Ausgabe 
1.11.1937
 
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Verantwortlich: Dr. HanS Thyriot. Druck und Verlag: Vrühlfche Universitätsdruckerei R. Lange, Sieben.

Kopenhagener Eindrücke.

Bon Margarete von O l f e r s.

Glück -er Trennung.

Von Hedwig Forst reute i.

Zu sehn, wie im Gespräch dein Antlitz lebt. Wie der Gedanke reifend sich gestaltet. Das Licht des Auges glänzt, ein Lächeln bebt Und Güte freundlich über allem waltet, Dies war ein Glück, das dankbar ich genossen. Wenn Glück und Wehmut auch Zusammenstössen, Denn Trennung schwebte schon, das ernste Bild, Gleichnis des Todes, mahnend über allem, Wohl deshalb schien uns Tag um Tag so mild Und war ein Glanz auf jedes Wort gefallen: 0 holde Zeit, zu bald dahingeschwunden, Ganz makellos wie Perlen alle Stunden.

Doch auch der Sehnsucht noch entsteigt ein Glück, Sehnsucht des Geistes, wieder dir zu lauschen, Hält Arbeit mich am Tag zur Nacht zurück Trägt mich der Flug, im Traum Gespräch zu tauschen. Wird beim Erwachen auch der Traum kein Leben, So war mir doch ein Hauch von dir gegeben.

licht ist wie Kopenhagen. Ein sonnenreicher Sommer uno aucy [egt oer Herbst bringen das besonders zum Ausdruck. Das Meer ist wie Seide von sanftem und köstlich lichtem Blau um die Stadt mit den vielen patinagrünen eigentümlich geformten Türmen und Dächern gebreitet. Gerade Kanäle durchqueren, sonnenglänzenden Lichtwegen gleich, Kopen­hagen und die hin- und herfahrenden Motorschiffchen versehen den Dienst einer Trambahn. Die eigentliche Stadt mit ihren Erinnerungen an die uralte und stolze Geschichte des dänischen Bolkes ist nicht groß, ihr charakteristisches Gesicht ist rein erhalten, die modernen Vorstädte aber erstrecken sich weit hinaus.

Vielleicht gibt es keine zweite Stadt in der Welt, die so heiter und Kopenhagen. Ein sonnenreicher Sommer und auch letzt der

tch war überzeugt, daß mein Bergkristall die drei Erze oufn^gen roüröe Aber ... wer kennt die Gedanken eines Knaben ... ich habe diesen Waldwurzelmann aus dem grünen Schwarzwald wohl sehr ge­liebt und wollte ihm am liebsten mehr schenken, als er mir jemals ge­schenkt haben würde.

Und seine Antwort?

Ja er gab mir Antwort. Er bedankte sich herzlich für den präch­tigen 'Bergkristall. Aber von all dem, was ich ihm über meinen Diebstahl geschrieben hatte, wollte er nichts wissen Er schrieb und es war ganz die besondere Art, wie man dort im deutschen Pfarrhause dachte und sich auszudrücken pflegte er freue sich, daß es ihm gelungen fei in mir die Lust zu den Tiefen der Erde zu wecken. Mit diesem Gewinn dürfte ichdas Andere" gern in Kauf nehmen. Es wurde ms Reine kommen. Es sei schon im Reinen.

Dieser Brief ist meine schönste Erinnerung an Deutschland geblieben. Ich habe mich, als ich in der deutschen Kriegsgefangenschaft lebte, brieflich nach meinem Wenzel erkundigt. Der alte Vater hat, mir ge­schrieben, daß er in den Karpathen begraben liegt. Semen schonen Ge­lehrtenkopf hat eine Kugel durchschlagen.

Hier im Innern der Stadt konzentriert sich alles Leben, und welch ein Leben! Dem Reisenden muß es erscheinen, als hätten die Dänen nichts anderes zu tun als heiter und sorglos durch die Straßen zu flanie­ren oder im Cafe bei ihrem ausgezeichneten Kaffee, Tee und Kuchen zu K. Es scheint, daß sie unendlich viel Zeit haben und immer freudig gt unterwegs sind. Im Sommer sind die Dampfer, die nach den an der mit uralten Buchenwäldern bestandenen Küste gelegenen Badeorte stündlich abgehen, immer überfüllt. In Kopenhagen lebt man eben im Sommer fast immer nur an, im oder auf dem blauen Oeresund! Die Hausfrauen, statt am Vormittag in der Küche zu stehen oder seufzend über dem Stopfkorb zu sitzen, scheinen in Kopenhagen bloß am Strand zu liegen oder sich im Wasser zu tummeln. Denn die näher gelegenen Badeanstalten sind dann auch am Vormittag übervoll. Sie sind des flachen Ufers wegen weit ins Meer hinausgebaut und durch Holzwünde in Abteilungen ge­ordnet und gegen die Blicke der Menschheit geschützt. Nach dem Schwimm­bad nehmen die Däninnen, ganz unter sich natürlich, in erstaunlich un­bekümmerter Weise ihr Sonnenbad auf den Brettern hingelagert, braun gebrannt, oft sportlich schlank, oft aber auch, wenn älteren Jahrgangs, von Rubensscher Fülle. Ost sitzen sie auch in Gruppen zusammen, fleißig handarbeitend ihr Geschick und ihr künstlerischer Geschmack in Hand­arbeiten ist berühmt und ihre kleinen Kinder umspielen sie. Für diesen stundenlangen Aufenthalt sind sie reichlich mit dem beliebten Smörrebroed ausgestattet und mit Kaffee oderSodavand" versehen. Heber ihnen lacht der blaue Himmel, und am Horizont des Meeres ziehen große Segelschiffe und Dampfer des Weges, denn der Oeresund ist die Hauptschiffahrtsstraße der Ostsee.

Das empfindet man auch im Hasen, wenn es herausgeht zurLangen Linie" oder weiter noch in das offene Meer, wenn man im Segelboot

vorbelgleltet an den gewaltigen Körpern der Ueberfeedampfer. Flaggen aller Länder flattern in der Abendsonne und immer wieder taucht auch unsere deutsche auf, freudig von jedem Deutschen begrüßt. Vor allem aber sind natürlich die Flaggen der nordischen Lander vertreten: Island, Finnland, Norwegen und Schweden. Da sind Schisse mit kräftigen'aber schlanken Leibern, die ihren Weg durch die Eisschollen nach Grönland nehmen und gewaltige Riesen, aus deren Bullaugen die braunen Ge­sichter der indischen Bedienung sehen und die südwärts ziehen werden.

Das Segelboot gleitet an den dunklen Schiffsmassen im Hasen vorbei und hinaus auf den seidenblauschimmernden Oeresund. Unzählig sind die Schiffchen mit den schlohweißen Segeln, die mit uns in den Abend ziehen, oft nur noch wie eine spitze Möwenschwinge sichtbar am Horizont. Der Abglanz der sinkenden Sonne liegt auf dem Wasser. Kopenhagen steht mit feinen Türmen und Kuppeln roie eine dunkle Silhouette gegen den flammenden Himmel. Der so eigentümlich gewundene Turm der Erlöser-Kirche, der so charakteristisch für dieses Stadtbild ist, leuchtet wie eitel Gold. Wie schön ist dieser Blick auf das ferne und ferner werdende Kopenhagen! Wenn wir zurückkommen, wird der Mond scheinen, werden die großen Schiffe vielfältig illuminiert fein und auf den strahlend er­leuchteten Hauptstraßen der Stadt das Leben fluten, als gäbe es hier nicht so etwas wie Schlaf und Nachtruhe.

Es fiel mir eines Abends ein, noch spät den berühmtenrunden Turm" zu besteigen, der wegen eines dort befindlichen Observatoriums auch in sternklaren Nächten geöffnet ist. Dieses ehrwürdige Gemäuer, das keine Treppen hat und auf dessen breit sich emporwindenden Aus- gang Peter der Große vierspännig hinaufgefahren sein soll, liegt em wenig abseits und ist nur durch schmale und stille Straßen erreichbar. Aus den höchsten Höhen des Turmes hat ein Astronom feine romantische Wohnung und ebenso romantisch sieht der etwas schwerhörige Gelehrte selbst mit seiner merkwürdigen schwarzen Kappe aus. Geduldig richtet er bas große Fernrohr den Verehrern der Himmelsgestirne zurecht und muh unzählige Male dieselben Fragen beantworten und dieselben Aus­rufe des Erstaunens hören.

Mich interessierte in diesem Augenblick weit mehr als die nähere Betrachtung der Gestirne die Aussicht von der Hohe des Turmes auf das nächtliche Kopenhagen, das sich tief unter uns wie eine lichtglanzende Märchenstadt ausbreitete. Tivolis bunte Lichtfülle schimmerte rot und grün und blau. Lichtreklamen flammten auf und erloschen, bis in die weiteste Ferne flimmerten Lichter. Ueber all der Pracht aber stand sanft und gütig der Mond. Ich habe eine Stunde dort oben verbracht in dieser köstlichen, vorn Salzgeruch des Meeres erfüllten Nachtluft. Näher heran waren die Giebel uralter Häuser, es schimmerte hinter kleinen Fenstern hin und wieder ein bescheidenes Licht. Die Straßen waren schmal, alte Laternen standen neben verschnörkelten Hausportalen und brannten trübe. Fast kein Auto tarn hier des Weges und die Schritte der selte­nen Fußgänger klapperten über das bucklige Pflaster durch die nächtliche Stille.

Ich sah lange in diese alten Gassen hinab. Märchenstadt! Ja, dies hier ist die Heimat Hans Christian Andersens. Durch diese alten Gassen ist er gewandelt und in solch einem bescheidenen alten Haus hat er gewohnt! Hinter dem kleinen Fenster eines hohen Dachgiebels hat feine Lampe oft zu fo später Stunde gebrannt, wenn er saß und schrieb und dichtete, cm Unbekannter in der großen Stadt! Und derselbe gute und sanfte Mond hat köstlich in das hagere Gesicht des Dichters geschienen, der hungrig und sorgenvoll zu ihm aufsah, Hans Christian Andersen, den dann schließlich jedes Kind Dänemarks kannte und liebte und den nun jedes Kind in der ganzen Welt kennt!

Ich habe Andersens Grab auf dem Assistens-Kirchhof ausgesucht. Alt­modische Sommerblumen blühten darauf, und süß duftete der Heliotrop, um den die Bienen summten. Eine freundliche Hand hatte einen großen roten Rosenstrauß auf das Grab gestellt und die Gänseblümchen hatte gewiß ein Kind demMärchenmann" gebracht. Auch ich habe ihm meinen Dank gesagt

Ich habe dann noch das Grab eines anderen großen Dänen besucht, das sich auch auf diesem Kirchhof befindet. Es liegt hinter dem Gitter eines Erbbegräbnisses von dunklem Efeu umsponnen, das Grab des Mannes, der inmitten der sonnigsten und heitersten Stadt der Welt so unsagbar schwermütig sein konnte Kierkegaard. Es fügte sich, daß ich in Kopenhagen eine alte Schwedin kennenlernte, Krankenpflegerin von Berus, die einst die Frau in ihrer letzten Krankheit gepflegt hat, die Kierkegaard das Liebste auf dieser Erde gewesen ist, seine Braut, Regina Olsen, der er dann entsagen zu müssen glaubte, weil sein grüblerisches Wesen sie zu sehr belastete ... Er erreichte es, daß sie einen anderen heiratete, er selbst aber hat sie nie vergessen, alle seine Werke sind ihr gewidmet!

Wie sie denn gewesen sei, diese Braut des großen Philosophen, die bann den reichen Herrn Schlegel heiratete? fragte ich die alte schwedische Krankenschwester mit dem hellen Gesicht. Ach, noch im Alter von 80 Jah­ren sehr schön, wußte sie zu berichten, klein und zierlich wie ein Porzel- lanfigürchen, und sie habe vor ihrem Tode immer nur von Kierkegaard gesprochen und sein Bild an ihrem Bett gehabt. Sie habe ihn geliebt bis zuletzt, und das habe auch der reiche Herr Schlegel gewußt und sich damit abgesunden. Und noch etwas anderes erzählte die Schwedin von der uralten Braut Kierkegaards, nämlich daß siedie reizendsten Hände der Welt gehabt hat, wie modelliert und wie Lilien und Rofen, fo rveiß und rofig..." Die Pflegerin habe ihr am ersten Tage Wasser zuin Waschen der Hände an ihr Bett gebracht, aber die Kranke hat das sehr energisch abgelehnt. Oh, nein! ihre Hände habe sie nie mit Wasser ge­waschen, immer nur in einer selbstbereiteten Essenz von Milch und Rosenwasser. Und davon wollte sie auch jetzt nicht abgehen. Und die alte Frau habe sehr liebevoll ihre Hände betrachtet, die wie die eines ganz jungen Mädchens waren, genau so zart und weiß und rosig wie zu der Zeit, da Kierkegaard sie in den seinen gehalten und geküßt hatte.