Ausgabe 
2.4.1937
 
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Landschaft ohnegleichen.

Von Erwin Seddin g.

Ein Bauer streut den goidnen Samen des Roggens aus wie eine Spende. Der Tag um feine frommen Hände ist leuchtend blau und ohne Ende. Die Bilder Gottes haben keinen Rahmen.

Es mögen tausend harte Schuhe durch tausend braune Furchen gehen: zur Freude, ihnen zuzusehen wie Kinder, die am Feldweg stehen, verloren wir den Sinn und alle Ruhe.

Doch unter irgendwelchen Zeichen, ob es schon traumverwischte waren, lebt auch in uns dies Bild seit Jahren mit seinem starken, wunderbaren Erdduft der Heimat: Landschaft ohnegleichen.

Frühling und Dichter.

Von Paul Friedrich.

Frühling, Jugend und Poesie sind im Grunde eins. Das in den langen nordischen Wintermonaten fast bis auf ein Nichts herabgedrückte Licht der Sonne steigt, und je länger es scheint, desto mehr erwärmt es die vereiste Erde und ruft das in einen Winterdämmerfchlas versenkte Leben in allen Keimen wach. Auch der totgeglaubte Baldur, der Adonis der Alten, erwacht und kehrt nach Asgard heim. Der mürrische Winter weicht erst nach heftigen Stürmen und Schnee- und Hagelschauern dem holden Knabentanz, der mit Veilchen im Haar den Anger und die Hecken grünen und von den Jubelliedern der heimischen und aus dem fernen Süden heimkehrenden Vogelschar begrüßt wird. Die monatelang ans Zimmer gefesselte Jugend treibt es mit Macht hinaus ins Freie, die ersten warmen Sonnenstrahlen locken sie zu den uralten Spielen: Ball­spiel, Murmeln, Haschen, Ringelreihen.

Und die in die Reife tretenden Jünglinge und jungen Mädchen lockt der Frühling zu Wanderungen in die Natur, wo sich ihr unverstan­denes Sehnen mit dem allgewaltigen Sehnen der ganzen Schöpfung ver­bindet, das die enge Brust weit dehnt und das Gefühl einer allesum- armenden Liebessehnsucht wachruft. Und dieses mächtige, drängende Gefühl will nicht stumm bleiben, es macht sich Lust in Volks- und Wanderliedern oder in Uh land s ewig jungemFrühlingsglauben":

Die linden Lüfte sind erwacht, Sie fäufeln und weben Dag und Nacht, Sie schaffen an allen Enden.

D frischer Duft, o neuer Klang!

Nun, armes Herze, sei nicht bang!

Nun muß sich alles, alles wenden. Die Welt wird schöner mit jedem Tag, Man weih nicht, was noch werden mag. Das Blühen will nicht enden.

Es blüht das fernste, tiefste Tal: Nun, armes Herz, vergiß der Qual! Nun muh sich alles, alles wenden.

In diesen schlicht-beseelten Versen hat das deutsche Gemüt seine knappste Formung des Frühlingssehnens gesunden.

Aber das ist uns allen bekannt, bekannt wie die herrlichen Volkslieder wieEs siel ein Reif in der Frühlingsnacht", oderKomm lieber Mai und mache die Bäume wieder grün", oder die unsterblich in Schu­berts Melodien sortlebeuden Müllerlieder des allzufrüh dahingegangenen Wilhelm Müller. , ..

Da nun aber der Frühling die ureigentliche Domäne der Poesie ist, könnte man leicht auf den Gedanken kommen: Na ja! Frühling ist eben Frühling, die Bäume werden grün, die ersten Krokusse, Schneeglöckchen, Märzenbecher und Himmelsschlüssel sprießen, die Finken, Drosseln, Stare Een und singen es ist immer dieselbe Litanei nach einem lustigen . pt:

Minna, wie schön scheint der Mond!" Vorzüglich, sogleich in den Kasten! Wenn das das Blättchen nicht nimmt heiß ich nicht Hinz oder Kunz!

Gewiß! So sang der blutige Dilletantismus aus tausend Kehlen so unentwegt, daß der Gast sich mit Grausen wendet, wenn er ein Früh­lingslied liest. Und doch, sehen wir uns doch ein klein bißchen in dem Blumengarten um, der so viel verschiedene Frühlingsfarben hat und so verschieden sehen auch die berufenen Künder des Worts den ewigen Lenz.

Bis ins 18. Jahrhundert hatte der Deutsche, dem doch einst nicht nur Herr Walther von der Vogelweide sein unsterblichesTan- daradei", sondern auch Herr Konrad von Kirchberg ein wunderholdes Frühlingslied sang: , v .

Mai ist kommen in das Land, Der der Sorgen uns entband. Kinder, Kinder, seid ermahnt. Schaut die Wonne mannigfalt. Auf der lichten Heide breit, Da hat als ans ausgestreut Manche schöne Blümlein weit, Kam auch in den grünen Wald ...

Bis ins 18. Jahrhundert hatte der Deutsche die ewige herrliche Natur über dem theologisch-scholastischen Bücherwust vergessen, wie Faust in verräucherten Studierstube.

1749 ließ Ewald Christian von Kleist sein idyllisches kleines Ethos Der Frühling" erscheinen und erregte mit diesen gutgemeinten Minia­turausschnitten aus der ländlichen Natur, die sich nur selten über den plattestenRealismus" erhoben, ein ungeheures Aufsehen, weil den meisten diese Naturnähe ganz fremd war. Eine 1910 erschienene Litera­turgeschichte rühmt Kleist im Gegensatz zu dem strohledernen Gottsched und Brockeskleinlicher Naturmalerei".

Brockes, der biedere Hamburger Ratsherr, der 1721 seinIrdisches Vergnügen in Gott" herausgab, war ein dichterischer Riese neben Ewald von Kleist. Er steht in der ungemeinen Feinheit der Naturbeobachtung nicht hinter den Japanern, diesen unübertroffenen Meistern der Blüten- und Zweigdarstellung zurück ein malerischer Poet von hohen Graden.

Wer konnte anno 1721 so etwas nur sehen wie er eineKirsch­blüte bei N a ch t":

Ich sah mit betrachtendem Gemüte Jüngst einen Kirschbaum, welcher blühte, In kühler Nacht beim Mondenschein.

Ich glaubt*, es könne nichts von größrer Weiße sein.

Es schien, ob wär' ein Schnee gefallen. Ein feber, auch der kleinste Ast Trug gleichsam eine schwere Last Von zierlich weihen, runden Ballen. Es ist kein Schwan so weiß! Da nämlich jedes Blatt Indem daselbst des Mondes sanftes Licht Selbst durch die zarten Blätter bricht,

Sogar den Schatten weiß und sonder Schwärze hat."

Oder wie malt dieser andachtsvolle Maler einBett voll Hyazinthen"!

... Obgleich die meisten blau, war es doch unterschiedlich. Wenn jene dort recht wie Ultramarin Im Dunkelblauen glänzt und schien,

So wies die Nachbarin ganz sanft und niedlich Ein helles Himmelblau. Und die bei dieser stand Halt' ein schön Purpurkleid, ein rötlich-blau Gewand..."

Man sieht: hier ist nichts von Schablone, kein albernes Gereim von Sonne Wonne Liebe Triebe", worauf man Dehmels Strophe münzen möchte:Aber die Liebe, ist das Trübe ..."

Blieb das 18. Jahrhundert noch in der Reflexion stecken, so bringt uns der junge Goethe das hymnisch-reine Naturgefühl:

Wie im Morgenglanze Du rings mich anglühst, Frühling, geliebter!" (Ganymed".)

Oder in der prachtvollen Fauststelle:

Vom Eis befreit sind Strom und Bäche ..."

Das 19. Jahrhundert gibt die seelische Spiegelung in den verschiedensten Brechungen des Lichts. Der geistreiche Jean Paul schafft die vielsagende Sentenz:Der Frühling macht die Bäume grün und die Menschen schwarz". Am überraschendsten schildert Christian Grabbe in seinemHerzog Theodor von Gothland" drei verschiedene Einstellungen zumFrühling". Ganz im Stil der Rousseauschwärmerei sagt der Königssohn:

... Aurora streute Goldstaub auf

Die grünen Matten sehnsüchtig dämmerte Des Horizontes duftgewobne Bläue, Die Wälder knospeten, die Rosen schwellten I ch s a h e s nicht des Hains Gefieder sang, Ich hört' es nicht da schwebte eine nie Gesehene grüßend mir vorüber es war Selma. Ich sah sie und zum ersten Male härt' ich Die Nachtigallen schlagen,

Sah ich die Rosenbüsche blühn. Nur wer geliebt hat, weiß es, was Der Frühling i st."

Hier sind Frühling, Liebe, Jugend eins.

So sieht des männlichen KönigsFrühling" aus:

Sieh! Der Schnee am fernen Hochgebirge ist zerrönne«, Des Jahres erste Schwäne wiegen Sich voller Wonne in der Frühlingsluft.

Allüberall in dunklen Schluchten und Auf ftifchbegrünten Hügeln sprudeln eis- befreite Quellen, schallen Stimmen der Erwachten Flur. Der Buchenwald Hat schon sein junges, dichtgedrängtes Laub Entfaltet Vogelschlag und Waldesrauschen Enttönen seinem Innern tausendfältig Mit seiner Blätterpracht sich selbst Um(d)attent), steht er da, ein Frühlingsschloh, Und über ihm, und all Den Hügeln, Fluren und Gebirgen ringsumher Rust wie 'ne dustge blaue Blumenglocke Das unermeßliche Gewölk, des Himmels.

Und wie sieht der enttäuschte Gothland schließlich den Frühling?

Sieh, die gelbe Morgensonne ist emporgestiegen Und saugt die Dünste der