Anmuffaer Veriraq.
Von Christian Morgen st er n.
Auf der Bank im Walde Han sich gestern zwei geküßt. Heute kommt di« Nachtigall und holt sich, was geblieben ist.
Das Mädchen hat beim Scheiden die Zöpfe neu sich aufyesteckt...
Ei, wie viel blonde Seide da die Nachtigall entdeckt!
Den Schnabel voller Fäden, kehrt Nachtigall nach Haus und legt das zarte Nestchen mit ihrem Golde aus.
Freund Nachtigall, Freund Nachtigall, so bleib's in allen Jahren! —
Mir werd ein Schnäblein voll Gesang, dir eins voll Liebchens Haaren!
Auf Polff ern ff aff im Gaffel.
Eine Fahrt von Bagdad nach Teheran.
Don Hans Hermann Aderholt, Teheran.
Um von Bagdad, der Hauptstadt des biblischen Zweistromlandes, des heutigen Königreichs Irak, nach Teheran, der Kapitale des Kaiserreichs Iran zu gelangen, gab es im Laufe dieses Jahrhunderts für den Reisenden drei Möglichkeiten Um die Jahrhundertwende war das Reittier das gebräuchlichste Verkehrsmittel. Es wurde bald vom schnelleren und bequemeren Automobil verdrängt, und im dritten Jahrzehnt trat mit ihm das Flugzeug in Konkurrenz. Der deutsch-persische Junkers-Lustverkehr, der seit einem Jahrfünft aus verschiedenen Gründen zur Einstellung seines Dienstes gezwungen wurde, verband Teheran mit Bagdad in halbtägiger Reisedauer. Heute beherrscht das Automobil als Beförderungsmittel allein die Strecke. Demjenigen jedoch, der darüber nörgelt, daß er heute nicht mehr in wenigen Stunden wie auf dem Zauberteppich aus Tausendundeinenacht durch die Lüfte nach der Hauptstadt Irans fliegen kann, möge der ungeheure technische Fortschritt, der darin liegt, auf bequemen Autopolstern anstatt auf harten Sätteln reifen zu dürfen, aus der Tatsache erhellen, daß eine deutsche berittene Expedition im Weltkrieg von Bagdad bis zur irakischen Grenze fünf Marschtage benötigte, für eine Entfernung, die der motorisierte Reisewagen in vier Stunden zurücklegt.
In den Nachmittagsstunden sind die Soffer auf den Gepäckträger geschnallt und über schnurgerade, teilweise asphaltierte Straße brummt der Wagen in östliche Richtung. Wüstengraues Oedland wechselt mit saftgrünen Weizenfeldern, die Anfang April bereits Aehren angesetzt haben. Hie und da durchfahrene Palrn-Oasen deuten auf wasserreiche Flüsse ober Kanäle. Immer wieder begegnet man fleißigen Arbeiterkolonnen in ihrer malerischen arabischen Tracht, die mit Hacke und Spaten emsig bemüht sind, die Minterschäden der Straße auszubessern und sie frisch mit Asphalt zu übergießen. Die Straßenreparaturen zwingen oft zu Umwegen, welche die Reitenspuren in die tafelglatte, staubüberdeckte Steppe zeichneten. Eine Abendbrise wirbelt Sandhosen auf und täuscht den Einbruch einer Nacht in der Wüste vor, die dieses vielfach bebaute und entlang der Wasserkanöle höchst fruchtbare Land gar nicht ist. In südlicher Dämmerungslofigteit bricht die Dunkelheit herein, und plötzlich funkeln die Sterne vom nachtschwarzen Samt des Himmels. Nach Dierrfünbiger Fahrzeit taucht der Bahnhof der Grenzstadt Khanikin auf. Auf den Schienen stehen die zum Sonnenschutz mit Silberbronze bestrichenen Züge der Schmalspurbahn. Die von der irakischen Eisenbahn- geselUchast betriebene Bahnhofswirtschaft empfängt uns mit liebevoller Göttlichkeit. Im Badezimmer roufcht Wasser, um den Staub abzuspülen, englisches Bier kommt aus dem Eisschrank auf den sauber gedeckten Tisch, der, angerichtet mit einem üppigen Mahl mit Speisen aus oller Herren Ländern, frischen Tomaten aus Indien und Butter aus Australien, alle Unterschiede der Breitengrade vergessen läßt.
Anderntags blaut ein kristallklarer Morgen. Nur wenige Minuten erfordern die Ausreiseformalitäten im irakischen Zollamt. Nach einer halben Stunde kündigt eine grünweißrote Flagge an, daß in dem großen Neubau die iranischen GrenzbeHörden un,ergebracf)f sind. Auch Hier dauert der Aufenthalt nicht lanae. Mit Höflicher Großzügigkeit geht die Zollrevision vor sich, und die Notierung der Devisenbestände nrirb mit derselben Genauigkeit erledigt, wie bereits achtmal seif der Ausreise aus B<»-lin. D->nn fahren wir los in irani^es Land. Kasr Schirin ist die erste iranische Stadt, in der wir Halten. Diese Stabt, in der im siebenten Jahrhundert Khossrov Parvis, der letzte große Herrscher der Sassaniben- bnnaftie, ber Palästina und Aegypten eroberte und bis Konstantinopel DO’-hrang, auf seinem Schloß inmitten unerm-ßlicher Parks residierte, ist heute ein verhältnismäßig unbedeutender Grenzort. Aber selbst er zeigt dem Reitenden deutlich den Berwestlichungswillen des neuen Iran. A--Nostx ber bunten arabischen Gestalten jenseits der Grenze mit ihren als Sonnenschutz malerisch um den Kopf gewunbenen Tü-ßern sind auf ber Straße eimovaisch nefleibete Männer zu sehen mit Filzhüten und Snorttannen, Knickerbockers unb Kontektionsan-ügen. Selbst bie Frauen tragen nicht mehr ben altgewohnten schwarzen Umhang, fonbern bewegen sich in Kleibern westlichen Zuschnitts. Nach einer Taffe bes berühmten, blumig buftenben iranischen Tees, geht es weiter. Bald wird bie Land- frbaft romantisch und wild. In Kehren windet sich die Straße durch enge Röste in ber zerklüfteten Ranbkette. bie bas iranische Hochplateau von ber irakischen Tiefebene ab(nerrt. Diele Berge werben von kurdischen Stämmen bewohnt, deren Dörfer oesh wie der Lehm, aus denen sie gebaut sind, kaum sichtbar an den Berghängen kleben. Manchmal sind
auch schwarze Ziegenhaorzelte zu entdecken, in denen die Betreuer ber zahlreichen Herden hausen. Fast baumlos ist das Land, von leichtem grünem Schimmer überzogen, den der Frühling auf bie Steppe zauberte. Nur an ben Wasserläufen in ben Tälern wachsen Pappelhaine, unb an ben Hängen sind Felber mit Weizen bestellt. Manchmal zwingen Eselkarawanen zur Berminberung ber Geschwinbigkeit. Das lieblich in Grün gebettete Dorf Kerinb, bas wegen seiner frischen Quellen unb des kühlen Sommerklimas von Iranern unb Irakern gerne als Sommerfrische erwählt wirb, liegt bereits 1800 Meter hoch. Ihm folgt bas bem Schah gehörenbe Musterborf Schahabab, bas in ber sonst so oegetations* armen Lanbschaft mit einem weißrosa schäurnenben Meer blühenber Obstbäume bas Herz erfreut.
In Kermanschah ist Mittagsraft. Nachdem die Polizei wieder bie Pässe kontrolliert hat, fahren wir burch breit angelegte Straßen in ein Gasthaus, bas im Spieß gebratenes Hammelsleisch unb köstlichen körnigen Reis, bie iranische Nationalfpeise, bietet. Zum ersten Mal hat ber Reisenbe Gelegenheit, auf dem Boden unb an ben Wänben die in geschmackvollen Farben unb Ornamenten leuchtenben Erzeugnisse ber iranischen Teppichknüpfkunst zu berounbern, beren Pracht in eigenartigem Gegensatz steht zu ber sonstigen Einfachheit ber Herberge. Die Stabt Kermanschah, bie vor etwa anberthalb Iahrtausenben von ben Sassa- niben begrünbet würbe, zählt heute über 70 000 Einwohner unb macht ben Einbruck eines aufblübenben Ortes. Bald nach Kermanschah führt die Straße nahe an Tagh Bostan unb Bifutun vorbei, wo ber Reisende von teilweise gut erhaltenen, in bie Felsen gehauenen Reliefs aus ber Zeit ber Sassaniben unb ber noch viel früheren Epoche bes großen Achämäniben, Darius I., besten Reichsgrenzen im Westen Aegypten umschlossen, baran erinnert wirb, baß bie Reisen bes Autos ben Staub historisch bedeutsamer Erde aufwirbeln. Als die Schatten lang werden zieht auf einmal schneidend kalter Luftzug durch bie Fenster. Der Wagen schraubt sich in halsbrecherischen Haarnadelkurven immer höher in bie Berge, unb als Erklärung für bie plötzliche Kühle tauchen rechts unb links bes Weges ©d)neeFe!ber auf, bie in ben letzten Strahlen ber unter» gehenben Sonne aufleuchten. Immer steiler unb enger wirb bie Paßstraße. Vorsichtig werben riesige Ungetüme von Tankwagen ber Ang'o- Iranian-Oil-Company überholt, bie in ber Erbölraffinerie von Kernwn- fchah ihre eisernen Bäuche mit bem für bie Autos ber Hauptftabt bestimmten Betriebsstoff füllten. Als ber Fahrer ein ärmliches Bergborf mit ber Erklärung Astababab belegt, wissen wir, baß bie Pahhöde erreicht ist. Man hätte auch ohnehin durch bie vor Kälte klammen Hänbe, bas schneller pochende Herz unb bas Saufen in ben Ohren gemerkt, baß unversehens breitaufenb Meter erreicht sind Dann gleitet ber Waaen mit abgestelltem Motor lautlos bie jenseitige Paßstraße hinab. Bei Dunkelheit wirb fmmaban erreicht.
Ein großräumiges Gasthaus von nüchterner Zweckmäßigkeit nimmt uns aus. Man stellt uns Speisen nach europäischem Geschmack unb golb» gelben ßanbroein auf ben Tisch. Im Zimmer, dessen Wände mit bunten iranischen Stickereien geziert sind, warten Betten mit warmen Komck- haardecken, denn wir sind immer noch 2100 Meter hoch, und die Frühjahrsnächte bringen oft noch Kältegrade. Hamadan, bas alte Ekbatana, bas sich um 700 v. Ehr. ber erste König ber Meber als Resibenz erkor, unb besten Palastviertel bie Ausdehnung ber Stabt Athen bes Altertums besessen haben soll, ist eine ber ältesten Stöbte bes iranischen Hochlanbes, benn es wirb schon in assyrischen Quellen erwähnt.
Schnell vergehen jeboch bie Gebanken an graue Vorzeit angesichts des morgenschönen Tages über ber Stabt von heute. Viele neue Bauten sprechen berebt von ber Entwicklung mährenb bes letzten Jahrzehnts, unb ber Schmuckplatz im Mittelpunkt ber Stabt ist einer östlichen S'abt von bunberttaufenb Einwohnern wohl würdig. Nur hat auch Hamadon wie bie meisten iranischen Stäbte, obwohl hier Walser in Überfluß ist, noch keine Wasserleitung. Im Hotel versucht ein über bem Waschbecken bängenbes Blechkännchen mit einem winzigen Hahn baran sie zu erleben, bamit her Mohammedaner seine vorgefchriebene Wafchung unter fließendem Wasser vornehmen kann. Als Wahrzeichen Hamadans aber, das wegen feiner kunstvollen Teppiche, wegen ber blau gefärbten Tövfer- roaren unb bes Weins, ben feine lanbfchafttich reizvolle Umgebung in bie Stabt schickt, berühmt ist, erhebt sich ber oiertaufenb Meter hohe Elvenb.
In flottem Reisetempo geht es nun auf geraber Straße nach bem 240 Kilometer entfernten Kafwin. wo die Mittagsrast anaefeht ist Die Disziplin ber Schofföre, ihre Vorsicht in ben Kurven, bie Höflichkeit beim Ueberbolen unb bie freundliche HUfsbereitschgtt. bie biefe Manner am Lenkrab untereinanber beroeifen, fällt bem Reifenden angenehm auf. Wer damit rechnen muß, in fonnenüberglühfer wasserloser Steppe ei"e Panne zu haben ober in sibirischer Kälte im Gebirge einzufchneien. weiß, bah einmal bas Leben van ber Einsatzbereitschaft bes Kameraden ab» hängt.
In fünf Stunden ist Kafwin erreicht. Diese Stadt von etwa 60 WO Einwohnern war im 16. Jahrhundert unter ber Savaviben-Dnnastie Hauptftabt bes Reiches. Ihre heutige B°beutunq liegt in ber Eiaenfchgft, wichtiger Verkehrsknotenpunkt zu fein. Bei Kafwin gabeln sich bie Landstraßen, bie von Teheran nach bem Kafvihafen Pahlavi, ber meistbenuß- ten Ausreisestation nach Mitteleuropa laufen, ferner nach Täbris unb damit sowohl nach ber Türkei wie nach bem kaukasischen Rußland unb schließlich zweigt hier bie Ausfallstraße nach Westen in Richtung Bog- bab ab, auf ber wir anrollten. Das Hotel entspricht in feinem guten Zustanb ber Stärke bes Durchgangsverkehrs. Trotzdem halfen wir nur zu kurzem Imbiß, denn es drängt uns, bald bas Ziel Teheran zu erreichen, bas nur brei Stunben entfernt liegt. Ueberoll entlang des Weges konnten wir bewundernd ben Fleiß unb die Zähigkeit feffftelbm, mit ber bie iranischen Beuern mit oft noch rückstä--higen Methoden karger Scholle bas tägliche Brot abringen. Hier in Ker»tfch werben junge Iraner zu wissenschaftlichen ßanbroirfen erzoaen, die bann hinausgehen sollen, um neuzeitliche Mefhoben unter ber Bauernschaft zu Derhre'*en. Enblich taucht ber schneebestäubte Kegel bes Demavenbs, bes 6200 Me-


