Oer Baum im Odenwald.
Volksweise.
Es steht ein Baum im Odenwald Der hat viel grüne Aest, Da bin ich schon vieltausendmal Bei meinem Schatz gewest.
Da sitzt ein schöner Vogel drauf, Der pfeift gar wunderschön;
Ich und mein Schätzlein lauern auf, Wenn wir mitnander gehn.
Der Vogel sitzt in seiner Ruh Wohl aus dem höchsten Zweig, Und schauen wir dem Vogel zu. So pfeift er alsogleich.
Der Vogel sitzt in seinem Nest Wohl auf dem grünen Baum; Ach Schätze!, bin ich bei dir gwest, Oder ist es nur pin Traum?
Und als ich wiedrum kam zu dir, Gehauen war der Baum;
Ein andrer Liebster steht bei ihr — O du verfluchter Traum 1
Der Baum der steht im Odenwald, Und ich bin in der Schweiz;
Da liegt der Schnee und ist so kalt. Mein Herz es mir zerreißt.
„Wieso — ist er krank.. .7* fragt der Oberförster besorgt.
_ baä gerade rächt!" bibbert Anne: „Aber er kann Debet und
Kredit nicht ausemanderhalten und sitzt jetzt mit Fieber im Lehnstuhl — so rst ihm der Fall zu Kopf gestiegen. . .!"
„Na ... !" schmunzelt der Oberförster: „Dann komm' mal rein, Anne — bann muß rch bir den schwierigen Fall wohl auch nochmal auseinander« puhlen...!"
Gütig und wohlwollend setzt der alte Oberförster der rundlichen Anne denn auch noch einmal den Unterschied zwischen Debet und Kredit aus- e'nander. „Sieh mal — und wenn das Jahr herum ist...!" spricht er abschließend: „Dann zieht ihr ganz einfach Debet von Kredit ab; und was dann unter dem Strich steht — das habt ihr bann verdient...! Klar, 4nne .. - ? „Aber natürlich, Herr Oberförster — das ist doch ganz einfach! Ich versteh' meinen Harke gar nicht!" strahlt Anne: „Dann ziehen wir Kredit von Debet ab — und das haben wir denn verdient!"
o, »Ach, du großes Halali...!" seufzt der Oberförster: „Umgekehrt, Anne — Debet müßt ihr von Kredit abziehen!"
„Jawoll, Herr Oberförster — Kredit von Debet — ich hab' doch ganz recht...!" wiederholt Anne weinerlich, weil ihr diese Wortspalterei lana- sam ebenfalls zu Kops steigt.
„Anne Eystrup, Anne Eystrup — wenn euch bloß der Forstkrug nicht über den Kopf wächst!" seufzt der Oberförster: „Du machst es ja schon wieder verkehrt!"
Aber erst, als Oberförster Friesoyte statt „Debet und Kredit" „Soll und Haben" auf die ersten beiden Seiten im Kontobuch geschrieben hatte — und, als es auch damit noch nicht ging: „Einnahmen und Ausgaben" — da erst war Harke Eystrups ausgesandte Frau im Bilde: „Jawoll, Herr Ober« forster! hat sie mit eines wieder gestrahlt: „Einnahmen sind, wenn einer fem Glas Bier bei uns bezahlt — und Ausgaben sind, wenn wir das Bier an die Brauerei bezahlen müssen. Das eine Mal kommt Geld zu uns ins Haus — und das andere Mal holen sie es von uns weg ...!"
„Na also — warum nicht gleich so ...?" Und sachte hat der Oberförster die strahlende Anne nach diesem nächtlichen Privatunterricht in Buchführung wieder nach Hause komplimentiert. Ein Uhr nachts war es darüber geworden ...
Ob Anne Eystrup ihrem Harke die Eigenheiten des Kontobuches nun ihrerseits wieder beigebracht hat, steht dahin. Jedenfalls hat Anne von Stund an jeden Abend die Eintragungen gemacht. Anne hat sogar jeden Abend sein säuberlich einen Strich gemacht und Debet von Kredit abgezogen, um ganz sicher zu gehen.
Und wenn Anne mit Federhalter und Tinte mit dem dicken Kontobuch beschäftigt war, hat Harke lieber einen letzten Rundgang im Hofe des Forstkruges angetreten. Erst, wenn Anne das Fenster aufriß und zu ihm herausrief : „Harke — es ist gut gegangen — wir haben heute wieder was über... I" dann erst hat auch Harke sich zu der Buchführung eingefunden und schmunzelnd die Groschen nachgezählt. War aber nichts über, dann hat Anne Eystrup ärgerlich das Kontobuch zugeklappt und ist mürrisch zu Bett gegangen. Und mürrisch ist der vergeblich auf den üblichen Zuruf wartende Harke ihr gefolgt.
Aber wenn Oberförster Friesoyte nun vielleicht gedacht hat, daß seinem ehemaligen Waldarbeiter der Forstkrug über den Kopf wachsen würde, so hatte er sich getäuscht. Im Gegenteil: langsam, aber sicher ist es mit Eystrups vorangegangen. Und loenn im ersten Jahre nur Bier und Korn im Nieholter Forstkrug zu bekommen waren, so hat im zweiten Jahre bereits eine hübsche, selbst gepinselte Tafel in der kleinen Gaststube des einsamen Waldkruges gehangen. Darauf hat gestanden:
„Empfehle meinen verehrten Gästen auch meine ff. kalte Küche:
Brot mit Schinken............60 Pf.
Brot mit Wurst..............60 Pf.
Brot mit Käse (Harzer)..........30 Pf.
Schokolade, Tafel........... . 25 Pf.
Und jeden Sonnabend:
Knackwurst mit Salat......... . 50 Pf.
Knackwurst ohne Salat..........25 Pf."
— w —
Das vornehme „pp" hat Harke Eystrup darunter gesetzt, weil er es so bei Gastwirt Hansing in Leheloh gesehen hatte. Gastwirt Sansing hatte es wieder bei Gastwirt Picherow in Uchta erblickt. Wo Gastwirt Picherow es seinerseits her hatte, verliert sich im Dunkeln.
„Harke Eystrup — was heißt das ,pp' eigentlich?" hat Oberförster Friesoyte eines Tages gefragt.
„Das ,pp' da ...?" hat Harke sich verwundert: „Das weiß Herr Oberförster nicht? Das kann meines Erachtens nur ,prima-prima' heißen!" Und geradezu beleidigt ist der neue Forstkrüger gewesen, als sein Oberförster sich daraufhin den Bauch vor Lachen hielt.
„Nicht ,prima-prima', sondern ,prämissis prämittendis' heißt das!" hat der Oberförster erläutert und anschließend auch des langen und breiten erklärt, was es mit „prämissis prämittendis" auf sich hatte.
„Meute und Mufflonbock — das ist aber ein schweres Wort!" hat Harke gestöhnt. Und nachdem er dreimal vergeblich versucht hatte, es nachzusprechen, ist er kurz entschlossen auf einen Stuhl gestiegen und hat das ver- deubelte „pp" mit dem Taschenmesser aus dem schöngepinselten Plakat geschnitten.
„Aber Harke Eysttrch — das hab' ich ja gar nicht verlangt — du sollst bloß wissen, was es heißt!" hat der Oberförster vor Lachen gebrüllt.
Aber da hat Harke seinem Obersörster nur vielsagend in die Seite gepuckst und pfiffig gemeint: „Ich geh lieber aufs Ganze, Herr Oberförster! Es könnte sein, daß mich noch mal einer nach dem Worte fragt, und bann sitz' ich bamit an! Dem setzt man sich nicht gerne aus! Unb barum sage ich: weg damit!" Unb durch keinerlei Zureden ist er beim auch dazu zu veranlassen gewesen, bas „pp" toieber an bie Preistafel anjutleiftern.
Nächster Tage hat er sich lieber einen passenden Streifen aus Pappe geschnitten, „prima — prima" barauf gemalt unb hiermit bie Schnittstelle in ber Preistafel fein säuberlich wieder überklebt.
Seitdem heißt „pp" hierzulande „prima — prima" und nichts anderes.
Sott und Haben.
Zwei Anekdoten aus dem ZRünflerlaub.
Bon Bruno Nelissen Haken.
Von Harke Eystrup zu Nieholte, der früher einmal Waldarbeiter war und dann den Nieholter Forftkrug pachtete, erzählen sie sich weit und breit die lachhaftesten Geschichten. Darunter sind zwei: wie Harke Eystrup mit „Debet und Kredit" nicht fertigwerden konnte — und wie er „pp" auf seine Preistafel gemalt hat...
Wenn ein früherer Waldarbeiter unter die Gastwirte geht, so muß er schwitzen. Und man kann schon sagen, daß es eine lange Zeit gedauert hat, bis Harke das Handwerk gelernt hatte.
Als er seinerzeit auf der Oberförsterei Kontratt über den Pachtkrug machte, hat Oberförster Friesoyte geschmunzelt und seinem unternehmungslustigen Waldarbeiter wohlwollend auf die Schulter geklopft: „Also du willst wirklich und wahrhaftig unter die Gastwirte gehen, Harke — ob dir das nicht über den Kopf wächst... ?" hat er gemeint.
„Was 'n richtigen Waldarbeiter aus dem Münsterland ist, Herr Oberförster — der kann auch Bier zapfen — is 'n Klacks!" hat Harke mit Ueber- geugung gesprochen.
„Das kann ich mir denken!" hat der Oberförster gelacht: „Aber das Bierzapsen ist ja nicht das einzige! Du mußt z. B. auch Buchführen, Harke Eystrup... !"
„Watt... ? Wieso, warum ... ?" hat Harke erstaunt zurückgefragt.
„Hier... !" hat der Oberförster da aber nur gesprochen und seinem neuen Pächter als Angebinde für den heutigen Tag der Pachtübernahme ein nagelneues, dickes Kontobuch mit schwarzem Leinenrücken überreicht: »Paß mal auf, Harke!" hat er erläutert: „Dies hier ist ein Kontobuch — weißt du, was eip Kontobuch ist... 7‘
„Jawoll, Herr Oberförster ... !" hat Harke mit wissender Miene gestrahlt.
„Gut... !" hat der Oberförster verkündet: „Dann weißt du also auch, daß ein Kontobuch immer eine Debet- und Kreditseite hat...?"
„Jawoll, Herr Oberförster ...!" hat Harke mit Nachdruck erklärt.
„Gut...!" hat der Oberförster weiterhin gesprochen: „Da mußt du «Iso jeden Abend sauber mit Tinte drin eintragen, was du über Tag eingenommen bzw. ausgegeben hast!"
«Wird gemacht, Herr Oberförster!" hat Harke zurückgegeben.
„Gut!" ist ber Oberförster fortgefahren: „Und wenn du das jeden Tag f«gelmäßig gemacht hast und das Jahr ist herum — bann machst bu fein öuberlich einen Strich mit Lineal und Tinte und ziehst Debet von Kredit «b — was tust du, Harke Eystrup ...?"
„Zu Befehl, Herr Oberförster — ich ziehe Kredit von Debet ab!" hat harke mit Hackenzufammenklappen rapportiert.
„Verkehrt — verkehrt...! Debet von Kredit mußt du abziehen, Harke — tetftanben?"
»Zu Befehl, Herr Obersörster!"
„Gut—! Und was dann unter dem Strich steht, das hast du bann terbient! Ist das klar, Harke Eyitrup ...?"
„Jawoll, Herr Oberförster — das hab' ich bann berbient!" hat Harke lsstrahlt.
Zu Hause, in seinem neuen Forstkrug, ist bem neuen Pächter bas Strahlen lann aber noch selbigen Tags vergangen.
Als Oberförster Friesoyte biefen Abend zu Bett gehen will und schon mne Langschäftigen am Stiefelknecht abgestreift hat, klopft es nämlich »-ötzlich an§ Fenster und eine zitternde Stimme fragt aus dem Dunkeln, ■ö Herr Oberförster wohl noch einmal zu sprechen sei.
„Nanu, so spät — wo brennt's beim...?" meint der Oberförster und °'ugt sich aus dem Fenster. „ .
Naja — und ba steht also Eystrups Anne, Hartes rundliche, kleme Ehe- rau, mit bem dicken Kontobuch unter dem Arm und will von Herrn Ober- hrster erklärt haben, was es mit den verschiedenen Seiten in diesem Buche c*f sich hat: „Herr Oberförster, Herr Oberförster — was haben Sie bloß "nt meinem Harke ausgestellt?" jammert Anne: „Der Mann ist heute w'enb ja reineweg durcheinander — er schnackt schon ganz konfus.. .1


