Gesichtszüge, um die ein Schimver war, wie um eine hübsche, aufgeblühte Blume, ließen die Seele ausruhen, osfenbarten den Reiz des Gemüts, das sich in ihnen widerspiegelte und beherrschten den Blick. Eugenie besand sich noch an dem Ufer des Lebens, an dem die kindlichen Illusionen blühen, wo die Gänseblümchen mit Glücksgesühlen gepflückt werden, die man später nicht mehr kennt. Und so sagte Sie, als sie sich im Spiegel erblickte, ohne noch zu wissen, was Liebe ist:
„Ich bin zu häßlich, er wird mich nicht beachten."
Dann öffnete iie die Tür ihres Zimmers, die zur Treppe führte, und steckte den Kopf heraus, um auf die Geräusche im Haus zu hören.
Er ist nicht auf, dachte sie, während sie das morgendliche Husten von Nanon vernahm und, wie das brave Mädchen ging und kam, den Saal kehrte, Feuer anmachte, den Hund an die Kette legte und mit ihren Tieren im Stall sprach. Flugs ging Eugenie herunter und lief zu Nanon, die die Kuh melkte.
„Nanon, liebe Nanon, mach' doch Rahm zum Kaffee für meinen Vetter.
„Aber Fräulein, man hätte ihn gestern aufstellen müssen", sagte Nanon und brach in schallendes Gelächter aus. „Ich kann nicht Rahm machen. Ihr Vetter ist niedlich, niedlich, aber wirklich zu niedlich. Sie haben ihn nicht in seinem Schlafröckchen aus Seide und Gold gesehen. Aber ich, ich hab' ihn drin gesehen. Er trägt so seine Wäsche wie das Chorhemd vom Herrn Pfarrer."
„Nanon, dann mach uns weißes Milchbrot."
„Und wer gibt mir das Holz für den Backofen, Weißmehl und Butter?" sagte Nanon, die in ihrer Eigenschaft als Premierminister von Grandet manchmal eine ungeheure Bedeutung in den Augen von Eugenie und ihrer Mutter bekam. „Man soll wohl den Herrn bestehlen, um Ihren Vetter zu feiern? Bitten Sie ihn doch um Butter, Weißmehl und Holz, er ist ja Ihr Vater, er kann es Ihnen geben. Halt, da kommt er gerade herunter, um nach den Vorräten zu sehen."
Eugenie flüchtete vor Schreck in den Garten, als sie die Treppe unter dem Schritt ihres Vaters zittern hörte. Sie empfand schon die Wirkungen der tiefen Scham, des besonderen Glücksgefühls, das uns glauben läßt, vielleicht nicht mit Unrecht, unsere Gedanken seien uns auf die Stirn ge- fchriehen und sprängen den andern in die Augen. Jetzt erst wurde sie die kalte Blöße des väterlichen Hauses gewahr, und da empfand das arme Kind eine Art von Verdruß, es nicht in Harmonie bringen zu können mit der Eleganz ihres Vetters. Sie fühlte das leidenschaftliche Bedürfnis, irgend etwas für ihn zu tun; was? das wußte sie nicht. Kindlich und wahr überließ sie sich ihrer engelreinen Natur, ohne ihren Eindrücken oder ihren Gefühlen zu mißtrauen. Der bloße Anblick ihres Vetters hatte in ihr die natürlichen Neigungen der Frau aufgeweckt, und sie mußten sich um so lebhafter entfalten, als sie im Alter von dreiundzwanzig Jahren in der Vollkraft ihrer Intelligenz und ihres Begehrens stand.
Zum erstenmal empfand sie Furcht im Herzen beim Anblick ihres Vaters, da sie ihn als Herrn ihres Schicksals ansah, und sühlte sich eines Vergehens schuldig, weil sie ihm ein paar Gedanken verschwieg. Sie begann ihre Schritte zu beschleunigen und verwunderte sich, eine reinere Luft zu atmen, die Sonnenstrahlen belebender zu fühlen und eine seelische Wärme aus ihnen zu schöpfen, ein neues Leben. Während sie auf eine List sann, um Weißbrot zu erlangen, erhob sich zwischen der langen Nanon und Grandet ein Streit, der bei den zweien etwas so Seltenes war wie Schwalben im Winter. Bewaffnet mit seinen Schüsseln war der Alte herabgekommen, um die für den Tagesverbrauch nötigen Lebensmittel abzumessen.
„Ist Brot von gestern übriggeblieben?" fragte er.
„Nicht ein Krümchen, Herr."
Grandet nahm ein großes, rundes, schön mit Mehl bestäubtes Brot heraus, das in so einem flachen Korb geformt war, wie sie in Anjou zum Backen benutzt werden, und wollte es durchschneiden, als Nanon zu ihm sagte:
„Wir sind heute sünf, Herr."
„Richtig", antwortete Grandet, „aber dein Brot hier wiegt sechs Pfund, es wird noch was übrigbleiben. Uebrigens, diese jungen Leute aus Paris, du wirst sehen, die essen kein Brot."
„Die essen wohl nur die ,Frippe'", sagte Nanon.
In Anjou versteht man unter Frippe, einem Wort der Volkssprache, den Ausstrich aufs Brot, von der Butter angefangen, die auf die Schnitte gestrichen wird, der gewöhnlichen Frippe, bis zum Pfirsicheingemachten, der allerfeinsten Frippe; und alle, die in ihrer Kindheit die Frippe abgeleckt und das Brot liegengelassen haben, werden die Bedeutung dieses Ausdrucks verstehen.
„Nein", versetzte Grandet, „die essen weder Frippe noch Brot. Sie sind gewissermaßen wie die heiratsfähigen Töchter."
Zum Schluß wollte der Alte, nachdem er knickerig das Menü des Tages bestimmt hatte, sich in seinen Obstkeller begeben, nicht ohne die Schränke seiner Speisekammer abzuschließen, als Nanon ihn anhielt, um ihm zu sagen:
„Herr, dann geben Sie mir doch Mehl und Butter, ich will für die Kinder ein Weißbrot machen."
„Willst du nicht noch das Haus ausplündern, meines Neffen wegen?"
„Ich hab' an Ihren Neffen nicht mehr als an Ihren Hund gedacht, nicht mehr, als Sie selbst an ihn denken ... Da haben Sie mir doch nur sechs Stück Zucker 'rausgeholt, ich will acht." •
„Na nu, Nanon, ich hab' dich ja noch nie so gesehen. Was fällt dir denn ein? Bist du die Herrin hier? Du bekommst nur sechs Stück Zucker."
„So, und womit wird Ihr Neffe seinen Kaffee zuckern?"
„Mit zwei Stücken, ich . . . ich verzichte dafür."
„Sie werden aus den Zucker verzichten, in Ihrem Alter! Eher würde ich Ihnen welchen aus meiner Tasche kaufen."
„Kümmere dich um deine Sachen."
Trotz seinem niedrigen Preise war der Zucker in den Augen des Böttchers immer noch die kostbarste Kolonialware, für ihn kostete er immer noch sechs Franken das Pfund. Der während des Kaiserreichs bestehende Zwang, mit ihm zu sparen, war ihm zur unerschütterlichen Gewohnheit geworden. Alle Frauen, selbst die einfältigsten, wissen eine List zu gebrauchen, um zu ihrem Zweck zu gelangen. Nanon ließ die Zuckerstage fahren, um das Weißbrot zu bekommen.
„Fräulein", rief sie durchs Fenster, „nicht wahr, Sie möchten Weißbrot haben?"
„Nein, nein", antwortete Eugenie.
„Mso komm, Nanon", sagte Grandet, als er die Stimme seiner Tochter hörte, „da nimm." .
Er öffnete den Kasten, in dem das Mehl war, gab ihr dann em Maß voll und fügte einige Unzen Butter zu dem Stück hinzu, das er schon abgeschnitten hatte.
„Ich brauche Holz, um den Backofen zu heizen", sagte die unerbittliche Nanon. •
„Na ja, du kannst dir soviel nehmen, wie du brauchst", antwortete er melancholisch, „aber dann mache uns einen Obstkuchen und koche das ganze Essen im Backofen, dann brauchst du nicht zwei Feuer anzuschüren."
„Pahl" rief Nanon aus, „das brauchen Sie mir nicht erst zu sagen." Grandet warf seinem treuen Minister einen fast väterlichen Blick zu.
„Fräulein", rief die Köchin, „wir bekommen Weißbrot."
Der alte Grandet kam mit seinem Obst beladen zurück und machte einen ersten Teller voll auf dem Küchentisch zurecht.
„Sehen Sie nur, Herr", sagte Nanon zu ihm, „die hübschen Stiefel, die Ihr Neffe hat. Was für Leder, und wie gut das riecht! Womit soll ich das denn putzen? Soll man Ihre Eiwichse dadraus schmieren?"
„Nanon, ich glaube, das Ei verdirbt solches Leder. Uebrigens, sag' ihm doch, du weißt nicht, wie man dies Maroquin ... ja, es ist Maroquin, wichsen soll. Er wird dann selbst in Saumur etwas kaufen und es dir geben, um seine Stiesel zu putzen. Ich habe sagen hören,, daß man Zucker unter solche Wichse mengt, um sie glänzend zu machen."
„Ei, schmeckt das gut?" sagte die Magd und hielt sich die Stiefel unter die Nase. „Seh einer an! Das riecht ja wie Eau de Cologne von Madame.
Ach, ist das komisch!"
„Komisch", sagte der Hausherr. „Du findest es komisch, für die Strefel mehr auszugeben, als der wert ist, der sie trägt?"
„Herr", sagte sie beim zweiten Gang ihres Gebieters, der den Obstkeller abgeschlossen hatte, „nicht wahr, wir werden wohl ein- oder zweimal wöchentlich einen pot au feu haben, wegen Ihres? ..."
,Sa."
.Dann muß ich zum Schlächter gehen.'
„Keinesfalls; du kannst uns Bouillon von Geflügel kochen; die Pächter werden dich nicht damit sitzen lassen. Aber ich will Cornoiller sagen, daß er mir Raben töten soll. Dieses Wild gibt die beste Bouillon von der Welt."
„Jst's wahr, Herr, daß Raben Leichen essen?"
„Du bist wohl dumm, Nanon. Sie essen, wie jedermann, das, was sie finden. Leben wir nicht von Leichen? Was ist denn eine Erbschaft fonft?*^
Da Vater Grandet weitere Befehle nicht zu geben hatte, zog er seine Uhr heraus, und als er sah, daß er noch über eine halbe Stunde vor dem Frühstück verfügen konnte, nahm er seinen Hut, ging seine Tochter zu begrüßen und sagte zu ihr:
„Willst du einen Spaziergang zu meinen Wiesen am Loireufer machen? Ich habe da etwas zu tun."
Eugenie setzte ihren geulten mit rosa Tast abgesütterten Strohhut auf, bann schritten Vater und Tochter die krumme Straße bis zum Platz hinab.
„Wohin stürzen Sie denn so stüh am Morgen?" sagte der Notar Cruchot, der Grandet in den Weg lief.
„Etwas ansehen", erwiderte der Alte.
Wenn der alte Grandet etwas ansehen ging, so wußte der Notar ans Erfahrung, daß man immer etwas von ihm profitieren konnte. Daher begleitete er ihn.
„Kommen Sie mit, Cruchot", sagte Grandet zum Notar. „Sie gehören ja zu meinen Freunden, da will ich Ihnen mal zeigen, was das für eine Dummheit ist, Pappeln auf guten Boden zu pflanzen."
„Dann rechnen Sie wohl die sechzigtausend Franken für nichts, die Sie für die aus Ihren Wiesen an der Loire in die Finger gekriegt haben?" ries der Notar aus und riß seine Glotzaugen auf. „Was Sie da für Glück gehabt haben! Ihre Bäume just in dem Moment zu fällen, wo man in Nantes kein weißes Holz hatte, und sie zu dreißig Franken zu verkaufen."
Eugenie hörte zu, ohne zu wissen, daß sie dem ernstesten Augenblick ihres Lebens nahe war und der Notar im Begriff stand, die Verkündigung eines väterlichen und oberherrlichen Ratschlusses über sie hervorzurusen. Grandet hatte die prächtigen Wiesen erreicht, die er am Loireuser besaß, wo dreißig Arbeiter damit beschäftigt waren, die Stellen, wo stüher bie Pappeln gestanden hatten, auszuräumen, zuzuschütten und einzuebnen.
„Da sehen Sie, Cruchot, wieviel Platz eine Pappel einnimmt", sagte er zum Notar. — „Jean", rief er einem Arbeiter zu, „me ... me... miß mit dem St ... Stab in allen R ... R ... Richtungen."
„Viermal acht Fuß", sagte der Arbeiter, als er fertig war.
„Zweiunddreißig Fuß Verlust", sagte Grandet zu Cruchot. „Ich hatte in dieser Reihe dreihundert Pappeln, nicht wahr? Oder d ... d... dreihundertmal zweiundd ... dreißig F ... Fuß f... f ... fraßen mir s... fünfhundert Heu weg; rechnen Sie zweimal so viel aus den Seiten dazu: sünfzehnhundett, die in der Mitte wuchsen, ebensoviel. Mso, w ... h>... wollen wir sagen tausend Bündel Heu."
„Nun ja", sagte Cruchot, um seinem Freund zu helfen, „tausend Bündel Heu sind ungefähr sechshundert Franken wert."
„W w ... wollen wir z... z zwölfhundert sagen wegen der drei- bis vierhundett Franken für das Grummet. Nun schön, b ... b ... berechnen Sie, was zwölshundert Franken jährlich, w ... w ... während vierzig Jahren g geben, z ... z ... zusammen mit den Z ... Z - • • Zinsen, die Sie ja w wissen."
„Sagen wir sechzigtausend Franken."
„Es ist mir recht! das m... m... mögen nur sechzigtausend Franken fein. Na schön", fuhr der Winzer fort, ohne zu stottern, „zweitausend Pappeln in vierzig Jahren würden mir nicht fünfzigtausend Franken einbrmgen. Das ist Verlust. Ich hab' das herausgefunden, jawohl", sagte Grandet vou Stolz.
^Fortsetzung folgt.)


