Ausgabe 
1.11.1937
 
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lassen, Papa ©raubet." .

Das wirb sich siuben", antwortete ber Winzer zerstreut.

Alle wünschten einen Guten Abenb. Als bie Cruchots aus ber Straße waren, sagte Frau des Grassins zu ihnen:

Es gibt irgenb etwas Neues bei ben Granbets. Die Mutter ,st sehr krank, ohne es selbst zu wissen. Die Tochter hat rote Augen, wie lemanb, ber lange geweint hat. Sollten sie sie gegen ihren Willen verheiraten wollen?

Als ber Winzer zu Bett gegangen war, kam Nanon auf Strümpfen nut leisen Schritten zu Eugenie unb brachte ihr eine in ber Pfanne gemachte Pastete. ,

Hier, Fräulein", sagte bas gute Mäbchen,Cornoiller hat nur einen Hasen geschenkt. Sie essen so wenig, baß biese Pastete gut acht Tage für Sie vorhält; unb burch bie Sülze kann sie nicht verderben. So sitzen Sie wenigstens nicht bei trockenem Brot. Denn bas ist gar nicht gesunb.

Arme Wanon", sagte Eugenie unb brückte ihr bie Hand.

Ich habe sie sehr gut unb sehr schmackhaft gemacht, unb er hat md)t8 bavon gemerkt. Den Speck, bas Gewürz hab' ich alles von meinen sechs Franken gekauft, über bie hab' ich boch zu bestimmen."

Dann lief bie Magb fort, benn sie glaubte ©raubet zu ljoren.

Währenb einiger Monate besuchte bet Winzer stets ?ü verschiedenen Stunben bes Tages feine Frau, ohne ben Namen feiner Tochter auszu- sprechen, sie zu sehen ober bie geringste Anspielung aus sie zu machen. Frau ©raubet verließ bas Zimmer nicht, unb von Tag zu Tag verschlimmerte sich ihr Zustand. Nichts brachte ben Böttcher zum Nachgeben. Er blieb unerschüt­terlich, rauh unb kalt wie ein Fels von Granit. Er sührte sein Leben {ort, wie et es gewohnt wat; aber et stotterte nicht mehr, sprach weniger unb war in Geschäften schroffer als je zuvor. Manchmal unterlief ihm ein Irrtum in feinen Rechnungen.

Irgenb etwas ist bei ben Granbets losgewefen", sagten bie Cruchotisten unb Grassinisten. ,

Was ist benn im Haus ©raubet passiert?" so lautete bie Frage, bie man sich burchweg in allen Abendgesellschaften in Saumur stellte.

Eugenie ging zu ben Gottesbieiisten unter bet Bebeckuug von Nanon. Wenn am Ausgang bet Kirche Frau bes Grassins ein paar Worte an sie richtete, antwortete sie ihr ausweichenb unb ohne ihre Neugierbe zu be- ftiebigen. Dennoch ließ sich nach Ablauf von zwei Monaten unmöglich weder

erhöht hatte, bemerkte Frau ©raubet eine schreckliche Bewegung der Ge­schwulst ihres Mannes, im Moment, wo sie antworten wollte, bähet anbette sie ihren Gebankengang, ohne ihren Ton zu änbern. ..

Nun also, Granbet, hab' ich mehr Macht als Sie über das Kind. Mit hat sie nichts gesagt, Sie ist von Ihrer Art."

Donnerwetter, haben Sie heut aber ein Mundwerk I Ta, ta, ta, ta, Sie verhöhnen mich, glaub' ich. Sie stecken vielleicht unter einer Decke mit ihr."

Er sah seine Frau fest an.

Wahrhaftig, Herr Grandet, wenn Sie mich töten wollen, brauchen Sie'nur in diesem Ton fortzufahren. Ich sage es Ihnen, ©raubet, und wenn es mir das Leben kostet, ich wiederhole es noch einmal: Sie siubim Unrecht gegen Ihre Tochter, bie vernünftiger ist, als Sie ftnb. Das Gelb gehört ihr, sie kann es nut zu einem guten Zweck gebraucht haben, unb Gott allem hat bas Recht, um unsre guten Werke zu wissen. Granbet, ich flehe Sie an seien Sie toieber gut mit Eugenie. Daburch würden Sie bte Wirkung bes Schlages mildern, ben Sie mit burch Ihren Zorn beigebracht haben unb nur vielleicht bas Leben retten. Meine Tochter, Granbet, geben Sie mit meine

^Jch^teiße aus", sagte er,mein Haus wird unerträglich. Mutter und Tochter halten große Reden unb sprechen, wie wenn... butt I Puhl Du hast mir ein grausames Neujahrsgeschenk gemacht, Eugenie , schrie et. Jawohl, weine nur! Was bu getan hast, barüber kriegst bu noch Gewissens­bisse, verstehst bu mich? Was nicht es, daß bu ben Leib bes Herrn sechsmal in drei Monaten ißt, wenn bu heimlich bas Gold bemes Vaters einem Faulenzer gibst, bet bein Herz verzehren wirb, wenn bu ihm sonst nichts mehr herzuschenken hast. Du wirst noch sehen, was dem Charles wert ist mit seinen Schuhen aus Saffian und ferner Miene Rührmichnichtan. Et hat weder Herz noch Gewissen, wenn er es wagt, ben Schatz emes armen Mäbchens ohne Zustimmung der Eltern wegzuschleppen.

Als die Haustür ins Schloß fiel, kam Eugenie aus ihrem Zimmer und

ging zu ihrer Mutter. ,

Du hast soviel Mut für deine Tochter bewiesen , sagte sie zu ihr.

Siehst du, mein Kind, wohin uns verbotene Dmge fuhren. Du hast mich dazu gebracht, eine Lüge auszusptechen."

Ach, ich will Gott bitten, nur mich bafür zu bestrasen.

Jst's wahr", sagte Nanon unb kam verstört angelaufen,unser Fräulein soll ben Rest ihrer Tage bei Wasser und Brot zubringen?"

Was schabet bas, Nanon", sagte Eugenie ruhig.

Was! Zu denken, daß ich Butterbrot esse, wahrend die Tochter des Hauses trocken, Brot ißt.. - nein! nein!"

Kein Wort mehr darüber, Nanon", sagte Eugeme.

Ich rühre keinen Bissen an, Sie werden's schon sehen. .

Grandet allein zu Mittag, bas erstemal fett v,erunbzwanz,g Jahren.

Run ,inb Sie also Witwer, Herr", sagte Nanon zu ihm.Das muß sehr unangenehm sein, wenn man Witwer ist mit zwei Frauen im Haus.

Ich spreche nicht mit bir, bu! Halt dem Maul ober ,ch Jag Mfort. Was hast bu in beinet Pfanne, bas ich auf dem Herbe brobeln höre?

Das ist Fett, bas ich auslafse ..."

Es kommt Besuch heut' abenb, mach' Feuer an.

Die Cruchots, Frau des Grassins unb ihr Sohn kamen gegen acht Uhr unb waren sehr erstaunt, Weber Frau Gründet noch ihre Tochter zu sehen.

Meine Frau ist ein wenig unwohl; Eugenie ist bei ihr , antwortete der alte Winzer, dessen Gesicht keine Bewegung verriet.

Nach einer Stunde, bie mit belanglosen Gesprächen hingmg, kam Frau bes Grassins herunter, bie nach oben gegangen war, Frau ©raubet zu besuchen, unb jeher fragte sie:

Wie geht es Frau Granbet?" ,, . . . ,

Aber ganz unb gar nicht gut", sagte sie.Ihr Zustand scheint mir wirk­lich besorgniserregend. In ihrem Alter muß man bie größte Vorsicht toalten

vor ben drei Cruchots noch vor Frau beS GrassmS bas Geheimnis der Haft Eugeniens verbergen. Es kam eine Zeit, wo die Vorwände fehlten, ihre beständige Abwesenheit zu entschuldigen. Ohne daß man sagen konnte, durch wen das Geheimnis verraten worden war, wußte plötzlich bie ganze Stabt, baß seit dem Neujahrstage Fräulein Grandet auf Befehl ihres Vaters bei Wasser und Brot in ihrem Zimmer ohne Feuer emgeschlossen gehalten wurde; daß Nanon ihr Leckerbissen kochte und sie ihr nachts brachte; unb man wußte sogar, baß bas junge Mäbchen selbst ihre Mutter nur sehen und pflegen konnte, solange ber Vater von Hause fort war. Daraushm würbe das Benehmen Granbets sehr streng verurteilt. Die ganze Stabt tat ihn sozusagen in Acht unb Bann, erinnerte sich an ferne Verratereien unb ferne Härten unb toanbte sich von ihm ab. Wenn et öorübergmg, zeigte man auf ihn unb tuschelte. Wenn bie Tochter bie getounbene Straße herabkam, um zur Messe ober zur Vesper zu gehen, in Begleitung von Nanon, stellten sich alle Einwohner ans Fenster und beobachteten mit Neugier die Haltung der reichen Erbin und ihr Gesicht, auf dem fich eine engelhafte Schwermut und Sanftmut malte. Ihre Haft, der Unwille ihres Vaters bedeuteten nichts für sie. Sie hatte ja doch ihre Weltkarte vor Augen, bte kleine Bank, ben Garten, bas Mauerstück unb schmeckte immer von neuem auf ihren Lippen ben Honig, ben bie Küsse ber Liebe ba gelassen hatten. Sie wußte eine Zeit- lang nichts von ben Gesprächen in ber Stabt über sie, ebensowenig rote ihr Vater barum wußte. Da sie vor Gott fromm unb rein war, halfen ihr em gutes Gewissen unb bie Liebe, gebulbig bie väterliche Wut unb Rache zu ertragen. Aber vor einem tiefem Schmerz mußten alle anbern Schnwrzen schweigen. Ihre Mutter, bieses sanfte unb liebreiche Wesen, das sich burch ben Glanz verschönte, den ihre Seele auf dem Wege zum Grabe ausstrahlte, ihre Mutter siechte von Tag zu Tag mehr dahin. Oft machte sich Eugenie Vorwürfe, die unschuldige Ursache der schlimmen schleichenden Krankheit geworden zu sein, die ihre Mutter verzehrte. Diese Gewissensbisse, bte zwar von ihrer Mutter beschwichtigt wurden, verknüpsten Eugeme nur noch fester mit ihrer Liebe. Alle Morgen, sobald ihr Vater ausgegangen war, kam sie zum Bett ihrer Mutter, und dahin brachte ihr Nanon ihr Frühstück. Und die arme Eugenie, die bei ihrer eigenen Betrübnis noch so unter ben Leiden ihrer Mutter litt, wies Nanon auf deren Gesicht mit einer stummen Bewegung hin, weinte und wagte nicht, von ihrem Vetter zu sprechen. Frau Grandet mußte als erste fragen:

Wo ist er benn? Warum schreibt et nicht?

Mutter und Tochter hatten keine Ahnung von den Entfernungen.

Wir wollen an ihn denken, Mutter", antwortete eugeme,aber nicht von ihm sprechen. Du leidest ja, dein Leiden ist wichtiger als alles.

Alles, das war er.

Kinder", sagte Frau Grandet,ich sehne nnch nicht nach dem Leben. Gott hat mir Gunst erwiesen, weil er mich mit Freuden dem Ende meinet Leiden entgegensetzen läßt."

Alle Worte dieser Frau waren tjethg und christlich.

Wenn ihr Mann beim Verzehren seines Frühstücks in ihrem Zimmer aus unb ab ging, hielt sie ihm in ben ersten Monaten bes Jahres immer die- selben Reben, bie sie mit einer engelhaften Sanftmut wreberholte, aber auch mit ber Festigkeit einer Frau, bie beim herannahenden Tod den Mut sinbei, ber ihr während ihres Lebens gefehlt hat.

Grandet ich danke Ihnen für Ihr Interesse an meiner Gesundheit, antwortete sie ihm, wenn er eine höchst banale Frage danach getan hatte, aber wenn Sie bie Bitterkeit meiner letzten Augenblicke mildern und meine Schmerzen erleichtern wollen, nehmen Sie unsre Tochter wieder m Liebe auf; zeigen Sie sich als Christ, Gatte und Vater.

Wenn Grandet diese Worte hörte, setzte er sich an das Bett seiner Frau, so wie ein Mann, der einen Platzregen kommen sieht und sich ruhig unter ben Schutz eines Torwegs begibt: er hörte schweigen!» seine Frau an uns antwortete nichts. Wenn sie ihn auf bie rührenbste, mntgfte frömmste Weist angefleht hatte fagte er nur: ,

Du bist heut' ein bißchen bläßlich, meine arme Frau.

Auf seiner ehernen Stirn, auf feinen zusammengepreßten Lippen schi^: geschrieben zu stehen, daß er feine Tochter öollftänbig vergessen hatte. U. würbe nicht einmal burch bie Tränen gerührt, die bei feinen unbestimmte"! Antworten, bie kaum in ihrem Wortlaut wechselten, über bas bleiche Gesicht. 'C,ne®öge Gott Ihnen verzeihen", sagte sie,wie auch ich Ihnen verzeihe. Sie werben einmal Nachsicht nötig haben."

Seit ber Krankheit feiner Frau hatte er nicht mehr gewagt, fein fäte£ lichesta, ta, ta, ta" hören zu lassen, aber ebensowenig würbe fe,n Despot- mus von biefem Engel an Sanftmut entwaffnet. Die Haßl>chkeitb>efell Frau verschwanb immer mehr hinter bem Ausbruck ihrer seelischen Eigen schäften, bie auf ihrem Gesicht aufzublühen begannen. Sie War ganz «eei . Der Geist bes Gebets schien selbst bie gröbsten Züge ihres Gesichts zu remig unb zu milbern unb ließ es von innen heraus leuchten Wer hat nicht sch°m bas Phänomen einer solchen Verwandlung auf heiligen Gesichtern beobach A auf benen zuletzt bie Eigenschaften ber Seele über bte noch fo ungeftoltetrti Züge ben Sieg davontrugen unb ihnen bie eigentümliche Beseelung vci liehen, bie ben Abel unb ber Reinheit erhabner Gebanken entfprmgt? ® Schauspiel bieser Umformung, bie vollkommen Würbe durch bas Lew, o° bie irbischen Hüllen biefer Frau verzehrte, wirkte, wenn auch ^wa©, " ben alten Böttcher, besten Sinn fest blieb. Wenn er letzt nuf)t mehr Be schätzige Worte sagte, so verharrte er tiorWiegenb in u"erschüttei»-Y Schweigen, wodurch er feine Ueberlegenheit als Familienvater rett r Seiner getreuen Nanon kamen, wenn sie auf bem Markt erschien, P°v_ allerhanb Schmähungen unb Angriffe auf ihren Herrn S» Ohren, ° wenn bie öffentliche Meinung ben Vater Granbet frei heraus verdamm so verteidigte ihn die Magd aus Stolz für das Haus.

Na", fagte sie zu ben Verleumbem bes Alten, gerbenwir m©t m härter, wenn wir älter werben? Warum soll grab der Mann nicht em bißch,^ verknöchern? Seid doch still mit euern Lügereien. Mein Fräulein levr eine Königin. Wenn sie allein ist, na ,a, das ist ihr Geschmack. Im uong hat meine Herrschaft ihre guten Gründe."

(Fortsetzung folgt.)