Kinderlieb von den grünen Sommervögeln.
Von Friedrich Rückert.
Es kamen grüne Vögelein Geflogen her vom Himmel, Und setzten sich im Sonnenschein In fröhlichem Gewimmel All' an des Baumes Aeste, Und faßen da so feste, Als ob sie angewachsen sein.
Sie schaukelten in Lüften lau Auf ihren schwanken Zweigen;
Sie aßen Licht und tranken Tau, Und wollten auch nicht schweigen, Sie sangen leise, leise Auf ihre stille Weise
Von Sonnenschein und Himmelblau.
Wenn Wetternacht auf Wolken sah, So schwirrten sie erschrocken;
Sie wurden von dem Regen naß, Und wurden wieder trocken;
Die Tropfen rannen nieder Vom grünenden Gefieder, Und desto grüner wurde das.
Da kam am Tag der scharfe Strahl, Ihr grünes Kleid zu sengen. Und nächtlich kam der Frost einmal, Mit Reif es zu besprengen.
Die armen Vöglein froren, Ihr Frohsinn war verloren, Ihr grünes Kleid ward bunt und fahl.
Da trat ein starker Mann zum Baum, Und Hub ihn an zu schütteln, Vom obern bis zum untern Raum Mit Schauer zu durchrütteln;
Die bunten Vögel girrten, Und auseinander schwirrten;
Wohin sie flogen, weiß man kaum.
Auf den Großvenediger.
Von Hermann Otto Bau bei.
' Diesmal erregte der erste Anblick der Berge nicht so sehr wie in den Jahren vorher immer wieder. Mag sein, daß wir stärker auf unser Ziel eingestellt waren, auf die Tat und die Leistung. Und so kamen wir erst hinter Zell am See in die richtige Stimmung, als wir in den spielzeug- haft zierlichen Wagen der „Lokalbahn" in den Pinzgau hineinfuhren. Blauer Mittagsdunst lag über dem Tale. Die kleine Lokomotive versuchte vergeblich mit ihrem Schnaufen das Rauschen des Flusses neben dem Bahndamm zu übertönen. Wie in einem der Panoramen, die wir als Kinder noch sahen, öffnete sich eines nach dem anderen der engen Seitentäler, tief eingeschnitten, zwischen himmelhohe Wände und im Hintergründe abgeschlossen durch fahl leuchtende Gletscher, die unter dichten Wolkenvorhängen lagen! — Wir wurden kräftig durchgeschüttelt, bis wir endlich Rosental im Pinzgau erreichten. Am späten Nachmittag stiegen wir noch zur Ruine hinauf, die über dem Orte am Hang hakt, und legten uns ins Moos. Gegenüber, auf der anderen Talseite, führten zwei enge Seitentäler zu den Gletschern empor, die im roten Abendlicht glühten, das Unter- und das Obersulzbachtal.
Am nächsten Morgen schritten wir durch taufeuchtes Gras dem Obersulzbachtale zu. Langsam stiegen wir immer höher über den rauschenden Bach empor, noch immer im Schatten der gegenüberliegenden Wände. Wir kamen an großen Almen vorüber, die sich die Hänge hinaufzogen. Langsam rückte der vergletscherte Talabschluß immer näher, liebet Schutthalden und Felsabstürze stiegen wir dann mühselig in der sengenden Mittagssonne zur „Kürsinger Hütte" hinauf, die erst sichtbar wurde, als wir vor ihr standen. Unterwegs hatten wir Arbeiter überholt, die Balken zum Hüttenneubau hinaufschleppten. Sie hatten Lasten bis zu zwei Zentnern auf dem Rücken. Das war keine Kleinigkeit in dieser Mittagsglut. Dazu führt der Steig zur Hütte stellenweise in Felsstufen fast senkrecht empor und ist in seinem letzten Stück wegen seiner Ausgesetztheit durchweg mit Drahtseil gesichert.
Oben auf der Hütte (2550 Meter) kamen wir gerade recht zum Schweineschlachten. Der Wirt war eben mit einem anderen Manne damit beschäftigt, dem Schwein mit einer Schöpfkelle die Borsten abzustreichen. Drüben aus dem Neubau hantierten die Maurer. Aber dieser Alltag wurde erdrückt durch den Hintergrund, vor dem er sich abspielte. Da verschwand alles vor der ewigen Gewalt des blauglänzenden Eises und dem weiten, reinen Weiß der Firnfelder. Tief unter uns breitete sich wildgezackt, den spitzen Giebelreihen eines mittelalterlichen Zeltlagers vergleichbar, der Gletscherbruch der „Türkischen Zeltstadt" aus. Ringsum aber glitten die unendlichen Eisströme von all' den stolzen Riesen der Venedigergruppe zu Tal. Fast mächtiger als die elegante Spitze des Großvenedigers wirkte von hier aus der gegenüberliegende „Große Geiger".
Um 3 Uhr in der Frühe brachen wir von der Hütte auf. Der Himmel war sternklar in dieser Augustnacht. Ein frischer Wind kam uns von den Gipfeln her entgegen. Bei Laternenschein tasteten wir uns langsam
über Geröllhalden zum Zwischensulzbachtörl hinauf. Allmählich wurde es heller, und wie konnten die Eisbrüche des Sulzbachkees in der Tiefe unter uns deutlicher erkennen. Die Sterne verblaßten immer mehr. Als wir auf dem Gletscher Seil und Steigeisen anlegten, färbte die Morgenröte den Horizont und die Wolken, die allmählich aufstiegen. Der hartgefrorene Schnee knirschte unter unseren Füßen. Der Gletscher hob sich zuerst langsam. Wir kamen ganz gut vorwärts, denn es gab nur wenige Spalten. Dann aber folgte ein steiler Firnhang, der zur Venedigerscharte emporleitete. Er war an und für sich ganz harmlos, aber uns fiel er schwer. Das Gepäck drückte stark, wir hatten Atembeschwebden, Ohrensausen und Herzklopfen. Die Bergkrankheit hatte uns gepackt. Langsam, ganz langsam stiegen wir aufwärts. Ein paar Schritte, und dann mußten wir wieder stehenbleiben, um Atem zu schöpfen. Von rechts her grüßte ganz nahe der wächtengekrönte Gipfel des Großvenedigers. Wilde Eisabbrüche, in den wundervollsten blauen und grünen Tönen leuchtend, zogen sich von ihm zu uns herüber. Der Berg sah auf uns hernieder wie ein grinsender exotischer Dämon. Wir nahmen noch einmal unsere ganze Kraft zusammen und standen dann eben auf der Scharte, wo uns der Wind um die Nase blies.
Vergeblich versuchten wir ein paar Bissen zu essen. Wir bekamen nichts durch die Kehle. Wir liehen unser Gepäck an der Scharte zurück und stiegen langsam weiter zum Gipfel. Wir waren so schlapp, daß es uns selbst zuviel war, den Photoapparat mitzunehmen. Der Grat war zuerst breit und harmlos, dann verengerte er sich plötzlich. Wir maren froh, daß wir unsere Steigeisen hatten. Denn wir standen auf einem steilen Dache, das in die Unendlichkeit abzustürzen schien. Unterhalb des Gipfels mußten wir noch einen Augenblick warten, um eine absteigende Partie vorbeizulassen. Dann über eine schmale Firnschneide hinüber, und wir standen oben auf der überhängenden Gipfelwächte (3360 Meter). Ein paar Schritte vor uns lief ein tiefer Spalt durch den Firn. Nun wäre es an uns gewefen, uns zu freuen. Aber der Berg grollte uns hartnäckig. Er sorgte dafür, daß im Nu sämtliche Gipfel in der Runds sich in graue Wolkenfetzen hüllten. Nur der höhere Rivale, der Großglockner, hatte seinen eigenen Willen. Frei ragte seine spitze Pyramide über die Wolken hinaus. Schon blies uns der Sturm die ersten Schneeflocken ins Gesicht, und auch die Gipfel der nächsten Umgebung verschwanden im Nebel. Wir eilten zur Scharte, zu unseren Rucksäcken zurück. Und dann mit schnellen Schritten über das Gletscherfeld des Schlat- tenkees zur „Prager Hütte". Bei jedem Schritte sanken wir tiefer in den weichen Schnee. Spalten stellten sich uns entgegen, über die wir hinübersprangen. Der Nebel braute sich immer dichter zusammen. Doch wir hatten Glück. Etwas müde, aber froh, schnallten wir unsere Steigeisen am Ende des Gletschers ab und rollten das Seil ein. Ein paar hundert Meter entfernt, manchmal im Nebel verschwindend, stand in den Felsen ein schmuckes, hohes Haus, die „Neue Prager Hütte" (2810 Meter).
Um die Mittagszeit lagen wir draußen unterhalb der Hütte zwischen den Felsen, vor dem Winde geschützt, und sahen dem Kampf des Nebels, des Sturmes und der Sonne zu. Tiefdunkelblau leuchtete Enzian überall zwischen dem Grau des Gesteins, lieber die Gletscherbrüche des Schlatten- kees' jagten bie Wolkenschatten. Die „Schwarze Wand" drüben wurde für einen Augenblick zum Teil sichtbar. Doch der Nebel siegte. Dicht und grau, alles verhüllend, alles verschluckend, zogen immer neue Massen heran. Schon fielen die ersten Tropfen.
Am Nachmittag noch stiegen wir zu Tal. Wir gingen immer am Rande des Schlattenkees' hin. Jede Ecke bot einen neuen, eigenartigen Ausblick auf die gewaltigen Eisbrüche, die ins Tauerntal hinadstürzen. Der Nebel ließ immer nur einen Ausschnitt aus dem Ganzen frei und gab fo Bilder von stärkster Geschlossenheit. Bald brach der Gletscher in riesigen, senkrecht übereinander gestellten Stufen ab, bald spaltete er sich in wildzerklüftete Grate und Zacken. All' das aber war übergossen von den leuchtendsten grünen und' blauen Farbtönen, die nach gesteigert wurden durch das indirekte Licht, das durch den Nebel drang. Äm Ende des Gletschers gähnte eine haushohe, dunkle Höhle im Eis, das Gleticher- tor, aus dem der Gletscherbach hervorschoß, um donnernd über Fels- abstürze zum Talboden hinabzufallen.
Gegen Abend, gerade als der Regen durch unsere Windjacken durchzudringen begann, (amen wir in Inner-Gschlöß, der obersten Almsiedlung im Tauerntal an. Dort übernachteten wir.
Am nächsten Morgen hingen noch ein paar Helle, durchleuchtete Wolkenstreifen um die dunklen Massen der Berge, lieber uns aber strahlte die Sonne vom dunkelblauen Himmel. Der Bach rauschte. Die Glocken des Weideviehs klangen. Die Almhütten uns gegenüber leuchteten in sattem Braun. Vor ihnen spielten Kinder mit rosigen jungen Schweinen. Auf einmal riß der Wolkenvorhang im Hintergrund des Tales auseinander, und das strahlende, göttliche Weiß der Firnfelder lag breit und ruhig da, eingebettet in riesige Felshänge. Oben darüber aber stand die Tiefe des südlichen Himmels.
Lange noch hatten wir diesen Blick, wenn wir beim Weitermarsch uns umwandten. — Nicht weit von Inner-Gschlöß lag seitab vom Wege ein seltsames Bauwerk. Einen haushohen Felsblock, der einmal mit Donnergepolter von einer der Talwände heruntergekommen sein mußte, hatte man ausgehöhlt, mit Fenstern versehen und den Raum zu einer Kapelle gestaltet. — Allmählich verbreiterte sich das Tal immer mehr und der Bach nahm immer ansehnlichere Gestalt an. Die ersten Siedlungen, die das ganze Jahr über bewohnt werden, lagen in den Wielen. Noch einmal mußte sich der Bach in einer Klamm zwischen steilen Fese- wänden hindurchzwängen, bann trat er in ein weites Talbecken ein. lleberaU verstreut hatten sich Höfe angesiedelt, bis hoch hinaus an den Verghängen. Oben noch zwischen dem starken Grün der Wälder und dem helleren der Matten leuchtete das dunkle Gold reifer Getreidefelder. Eine weiße Burg lehnte sich an den Berg. Die heiße Luft flimmerte über der Talweite und über den Häusern von Windisch-Matrei, dem Ausgangspunkt so vieler Fahrten in das Herz der Tauern.
Beravctwörtlich. Dr. Hans Thhriot. — Druck und Derlag: Drühl'sche Aniversitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.


