Ausgabe 
2.7.1937
 
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Das Kind.

Von Willy Arndt. Du Wunder unsrer Wiederkehr, des Bundes Segen du und Sinn vom Herzen Gottes kommst du her, ein Licht von seinem Feuermeer, geheimnisvoller Neubeginn.

Dem Kranz, der ewig schwingt und ruht, fügst du dich wie ein Sternlein ein und willst mit Erde, Fleisch und Blut, mit Menschenangst und Menschenmut beladen und begnadet sein.

In deinem Anschaun groß und rein stehn gute Geister im Gemach und werden dienend bei dir sein, bis du die Wege gehst allein und hängst dem Wunderbaren nach.

Wenn du die Deinen einst verläßt, vollend« dein' und ihre Art: ein Feuervogel flieg vom Nest zu deines Daseins höchstem Fest, zu tiefer Schau auf großer Fahrti

Oie chinesische Laterne.

Eine Kindergeschichte von Karin Maria Wilde.

In der krummen, mit dem spitzen Katzenkopfpflaster bedeckten Straße, die zum Meer hinabführte, stand ein Haus, hochgiebelig, vornehm, wie ein altes Patrizierhaus zu sein pflegt, mit immer geschlossenen Fenstern und zugezogenen Vorhängen, das mir in der seltsamen, aber schönen alten Stadt Reval am sonderbarsten erschien.

Einmal, da die Sonne so besonders frühlingssüß nach dem langen, stren­gen, russischen Winter alles überflutete, nahm ich den großen Wolfshund Rasboika am Halsband und ging mit ihm friedlich, ein fünfzehnjähriges, blondes Ding, die buckelige, vom Regen blau und glänzend gewaschene vtraße langsam hinab ...

Und siehe, während ich ernsthaft und eingehend alles betrachtete, blieb ich jäh stehen. Rasboika knurrte und stieß seinen dicken, zotteligen Kopf böse an mich. Er roch den feuchten, salzigen Meerwind, und dort, hinter der leichten Krümmung der Gasse, tauchte es ja auch schon auf, das im sonnenlicht wie ein metallener Spiegel weit, weit hinaus blinkende Meer, mit den flinken schaumgekrönten Wellchen, die an heiteren Tagen wie pielerisch gegen den Strand anliefen. Und Rasboika wollte im Wasser loben, und dann faul in der Sonne liegen, um sein nasses struppiges, m der Wärme dampfendes Fell zu trocknen, nachdem er sich wild in dem weichen, mehligen Dünensand gewälzt hatte.

Aber obwohl er immer wieder seine Schnauze an meiner Hand rieb, «ulte, gähnte und die gelben Wolfszähne wies, stand ich wie festgewurzelt ior dem alten, feierlichen Haus, das mit seinem hohen spitzen Giebel finster m all der hellen Sonne die Reihe der übrigen, meist kleineren Häuser Unterbrach. Und doch machte es heute einen ganz anderen Eindruck als onst. Denn ein Fenster stand offen, mit den, wie in Reval üblich, sich iodj der Straßenseite öffnenden Fensterflügeln. Grüne, schwerseidene Vor- »änge blähten sich im Windzug und im Fensterrahmen hing, was meine Blicke und Sinne wunderlich erregte und festhielt: eine entzückend be­malte, in allen Farben schimmernde Laterne in lackschwarzer Fassung, mit chwarz getuschten, chinesischen Figürchen auf dem pastellfarbenen Grund, _ine chinesische Laterne! Sie schaukelte leicht auf und ab in dem steifen Beeroinb. Auf der mir zugewandten Seite tranken zwei zierliche Geishas m Kimono und mit der hochgebauschten Frisur Tee, sie tarierten vor einem Tischchen, und die eine schenkte mit anmutiger Bewegung Tee in die Täß- fjen. Die andere hielt ein dreieckiges Instrument im Arm, sie sah lächelnd ai der Tee-Einschenkerin aus und spielte und sang ich hörte, wohl in reiner Einbildung die dünne, leise Stimme und das helle, zarte Zirpen i es Saitenspiels dazu .

Sie Laterne schwankte auf und ab auf und ab schimmernd in 'jrer gläsernen Herrlichkeit und mit den zärtlichen Figürchen, ganz deutlich rflang die süße Musik, ich glaubte sie wirklich zu vernehmen und horte e ganz nahe. Aus der Tiefe des Zimmers, hinter den schweren dunkev irünen Vorhängen, drangen in der Tat diese feinen, weichen Töne. Ich duschte, hatte meine kleine Hand in Rasboikas Fell vergraben, sah die Imnte Laterne an und rührte mich nicht von der Stelle. Nun war das alte, praue, unheimliche Haus doch verzaubert, wie im Märchen ganj rote

es mir immer hinter (einen feft verschlossenen Fenstern ausgebag)t !«fte, wenn ich auf dem Katzenkopfpflaster die enge Straße zum Meer Ünabtief, mit Rasboika am Halsband.

Ser Hund knurrte wieder, seine grauen Rückenhaare sträubten sich, er wr ein scharfer, böser Kerl, mit dem ich aber von Anfang an gut Freuno »ar, wie es ja Kindern oft mit sonst unzugänglichen, bissigen Tieren er- l^hi ... Ich zog den schweren, grauen Kops am Halsband zu nur heran Jnb beugte mich herab zu ihm:Aber Rasboika, es ist doch nichts, iummer Serl, du fürchtest dich wohl schon am hellen Tag vor dem alten {aus da, schäme dich!" Aber weil er die braunen Augen drohend auf bas «mster richtete, hob auch ich wieder den Kopf sanft schaukelnd hing e chinesische Laterne im Fensterrahmen, ein leiser, bitterer Geruch nach

rti fifcfjem Juchten und starkem Tabak strich aus dem Zimmer, ein dunkler, angenehmer Geruch, den ich nie mehr vergessen habe, und aus den Schatten in der Zimmertiefe trat ein Mann ans Fenster, der mich wohl schon eine ganze Weile beobachtet hatte und nun lächelte und bei diesem Lächeln blitzend weiße Zähne in seinem dunklen Gesicht zeigte. Ich erschrak.Oh, verzeihen Sie bitte!", sprach ich auf estnisch,ich war nicht neugierig nur die Laterne hier, die wunderbare Laterne!" Der Mann, der eine kurze, englische Pfeife rauchte, schlug den Pfeifenkopf jetzt auf dem Fenstersims aus, dann sah er mich voll an mit seinen blauen Augen, die grell und abenteuerlich unter dem breiten, wirren, schwarzen Bogen der Brauen standen. Er sagte noch immer nichts, sah mich nur immer so an mit feinem merkwürdigen Blick, und weil er noch immer lächelte und ich nicht klug wurde aus diesem leicht spöttischen Lächeln, senkte ich verwirrt den Kopf.

Nun das ist doch nichts Schlimmes, wenn du neugierig bist, kleines Mädchen!" Er sprach deutsch, aber mit dem rollenden R der Russen in feiner weichen tiefen Stimme. Ich warf den Kopf zurück und funkelte ihn zornig an:Ich war nicht neugierig, mein Herr, ich habe mir wirk­lich nur die chinesische Laterne angesehen und der Musik zugehört!" Er lachte.Warte ein Weilchen!" Und er nahm die Laterne vom Haken und kam dann durch den kleinen Vorgarten zu mir auf die Straße heraus, die Laterne in der Hand haltend und unter dem Arm einen kleinen Koffer­apparatDu gehst wohl die Straße zum Meer hinab", meinte er näher­kommend. Ich nickte nur und sah ein wenig ängstlich auf Rasboika, der aber zu meiner Verwunderung gar nicht mehr böse war, sondern im Gegenteil seinen dicken Kopf an den Fremden drängte, wie er es sonst nie tat.

Langsam ging ich neben dem großen, schlanken Fremden die ge­wundene Straße hinab. Der Nachbar, vor feinem winzigen Laden stehend, grüßte respektvoll, und ich hatte mit einemmal alle Scheu und Angst vor dem Fremden verloren. Rasboika tobte in langen Sätzen voraus. Als wir zum Strand tarnen, stürzte er uns schon triefend naß entgegen. Eine ganze Weile stand der Fremde neben mir und blickte auf das Meer hinaus. Dann wandte er sich lächelnd nach mir um:Ich heiße Wladimir, willst du mich so nennen?" Und weil er so freundlich mich ansah, schlug ich in die hingehaltene, breite Hand ein:Ja, gerne!" Er fuhr mir leicht übers Haar:Du gehst wohl gar nicht hier bei uns zur Schule?"Nein, ich bin nur bei Onkel und Tante zu Besuch in Reval!" So, aber nun will ich dir etwas zeigen, weil es dir soviel Spaß zu machen scheint!"

Wladimir hatte die Laterne vorher in den Sand gestellt, und ich mußte voll Mühe den neugierigen Rasboika abhalten, sie aufzufressen oder als willkommenes Spielzeug in das Meer zu schleppen, wie er es sonst mit Holz und Steinen tat.Geh weg, Rasboika!" schrie ich ihn an in meiner Aufregung und drohte ihm, bis er sich endlich trollte und schnaufend und prustend in den Sand einwühlte.

Wladimir öffnete den schwarzen Kofferapparat und legte eine Platte auf:Nun schau mal!" Er hob die Laterne auf, und nun sah ich durch das herrlich bemalte, im Sonnenlicht glitzernde Glas auf das filberfpie- gelnde Meer, das unruhig in kleinen Wellen an den Strand anlief. Hinter dem bunten Glas funkelte alles strahlend auf, auch die schwarz getuschten Figürchen schienen sich anmutig zu bewegen. Dazu tönte eine sehr helle, dünne Melodie aus lauter gläsernen Glöckchen, die der Seewind schmei­chelnd aufnahm und auf das gleißende Meer entführte, das am fernen Horizont mit dem Himmel blau verschmolz.

Ich war wie verzaubert. Die zärtliche Frühlingssonne, der weite blaue Himmel, der gelbe Strand mit dem im Wind knisternden, trocknen Strand­hafer, Rasboika dort und neben mir Wladimir mit feiner bunten Märchen­laterne im farbig sich brechenden Spiel der Sonnenstrahlen, von der dünnen, fremden Melodie aus dem fernen Osten begleitet. Und Wladimirs eigentümlicher Geruch nach russisch Juchten und starkem englischen Tabak, der bei jeder Bewegung von ihm ausging, von seinen Händen, seinen Kleidern der sanfte und fröhliche Blick feiner blauen Augen dieses alles erfüllte mich festlich und geheimnisvoll. Und ich glaube, es war der glücklichste Tag meines Lebens, dieser Tag mit Wladimirs Freundschaft und dem bißchen Kinderglück einer bunten Laterne ...

Ost gingen wir die krumme, katzenkopfgepflasterte Straße zum Meer hinab mit Rasboika am Halsband. Lautlos rollte bann und wann eine der hohen Kutschen auf ihren Gummirädern an uns vorbei wie gut griffen die Pferde auf dem wie für sie geschaffenen holprigen Pflaster aus. Und der Nachbar, der kleine, dicke Kolonialwarenhändler in der cattuse pappi stand meistens vor feinem Lädchen und grüßte freundlich, hielt die rosigen Händchen über seiner weißen Schürze gefaltet und sah uns wohlwol­lend nach.

Oder wir faßen in dem mit alter Pracht ausgestatteten Gemach, von Wladimirs Tante Cornelia, bei der er zu Besuch weilte. Dort lehnte man in den steifen geschnitzten Stühlen. Im silbernen Dreifuß brannte das Holzkohlenfeuerchen unter dem Samowar, der matt blinkte in der Däm­merung des düsteren Raumes. Die alte Dame war taub, aber sie nickte mir ab und zu freundlich zu, wenn sie nicht gerade in ein Buch vertieft war. Es gab immer wunderbar mürbes, russisches Buttergebäck und Pastetchen mit Fleisch oder Gemüse gefüllt ...

Später reifte Wladimir nach Hongkong ab, wo er In einer russischen Firma tätig war.

Wenn ich die chinesische Laterne ansehe, denke ich daran, daß jene enge gewundene Straße auch heute noch zum Meer hinabführt und die Luft genau wie damals nach salzigem Seewind und Fischen schmeckt daß aber am Ausgang der Straße kein Wladimir mehr heftig drohend über mein Zuspätkommen die Laterne schwenkt und Rasboika ihn freudig bellend anspringt und doch glaube ich, würde ich jäh den Gesuch spüren, wenn ich wieder dorthin zurückkäme, den starken, bitteren Geruch nach Juchten und Tabak, der die Erinnerung an diese halbe Kinderlr-undschaft wieder ganz wachrufen würde in mir, mit ein wenig nachdenklicher Traurigkeit gewürzt...