hören konnte. Aber es war auch nicht nötig, ich hatte plötzlich begriffen, warum nicht Pablo das Pferd in Empfang nahm. .
Ah, der treue Bursche gehörte zu den Opfern des 2. Mai, er war einer von denen, die gegen die Franzosen zu den Waffen gegriffen hatten und deren Hirn an irgendeiner Hausmauer verfpritzt war. Jetzt wollte Gabriel erzählen, er schlug seine Brust mit Fäusten er beteuerte irgend etwas, aber ich winkte ab, ich wußte schon, was geschehen war: Pablo war gefallen, er war eingetreten ins Reich der Dunkelheit und Nimmerwiederkehr. Ich überließ Cid der Fürsorge Gabriels und trat vor das Tor. „ , ... -
Fast stolperte ich über ein Bündel Kleider, an das mein Fuß stieß. Ein Mensch hockte da auf der Straße, ein Gesicht hob sich mir schief entgegen, mit Mühe nur erkannte ich die alte Bettlerin, die Pastrana.
„Daß Erzellenza nur wieder glücklich zurück sind , sagte dl« Alte
Seltsam, ich vernahm das scharfe Flüstern der Pastrana deutlicher, als wenn sie mir ins Ohr geschrien hätte. Woher wußte sie, daß ich fort gewesen war? Wußte sie vielleicht auch um meine Sendung?
Die Pastrana zuckte die schiefen Achseln, als hätte ich diese Fragen laut an sie gerichtet. „Die Hoffnungen der Patrioten begleiten Euer Exzellenz Schritte", sagte sie. „Sie rechnen darauf, daß Euer Gnaden ein Beispiel geben werden." _ „ .,
„Was für ein Beispiel soll ich geben?" entgegnete ich erregt. „Soll ich vielleicht diesen Wahnsinn mitmachen?"
„Ist es ein Wahnsinn, wenn sich cm Volk gegen die Knechtschaft
^Lch möchte, daß Spanien von den Greueln des Krieges verschont b!tlbUm den Greueln der Sklaverei ausgeliefert zu bleiben?" Die Pastrana hatte sich erhoben, sie lehnte schief und mit verdrehten Gelenken an der Wand, ihr Atem stieß warm in mein Gesicht: „Es ist viel Blut geflossen, Exzellenz, das war kein Kampf, es war Mord und Gemetzel. Ohne Gericht und Urteil hat man unsere Landsleute an die Wand gestellt und niedergeknallt." , ,
Ich hatte Napoleon gesehen, den gedrungenen, beleibten Mann in der schäbigen Uniform, ich hatte gesehen, wie er mit einer Familie umsprang der immerhin das Recht auf eine Krone zustand, ich hatte gesehen wie die Straßen unter den Tritten seiner Armeen qualmten, die sich auf seinen Befehl in Bewegung setzten. Das war nicht der Mann, der vor irgend etwas zurückschreckt«, wenn er seinen Willen durchfuhren wollte. „Was können wir tun?" erwog ich, „England wird es nicht zugeben, daß sich Napoleon dieses Landes bemächtigt."
| England?" flüsterte die Pastrana und stieß mit dem Stock gegen das Pflaster, „und inzwischen läßt Napoleon oder Murat oder wer sonst seine Arbeit hier verrichtet, die Verdächtigen und Mißliebigen aus dem Weg räumen, erschießen oder in die Gefängnisse werfen. Wissen Sie, daß auch Ihr Freund Graf Fuentes verhaftet worden ist?"
Ich erschrak. Fuentes war verhaftet worden. Fuentes? Fuentes der Freund, der Mensch, dem ich mich nächst Martina am engsten verbunden fühlte Es war ein Schmerz, der mich betäubte, der mir die Seele versengte wie mit glühenden Eisen. Die Pastrana wartete, vielleicht wollte sie ihrer Nachricht Zeit lassen, bis sie ihr Zerstörungswerk verrichtet hatte.
„Die Dame, die Sie kennen", sagt sie nach einer Weile, „laßt bitten, sie wieder zu besuchen."
Plötzlich schoß Zorn in mir auf. Diese Dame, Isabel — ,a damit hatte es begonnen! Isabel — sie hatte es zustande gebracht, daß ich Madrid verlassen hatte, um eine Sendung zu übernehmen, die mich hatte den Kragen kosten können. Sie hatte mich in eine Gefahr geschickt m der ich hätte zugrundegehen können, wenn sie nicht auf eine unbegreifliche Weise von mir abgewendet worden wäre. Und inzwischen war hier in Madrid allerhand geschehen, die Stadt hatte sich empört, Blut war geflossen, Pablo war gefallen, und jetzt erfuhr ich, daß auch mein Freund bedroht war. Ich sah zwar im Augenblick nicht, wie ich das alles hätte verhindern können, aber es war mir, als wäre ein Zusammenhang zwischen alledem, den ich nur noch nicht zu erkennen vermochte. ,
Plötzlich fiel mir noch etwas anderes ein. Ich wurde mir dessen mne, wie sinnlos es war, sich mit dieser Pastrana in ein Gespräch über all das einzulassen. Da stand ich und redete mit ihr, dieser Bettlerin, dieser alten Hexe über Spanien und Napoleon und England als wäre sie meinesgleichen. Ich verstand gar nicht, was mich dazu bewogen hatte. Sie war die Botin dieser Isabel. O — sie sollte nur nicht glauben, daß ich mürbe gemacht und so kleinmütig war, noch einmal zu gehorchen.
„Bestell der Same", sagte ich, „daß ich mit ihr nichts mehr zu schaffen ^^Exzellenza", rief mir die Alte nach, „Exzellenza, hören Sie doch ..."
Aber ich hörte nicht, ich wollte nicht hören, ich hatte meinen Zorn über alles geworfen, über die. Trauer um den treuen Diener, über die Sorge um den Freund, ich wollte jetzt nichts mehr als endlich Heimkommen.
Ich wollte nichts als Heimkommen. Da war mein Haus, fest verschlossen, von Schweigen und Dunkelheit erfüllt wie alle anderen Häuser der Straße. Ich öffnete, ich ronrf heute keinen Blick in die Werkstatt, ich stieg gleich die Treppe zu den Wohnräumen hinauf ...
Mein Schwager Bayeu war wieder bei Josepha, der unvermewmyc Banen Et ging im Zimmer auf und ab, die Hände unter den Schoßen feines Fracks, Josepha saß am Tisch und nähte schwarze Spitzen an eine sckiwarze Mantille. Sie erwiderten meinen Gruß nur durch ein kurzes Nickem sie taten, als käme ich nur von einem Gang in die Stadt zuruck und nicht von einer tagelangen Reise. .
Ach was, es war ja auch nicht Josepha oder gar Bayeu, tue mir Das Heimkommen auf einmal so wichtig gemacht hatten, sondern etwas anderes, ein freudiges Aufleuchten in einem Kindergesicht, zwei magere Arme, Die sich mir entaegenftrerfen würden. 0
! Ich stieß die Tür auf, das Zimmer war dunkel, aber von der Lampe auf Jofevhas Tisch fiel so viel Licht in den Nebenramn, um erkennen zu lassen, daß Rosalbas Bett leer war.
(Fortsetzung folgt.)
ergrimmt durch das Mißtrauen und den dem Landeskind von Fremden anaetanen Zwang, mit meinem Paß auswies. Die Franzosen schienen in jedem Reisenden einen Spion zu wittern, und ich mußte manches empörende Won über spanische Verräterei anhören, auf das ich nur mit Mühe die gebührende Antwort hinunterwurgte
Hinter Alfaro wurde es auf der Straße nach Zaragoffa so arg, daß ich beschloß abzubiegen und den Weg über Tarazona und die Sierra del Moneayo zu nehmen. Das Sträßlein war einsam und beschwerlich, auf der Paßhohe mußte ich abfteigen und, das Pferd am Zugel, stundenlang durch tiefen Schnee waten. Ich hatte darauf gerechnet, in Villa- roya Unterkommen zu finden. Aber als ich ermüdet und hungrig mit der Dämmerung in die Nähe des Ortes tarn, wehte mir Brandgeruch entgegen. .,
Villaroya war kein Ort mehr, sondern nur ein Haufen geschwärzter Trümmer. Erlöschende Feuergeister hockten noch in Aschenwinkeln, über verkohlte Balken liefen kleine Ketten von Flammchen Die Kirche inmitten der Ruinen hatte eingesch'agene Türen und geborstene Fenster, und die zwölf versengten Bäumchm, die sie umstanden, trugen adsonder- Il%s$töaren zwölf Bäumchen, und an jedem von ihnen hing ein Mann, ein Spanier. Einem der Gehängten halte man die 3unge ausgeschnitten und mit einem Messer an die Brust genagelt Ich stand noch, I von Ingrimm durchbebt, im rasch herabsinkenden Dunkel der Nacht da klappte ein seltsamer Zweitakt di« Dorfstraße herab, eine ungeheuerliche Gestalt, ein riesiger Schatten auf dünnen langen Beinen nähert« sich rasch Aus einem eingesunkenen Strohdach schoß eine befreite Flamme auf, unb ich sah einen Steljenläufer auf mich zukommen, einen Mönch ctuf StclAßn.
„Hallohl" sagte ich, indem ich unter den Bäumen hervor und dem Läufer in den Weg trat.
Im Augenblick war der Mann von den Stelzen gesprungen, die langen Hölzer klapperten hinter ihm in den Staub, das trichterförmige Rundmaul einer Pistole stieß gegen meine Brust vor
„Tu deine Trompete weg", sagte ich ärgerlich, „ich will wissen, was es hier gegeben hat." .. , I
Die Mönchskapuze war zurückgeglitten, dl« Flamm« des Strohdaches warf rote Glut auf ein hartes, finsteres Gesicht. „Was es hier gegeben hat Landsmann", sagte der Mann, indem er seine Masse in die Falten der Kutte versenkte, „du siehst es ja. Die Franzosen richten sich bei uns häuslich ein. Sie verbrennen unsere Dörfer, sie hängen unsere Manner, die den Mut haben, sich zu wehren, an die Bäume."
Was es gegeben hatte? Nun, eine Abteilung französischer Soldaten, die in diesem Ort übernachtet hatte, war überfallen und niedergemacht worden. Und dies hier war das französische Strafgericht,, dem Alkalden hatte man wegen feiner besonderen Tücke und Bosheit die Zunge ausgeschnitten. „Was wollen diese fremden Bestien hier?" sagte der Mann erbittert, „haben wir sie gerufen?"
„Und du, wohin gehst du?"
, Es laufen Boten durchs ganze Land. Wir tragen das blutige Meffer von Dorf zu Dorf. Und auch du wirst nicht fehlen, Landsmann, wenn es soweit ist." Schon schwang er sich von einem geschwärzten Mauerchen aus auf feine Stelzen und schwankte mit langen Schritten in die Nacht.
*
In weitern Umkreis um Madrid wurden Gräben ausgehoben. Mindestens zehnmal mußte ich meinen Paß vorweifen, ehe ich in die Vor- ftadtstrahen einreiten konnte. Ich hing schwer und schlaff im Sattel, die durchwachte und durchhungerte Nacht in dem zerstörten Villaroya lag mir in den Knochen, die Stadt erheiterte mich nicht. Dieses strahlende Madrid empfing mich düster und dunkel, es war verboten, in den Zimmern der Gaffenfeite Licht zu entzünden, nichts vom fröhlichen Abendlärm der Straßen, von den Rufen der Wasserverkäufer, dem Gelächter zu den Balkonen hinauf und zu den Freunden hinunter. Es gab feine Spaziergänger, keine bummelnden Genießer der Kühle, es gab nur Soldaten, starke Posten an den Ecken, marschierende 2lbteilungen.
Eine eroberte Stadt, deren Seele durch den Feind gelähmt war.
Ich begegnete einem Trupp Gefangener. Sie gingen zu zweit, einer ans Handgelenk des andern gebunden, und alle zusammen an eine lange Eisenstange gefesselt, die zwischen ihnen durch lief. Sie gingen mit gesenkten Köpfen einem unbekannten Schicksal entgegen. Man hatte sie aus den Häusern geholt, man bracht« sie ins Gefängnis, vielleicht auch stellt« man sie einfach an die Wand und knallte sie nieder, wie man es am 2. Mai mit Hunderten von Spaniern getan hatte.
Mein Kopf war voll von grauenhaften Gefchichten. Sie schwirrten durch das ganze Land, sie warteten in den Schenken, um sich auf den Reisenden zu stürzen. Je näher man Madrid kam, desto mehr wurden ihrer, desto genaueres wußte man von den Oreueltaten der Franzosen, von dem Blutbad, das sie angeridjtet hatten, weil die Hauptstadt Spaniens sich die letzten Mitglieder der königlichen Familie nicht entfuhren lassen wollte, die Kinder, die Napoleon noch gefehlt hatten, um das ganze Haus der Bourbonen in [einer Hand zu haben.
Ich ritt nach meinem Stall. Das Tor war festungsmäßig verschlossen, und ich muhte lang gegen die Balken donnern ehe jemand kam. Es war nicht Pablo, mein Pferdewärter, sondern der alte Gabriel, der längst des Stalldienstes enthoben und zum Attersaustrag als Gärtner draußen im Landhaus eingesetzt war.
„Wo ist Pablo?" fragte ich verwundert.
Warum klemmte Gabriel einen Zipfel feines Kopftuches zwischen dw Zähne und duckte sich in den Schatten hinter dem Pferderucken? Was war es, was er da murmelte? Ich verstand ihn nicht, die Lust war ichwül und dick, nur gedämpft drangen die Geräusche der Welt in mein Gehör, meine Ohren waren heute schwer verpvlstert.
„Was ist mit Pablo?" drängte ich.
Jetzt tauchte Gabriels trauriges und scheues Gesicht aus Dem Schat- tm des Pferdes, die braune Runzelhand schlug zitternde Kreuz« über Stirn Mund und Brust. Er sagte auch etwas, so leise, daß ich nichts


