GietzenerKmillienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger
Jahrgang 1957 Freitag, -en 2. April Nummer 25
Der «SieOlin
Roman von Theodor Fontane
18. Fortsetzung.
Um halb sieben (Lichter und Kronleuchter brannten bereits) war man unter den Klängen des Tannhäusermarsches die hie und da schon ausgelaufene Treppe hinaufgestiegen. Unmittelbar vorher hatte noch ein Schwanken wegen des Präsidiums bei Tafel stattgefunden. Einige waren für Dubslav gewesen, weil man sich von ihm etwas Anregendes versprach, auch speziell mit Rücksicht auf die Situation. Aber die Majorität hatte doch schließlich Dubslavs Vorsitz als ganz undenkbar abgslehnt, da der Edle Herr von Alten-Friesack, trotz seiner hohen Jahre, mit zur Wahl gekommen war: der Edle Herr von Alten-Friesack, so hieß es, sei doch nun mal — und von einem gewissen Standpunkt aus auch mit Fug und Recht — der Stolz der Grafschaft, überhaupt ein Unikum, und ob er nun sprechen könne oder nicht, das sei, wo sich's um eine Prinzipienfrage handle, durchaus gleichgültig. Ueberhaupt, die ganze Geschichte mit dem „Sprechenkönnen" sei ein moderner Unsinn. Die einfache Tatsache, daß der Alte von Alten-Friesack dasäße, sei viel, viel wichtiger als eine Rede, und sein großes Präbendenkreuz ziere nicht bloß ihn, sondern den ganzen Tisch. Einige sprächen freilich immer von seinem Götzengesicht und seiner Häßlichkeit, aber auch das schade nichts. Heutzutage, wo die meisten Menschen einen Friseurkopf hätten, sei es eine ordentliche Erquickung, einem Gesicht zu begegnen, das in seiner Eigenart eigentlich gar nicht unterzubringen sei. Dieser von dem alten Zählen, trotz seiner Vorliebe für Dubslav, eindringlich gehaltenen Rede war allgemein zugestimmt worden, und Baron Beetz hatte den götzenhaften Alten-Frie- sacker an seinen Ehrenplatz geführt. Natürlich gab es auch Schandmäuler. An ihrer Spitze stand Molchow, der dem neben ihm sitzenden Katzler zuflüsterte: „Wahres Glück, Katzler, daß der Alte drüben die große Blumenvase vor sich hat: sonst, so bei veau en tortue, — vorausgesetzt, daß so was Feines überhaupt in Sicht steht —, mürb ich der Sache nicht gewachsen sein."
Und nun schwieg der von einem Thormeyerschen Unterlehrer gespielte Tannhäusermarsch, und als eine bestimmte Zeit danach der Moment für den ersten Toast da war, erhob sich Baron Beetz und sagte: „Meine Herren. Unser Edler Herr von Alten-Friesack ist von der Pflicht und dem Wunsch erfüllt, den Toast auf Seine Majestät den Kaiser und König auszubringen." Und während der Alte, das Gesagte bestätigend, mit seinem Glase grüßte, setzte der in seiner alter-eZo-Rolle verbleibende Baron Beetz hinzu: „Seine Majestät der Kaiser und König lebe hoch!" Der Alten-Friesacker gab auch hierzu durch Nicken seine Zustimmung, und während der junge Lehrer abermals auf den'auf einer Rheinsberger Schloßauktion erstandenen alten Flügel zueilte, stimmte man an der Slanzen Tafel hin das „Heil dir im Siegerkranz" an, dessen erster Vers tehend gesungen wurde.
Das Offizielle war hierdurch erledigt, und eine gewisse Fidelitas, an der es übrigens von Anfang an nicht gefehlt hatte, konnte jetzt nachhaltiger in ihr Recht treten. Allerdings war noch immer ein wichtiger und zugleich schwieriger Toast in Sicht, der, der sich mit Dubslav und dem unglücklichen Wahlausgangs zu beschäftigen hatte. Wer sollte den ausbringen? Man hing dieser Frage mit einiger Sorge nach und war eigentlich froh, als es mit einem Male hieß, Gundermann werde sprechen. Zwar wußte jeder, daß der Siebenmühlener nicht ernsthaft zu nehmen sei, ja, daß Sonderbarkeiten und vielleicht sogar Scheiterungen in Sicht stünden, aber man tröstete sich, je mehr er scheiterte, desto besser. Die meisten waren bereits in erheblicher Aufregung, also sehr unkritisch. Eine kleine Weile verging noch. Dann bat Baron Beetz, dem die Rolle der Festordners zugefallen war, für Herrn von Gundermann auf Sieben- chählen ums Wort. Einige sprachen ungeniert weiter: „Ruhe, Ruhe!" riesen andre dazwischen, und als Baron Beetz noch einmal an das Glas geklopft und nun auch seinerseits um Ruhe bittend, eine leidliche Stille hergestellt hatte, trat Gundermann hinter seinen Stuhl und begann, während er mit affektierter Nonchalance feine Linke in die Hosentasche steckte:
„Meine Herren. Als ich vor soundsoviel Jahren in Berlin studierte" („na nu"), „als ich vor Jahren in Berlin studierte, war da mal ne Hinrichtung ..."
„Alle Wetter, der fetzt gut ein."
..... war da mal ne Hinrichtung, weil eine dicke Klempnermadam, nachdem sie sich in ihren Lehrburschen verliebt, ihren Mann, einen würdigen Klempnermeister, vergiftet hatte. Und der Bengel war erst siebzehn. Ja, meine Herren, soviel muß ich sagen, es kamen damals auch schon dolle Geschichten vor. Und ich, weil ich den Gefängnisdirektor kannte, ich hatte Zutritt zu der Hinrichtung, und um mich rum standen
lauter Assessoren und Referendare, ganz junge Herren, die meisten mit nem Kneifer. Kneifer gab es damals auch schon. Und nun kam die Witwe, wenn man sie so nennen darf, und sah soweit ganz behäbig und beinahe füllig aus, weil sie, was damals viel besprochen wurde, nen Kropf hatte, weshalb auch der Block ganz besonders hatte hergerichtet werden müssen. Sozusagen mit nem Ausschnitt."
„Mit nem Ausschnitt ...; gut, Gundermann."
„Und als sie nun, ich meine die Delinquentin, all die jungen Refen- dare sah, wobei ihr wohl ihr Lehrling einfallen mochte ..."
„Keine Verspottung unsrer Referendare ..."
„... Wobei ihr vielleicht ihr Lehrling einfallen mochte, da trat sie ganz nahe an den Schafottrand heran und nickte uns zu (ich sage .uns1, weil sie mich auch ansah) und sagte: ,3a, ja, meine jungen Herren, bat kommt davon ...' Und sehen Sie, meine Herren, dieses Wort, wenn auch von einer Delinquentin herrührend, bin ich seitdem nicht wieder losgeworden, und wenn ich so was erlebe wie heute, dann, muß einem solch Wort auch immer wieder in Erinnerung kommen, und ich sage dann auch, ganz wie die Alte damals sagte: ,3a, meine Herren, bat kommt davon'. Und wovon kommt es? Von den Sozialdemokraten. Und wovon kommen'dis Sozialdemokraten?"
„Vom Fortschritt. Alte Geschichte, kennen wir. Was Neues!"
„Es gibt da nichts Neues. 3ch kann nur bestätigen, vom Fortschritt kommt es. Und wovon kommt der? Davon, daß wir die Abstimmungsmaschine haben und das große Haus mit den vier Ecktürmen. Und wenn es meinetwegen ohne das große Haus nicht geht, weil das Geld für den Staat am Ende bewilligt werden muß — und ohne Geld, meine Herren, geht es nicht" (Zustimmung: „ohne Geld hört die Gemütlichkeit auf") —, „nun denn, wenn es also sein muß, was ich zugebe, was fallen wir, auch unter derlei gern gemachten Zugeständnissen, anfangen mit einem Wahlrecht, wo Herr von Stechlin gewählt werden soll,' und wo sein Kutscher Martin, der ihn zur Wahl gefahren, tatsächlich gewählt wird oder wenigstens gewählt werden kann. Und der Kutscher Martin unsers Herrn von Stechlin ist mir immer noch lieber als dieser Torgelow. Und all das nennt sich Freiheit. 3ch nenne es Unsinn, und viele tun desgleichen. 3ch denke mir aber, gerade diese Wahl, in einem Kreife, drin das alte Preußen noch lebt, gerade diese Wahl wird dazu beitragen, die Augen oben helle zu machen. 3ch sage nicht, welche Auqen."
„Schluß, Schluß!"
„3ch komme zum Schluß. Es hieß anno siebzig, daß sich die Franzosen als die .glorreich Besiegten' bezeichnet hätten. Ein stolzes und nachahmenswertes Wort. Auch für uns, meine Herren. Und wie wir, ohne uns was zu vergeben, diesen Sekt aus Frankreich nehmen, so dürfen wir, glaub ich, auch das eben zitierte stolze Klagewort aus Frankreich herübernehmen. Wir sind besiegt, aber wir find glorreich Besiegte. Wir haben eine Revanche. Die nehmen wir. Und bis dahin in alle Wege: Herr von Stechlin auf Schloß Stechlin, er lebe hoch!"
Alles erhob sich und stieß mit Dubslav an. Einige freilich lachten, und von Molchow, als er einen neuen Weinkübel heranbestellte, sagte zu dem neben ihm sitzenden Katzler: „Weiß der Himmel, diefer Gundermann ist und bleibt ein Esel. Was sollen wir mit solchen Leuten? Erst befchreibt er uns die Frau mit nem Kropf, und dann will er das große Haus ab- schaffen. Ungeheure Dämelei. Wenn wir das große Haus nicht mehr haben, haben wir gar nichts: das ist noch unsre Rettung und die beinah einzige Stelle, wo wir den Mund, (ich sage Mund) einigermaßen auftun und was durchsetzen können. Wir müssen mit dem Zentrum paktieren. Dann sind wir egal raus. Und nun kommt dieser Gundermann und will uns auch das noch nehmen. Es ist doch ne Wahrheit, daß sich die Parteien und die Stände jedesmal selbst ruinieren. Das heißt, von .Ständen' kann hier eigentlich nicht die Rede fein; denn dieser Gundermann gehört nicht mit dazu. Seine Mutter war ne Hebamme in Wrietzen. Drum drängt er sich auch immer vor."
Bald nach Gundermanns Rede, die schon eine Art Nachspiel gewesen war, flüsterte Baron Beetz dem Alten-Friesacker zu, daß es Zeit sei, Me Tafel aufzuheben. Der Alte wollte jedoch noch nicht recht, denn wenn er mal faß, faß er; aber als gleich danach mehrere Stühle gerückt wurden, blieb ihm nichts anderes übrig, als sich anzufchließen, und unter den Klängen des „Hohenfriedbergers" — der „Prager", darin es heißt: „Schwerin fällt", wäre mit Rücksicht auf die ©efamtfituation vielleicht paßlicher gewesen — kehrte man in die Parterreräume zurück, wo die Majorität dem Kaffee zufprechen wollte, während eine kleine Gruppe von Allertapferften in dis Straße hinaustrat, um da, unter den Bäumen des „Triangelplatzes", sich bei Sekt und Kognak des weiteren bene zu tun. Obenan saß von Molchow, neben ihm von Kraatz und van Peerenboom: Molchow gegenüber Direktor Thormeyer und der bis dahin mit der Feft- mufit betraute Lehrer, der bei solchen Gelegenheiten überhaupt Thor- metjers Adlatus war. Sonderbarerweise hatte sich auch Katzler hier niedergelassen (er sehnte sich wohl nach Eindrücken, die jenseits aller „Pflicht" tagen), und neben ihm, was beinahe noch mehr überraschen konnte, saß


