Ausgabe 
3.5.1937
 
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Gießener Kumlienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang |93Z Montag, den 3. Mal Nummer 3$

Der Stechlin

Roman von Theodor Fontane

27. Fortsetzung.

Lorenzen hütete sich zu widersprechen, versuchte vielmehr umgekehrt, durch ein halbes Eingehn auf Adelheid und ihren Ton, eine bessere Laune wieder herzustellen. Als er aber sah, daß er damit scheiterte, brach er auf.

Und nun waren die beiden alten Geschwister allein.

Dubslav ging im Zimmer unruhig auf und ab und trat nur dann und wann an den Tisch heran, auf dem noch vom Kaffee her die X-iror» flaschen standen. Er wollte was sagen, traute sich s aber nicht recht, und erst als er zu zwei Cnraxaos auch noch einen Benediktiner hinzugefugt hatte, wandte er sich an die Schwester, die, schweigsam wie er selbst, ihre kleine goldene Kette hin und her zog.

Ja", sagte er,jetzt sind sie nun wohl schon in Wollersdorf."

Ich vermute drüber raus. Woldemar wird die Pferde natürlich aus- hole'n lassen. Es sind, glaub ich, Damen, die nicht gerne langsam fahren.

Du sagst das so, Adelheid, als ob du's tadeln wolltest, überhaupt als ob dir die Damen nicht sonderlich gefallen hätten. Das sollte mir leid tun Ich bin sehr glücklich über die Partie. Gewiß, sowohl die Gräfin wie die Komtesse sind verwöhnt; das merkt man. Aber ich mochte sagen, je verwöhnter sie sind ..."

Desto besser gefallen sie dir. Das sieht dir ähnlich. Ich liebe mehr unsre Leute. Beide sind doch beinah wie Fremde.'

Nun, das ist nicht schlimm." .... _ ..

Doch. Mir widersteht das Fremde. Laß dir erzählen. Da war ich vorigen Sommer mit der Schmargendorf in Berlin und ging zu Josty, weil die Schmargendorf, die so was liebt, gern eine Tasse Schokolade trinken wollte."

Du hosfentlich auch." ,

Allerdings. Ich auch. Aber ich kam nicht recht dazu, nippte bloß, weil ich mich über die Maßen ärgern muhte. Denn an dem Tische neben mir saß ein Herr und eine Dame, wenn es überhaupt eme Dame war. Aber Engländer waren es. Er steckte ganz in Flanell und hatte die Bem- Neider umgekrempelt, und die Dame trug einen Rock und eme B us und einen Matrosenhut. Und der Herr hatte ein Windspiel, das immer zitterte, trotzdem sündundzwanzig Grad Warme waren.

"UndZwischen'Ihnen stand eine Tablette mit Wasser und Kognak und die Dame hielt außerdem noch eine Zigarette zwischen den Fingern und sah in die Ringelwölkchen hinein, die sie blies.

Charmant. Das muß ja reizend ausgesehn haben. *

Unb ich verwette mich, biese Melusine raucht auch. ..

"Ja warum soll sie nicht? Du schlachtest Gänse. Warum soll Melusine nicht rauchen?" .

STÄ*. Ach. »«lh.lt., mir «6«

so was nicht einigen. Ich gelte schon für leidlich altmodisch, aber du, du

"Ährt nl* "Nd»W. nur M « dessen du dich nicht zu schämen hast. Es klingt sonderbar genug. Aber ich weiß, du liebst dergleichen und liebst gewiß auch (und hast so deine Borstellungen dabei) den Namen Melusine.

Kann ich beinah jagen."

"3a Sch west«" du "hast gut reden. So sicher wie du wohnt eben nicht jeder. Adelheid! das ist ein Name, der paßt immer. Und "" K'rchenbuche, wie mir Lorenzen erst neulich gezeigt hat, steht sogar Adelhe d«. Dao Schluß-,e' ist bei der schlechten Wirtschaft m unserrn Hause so mit drauf gegangen. Die Stechline haben immer alles verurscht.

"Warum? B«mscht^ist°^n ganz gutes Wort. Und ^h^ich^chon

Glashause. Hältst du Rentmeister Fix für einen schonen Namen Unö als ich noch bei den Kürassieren in Brandenburg war, in meinem tz Dienstjahr, da hatten wir dicht bei uns einen kleinen Mann vonl der Feuerversicherung, der hieß Briefbeschwerer. Ja, Ade Heid wenn . ch d e m gegenüber so verfahren wäre, wie du jetzt M't Graf.n Melusine so hatt ich mir den Mann als eine halbe Bombe üorfteUen mu|l Brief-

Kugelmann. Denn damals, es war anno vierundsechzig, waren alle,Bnef^ beschweret bloß .Kugelmänner': ne Flintenkugel oben und z 8 kugeln unten. Und natürlich ne Kartatschenkugel als Bauch m der Mitte.

Das Feuerveijicherungsmännchen aber, das zufällig so sonderbar hieß, das war so dünn wie'n Strich."

Ja, Dubslav, was soll das nun alles wieder? Du gibst da deinem Zeisig mal wieder ein gut Stück Zucker. Ich sage Zeisig, weil ich nicht verletzlich werden will."

Küss' die Hand ..."

Und was ich dir zur Sache darauf zu sagen habe, das ist das. Ich habe nichts dagegen, daß jemand Briefbeschwerer heißt, und überlaß' es ihm, ob er ein Strich oder ein Kugelmann sein will. Aber ich habe sehr viel gegen Melusine. Briefbeschwerer, nu, das ist bloß ein Zufall, Melu­sine aber ist kein Zufall, und ich kann dir bloß sagen, diese Melusine ist eben eine richtige Melusine. Alles an dieser Person ..."

Ich bitte dich, Adelheid ..."

Alles an dieser Dame, wenn sie durchaus so etwas sein soll, ist ver­führerisch. Ich habe so was von Koketterie noch nie gesehn. Und wenn ich mir dann unfern armen Woldemar daneben denke! Der is jo. solcher Eva gegenüber von Anfang an verloren. Eh er noch weiß, was los ist, ist er schon umstrickt, trotzdem er doch bloß ihr Schwager ist. Oder viel­leicht auch grabe deshalb. Und dazu das ewige Sichbiegen und -wiegen in t»n Hüften. Alles wie zum Beweise, daß es mit der Schlange denn doch etwas auf sich hat. Und wie sie nun gar erst mit dem Lorenzen umsprang. Aber freilich, der ist womöglich noch leichter zu fangen als Woldemar. Er sah sie immer an wie ne Offenbarung. Und sie ist auch so was. Darüber is kein Zweifel. Aber wovon?"

Hochzeit.

32. Kapitel.

Zu guter Zeit waren die Reisenden wieder in Berlin zurück. Woldemar hatte Braut und Schwägerin bis an das Kronprinzenufer begleitet, mußte jedoch auf Verbleib im Barbyschen Hause verzichten, weil im Kasino eine kleine Festlichkeit stattfand, der er beiwohnen wollte.

Der alte Graf ging, als unten die Droschke hielt, mühsamlich auf seinem Zimmerteppich auf und ab, weil ihn sein Fuß, wie stets, wenn das Wetter umschlug, mal wieder mit einer ziemlich heftigen Neuralgie quälte. ,

Nun, da seid ihr ja wieder. Der Zug muß Verspätung gehabt haben. Und wo ist Woldemar?"

Man gab ihm Auskunft und daß Woldemar wegen seines Nicht­erscheinens um Entschuldigung bäte.Gut, gut. Und nun setzt euch und erzählt. Mit dem Conte, das ließ damals allerlei zu wünschen übrig ... verzeih, Melusine. Da möcht ich denn begreiflicherweise, daß es uns diesmal besser ginge. Woldemar macht mir natürlich kein Kopfzerbrechen, aber die Familie, der alte Stechlin. Armgard braucht selbstverständlich auf eine so delikate Frage nicht zu antworten, wenn sie nicht will, wiewohl erfahrungsgemäß ein Unterschied ist zwischen Schwiegermüttern und Schwiegervätern. Diese sind mitunter verbind­licher als der Sohn."

Armgard lachte.Mir, Papa, passiert so was Nettes nicht. Aber mit Melusine war es wieder das Herkömmliche. Der alte Stechlin fing an, und der Pastor folgte. Wenigstens schien es mir so."

Bann bin ich beruhigt, vorausgesetzt, daß Melusine über den neuen Schwiegervater ihren richtigen alten Vater nicht vergißt."

Sie ging auf ihn zu und küßte ihm die Hand.

Dann bin ich beruhigt", wiederholte der Alte.Melusine gefallt fast' immer. Aber manchem gefällt sie freilich auch nicht. Es gibt so viele Menschen, die haben einen natürlichen Haß gegen alles, was liebens­würdig ist, weil sie selber unliebenswürdig sind. Alle beschränkten und ausgesteisten Individuen, alle, die eine bornierte Vorstellung vom Chri- stentum haben das richtige sieht ganz anders aus, alle Pharisäer und Gernegroße, alle Selbstgerechten und Eitlen fühlen sich durch Per­sonen wie Melusine gekränkt und verletzt, und wenn sich der alte Stech­lin in Melusine verliebt hat, bann lieb ich ihn schon darum, denn er ist dann eben ein guter Mensch. Mehr brauch ich von ihm gar nicht zu wissen Uebrigens könnt es kaum anders sein. Der Apfel fallt nicht weit vom Stamm. Aber auch umgekehrt: wenn ich den Apfel kenne, kenn ich auch den Stamm ... Und wer war denn noch da? Ich meine, von Verwandtschaft?"

Nur noch Tante Adelheid von Kloster Wutz", sagte Armgard.

"Das ist die Schwester des Alten?"

Ja. Papa. Aeltere Schwester. Wohl um zehn Jahr alter und auch nur Halbschwester. Und eine Domina."

Sehr fromm?"

Das wohl eigentlich nicht." , ,

"Du bist so einsilbig. Sie scheint dir nicht recht gefallen zu haben.

2inun° Melusine.^ dann sprich du. Nicht fromm also; das ist gut. Aber ""^,Fast könnte mans sagen", antwortete Melusine.Doch paßt es