Das Buch.

Don Josef Weinheb««.

All unsrer Jrdischheit ein tief Gefäß;

hoch über Raum und Zeit Gott Geist gemäß.

Des Größten, das uns ward, der Sprache Schrein. Darinnen aufbewahrt ihr Sinn und Sein.

Prophetendunkler Mund und Siegel alt, den Normen Ankergrund, dem Recht Gestalt.

Schicksal zu leiden, da, selbst schicksalhaft.

Bewahrend, was geschah, mit stiller Kraft.

Und so wie selber wir tn Glück und Schmerz, bewohnt von Reu und Gier und Haß und Herz,

mit Hoffnung anzusehn, und auch zuletzt leisem Verlorengehn stumm ausgesetzt.

Geformt von uns, hindann uns formend auch.

Geschaffnes ist daran und Schöpferhauch,

und Gnade, da du bist, uns zu erhöhn.

Und dieses Wissen ist erschütternd schön.

Lichtes Aotgüttigerz.

Eine Erzählung von Georg von der Bring.

RenS Laporte, unser Gast aus Frankreich, erzählte von seinem ersten Aufenthalt in Deutschland.

Ms ich dreizehn Jahre alt war, tat ich in der Schule mcht gut. Wir wohnten in der Nähe von Etain, in der Woevr«, und ich be­suchte in dem Städtchen die Schule. Mein Vater, ein Mann, der immer sofort zupackte, entschloß sich damals, mich in ein Pensionat zu geben. Ich weih, daß chm dieser Entschluß nicht leicht 'iel, denn wir Zwei ver­standen uns ganz besonders gut. Ich habe zwei wesentlich altere Bruder, sie waren damals schon von zu Hause fort und leiteten >eder eme eigene "°Jch muß hier einschalten, daß meine Familie evangelisch ist Mein Vater verfiel auf den ungewöhnlichen Gedanken, mich nach Deutschland zu geben. Ich kam in ein Pfarrhaus im Schwarzwald. Vater brachte mich $u dm Leuten und reiste wieder ab. . , .

Anfangs litt ich sehr unter der Trennung von meinem Vat r Es war, als sei drinnen in mir ein Nerv zerrissen; irgendwo> schmerzte es immer. Ich kann wohl sagen, daß ich damals wie auf Messers «chneide gelebt habe, in steter Erregung, wie vor großen En Mugm

Die Pfarrersleute waren rührend gut zu mir Ich lernte rasch deufich Aber, stellen Sie es sich vor: Das stille Pfarrhaus drinnen rm Wald, die veränderte Landschaft, keine Spielkmneraden den ,,

zehn bis zwölf Pensionäre waren noch in den Ferien und wurden rs in vierzehn Tagen zurückerwartet all das trug dazu bei, meine Stimmung noch kritischer zu machen. sram(>f mar

Zu meinem Glück gab es dort den Herrn Wenzel Herr Wenzel war der einzige Sohn der Pfarrerslmte, ein Bergstudent. Er war in Öen Ferien daheim. Er studierte auch in den Ferien leine Berg g Sein war auf die Berge gerichtet, und sein Aeußer sp ch ebenfalls. Er hatte die Gestalt einer dicken zähen Baumwurzei. ^enn ich seine Hosenbeine ansah, so war ich felsenfest dmde^lick'keine es unmöglich sein würde, diese Hose zu bügeln; s wurde sich kem^ Bügelfalte darin halten, denn die starken Deine dies g. un$ m,t ihre Rohre vollständig aus. So war es auch mit b lafdie

dem Rumpf. Sein Anzug besaß überaus viele Tafch u*lb Gummi hatte ihre besondere Bestimmung. Eine war für ® i Leinere steine, bestimmt, eine zweite für das Tagebuch, eine dritte f rge das

die er unterwegs fand, eine vierte für den Hummer, f ästigen Messer, und so weiter. Sein Kopf aber war der Kopf eines zukunliigen

H^err Wenzel wurde mein Retter. Er nahm mich rmt^ ^u^den Speicher. Und dort in der kühlen Stille zeigte er m r - noch nicht kannte, er zeigte mir Steine. kineinlckauen. Sie war

Er öffnete eine mächtige Kiste und ließ mich hineinlchauen.

ungefüllt mit lauter verschiedenen Steinen, großen und schweren Stücken, die der Bergstudent gesammelt hatte. Ich werde nie den Eindruck ver­gessen, den es auf mich machte. Aus der Kiste kam ein Geruch, als müßte so das Innere der Erde riechen; dazu schlug eine Kälte gegen mein Gesicht, als schaute ich in einen Schacht, in die ungeheuren Tiefen eines Bergwerkes hinunter.

Herr Wenzel nahm verschiedene von den Steinen heraus, trat mit Ihnen ans Speichersenster und erklärte mir, was es mit so einem Ge­stein auf sich hätte. Er nannte mir auch die Namen. Damals hörte ich zum erstenmal den NamenLichtes Rotgültigerz". Von diesem Namen habe ich oft geträumt. So könnte eine Prinzessin heißen, dachte ich damals. Ich war ein kleiner Franzose, und ich erlebte den ganzen deut­schen Schwarzwald, sobald ich dies eine Wort aussprach: Lichtes Rot­gültigerz.

Da der Student merkte, daß mein Herz vor den fünf oder sechs großen Kisten mit Steinen Feuer gefangen hatte, nahm er mich auf feinen Tageswanderungen mit. Ich lernte ein Bergwerk kennen, die Grube Wenzel, die aus der Zeit jenes böhmischen Königs stammte; von ihr hatte der Student seinen Vornamen, und ich dachte oft, daß er in ganzer Person aus ihr ans Licht getreten [ein müßte. Wir trugen ganze Rucksäcke voll Steine heim. Es war eine schöne Zeit, und ich vergaß meinen Kummer.

Das Glück dieser vierzehn Tage endete, als Herr Wenzel zur Uni­versität abreiste, und die anderen Knaben aus den Ferien eintrafen. Ich mar ein kleiner Ausländer, nicht wahr, und also war es nicht leicht für mich. Die Reibereien entstanden nun nicht dadurch, daß ich ein Franzose war, o nein; es gab dort unter den Jungen ein seltsames Nebenregiment, von dem die braven Pfarrersleute nichts ahnen mochten, eine Teilung, wie es sie in der Kaserne gibt: zwischen alten Leuten und Rekruten. Es tobte sich ba etwas aus unter den jungen Burschen. Das war Ehrensache: wenn ein Rekrut nicht gehorchte, so wurde er verprügelt.

Auch ich sollte Prügel bekommen. Dazu war Voraussetzung, daß ich mit den anderen in den Wald hinaufging; die Pfarrersleute durften natürlich nichts davon erfahren. Sie schickten uns jeden Sonntag mit etwas Geld in der Tasche auf eine Wanderung. Das Ziel war dann immer ein Dorfgasthof, wo sich die Burschen in den Garten setzten und Bier tranken. Ich mochte damals kein Bier trinken, der Mund wurde so klebrig davon, und das klare Wasser der Quellen war so viel besser. Ueberdies fingen die Burschen schon an, Studenten nachzuahmen: sie kranken einander ganz studentisch mit ihren Biergläsern zu und sagten: Zum Wohle!

Ich fand es abgeschmackt. Und als man mir dann ankündigte, daß ich deswegen Prügel bekommen sollte, beschloß ich, die Wanderungen nicht mehr mitzumachen. Am folgenden Sonntag blieb ich im Pfarrhaus zu­rück. Ich saß auf der obersten Treppenstufe und langweilte mich sehr. Mein Herr Wenzel war fort. Im Treppenhaus brummten die Fliegen. Der Pfarrer schlief in seinem Zimmer. Seine Frau lag im Liegestuhl hn Garten und las.

Sie mußte dann wohl gemerkt haben, daß ich zu Hause geblieben war. Sie kam herauf, fand mich und fragte, warum ich nicht mitgegangen wäre. Ich sagte ihr, ich hätte keine Lust gehabt. Als sie wieder fort war, kam mir ein Gedanke. Ich stieg in den Speicher hinauf, öffnete die Kisten und nahm mir ein paar Exemplare vom Lichten Rotgültigerz heraus.

Nach und nach, Sonntag für Sonntag, trug ich die schönsten Stücke in mein Zimmer hinunter. Auch ich besaß eine Kiste mit Steinen, sie stand unter meinem Bett. Herr Wenzel hatte sie mir geschenkt, und enthielt alles Gestein, das ich selbst heimgebracht hatte.

Von nun an empfing meine Kiste all die schönen Erze, an denen mein Herz hing. Sie füllte sich an mit Schätzen. Das war etwas aus dem Schoß der Erde, etwas aus dem tiefsten Geheimnis Heraufge- hobenes, etwas Kühles, Festes, ein langsam gewachsenes Feuer. Ein be- stimmter Stein hießRuinenmarmor", auch davon gab es manches Exemplar. . ,

Drei Stücke Rotgültigerz ... Als dies alles m meiner Kiste lag, gab ich mich zufrieden. Don da ab war das Unheil gebannt. Beim Zu­bettgehen waren es die Steine, auf denen mein letzter Blick ausruhte; in der ersten Frühe kehrte er froh zu ihnen zurück. Es mochte mir gefjen wie jenem Riefen im Märchen, der erst feine volle Kraft gewann, wenn sein Fuß auf Erz trat. Auch ich gewann viel Kraft, und es gelang mir, mich unter den Kameraden zu behaupten.

In den Herbstferien war dann der Herr Wenzel wieder du, ganz kurz; im Winter kam er nicht heim. Ostern wurde ich dort im Schwarz­wald konfirmiert. Im darauffolgenden Sommer rief mein Vater mich plötzlich Zurück. Sein Entschluß kam überraschend. Ich würde mich be­eilen müsien, die Steine, die ich vom Speicher geholt hatte wieder an ihren Ort zurückzubringen. Ich trug sie, sobald das Obergeschoß des Hauses leer war, nach und nach an ihren Platz zurück. Als ich abreiste, stellte es sich heraus, daß noch drei Steine vom Lichten Rotgultigerz in meiner Kiste geblieben waren. Ich nahm sie mit. Den Studenten Wenzel sah ich damals nicht mehr.

Aber in der Heimat, in Etain, dachte ich oft an ihn. Ich machte nur tlar daß ich ihn um drei Steine bestohlen hatte, aber ich schämte mich, es ihm zu schreiben und zu gestehen. Es war keine gute Zeit für mich. Dann, zu Weihnachten, bekam ich von meinem Großvater, dem man mittlerweile von meiner Passion für die Steine berichtet hatte, einen herrlichen, schwebend ausgebildeten Bergkristall geschenkt. Er war mit Asbestnadeln durchsetzt und besaß zwei Spitzen, die wie deutsche Burg- türme ausschauten. Großvater hatte dies Prachtstück in früheren Jahren oom Sankt Gotthard mitgebracht. .... .

Wer kennt die Gedanken, die im Kopfe eines Vierzehn,ahngen wachsen! Eines Tages schrieb ich einen Brief an den Studenten Wenzel, und ich tat den Bergkristall in einen Karton und schickte beides an ihn ab. Das geschah in großer Heimlichkeit, niemand durste davon wissen. Als ich ihn abgeschickt hatte, atmete ich aus. Ich war letzt kein Dieb mehr.