zu eng.
„Ist das dein Kleiderschrank?" fragte der Sohn. Dann machte er Öen alten, wurmstichigen Schrank auf, nahm einen Hut und einen Anzug heraus, beides Stücke aus besseren Zeiten, und überredete feinen Vater, sich umzuziehen und mit ihm essen zu gehen.
Im Dorf mietete Edgar Heuer bei der einzigen Autovermietung einen kleinen, klapprigen Wagen. Die Leute grüßten seinen Vater und der Sohn hörte, daß sie ihn untereinander „Ziegen-Peter" nannten. Nun konnte er sich auch erklären, warum niemand'den Namen des alten Heuer hier kannte. Sie fuhren in dem kleinen Auto hinüber nach Hanau und stiegen in einem gemütlichen Gasthaus ab. Dort aßen sie zu Mittag. Heuer wußte, daß fein Vater gern Kümmel trank, er selbst machte sich gar nichts daraus, aber jetzt trank er eine Lage nach der anderen mit ihm.
,^)ätte dir gern den Fisch gefangen", sagte der alte Heuer lächelnd und zupfte an dem weißen Spitzbart, „ich wußte gleich, daß du's warst."
Er war alt geworden, der Vater, weiß Gott, wovon er in der kleinen Hütte lebte. Als sie beide von dem Kümmel schon etwas rauchig waren, sagte der Sohn, daß er jetzt hier bleiben würde. Der Vater nickte.
„Wir werden uns ein Häuschen kaufen", sagte der Sohn.
„Ein Häuschen?" fragte der alte Heuer.
„Mit einem Garten und schönen alten Nußbäumen", sagte der Sohn. Er nahm aus der Brusttasche ein abgegriffenes, dickes, gelbes Kuvert und legte es vor seinen Vater hin.
„Es gehört uns, Vater", sagte er, „ich hab es für uns gespart"
„Ein Häuschen?" murmelte der alte Heuer und sah auf das Kuvert und dann auf seinen Sohn. Dann brummte er, daß er gleich wieder da sei und ging langsam auf die Tür zu, auf der „Zum Hof" stand. Als er zurück kam, hingen noch ein paar Tränen in seinem kleinen weißen Bart.
Derantwortlich: Dr. HanS Thyriot. — Druck und Derlag: Drühlsche Universitätsdruckerei 2k. Lange. Dießen.


