Ausgabe 
2.4.1937
 
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von der Nonne. Molchow und Thormeyer führten das Wort. Don Wahl und Politik nur über Gundermann fiel gelegentlich eine spöttische Be­merkung war längst keine Rede mehr, statt dessen befleißigte man sich, die neuesten Klatschgeschichten aus der Grafschaft heranzuziehen.Ist es denn wahr", sagte Kraatz,daß die schone Lilli nun doch ihren Vetter heiraten wird, oder richtiger, der Vetter die schone Lilli?

.Vetter?" fragte Peerenboom.

' Ach Peerenboom, Sie wissen auch gar nichts; Sie sitzen immer noch zwischen Ihren Delfter Kacheln und waren doch schon ne ganze Weile hier, als die Lilli-Geschichte spielte."

Peerenboom lieh sichs gesagt fein und begrub ,ebe weitere Frage was er, ohne sich zu schädigen, auch ganz gut konnte, da kein Zweifel war, daß der, der das Lilli-Thema herausbeschworen, über kurz ober lang ohnehin alles klarlegen würde. Das geschah denn auch.

Ja, diese verdammten Kerle", suhr von Kraatz fort,diese Lehrer! Entschuldigen Sie, Lutkhardt, aber Sie sind ja beim Gymnasium, da liegt alles anders, und der, der hier ne Rolle spielt, war ja natürlich bloß ein Hauslehrer bei Lillis jüngstem Bruder. Und eines Tages waren beide weg, der Kandidat und Lilli. Selbstverständlich nach England. Es rann einer noch jo dumm sein, aber von Gretna-Green hat er doch mal gehört ober gelesen. Und da wollten sie denn auch beide hin. Und sind auch. Aber ich glaube, der Gretna-Greensche darf nicht mehr trauen. Und [o nutjtnen sie denn Lodgings in London, ganz ohne Trauung. Und es ging auch so, bis ihnen das kleine Geld ausging."

3a, das kennt man. ...

Und da tarnen sie denn alfo wieder. Das heißt, Lilli kam wieder. Und sie war auch schon vorher mit dem Vetter so gut wie verlobt gewesen.

Und der sprang nu ab?"

Nicht so ganz. Oder eigentlich gar nicht. Denn Lilli tft sehr hübsch und nebenher auch noch sehr reich. Und da soll denn der Vetter gesagt haben, er liebe sie so sehr, und wo man liebe, da verzeihe man auch. Und er halte auch eine Entsühnung für durchaus mög'.ich. Ja, er soll dabei von Purgatorium gesprochen haben."

Mißfällt mir, klingt schlecht", sagte Molchow.Aber was er vor­her gesagt, .Entsühnung', bas ist ein schönes Wort und eine schone Sache. Nur das ,Wie', ach, man weiß immer so wenig von diesen Dingen will mir nicht recht einleuchten. Als. Christ weiß ich natür­lich lso' schlimm steht es am Ende auch nickt mit einem), als Christ weiß ich, baß es eine Sühne gibt. Aber in solchem Falle? Thormeyer, was meinen Sie, was sagen Sie dazu? Sie sind ein Mann von Fach und haben alle Kirchenväter gelesen und noch ein paar mehr."

Thormeyer verklärte sich. Das war so recht ein Thema nach seinem Geschmack; seiye Augen wurden größer und sein glattes Gesicht noch glatter.

Ja", sagte er, während er sich über den Tisch zu Molchow vor­beugte,so was gibt es. Und es ist ein Glück, daß es so was gibt. Denn die arme Menschheit braucht es. Das Wort Purgatorium will ich vermeiden, einmal, weil sich mein protestantisches Gewissen dagegen sträubt, und dann auch wegen des Anklangs; aber es gibt eine Puri- fjkation. Und das ist doch eigentlich das, worauf es ankommt: Reinheits- Wiederherstellung. Ein etwas schwerfälliges Wort. Indessen die Sache, drum sich's hier handelt, gibt es doch gut wieder. Sie begegnen diesem Hange nach Restitution überall, und namentlich im Orient aus dem doch unsre ganze Kultur stammt finden Sie diese Lehre, dieses Dogma, diese Tatsache."

Ja, ist es eine Tatsache?"

Schwer zu jagen. Aber es wird als Tatsache genommen. Und bas ist ebensogut. Blut sühn t."

Blut sühnt", wiederholte Molchow.Gewiß. Daher haben wir ja auch unsere Duellinstitution. Aber wo wollen Sie hier die Blutsühne hernehmen? In diesem Spezialfalle ganz undurchführbar. Der Haus­lehrer ist drüben in England geblieben, wenn er nicht gar nach Amerika gegangen ist. Und wenn er auch wiederkäme, er ist nicht satisfaktions- fähig. Wäre er Reserveoffizier, fo Hütt ich das längst erfahren ..."

Ja, Herr von Molchow, das ist die hiesige Anschauung. Etwas primitiv, naturwüchsig, das fogenannte Blutracheprinzip. Aber es braucht nicht immer das Blut des Uebeltäters selbst zu sein. Bei den Orien­

talen ..."

Ach, Orientalen ... dolle Gesellschaft ..."

Nun denn meinetwegen, bei saft allen Volkern des Ostens sühnt Blut überhaupt. Ja mehr, nach orientalischer Anschauung ich kann das Wort nicht vermeiden, Herr von Molchow, ich muß immer wieder darauf zurückkommen nach orientalischer Anschauung stellt Blut die Unschuld als solche wieder her."

Na, hören Sie, Rektor!"

Ja. es ist so, meine Herren. Und ich darf sagen, es zählt das zu dem Feinsten und Tiefsinnigsten, was es gibt. Und ich habe da auch neulich erst eine Geschichte gelesen, die das alles nicht bloß fo obenhin bestätigt, sondern beinahe großartig bestätigt. Und noch dazu aus Siam."

Aus Siam?"

Ja, aus Siam. Und ich würde Sie damit behelligen, wenn die Sache nicht ein bißchen zu lang wäre. Die Herren vom Lande werden so leicht ungeduldig, und ich wundere mich ost, daß sie die Predigt bis zu Ende mitanhören. Daneben ist freilich meine Geschichte aus Siam ..."

Erzählen, Direktorchen, erzählen!"

Nun denn, aus Ihre Gefahr. Freilich auch auf meine ...Da war alfo, und es ist noch gar nicht lange her, ein König von Siam. Die Siamesen haben nämlich auch Könige."

Nu, natürlich. So tief stehen sie doch nicht."

Also da war ein König von Siam, und dieser König hatte eine Tochter."

Klingt ja wie ausm Märchen."

Ist auch, meine Herren. Eine Tochter, eine richtige Prinzessin, und ein Nachbarfürst (aber von geringerem Stande, so daß man doch »uch hie» wieder an den Kandidaten erinnert wird) dieser Nachbarfürst

raubte die Prinzessin und nahm sie mit In feine Heimat und seinen Harem, trotz alles Sträubens."

"s^'wenigstens wird berichtet. Ader der König von Siam war nicht der Mann, fo was ruhig einzustecken. Er unternahm vielmehr einen heiligen Krieg gegen den Nachbarfursten, schlug ihn und führte die Prinzessin im Triumphe wieder zurück. Und alles Volk war wie von Sieg unb Glück berauscht. Aber die Prinzessin selbst war schwermütig.

Sann ich mir denken. Wollte wieder weg."

Nein, ihr Herren. Wollte nicht zuruck. Denn es war eine sehr feine Dame, die gelitten hatte ..."

"Die gelitten'hatt« und fortan nur dem einen Gedanken der Ent­sühnung lebte, dem Gedanken, wie das Unheilige, das Beruhrtsein, , wieder von ihr genommen werden könne."

.Geht nicht. Berührt is berührt." ,, . ,

Mitnichten, Herr von Molchow. Die hohe Priesterschast wurde heran- qezooen und hielt, wie man hier vielleicht sagen wurde, einen Synod, in dem man sich mit der Frage der Entsühnung oder was dasselbe lagen will, mit der Frage der Wiederherstellung der Virginitat beschäftigte. Man kam überein (oder fand es auch vielleicht in alten Buchern), daß sie in Blut gebadet werden müsse."

''.Und' zu diesem Behuse wurde sie bald danach in eine Tempelhalle geführt, drin zwei mächtige Wannen standen, eine von rotem Porphyr und eine von weißem Marmor, und zwischen diesen Wannen, auf einer Art Treppe, stand die Prinzessin selbst. Und nun wurden drei weiße Büffel in die Tempelhalle gebracht, und der Hohepriester trennte mit einem Schnitt jedem der drei das Haupt vom Rumpf und ließ das Blut in die daneben stehende Porphyrwanne fließen. Und jetzt war das Bad bereitet unb bie Prinzessin, nachdem siamesische Jungfrauen sie entkleidet hatten, flieg in das Büffelblut hinab, und der HohepriAter nahm ein heiliges Gefäß und schöpfte damit und goß es aus über die Prinzessin.

Eine starke Geschichte; bei Tisch hätte ich mehrere Gange passieren lassen. Ich find es doch entschieden zu viel."

Ick nicht", sagte der alte Zählen, der sich inzwischen eingefunden unb" feit ein paar Minuten mit zugehört hatte.Was heißt zuviel ober zu stark. Stark ist es, soviel geb ich zu; aber nicht zu stark. Daß es stark ist das ist ja eben der Witz von der Sache. Wenn die Prinzessin bloß einen Leberfleck gehabt hätte, so fand ich es ohne weiteres zu stark; es muß immer ein richtiges Verhältnis da fein zwischen Mittel und Zweck. Ein Leberfleck ist gar nichts. Aber bedenken Sie, ne richtige Prinzessin als Sklavin in einem Harem; da muß denn doch ganz anders vorgegangen werden. Wir reden jetzt so viel von .großen Mitteln'. Ja, meine Herren, auch hier war nur mit großen Mitteln was auszurichlen.

Igni et ferro, bestätigte der Rektor.

Und", fuhr der alte Zählen fort,soviel wird jedem einleuchten, um den Teufel auszulreiben (als den ich diesen Nachbarfürsten und seine Tat durchaus anjehe), dazu mußte was Besonderes getoeßn, etwas Beelzebick- artiges. Unb das war eben das Blut dieser drei Büffel. Ich find es n i cht 3U Thormeyer hob fein Glas, um mit dem allen Zählen anzustoßen.Es ist genau fo, wie Herr von Zählen sagt Unb zuletzt geschah denn auch glücklicherweise das, was unsre mehr auf Schönheit gerichteten Wunsche denn wir leben nun mal in einer Well der Schönheit zufrieden- stellen konnte. Direkt aus der Porphyrwanne stieg die Prinzessin m »le Marmorwanne, drin alle Wohlgerüche Arabiens ihre Heimstätte hatten, unb alle Priester traten mit ihren Schöpfkellen aufs neue heran, und in Kaskaden ergoß es sich über bie Prinzessin, und man sah ordentlich, wie die Schwermut von ihr abfiel und wie all das wieder aufbluhte, was ihr der räuberische Nachbarfürst genommen. Und zuletzt schlugen bie Diene­rinnen ihre Herrin in schneeweiße Gewänber unb führten sie bis an ein Lager unb fächelten sie hier mit Pfauenwebeln. bis sie den Kopf still neigte und entschlief. Unb ist nichts zurückgeblieben, unb ist spater die Gattin des Königs von Annam geworden. Er soll allerdings sehr auf­geklärt gewesen sein, weil Frankreich schon feit einiger Zeit in feinem Lande herrschte.

Hoffen wir, baß Lillis Vetter auch ein Einsehen hak.

Er wird, er wirb." , ' m ...

Darauf fließ man an, und alles brach auf. Die Wagen waren bereits vorgefahren unb standen in langer Reihe zwischen demPrinzregenlen und dem Triangelplatz.

Auch der Stechliner Wagen hielt schon, unb Martin, um sich die Zeit zu vertreiben, knipste mit der Peitsche. Dubslav suchte nach seinem Pastor unb begann schon ungeduldig zu werden, als Lorenzen endlich an ihn herantrat unb um Entschuldigung bat, baß er habe warten lassen. Aber ber Obersärster fei schuld; der habe ihn in ein Gespräch verwickelt, das auch noch nicht beendet sei, weshalb er vorhabe, bie Rückfahrt mit Katzler gemeinschaftlich zu machen.

Dubslav lachte.Na, dann mit Gott. Aber lassen Sie sich nicht zu viel erzählen. Ermyntrud wird wohl die Hauptrolle spielen oder noch wahr­scheinlicher der neuzuftndende Name. Werde wohl recht behalten ... Und nun vorwärts, Martin."

Damit ging es über das holperige Pflaster fort.

In der Stadt war schon alles still; aber draußen auf ber ßanbftraße tarn man an großen und kleinen Trupps von Häuslern, Teerfchwelern und Glashüttenleuten vorüber, bie sich einen guten Tag gemacht hatten unb nun fingenb unb johlenb nach Haufe zogen. Auch Frauensvolk war dazwischen unb gab allem einen Beigeschmack.

So trabte Duslav auf den als halber Weg geltenben Nehmitzsee zu. Nicht weit davon befand sich ein Kohlenmeiler, Dietrichsofen, und als Martin jetzt um die nach Süden vorgeschobene Seespitze Herumbiegen wollte sah er, baß wer am Wege lag, den Oberkörper unter ©ras und Binsen versteckt, ober bie Füße quer über bas Fahrgeleise.

(Fortsetzung folgt.)