Gießener Zamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1937
Zreitag, den Oktober
Nummer 76
Eugenik Hrandei
ROMAN v'on Honore de Balzac
5. Fortsetzung.
„Mir diesen schönen Staat geben!" sagte sie zu sich selbst im Weggehen. „Er träumt schon, der Herr."
„Gute Nacht."
„Gute Nacht, Nanon."
„Was soll ich bloß hier machen?" dachte Charles im Einschlafen. „Mein Vater ist kein Narr, meine Reise muß einen Zweck haben. Pah! ,Auf morgen die ernsten Geschäste', sagte irgendein griechischer Kunde."
„Heilige Jungfrau, wie hübsch ist mein Vetter", sagte Eugenie zu sich selbst und unterbrach sich in ihren Gebeten, die an diesem Abend nicht beendet wurden.
Frau Gründet dachte gar nichts, als sie sich schlafen legte. Sie hörte durch die Verbindungstür, die in der Mitte der dünnen Wand war, den Geizhals in seinem Zimmer auf und ab gehen. Wie alle furchtsamen Frauen, hatte sie den Charakter ihres Gebieters studiert. So wie die Möwe das Gewitter Voraussicht, hatte sie aus unmerklichcn Anzeichen den inneren Sturm geahnt, der Grandet bewegte, und, um einen Ausdruck von ihr zu gebrauchen, in solchem Fall „stellte sie sich tot".
Grandet blickte auf die innen mit Blech beschlagene Tür, die er zu seinem Kabinett hatte machen lassen, und dachte bei sich:
„Welch seltsamer Gedanke von meinem Bruder, mir sein Kind zu vermachen. Nette Erbschaft, das. Ich habe nicht zwanzig Taler zu verschenken. Und was wären zwanzig Taler für diesen Gecken, der mein Barometer beguckt hat, als wenn er damit Feuer machen wollte."
Als er an die Folgen von diesem Testament des Schmerzes dachte, war Grandet vielleicht aufgeregter als sein Bruder in der Stunde, da er es niederschrieb.
„Ich soll diesen goldenen Rock. . .?" sagte Nanon und schlief ein, mit ihrer Altardecke bekleidet und träumte von Blumen, Stoffen, Damast zum erstenmal in ihrem Leben, so wie Eugenie von der Liebe träumte.
In dem unschuldigen und einförmigen Leben der jungen Mädchen kommt eine zauberhafte Stunde, wo die Sonne ihnen ihre Strahlen ins Herz schickt, wo die Blume ihnen Gedanken ausdrückt, wo das Klopsen des Herzens dem Kopf seine heiße Befruchtungskraft verleiht und die Gedanken in einen unbestimmten Wunsch hinschmelzen. Tag von unschuldiger Trauer und lieblicher Fröhlichkeit! Wenn die Kinder ansangen zu sehen, io lächeln sie; wenn das junge Mädchen das Gefühlsleben in der Natur erkennt, lächelt cs, wie es als Kind lächelte. Wenn das Licht die erste Liebe des Lebens ist, ist dann nicht die Liebe das Licht des Herzens? Der Augenblick, wo ihr die irdischen Dinge klar wurden, war für Eugenie gekommen.
Da sie wie alle jungen Mädchen in der Provinz Frühaufsteherin war, erhob sie sich zeitig, verrichtete ihr Gebet und machte sich an ihre Toilette, eine Beschäftigung, die von jetzt ab Sinn bekam. Sie kämmte zuerst ihre kastanienbraunen Haare, legte ihre dicken Zöpfe mit der größten Sorgfalt um den Kopf, achtsam, daß sich kein Härchen aus den Flechten löste, und gab ihrer Frisur eine Symmetrie, die die schüchterne Treuherzigkeit ihres Gesichts erhöhte, weil sie die Einfachheit des Zubehörs mit der kindlichen Liebenswürdigkeit der Hauptlinien in Uebereinstimmung setzte. Während sie sich tüchtig die Hände in klarem Wasser wusch, das ihre Haut rauh und rot machte, betrachtete sie ihre hübschen runden Arme und fragte sich, was ihr Vetter nur anstellte, um so weiche weiße Hände und so schön gepflegte Nägel zu bekommen. Sie zog neue Strümpfe und ihre hübschesten Schuhe an. Sie schnürte sich sorgfältig, ohne ein Schnürloch auszulassen. Und da sie zum erstenvial im Leben den Wunsch hatte, vorteilhaft auszusehen, wußte sie das Glück zu schätzen, daß sie ein neues Kleid hatte, das hübsch war und ihr gut stand. Als ihre Toilette beendet war, hörte sre die Uhr der Pfarrkirche schlagen und zählte zu ihrer Verwunderung nur sieben «chlage. Um ja die nötige Zeit zu haben, sich sorgfältig anzuzichen, war sre zu früh aufgestanden. Da sie die Kunst nicht kannte, zehnmal eine Haarlocke wieder in die Hand zu nehmen und ihre Wirkung auszuprobieren, verschränkte Eugenie ganz einfach die Arme, setzte sich ans Fenster und blickte auf den Hof hinaus, auf den engen Garten und die hohen Terrassen, die ihn überragten; eine melancholische, eng begrenzte Aussicht, der aber nicht die geheimnisvolle Schönheit der einsamen Orte und der ungepflegten Natur sehlte. In der Nähe der Küche befand sich ein Ziehbrunnen mit steinernem Geländer, dessen Rolle von einem Arm aus gebogenem Eisen gehalten wurde, um den sich ein Weinstock mit verwelkten, roten, vom Sommer versengten Ranken schlang; von hier aus erreichte das gekrümmte Rebenholz
die Mauer, zog sich dort herauf, lief am Haus entlang und endigte auf einem Holzstall, in dem das Holz so exakt aufgestellt war wie Bücher eines Bibliophilen. Das Pflaster des Hofes wies seine schwärzlichen Flecken, die mit der Zeit durch Moose, durch den Mangel an Verkehr entstanden waren; die dicken Mauern zeigen ihr grünes Kleid, das mit langen braunen Spuren gestreift war. Und die acht Stufen, die sich int Hintergrund des Hofs befanden, waren jede für sich unter hohen Pflanzen verhüllt, wie das Grab eines Ritters zur Zeit der Kreuzzüge, den seine Witwe begraben hat. Hebet eine Schicht von ganz ausgehöhlten Steinen erhob sich ein Zaun von verfaultem Holz, der vor Alter halb verfallen war, an dem sich aber Kletterpflanzen in Hülle und Fülle umschlangen. Zu jeder Seite der weitlückigen Tür streckten zwei verkrüppelte Apfelbäume ihre krummen Zweige vor. Drei parallele, mit Sand beworfene Wege, die voneinander durch viereckige, mit einem Buchsbaumrand eingefaßte Beete getrennt wurden, bildeten diesen Garten, den unten an der Terrasse ein Dach von Linden abschloß. Auf der einen Seite Himbeersträucher, auf der andern ein ungeheurer Nußbaum, dessen Zweige bis zum Kabinett des Böttchers herabyingen. Ein klarer Morgen und die schöne Sonne der Herbsttage an den Ufern der Loire begannen die Lasur zu zerteilen, mit der die Nacht die malerischen Gegenstände, die Mauern, die Pflanzen überzogen hatte, die diesen Garten und den Hof ansüllten.
Eugenie fand ganz neue Reize in dem Anblick dieser Dinge, die vorher so gewöhnlich für sie gewesen waren, Tausend verwirrte Gedanken entstanden in ihrem Herzen und nahmen dort innen in dem Maße zu, wie draußen die Strahlen der Sonne. Am Ende verspürte sie eine Regung unbestimmter, unerklärlicher Lust, die das geistige Sein einhüllt, wie eine Wolke das körperliche Sein einhüllen könnte. Ihre Betrachtungen klangen zusammen mit den einzelnen Tönen dieser sonderbaren Landschaft, und die Harmonien ihres Herzens schlossen einen Bund mit den Harmonien der Natur. Als die Sonne ein Stück der Mauer erreichte, wo Frauenhaar in dicken wie Taubenhälse schillernden Blättern herabfiel, da befeuchteten himmlische Strahlen der Hoffnung für Eugenie die Zukunft, und sie liebte es von jetzt ab, dies Mauerstück zu betrachten, seine bleichen Blumen, seine blauen Glocken, seine verblühten Gräser, mit denen sich eine Erinnerung vermischte, anmutig, wie die an die Kindheit. Das Geräusch, das in diesem widerhallenden Hof jedes Blatt hervorbrachte, das sich von seinem Zweig löste, antwortete auf die geheimen Fragen des jungen Mädchens, das dort den ganzen Tag hätte sitzen können, ohne das Fliehen der Stunden zu merken. Plötzlich wurde ihr Herz stürmisch bewegt. Sie erhob sich ein paarmal, stellte sich vor den Spiegel und betrachtete sich, wie ein ehrlicher Schriftsteller sein Werk betrachtet, um sich zu kritisieren und sich selbst zn schelten.
„Ich bin nicht schön genug für ihn!", das war Eugeniens Gedanke, ein demütiger Gedanke, der Leiden schuf. Das arme Kind wurde sich nicht gerecht; aber die Bescheidenheit, oder besser gesagt, die Scheu ist eine der ersten Tugenden der Liebe. Eugenie gehörte wohl zu diesem kräftig gebauten Typus, den man bei den Kindern der kleinbürgerlichen Kreise findet, dessen Schönheiten gewöhnlich scheinen. Aber wenn sie der Venus von Milo ähnelte, so waren ihre Formen durch die Milde des christlichen Fühlens und Wollens geadelt, das die Frau läutert und ihr eine Besonnenheit verleiht, von der die alten Bildhauer nichts wußten. Sie hatte einen sehr großen Kopf, die männliche, aber sein gebildete Stirn des Jupiter von Phidias, und graue Augen, aus denen ihr keusches Leben, das sich ganz in ihnen aussprach, hell herausleuchtete. Die Züge ihres runden Gesichts, das früher frisch und rosig gewesen war, waren etwas angeschwollen nach den Blattern, die milde genug aufgetreten waren, um keine Narben zu hinterlassen, die aber die Sammetweiche der Haut zerstört hakten; immerhin war ihre Haut noch so zart und sein, daß der reine Kuß^hrer Mutter vorübergehend einen roten Fleck auf ihr abzeichnete. Ihre Nase war ein bißchen zu stark, aber sie paßte zu einem kirschroten Mund, der strahlte vor Liebe und Güte. Ihr Hals besaß eine vollendete Rundung. Ihr voller Busen, der sorgfältig verhüllt war, zog den Blick an und beschäftigte die Phantasie; doch fehlte ihm gewiß etwas von der Anmut, die der Kleidung zu verdanken ist. Aber für Kenner mußte die Straffheit biefer hohen Büste ihren Reiz haben. Eugenie war groß und stark und besaß nichts von der Hübschheit, die der Menge gefällt. Aber fie war schon von dieser Art deutlicher Schönheit, die nur die Künstler lieben. Der Maler, der hienieden einen Typus der himmlischen Reinheit der Maria sucht, der von dem ganzen weiblichen Geschlecht die bescheiden stolzen Augen verlangt, die Raffael erraten hat, die jungfräulichen Linien, die oft den Zufällen der Empfängnis verdankt werden, die aber nur ein christliches und züchtiges Leben bewahren und erwerben kann; der Maler, der in ein fo seltenes Modell verliebt ist, hätte aus einmal in Eugenies Gesicht den angeborenen Adel gefunden, der von sich selbst nichts weiß; er hätte hinter einer ruhigen Stirn eine Welt voll Liebe erkannt und im Schnitt der Augen, in der Haltung der Lider etwas Göttliches. Ihre Züge, die Umrisse ihres Hauptes, die der Ausdruck der Lust noch nie entstellt ober ermüdet hatte, glichen den Linien des Horizonts, die in der Ferne von stillen Seen sanft abgefchnitten werden. Diese ruhigen, frischen


