GietzeimZamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang (957

Zreitag, den 2. Juli

Nummer 50

GOYA

UND DAS LÖWENGESICHT

ROMAN VON KARL HANS STROBL

5. Fortsetzung.

Aber nun hob der Kaiser den Kops und lächelte mit spöttischem Mund:Merkwürdige Leute, Ihre Spanier ... sie haben den Wunsch, den großen geschichtlichen Augenblick im Bild zu verewigen." Napoleons Lächeln ließ keinen Zweifel, wie er über den großen geschichtlichen Augen­blick von Spanien aus gesehen dachte.

Der General Savary machte hinter Napoleon einen langen Hals. Er machte sich noch länger und dünner als er war, um seinem kaiser­lichen Herrn über die Schulter zu sehen.

Da!" sagte Napoleon, indem er seinem General das Blatt reichte, sehen Sie nur. Spanien sendet seinen größten Meister mit der Bitte, die königliche Familie in Bayonne malen zu dürfen. Vielleicht soll ich auch mit auf das Bild kommen? Diesen Brief hätten Sie nicht vor mir zu verstecken brauchen, Prinz Ferdinand! Welcher Blödsinn ist mir da hinterbracht worden? Murat ist ein Esel!"

Ich glaubte nicht recht zu hören. Was war das? Stand das in diesem Brief? Nichts von Ausharren, von äußerstem Widerstand, von unbeding­ter Weigerung abzudanken, von Berufung auf die heiligen Rechte der Selbstbestimmung einer Nation? Deckte sich der Inhalt dieses Briefes mit dem, was bloß Borwand für die geheime Sendung gewesen war? Wozu dann das Ganze? Hatte man mich zum Narren gehalten, war ich einer Täuschung zum Opfer gefallen?

Ferdinand war der Lage nicht gewachsen. Er war nicht geistesgegen­wärtig genug, sein eigenes maßloses Erstaunen zu verbergen, seinen Mienen war anzusehen, wie verblüfft und überrascht er war. Zum Glück beachtete ihn der Kaiser nicht, er riß Savary den Brief aus der Hand, das höhnische Lächeln war von seinem Gesicht wie weggewischt, der Zorn war wieder da und sprühte mich an.Eine Komödie! Wie? Jawohl, eine lächerliche Komödie, um mich in Sicherheit zu wiegen. Ich will an­nehmen, daß Sie nichts davon wissen, daß Sie nur ein Werkzeug sind. Sie würden sich sonst nicht dazu hergegeben haben. Spanien sendet seinen größten Meister, um seine königliche Familie hier zu malen und inzwischen..."

Inzwischen!?"

Der Kaiser hatte sich unterbrochen. Er stand knapp vor mir, eine lo­dernde Flamme von Mensch.Nun Sie wissen nicht, was inzwischen in Madrid geschehen ist?"

Nein", sagte ich ruhig und bestimmt. Ich sah Napoleon an wie man das Messer in der Faust des Gegners anschaut, um dem nächsten Stoß zu begegnen.

Aufruhr ist in Madrid ausgebrochen. Französische Soldaten, meine Soldaten sind erschlagen worden, Straßenkämpfe, Barrikaden... Auf­ruhr gegen mich! Das ist der Dank Spaniens, weil ich es von diesen Leuten hier befreien will, die es zugrunderichten. Weil ich es davor bewahren will, sich in die Arme Englands zu werfen zu einer Knecht­schaft, die ihm die Gurgel abschnürt. Ich bringe Spanien die Freiheit, und es empört sich gegen mich." 0

Das also war geschehen. Madrid in Aufruhr, Straßenkämpfe, Barri­kaden, es ging wohl arg zu, bei solchen Tumulten kamen immer auch Menschen zu Schaden, die mit der Sache gar nichts zu tun hatten. Neugierige, Zuschauer, zufällig in den Wirbel Geratene ob wohl Martina so vorsichtig gewesen war, das Haus nicht zu verlassen?

Der Kaiser war inzwischen wieder ganz ruhig geworden, sein Zorn schlug nicht mehr in Flammen aus.Gehen Sie nach Madrid zurück, Meister. Die Kunst ist mir heilig. Aber jetzt ist wohl nicht die Zeit, große Reprüsentationsgemälde einer königlichen Familie zu malen, deren Schicksal sich von dem Spaniens trennt. Gehen Sie, ich will annehmen, daß Sie nichts mit der Sache zu tun haben. Aber Spanien wird sich diesen zweiten Mai merken. Wir werden Ordnung machen. Jetzt habe ich genug von diesen Geschichten hier. Meine Geduld ist zu Ende. Wenn Sie, Prinz Ferdinand, bis Mitternacht nicht Ihren Äater als König anerkannt haben, so werde ich Sie wie einen Rebellen be­handeln."

Die Königin kreischte auf. Ihr Gesicht war verzerrt wie das einer keifenden Straßendirne:Dieser Undankbare, dieser Heuchler, dieser Lump! Schicken Sie ihn aufs Schafott, Sire!"

Der Kaiser sah Maria Luise eine Weile nachdenklich an. Dann wandte er sich zu Savary:Welch eine Frau! Welch eine Mutter!" sagte er.

Ich dachte, daß meine Anwesenheit hier weiter nicht nötig wäre, und ging, da niemand auf mich achtete, still davon.

Auf dem Flur gesellte sich Escoiquiz zu mir. Vor einer halben Stunde hatte Murats Kurier die Nachricht von dem Aufstand gebracht, schon schwirrten aus der Militärkanzlei des Kaisers die Befehle an die Armeen. Jetzt hat er den Vorwand", seufzte der alte Herr,den er gebraucht Wt- Jetzt wird er die Maske abwerfen und keine Rücksicht mehr nehmen. Es kommen schwere Zeiten für Spanien. Aber er irrt, wenn er glaubt, daß es ihm leicht werden wird, uns seinem Willen zu unterwerfen."

Schwere Zeiten für Spanien, gewiß. Aber nicht das war es, was mir als dünkte Angst auf der Seele lag. Es war dieses Unbestimmbare, Gestaltlose, mir selbst Drohende, das sich mit einemmal wieder vor mir erhoben hatte.

3n der Rebenlaube des GasthofesZur Sonne von Austerlitz" ließ ich mir von dem geschäftigen Wirt Hammelbraten und Käse austragen und trank dazu einen roten Wein aus Bordeaux. Der Abend war golden und friedlich, trotz der Hornsignale von der Festung. Ich wußte wenig von dem, was ich, nur den roten Wein spürte ich, wie er durch meinen Körper flutete und das Hirn wach machte. Es war nötig, die Gedanken anzuregen, die zuerst wie betäubt waren und jetzt doch eine Menge zu tun hatten. Sie belebten sich, sie schossen durcheinander, sie suchten nach einem Sinn des Geschehenen.

Wse war das nun mit dem Bries? Immer wieder kehrten die Ge- danken zu diesem Punkt zurück. Woher hatte Napoleon mit solcher Sicherheit um meinen Bries gewußt? Schaudernd sah ich in einen Ab­grund von Gefahr. Wenn der Brief nun wirklich das enthalten hätte, was in ihm nach den Andeutungen der Auftraggeberin gestanden haben mußte? Ob Napoleon auch dann gegen die Kunst und den großen Meister Rücksicht geübt hätte?

Ich konnte zu keinem Ende kommen. Vielleicht war es besser, schlafen zu gehen, diese Angst mußte in die Schleier des Schlummers gehüllt werden.

Ich lag schon im Bett, da polterte es noch einmal die Treppe hinauf und trommelte an meine Tür. Der Wirt brachte eine Ordonnanz aus der kaiserlichen Kanzlei, und die Ordonnanz hatte einen Paß für mich und den Auftrag, morgen mit Tagesanbruch die Rückreise anzutreten.

Gut. Morgen also, das stimmte genau mit meinem Wunsch überein, der meine Heimkehr möglichst beschleunigen wollte.

Warum hatte man mich überhaupt hierher geschickt? Das war nicht herauszubringen. Und der Brief wie war das doch mit dem Brief? Aber auf einmal, schon im Einschlafen, gab es einen Knacks in meinem Hirn, und wie durch ein Guckloch sah ich hell beleuchtet eine Bewegung, eine Stirn und eine Hand; einen Brief und die Bewegung, mit der die Hand den Brief an die Stirn legte. Der Doktor Siebold! Wieder ein Kunststück des deutschen Doktors? Er hatte wohl vorausgesehen, was kommen würde und hatte irgend etwas mit dem Brief vorgenommen. Vielleicht hatte er ihn mit einem andern vertauscht, es war unbegreif­lich, wie er es gemacht hatte, Siebolds Kunststücke hatten ja immer etwas Unbegreifliches ... So mochte es wohl gewesen sein, dabei konnte man sich beruhigen.

Plötzlich war jemand im Zimmer. Wann? Gleich darauf, Stunden später, um Mitternacht oder gegen Morgen? Ich wußte es nicht, aber jemand war da. Die Dunkelheit war an einer Stelle noch dichter und dunkler, sie war zu einem Körper zusammengeballt, einem Frauen­körper mit einem Löwenkops. Er kam näher, beugte sich über das Bett, das Löwengesicht fletschte mich an, eine fürchterliche Fratze, grinsend vor Blutgier.

Ich schlug wohl mit dem Arm um mich, eine Wasserflasche klirrte zu Boden Gott sei Dank, das Löwengesicht war fort. Dunkelheit, nur gute, nicht feindliche Dunkelheit, Behagen des Bettes für den er­müdeten Körper. Vielleicht war nur der Bordeaux etwas schwer ge­wesen ... man mußte sich das merken, Bordeaux erzeugt Löwen­gesichter ...

Es zeigte sich, daß die Uebersendung des Passes mehr gewesen war als eine übertriebene Zuvorkommenheit. Ohne den kaiserlichen Namenszug hätte ich wohl kaum Madrid erreicht, selbst mit ihm gab es alle Span­nen lang Aufenthalte und Schwierigkeiten.

Alle Straßen waren voll marschierender Truppen, Napoleons Armeen hatten sich in Bewegung gesetzt, um die Corps Dupont und Moncey, die schon im Land standen, zu verstärken. Wenn die Straße eine Anhöhe er­klomm und man einen Ausblick hatte, dann sah ich ost weithin die Land­schaft qualmen, das Maigrün der Felder und Vuschwälder war auf ganze Strecken durchzogen von Bändern von Staub, aufgewirbelt durch Taufende von Soldatenstiefeln und Pferdehufen und durch die Räder der Geschütze und Proviantwagen.

Ich wurde immer wieder von Patrouillen angehalten und scharf nach Wer und Was, nach Woher und Wohin befragt, bis ich mich schließlich.