nickte wiederum. r. ,r.
Und wenn du wieder ein Faß Tran am Hafen liegen Jte 1) t — Gebt mir die Trommel mit, Meister! bat Jochen Kluth. Man muß o
Kunst immer bei der Hand haben, wenn sie einem nützen soll.
Alles ist allen, sagte der Meister Markrabe. Nimm d,e Trommel <->' ist mein, aber sie ist auch dein — so lange sie dir Hilst, ein guter Mensch S» sein. _
Derantwortttch: Dr. HanS Thtzriot. — Druck und Derlag: Brühlschr Universitätsdruckerei 2t. Sange, Sieben.
Meister Markrabe.
Von Otto Anthes.
ou Lübeck lebte in alten Tagen ein Diener der Stadt, der hieß Meister Markrabe nnb verwahrte dem Rat die Uebeltäter, die in den Kammern über dem Marstall am Burgtor gefangengehalten wurden. Er war aber ein eigener und merkwürdiger Diebeshüter. Denn wahrend die Leute seines Handwerks in jenen rauhen Zeiten die rauhesten waren und mit einem ihrer Hut besohlenen Missetäter nicht anders umgingen als wie mit einem Stück Holz, fuhr er gar sänstiglich mit seinen ^e angcnen Er nannte einen jeden seines Verbrechens ungeachtet „mein lieber Bruder , er tat lange Sprüche vor ihnen voll gütlichen Ermahnens, er brachte ihnen das Essen in sauberen Näpfen und allezeit wohlgemessen und nahm allabendlich I einen um den andern an seinen eigenen Tisch, damit er sähe, wie es m emem ehrbaren und frommen Leben zugeht. Aber all dies hätte ihm nicht so viel Erfolg an seinen Pfleglingen eingebracht, als ihm m Wirklichkeit zuteil wurde. Sein stärkstes Mittel war noch anderer Art. Er war namlich tn seinen jungen Jahren ein Spielmann gewesen, und tn dem Gedächtnis dieser fröhlichen und klingenden Vergangenheit lehrte er alle seine Hehler und Stehler eine gar seine Musik. Der eine muhte die Sackpfeife fpftlen, der andere die Fiedel, ein dritter war Zinkenist und em vierter wieder rührte die Handtrommel. An den Markttagen, wenn die Bauern tn Scharen von draußen kamen und auch die Stadtleute alle auf den Bemen waren, saß er dann mit feinen Pflegebefohlenen aus der Bank vor dem Torhaus und ließ sie ausspielen. Ulib nicht nur, baß bie Vorübergehenden dadurch ergötzt unb heiteren Hetzens würben, auch alle Spitzbuben, die durch das Tor in die Stadt wanderten, sühlten sich unwiderstehlich ungezogen, so daß sie von selber kamen und ihre Missetaten bekannten. Er aber besserte sie tn kurzer Zeit durch seine Musik. Die schlimmsten Buben wurden zahm und milde bei ihm: und wenn einer nach seiner Entlassung etwa rückfällig wurde, brachte mau ihn schleunigst wieder zu ihm, daß er ihn von neuem behandle. So war er bei Rat und Bürgerschaft gleich wohlgelittcn und trug in seinem Herzen das srohe Gewissen, daß er mehr als Richter unb Henker bet atmen, von Bosheit geschüttelten Menschheit von Nutzen wäre. ,
Eines Tages aber ging es itjm wunberlich, so baß et in seiner Zuversicht aus bie Stärke der eblen Kunst schier irre werben wollte. Zwei Stabtknechte brachten ihm ben Jochen Kluth, ben er gut kannte, weil er ihn schon mehrmals im Marstall gehabt hatte. , .
Als er ihn nun zwischen ben Knechten baherkommen sah, ward et traurig in seinem Gemüt unb sprach:
Mein lieber Bruder Jochen, bist du schon wieder da?
Ja, Meister, sagte Jochen Kluth und hob ein wenig die Schultern, das soll wohl so sein.
Meister Markrabe schüttelte den Kops.
Was war es denn diesmal, Jochen? fragte er bekümmert.
Diesmal war es ein Faß mit Tran, erwiderte Jochen.
Und wo hast dn es gestohlen? , _ ,, ,
Gestohlen? sagte Jochen Kluth vorwurfsvoll. Gestohlen habe ich es nicht. Bei mit ist das ein eigen Ding. Meine Hände müssen tun, was mem ^Ünd"was sagte dein Kopf, als du daS Faß mit Tran sahst?
Er sagte: Das Faß ist bem Saufmann, bas ist wohl richtig. Aber ebenso gut ist es auch mein. Denn — unb hier erhob Jochen Kluth die Stimme — alles ist allen, sagt die Schrift. .
Meister Markrabe kannte die Schrift ebensowenig wie Jochen Kluth und konnte ihn daher ebensowenig widerlegen, wie jener die Stelle in der Schrift hätte angeben lünnen, wo das stand, darauf er sich berief. Darum
brach der Meister vorerst die Unterhaltung ab, wies bem Jochen fein Wemadj G . . Ulm bie tSanbtrommel hinein, die jener ichon bei feinen früheren
Aufenthalten im Marstall gefpielt hatte. Am Abend aber faß er lanye stumm nnf hpr mnn( vor der Tür und zerbrach sich den Kopf, wie es wohl >n Wahr beit um Rochen Kluth stünde unb was man tun könne, um ihn zu bessern. Kiett Mer: man mußte es anders mit ihm anfangen als mit denen, Ne aus Trotz unb Gewalttätigkeit den Gesetzen der Stadt zuwiderhandelten Er war ein sanfter und Begonnener Dieb und bedurfte nicht der mildernden Krait der Musik, die sich an jenen wirksam erwies. Indessen, so dachte der Meister Markrabe weiter, die Kunst hat so viele wunderbare und geheime Stärken daß man noch nicht verzweifeln soll. Vielleicht daß ihre Heilkraft lick dock' an biefer sanften Bosheit bewährt, wie sie es so oft an bet harten unb Übermütigen getan hat. Er soll einstweilen seine Hanbtrommel wieder spielen. Kommt Zeit, kommt Rat. . ,
So geschah es eine lange Weile, ohne daß f'ch'st 3vchen Kluths Sinn eine Besserung verspüren lieft. So oft vielmehr Meister Markrabe sich mit , ihm in ein Gespräch einlieft, um ihn auf feine innere Verfassung zu prüfen Jochen Kluth blieb bei seinem Satze, daß alles allen sei. Und wenn etwas am Hasen liege, dann fei es fo gut fern wie ftdes andern, der die Hand barauflegen mochte. Darüber kam ein Markttag im spaten Juni heran. Es war ein Tag, wie er selbst in diesem Monat selten ist in Lübeck. Die Sonne lag auf den Backsteinmauern, bafi sie wie von innen heraus erglühten i>, hunhen Rot' durch das offene Tor fah man das leuchtende Grün weit hinaus ins Land den klaren Himmel widerspiegelte. Und als ob die bunte Pracht auch den letzten Menschen aus seiner Hohle hervorgelockt hätte so war ein Treiben das Burgtor herein und hinaus, wie es kaum gewe en war damals, als Kaiser Karl IV. zu Besuch m der Stadt geweilt hatte. Bor dem Torhaus auf der langen Bank saßen Meister Markrabes Pfleglinge unb fpielten, was das Herz hergab und die Instrumente halten wollten. Der Meister felbst in ihrer Mitte, em kurzer dicker Wann, ^1119 mit beiden Händen den Takt auf feinen Knien, und die Zunge lief ißm bot tiefen Wonnen unermüdlich norm Munde hm unb her wie ein Hofhund vor feiner Hütte, wenn bet Herr nach Haufe kommt. So wie es noch letzt, in Holz geschnitzt, über dem Tor zum Marstall zu sehen ist. Jochen Kluth aber spielte bie Hanbtrommel so unvergleichlich, baß alle Welt stehen blieb
I Unb ihm zuhörte. Et rührte sie so sein unb lieblich, daß ihr zärtliches Gebrumm ben jungen Mäbchen als ein Zittern burch bie ©hebet lief. Dann wieder schlug er sie so fest und tapfer, baft ben Burschen sich bie Muskeln strafften unb sie trotzig unb kühn umherblickten, ob trgenbloo einer sei, der ihnen nicht alle Ehre antäte in seinem Herzen. Und als er zuletzt die beiden Schlägel m tollem Wirbel übereinander herfallen ließ tote betrunkene Bauern, die sich auf den Heimweg machen, da lachte ringsum das Volk wie besessen und hielt fich die Bäuche vor unbändigem Vergnügen. Jochen Kluth merkte wohl, wie seine Musik alle Welt bezauberte, unb indem er sich dadurch nur immer mehr anspornen lieft, zog eine stolze Freude in sem Herz, daft er so mächtig war und sich alle untertan machte mit seinen Gaben.
Als es nun gegen ben Abend ging unb bie Musikanten toieber in ben Marstall einkehrten, weil sich bas Volk verlaufen hatte bie Sp,c er auch mübe waren unb hungrig, ba nahm Meister Markrabe, der alles wohl gesehen hatte, ben Jochen Kluth mit auf feine Stube.
Setz dich, faßte er freunblich zu ihm, hebet Stuber Jochen Kluth, ich ^Jochen'setzte ^ich auf bie Ofenbank unb sah ben Meister fröhlich an.
Jochen Kluth, Hub bet Meister an, bist du zufrieden mit dir heute?
Ja, sagte Jochen aus Herzensgrund.
Und warum bist du es? fuhr jener fort.
Ja, warum? sagte Jochen nud krähte ha) den 8tops.
Ich will birg sagen, sprach beinahe feierlich bet Meister. Alles 'st allen, das ist dein Satz. Heut hast bu ben wahren Sinn davon verspürt. Was du in bemem Herzen hattest an zärtlichen ©ebanten unb an tapferen unb hifti« gen, bas hast bu nicht für bich behalten. Alles ,st allen, hast du bedacht und hast es auf die Strafte geworfen, daß es die Leute aufhöben und trugen es davon als ihr eigenes. Nicht damit ich nehme, was ich sah, ist alle» allen, sondern damit ich gebe, was ich habe. Das hast du heut erfahren.
Jochen Kluth fah eine Weile gar stolz barem bei diesen lobenden unb freundlichen Worten des Meisters, und eine helle Freude färbte fein blaffe hageres Gesicht. Dann aber fiel ein bedenkliches Sinnen darüber her, rote wenn dünne graue Wolken über bie klare Sonne gehen, unb zuletzt zog es wie ein klägliches Mitleib mit sich selbst burch seine Züge.
Ja, bas ist alles ganz schön, sagte er, unb feine Stimme war ohne Ton, aber zuletzt, ba haben sie mich boch ausgelacht, daß ich so gab und gab, was in mir war. Verachtet haben sie mich im letzten ©tnnbe, weil ich s« bumm war, mich für sie zu schinben auf bet Trommel.
Der Meister besann sich ebenfalls ein Weilchen, ehe er werter sprach. Unb als ers tat, geschah es auch mit leiser Stimme.
Lieber »ruber Jochen, sagte er, bu kannst wohl recht haben bann . Aber siehst bu, das gehört auch dazu. Wenn man dem Volk sein Hetz gibt, dann schasst das dem Geber nicht nur Freude, sondern auch Weh. Unb ba» soll so (ein. Alles — bas ist Freude unb Leib, Lachen unb Wernen, Stotz und Verachtetsein. Alles aber ist allen, sagt bie Schrift. Warum wolltft' I du nut einen Teil bavon haben?
Jochen Kluth saß unb ließ ben Kopf hängen unb nickte.
Liebet »ruber Jochen, fuhr bet Meister fort, foll ich einem wohledlen Rat morgen octmelben, baft bu bich gebeffert hast und daft man dich woy auf Treu und Glauben entlaßen könne? .
Jochen Kluth hob den Kopf, fah dem Meister tief tn bie Augen uno
(Sin Vttarim.
Von (Sonrab Ferdinand Meyer ’s ist im Sabinetland ein Kitchenlot — mit wat ein Reifejugenblag erfüllt — ich faß auf einer Bank von Stein davor, in einen langen Mantel eingehüllt, aus dem Gebirge blies ein harfcher Wind — vorüber schritt ein Weib mit einem Kind, das, zu der Mutter flüsternd, scheu begann: „2)a sitzt ein Pilgerim und Wandersrnannl Mir blieb das Wort des Kindes eingeprägt, unb wo ich neues Land und Meer erschaut, den Wanderstecken neben mich gelegt, wo das Geheimnis einer Ferne blaut, ergriff mich unersättlich Lebenslust und füllte mir die Augen und die Brust: hell in die Lüfte rief ich barm:
„3d) bin ein Pilgerim unb ffianbersmann!
Es war am Corner- ober Langenfee, auf schlichter Tiefe trug bas Boot mich hm entgegen meinem ero’gen stillen Schnee mit einer anberen lieben Pilgerin — rasch zog mir meine Schwester aus bem Haar, dem braungelockten, eins, das silbern war, unb es betrachten!), seufzt' icß leis unb sann: „Du bist ein Pilgerim unb Wanbersmann! Mit Weib unb Kinb an meinem eignen Herb in einer häuslich trauten Flamme Schein dünkt keine Ferne mir begehrenswert.
So ist es gut! So follf es ewig fein ...
Jetzt fällt bas Wort mir plötzlich in ben Sinn bet kleinen furchtsamen Sabinerin, das Wort, bas nimmer ich vergessen kann:
Da sitzt ein Pilgerim unb Wanbersmannl


