und ver- und

Die Amseln haben Sonne getrunken, Aus allen Gärten strahlen die Lieder, »In allen Herzen nisten die Amseln, Und alle Herzen werden,zu Gärten Und blühen wieder ...

Der Frühling ist ewige Jugend. Er hat immer neue Farben Töne und ist kein abgeleierter Gassenhauer. Eine ewig neu sich jungende Melodie ist er, dem Menschen so nötig wie Jugend, Liebe fein tägliches Brot.

Morastgen Wiesen und der Sümpfe in Die Höhe. Auch beginnt der Frühling Sich überall zu zeigen: Regenwürmer, Die seiner lauen Witterung Sich freuen wollen, kriechen aus der Erde, Und südlich an dem Horizonte kommen Die Schwäne und die wilden Gänse lärmend Ins Nordland heimgeflogen. Es scheint, Daß wir 'nen schönen Sommer Ich bm doch Recht müd und schläfrig ...

Um die Jahrhundertwende heißt es in einemBilde":

Hart und kalt in schwarzen Regenlachen Spiegelt sich das grelle Frühlingslicht.

Reine Miniaturmalerei, eigentlich Federzeichnungen eines Einswer­dens mit Rispe, Dolde, Blütenblatt und Käfer, gibt Johannes Schlaf in seinen ProsagedichtenFrühling" (1893), die das Entzücken der natu­ralistischen Schule waren. ..... ,

Zum Schluß ein hinströmendes Auferstehungsgluck des Mainsranken Dauthendey:

Ein Kind ist zu Gast.

Bon Helene Boigt-Diederichs.

Der Umzugmorgen ist da. Nixis Mutter hat eingewilligt, die Ge­meinschaft zwischen sich und dem Kinde für einen vollen halben Tag zu zerreißen. Sie will den Jungen selber mit in die Wohnung bringen, damit der Abschied an der Stelle seines neuen Wirkens getätigt wird.

Da ich dieses Wirken des Anderthalbjährigen des öfteren im elter­lichen Wohnzimmer miterlebt habe, bin ich mir der Verantwortung bewußt. Heute nacht, als ich, vom Kommenden bedroht, wach lag, formte sich der Plan zu einem in der Säuglingspflege immerhin neuartigen Verhalten. Laß die Mutter nur erst draußen sein. Alsdann wird Nixi, fern von Brennöfen, Reißbüchern, Fensterstürzen und Kurzschlüssen in der Mitte des Zimmers auf einen Teppich geschüttet ... Hier schaltet sich das Bild der Heuldecke ein (mausegrau mit feuergelbem Saum), die in der Kinderstube meiner Mutter Üblich war. Freilich, daß der Sträfling auf ihr verharrte, ja, bei ihrem bloßen Anblick schon die Massen streckte, ward doch nur durch den sittlichen Zwang bewirkt, der im Falle Nixi einigermaßen versagen würde. Folglich: Ersatz der Moral durch einen mehr widerstandsfähigen Gegenstand. Sagen wir einen Besen. Mit diesem bewehrt werde ich mich neben Nixi stellen und seine aufrührerischen Glieder unentwegt auf die Teppichinsel zurückfegen. Dann kann auf keinen Fall Schlimmes entstehen.

Den Besen als Nothelfer im Sinn schlafe ich ein, erwache unsicher ins nüchterne Frühlicht.

Die Schränke im Zimmer werden angewackelt; sie bewähren sich fast auf ihren Beinen, ohne Hang zum Ueberkippen. Schlüssel werden ab­gezogen, Tischdecken hochgefaltet, der Ofen mit Kohlenkästen verschanzt, das Pedal des Klaviers, die Klunker der Vorhänge auf Grünspan unter­sucht. Alles klar zum Gefecht.

Der größte Teil des Vormittags entweicht, ohne daß Mutter und Kind sich melden. Ich werde unruhig, vergegenwärtige mir ein gewisses schwarzseherisches Mienenspiel, das mein Angebot etwa begleitet Haden könnte.

In diese Abrechnung hinein klingelt es. An der Tür stehen die bänglich Erwarteten.Darf er wirklich kommen?" fragt die Mutter. Nur der Kenner vernimmt den Unterton von Ehre, der dem fremden Dache bevorfteht.

Nixi wird aus Pelz und Mütze geschält. Die Mutter mustert das Zimmer, teilt Ersatzhöschen und Winke zu jedweder Behandlung aus. Vor allem müsse das Kind jetzt schlafen, hierfür sei das Zimmer gänzlich zu verdunkeln, dazu gehöre noch ein Schirm vors Fenster. Undenkbar, daß Nixi die Augen schließe beim kleinsten Spalt Tageslicht.

Die Mutter erlebt noch, wie im Winkel, zwischen Schrank und Klavier, ein Lager geschichtet wird. Sie schwankt, ob sie dem Abschied aufrecht begegnen ober still verscheiden soll, entschließt sich heldenhaft für das letzte.

Hinter der Glastür des Flurs bewegt sich ihr lauschender Schatten. Ich gönne ihrer Zärtlichkeit das erste jähe Herzwimmern des betrogenen Knästleins, erwarte Rückstürzen, vernehme mit Staunen fluchtartiges Treppab.

Ich bin allein mit dem Kinde, das plötzlich schweigt. Etwas schüttert über fein Gesicht, sein Körperlein bebt, bereitet sich auf den Ausbruch der Naturgewalt.

Selbsterhaltungstrieb brennt auf. Blitzartig folgert der Verstand: dies ist ein Kind. Nicht mehr und nicht weniger. Ein kleines fremdes Kind. Alles hangt davon ab, daß es nicht erst auf den Gedanken kommt, es fei anderes als ein beliebiges, meinem Haushalt zugewtefenes Gerät.

Ich packe den kleinen warmen. Leist und stopfe ihn mit einer klugen Mischung von Beiläufigkeit und Nachdruck auf das Bodenlager.Da Nixis Nest!" Angehaltenen Geistes kümmere ich mich keineswegs darum, wie er diese Vorstellung aufnimmt.

Nixi stößt nicht, trampelt nicht, tut den Mund zum Schreien nicht auf, nur die Augen zum Staunen. Begreift langsam, diese Nische hier ist das Winkelchen Dasein, dem er und das ihm fortan eigentümlich zu­gehört. Das fremde Weltenwirbelzimmer draußen, das geht ihn nichts an. Aber hier, Kiffen und Decke, weiß und glatt, mit ihnen laßt es sich heimatlich verkehren.

Kleine friedliche Schwatzlaute gurgeln auf. Der Zustand überwältigt mich. Ich werde schwach, zucke aus meinem Nichtvorhandensein heraus, werfe Nixi einen Abreißkalender mit dem letzten vergessenen Silvestek- stlatt zu. , , ,

Bücher die einzige Angelegenheit im elterlichen Wohnzimmer, bet deren Handhabung einige Warnung?- ober Schmerzensschreie des Vaters fällig sind. Nixi lauscht rund niemand mengt sich ein. Herzliches Plappern und Klatschen. Aus dem Röhren, Mampfen und Kosen formt es sich: bitter, bitter, bitter. Schaben an der Wand, Knistern von Papier, Lutschlaute es überläuft mich: die Tapete ist mit grüner Farbe ge­strichen schutzengellinde schleiche ich heran.

Alles in bester Ordnung. Nixi spielt nicht mehr. Er scheuert in den Augen, Hände und Gesichtlein werden schwer, verdumpfen. Sinken, halb aufbegehrend noch, ins Kissen. Und nun schläft er wirklich, ohne Dunkel und tzensterschirm, fest und einfach, zwar mit wunderlichen kleinen Schluchzern, die wie Träume von Schmerzen find.

Ich sitze da, voller Andacht vor so viel Wehrlosigkeit. Ein kleines fremdes Kind, auf Tod und Leben in meine Hand gegeben. Ich erfinde Geschenke für den Augenblick seines Erwachens. Den großen Schlüsselbund. Den Papierkorb. Die Weckuhr. Die Tasten des Klaviers. Nixi rührt sich nicht, schläft, nachgerade beängstigend. Schläft weiter bis in die Dämme­rung. Und wenn nun feine Mutter kommt, und ich muß gestehen, daß er in dem gastlichen Hause weder Naß noch Trocken bekommen hat? Ueberaus peinlich. Ein Griff nach dem Lichtschalter da, willkommen blinzelt der Schläfling, stört hoch, kullert beschwichtigend zurück. Ich zehen- schlängle davon, Milch aus der Küche zu holen. Wehjammern heiser! mir nach. Ich rase zurück, finde Nixi an der Tür; wiefelflink trappt er, gestillt von meinem Wiederdasein, in sein Nest.

Bald hocke ich, leutselig angegrinst, neben ihm. Nixi schmatzt an der Milchtasse, klopft sich aufs Bäuchlein, läßt sich kleine Brocken Honigbrot zwischen die lieblich warmen Lippen schieben. Hinterher entspinnt sich, durch Blick und Schelmerei, zagseliger Tausch auch von geistigen Freund­lichkeiten.

Nixi denkt nicht daran, sein Ställchen zu verlassen. Er feiert Wieder­sehen mit bitter bitter, wühlt und schwimmt, liegt bäuchlings, ver­gewissert sich der Beine von Schrank und Klavier. Dabei gerät ihm eine Hand aus dem Dunkel ins Licht hinaus; er entdeckt den Schatten an der Wand, fingert, grabbft stürmisch zu, wartet verdutzt dem Entschwundenen nach. Ich bereichere seine Welt, indem ich aus freier Herzensfreude den Schlüsselbund stifte. Lautreiche Wechselwirkung zwischen Holz und Metall. Meine Kühnheit wächst; ich habe nicht die geringste Angst mehr vor diesem kleinen Lebewesen, taschenspiekere geradezu mit der Gefahr ... Mittendrin steht die Frage: wenn nun niemand kommt, das Kind zu holen? Heute nicht, in acht Tagen nicht, nie mehr? ... Gott lohn's ihm! Nichts hindert uns zwei, ohne jeden Anhang ein neues Leben anzufangen.

*

Unerwartet, in keinem Falle mehr erwünscht, klingelt es. Böser Ahnung voll, wende ich mich trotz des Aufbegehrens hinter mir gegen den Flur.

Als ich, notgedrungen, die Mutter ins Zimmer führen will, tastet es von innen an der Tür. Blau vor Empörung steht Nixi da. Starren, sekundelang; Bilderwechfel in feinem Blick. Bier Arme breiten sich. Urlaute, Mutter und Kind sinken einander ans Herz. Endlich erholen die Gesichter sich, finden Besinnung für die dritte Person, stoßen nach mir, blauer An­klage voll für mein halbtagelanges Dazwischenstehen. Neues Versinken, Schmeicheln Gutmachen durch eine Flut von Schokoladentäfelchen.

Schließlich werde ich die Mutter ist eine Dame von Welt höflicherweife ins Gespräch gezogen. Nixi unterdes stößt vor zum Angriff auf meinen Schreibtisch, ergattert eine halbmeterlange Papierschere, die er zunächst gegen sich, darauf gegen seine Mitmenschen richtet.

Ich mische mich nicht in das Spiel von Aufklärung und Abwehr, das zwischen Mutter und Sohn erfolgt. Nein, es soll sich keiner einbilden, daß mir an allergeringsten an dem kleinen Unhold liegt. Ganz im Gegenteil ich schiele auf die Uhr es wird nachgerade Zeit, daß die Mutter ihre Pflichten selber übernimmt.

Ihr zierliches Lob beim Abschied erstaunt mich. Weit mehr gerecht­fertigt erscheint es, daß Nixi jede Abschiedshand sowie das mütterlicherseits empsohlene Küßchen weigert.

Gute Nacht und nochmals Dank; Klappen von Tür und Stufen. Was ist? Nichts, als daß ein Fremdling, ein kleiner aufgedrungener Gast mich verlassen hat. Ich bin allein in meinem sanften ruhigen Zimmer. Ein paar Handgriffe jedwede Freiheit, Ordnung und Ruhe ist her- gestellt.

Beim Aufräumen findet sich am Boden ein kleiner schwarzer Leder­ring. Von Nixis Gürtel. Noch könnte man die Treppen hinab den Scheidenden nachspringen. Doch ich denke gar nicht daran. Nicht daß ich mich bereichern will an anderer Leute.Eigentum. Die Rückgabe morgen ist beschlossene Sache. Ader heute ist heut. Die Lacklederschlaufe mit der zärtlichen Schmierfingerspur bleibt den ganzen Abend neben mir auf dem Disch.

Verantwortlich 0r Hans Thyriot. Druck und Verlag: Brühl'jche Llniverlitäts-Buch» und Steindruckerei, R. Gange, Gießen.