Ausgabe 
1.3.1937
 
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Btrcmberung der Holzbestände In größerer oder geringerer Nahe mag dabei eine Hauptrolle spielen, häufig genug aber bleibt dieses Nach­lassen eines früher sehr günstigen Anstandsplatzes ein unlösbares Rätsel.

Hat man einen bestimmten Stand als gut erkannt, so wird man wohl daran tun, denselben dauernd ruhig beizubehalten und sich durch das schlechte Ergebnis von einem oder zwei Abenden nicht irre machen zu lassen. Es gibt Jäger, die an jedem Abend einen besseren Stand zu finden hoffen und bei diesem beständigen Suchen und Wechseln nur selten zu Schuß kommen.

DerWaldschnäpff" ist ein geheimnisvoller Vogel, der auf alle Natur­freunde und Jäger eine große Anziehungskraft ausübt. Möge die Freude an den schönen Vorfrühlingsabenden manchen Naturfreund veranlassen, mit einem befreundeten Weidmann zusammen die Geheimnisse des Vogel­zuges zu beobachten und zu erforschen.

Weidmannsheil!

Mit allen Ehren.

Von Otto Anthes.

Es war im April 1798, daß die Franzosen, zum vierten Male in den Kriegsläufen des Jahrzehnts, sich zur Belagerung der Feste Ehrenbreit­stein anfchickten. Da sie aber vorerst noch nicht das nötige Geschütz zur Stelle hatten, so sah der Kommandant der Festung, der kurtrierische Obrist Faber, keinen Grund, weshalb er nicht seinen Namenstag festlich begehen sollte, wenn auch nur im kleinsten Kreise. Diesen Kreis bildete mit ihm sein Neffe Adelbert, ein blutjunger Bursch von achtzehn Jahren, der als Fähnrich unter ihm diente, und den er nicht hatte ausschließen können, weil er um den Namenstag wußte: und leine vertraute Freun­din, eine junge adelige Witwe aus demThal", *roie das Dorf Ehren­breitstem zum Unterschied von der hohen Feste kurzweg genannt wurde. Der Obrist wäre längst mit dieser Freundin verheiratet gewesen, wenn ihr nicht ein Hausgesetz für den Fall der Vermählung an einen Bürger­lichen mit dem Verlust ihres Vermögens gedroht hätte. Und zu solchem Verzicht konnte sie sich nicht entschließen, lebenslustig und vergnügungs­süchtig wie sie war. Der Obrist aber war ihr dessenungeachtet mit der ungeminderten Glut seines alten tapferen Herzens ergeben und hätte sein Fest nicht ohne sie feiern mögen. Und sie, ein wendiges und ver­wegenes Frauenzimmer, hatte auch den Weg auf die Festung hinauf gefunden trotz der Belagerung, die allerdings auf der Rheinfeits noch keinen allzu engen Ring hatte schließen können.

So saß das seltsame Dreiblatt in der Wohnung des Kommandanten nah beisammen und war bei gutem Wein bald nur um so fröhlicher, als die Zukunft dunkel und Ungewiß war. Ein alter und ein junger Soldat um ein schönes und zuversichtliches Weibswesen es konnte nicht aus­bleiben, daß die Stimmung und der Ton immer kecker und freier wurde. Und auch das war nicht verwunderlich, daß der Fähnrich bald dasselbe Feuer fing, das der Obrist schon längst gefangen hatte. Immerhin hatte er soviel Rücksicht für den Onkel, daß er seine Bewerbungen heimlich anbrachte. Der schönen Sophie machte das einen unbändigen Spaß, und sie tat nichts, um den vielversprechenden Anfänger der Liebe abzu- fchrecken. Aber sobald sie den Obristen ein paar Minuten für sich allein hatte, erzählte sie ihm unter Lachen alles, was sich inzwischen begeben hatte. Der Obrist lachte ebenfalls, gutmütig und auch ein wenig ge­schmeichelt, daß seine Liebste bei der grünsten Jugend noch Eindruck machte, und war weit davon entfernt, ihr etwa größere Zurückhaltung anzubefeblen. So ging das Spiel weiter, und als der Obrist seinerseits ein wenig hinausgegangen war, fiel der Neffe, kühn und toll gemacht durch seine vermeintlichen Erfolge und im Sturm des Weins, der Sophie zu Füßen und beschwor sie, ihm an einem der nächsten Tage eine Liebes­stunde zu schenken. Die Sophie hatte Mühe, sich das Schreien zu ver­beißen, das sie innerlich schüttelte; aber sie war ausgelassen genug, dem feurigen Bestürmer ihrer Tugend eine Zusage zu erteilen, mit Tag und Stunde, die sie ihm schenken wolle. Zuletzt, als ihm des Getändels denn doch zuviel wurde, verabschiedete der Obrist den Neffen, der auch im Taumel seines Glücks keine Einwendungen machte, sondern wie ein Sieger davonging. Und wiederum gab die Sophie, als er fort war, dem alten Anbeter das ganze Geheimnis des jungen preis.

Es kam nicht dazu, daß der Fähnrich bei feinem Versuch, den Onkel zu betrügen, die Erfahrung hätte machen müssen, wie sehr er zum Nar­ren gehalten war. Denn am Tag nach dem Fest des Obristen schon rückten die Franzosen mit ihrem schweren Geschütz von Montabaur über den Westerwald heran, brachten ihre Kanonen in Stellung und begannen die Festung zu beschießen. Und damit verbot sich für die Festungsinsassen jede Unternehmung außer den kriegerischen von selbst.

*

Nun war der Ehrenbreitstein vom Rhein her so gut wie uneinnehm­bar, zumal er auch vom jenseitigen Ufer aus mit den damaligen Ge­schützen nicht wirksam zu beschießen war. Die schwache Stelle war auf der Landseite, wo die Berge des Westerwalds sich allmählich zur Höhe des Felsens emporschoben, auf dem die Festung lag. Diese Sachlage war den Franzosen wohlbekannt und wurde von ihnen weidlich ausgenützt. Ein Äilßmwerk, das notdürftig und in Eile an diesem verwundbaren Punkt angelegt war, mußte denn auch bald von der Besatzung aus­gegeben werden. Dahinter bestand der hauptsächlichste Schutz der Festung in einer hohen Schildmauer mit einem kurzen dicken Turm. Aber auch die Mauer widerstand nicht lange den französischen Kanonen, und die Lage der Eingeschlossenen wäre überaus bedenklich geworden, wenn nicht der Turm gewesen wäre. Der trotzte mit seinen ungeheuer dicken und eisenfesten Wänden allen Kugeln, und in ihm sammelten sich daher die Kräs^ der Verteidigung. In tiefen, in den Felsen gehauenen Kellern wartete die Mannschaft das Ende des Gefchützfeuers ab, dann eilte sie in die Stockwerke des Turms hinauf und besetzte die Schießscharten, um

den nun zu envartenden Sturm des feindlichen Fußvolks abzuwehren. Der Obrist, selbst ein Gewehr in der Hand, war mitten unter ihnen, fein Neffe, der Fähnrich an seiner Seite.

Nun lagen sie beide in der nach außen auf einen schmalen Spalt hin abgeschrägten Nische, im Schutt des Mörtels und der Steine, die unter der Erschütterung durch die französischen Kugeln von Decke und Wänden fielen, und lauerten auf die Ankunft der Stürmenden.

Du! Adalbert!" sagte der Obrist da plötzlich,was meinst du, wenn jetzt einer von unseren Kerlen, vielleicht bloß weil ihm die bunten Uni­formen der Franzosen so gut gefielen, uns von hinten her erledigte?"

Onkel!" schrak der Fähnrich zusammen.Hältst du es für möglich, daß sich solch ein Verräter unter unseren Leuten fände?"

Der Obrist zuckte die Achseln.Kein Mensch weiß, was die andern hinter seinem Rücken treiben."

Hier wurde das Gespräch jäh unterbrochen. Denn aus den Deckungen des Vorgeländes tauchten die Franzosen auf und setzten zum Sturmlauf an. Unter solchen Umständen hatten die Flinten allein das Wort, und sie führten es so kräftig, daß der Feind bald ablassen und unter schweren Verlusten in seine Stellung zurückgehen mußte.

Ein paar Tage herrschte Ruhe auf und um den Ehrenbreitstein. Nur der Fähnrich hatte keine. Sobald er die Erregung des Kampfes über­wunden hatte er war zum ersten Mal im Feuer gewesen kam ihm das seltsame Wort des Onkels wieder in den Sinn und verursachte ihm ein unbehagliches Gefühl. Obwohl er noch nicht im Ernst daran dachte, daß jener von den Quersprüngen des Namenstags etwas wisse. Dann Hub eines Morgens das Kanonengebrüll von neuem an. Als sie tief drunten in ihrem Felsengewölb saßen, der Onkel und der Neffe, sagte der Onkel, wie damals ohne den Neffen anzusehen:Ein merkwürdiges Gefühl, hier unten zu sitzen. Man denkt, man ist in vollkommener Sicher­heit. Und derweil kann es über uns den Turm in Trümmer schmeißen, und wir sind verratzt. Der stärkste Turm und der nächste Mensch man kann keinem trauen."

Der Fähnrich hatte solche Reden von dem Onkel früher niemals gehört, und darum war es ihm nun klar, daß eine sichere Absicht dabei vorlag. Und was für eine, darüber konnte er sich kaum mehr täuschen. Die grimmige Scham aber, die ihn davon überkam, stachelte ihn wie ein böses Tier, das hinter ihm war, in den Kampf hinein. Kaum daß das Geschütz der Franzosen verstummt war, raste er wie ein Besessener die schmalen Steinstufen hinauf, fiel, raffte sich auf und war der erste an der Schießscharte, wo es ihm glückte, mit dem ersten Schuß den Anführer des feindlichen Sturmtrupps, der feinen Leuten zehn Schritt vorauflief, niederzustrecken und damit die Kraft des Angriffs von vornherein zu lähmen. Eine Viertelstunde später war kein Franzose im Vorfeld mehr zu sehen. Der Obrist sagte kein Wort des Lobes zu dem Jungen, sah ihn nur mit einem langen Blick an und nickte dazu.

Wieder verging eine Zeit, in der die Franzosen keinen neuen An­griff wagten. Statt dessen schoben sie sich mit ihren Deckwerken immer näher an die Festung heran. Zumal das eroberte Außenwerk bauten sie so schon und sicher aus, daß der Obrist eines Tages sagte:Jetzt ist es richtig so, daß wir es gebrauchen könnten." Und forderte Freiwillige vor, die sich beim Unternehmen widmen wollten. Wieder war der Fähnrich der erste, der sich meldete.

Gut, Adelbert", sagte der Obrist.Du wirst den Stoßtrupp führen. Aber paß auf: als ob du einem die Liebste wegnehmen wolltest, so mußt du das machen. Schnell, frech und ohne Bedenken. Hast du verstanden?"

Sehr wohl, Herr Obrist", entgegnete der Fähnrich in dienstlicher Haltung und wurde blaß bis in die Ohrläppchen.

Das Werk wurde durch windschnelle Ueberraschung genommen, die Franzosen, die darin saßen, entweder niedergemacht ober gefangen und die ganze Kampfeinrichtung schleunigst nach der anderen Seite umgekehrt. Den Fähnrich brachten einige Leute schwer verwundet in die Festung zurück. Als der Obrist ihn auf seinem Fieberlager besuchte, drückte er ihm die Hand und sagte:Gut hast du das gemacht, mein Sahn. Und daß du dabei Pech gehabt hast ja, darauf muß man gefaßt sein."

Onkel!" stammelte der Verwundete und sah ihn um Verzeihung flehend an.

Schon gut, mein Junge", sagte der Obrist.Wir wissen nun Bescheid voneinander. Und wenn du wieder in Ordnung bist, ist altes in Ord­nung."

Der Fähnrich wurde auch wieder leidlich gesund, ehe das Ende kam, wenn er auch den Arm noch in der Binde trug. Die Franzosen nämlich, da sie die Unmöglichkeit einer Erstürmung einsahen, beschränkten sich darauf, die Festung aufs engste einzuschließen, um sie auszuhungern. Und nach drei Vierteljahren war es so weit: der letzte Gaul war ge­schlachtet und aufgezehrt, das letzte Brot gegessen, obgleich zuletzt der Mann nur ein Mundvoll am Tage bekommen hatte da ließ sich der Obrist auf Unterhandlungen ein. Die Franzosen, der langwierigen Be­lagerung müde, griffen bereitwilligst zu und waren auch einverstanden, als der Obrist freien Abzug mit allen Ehren forderte. Nur das klingende Spiel wollten sie ihm zunächst nicht zugestehen. Aber er bestand daraus mit solcher Festigkeit, daß sie schließlich nachgaben. So zog die tapfere Besatzung am 27. Januar 1799 mit Sack und Pack, mit Flinte und Seitengewehr, mit flatternder Fahne und klingendem Spiel aus der Festung den Berg herab und durch dasTal". Die Einwohner säumten den Weg und hielten alle Fenster besetzt. Auch die schöne Sophie schaute zu ihrer Wohnung heraus. Als er sie erblickte, drehte sich der Obrist nach dem Fähnrich um, der als fein Adjutant zwei Schritte seitlich hinter ihm marschierte, den Arm in der Binde, und schrie ihm durch den Lärm der Musik hindurch zu:Siehst du, Adelbert, es kommt alles darauf an, wenn man schon abziehen muß, daß man mit allen Ehren abzieht. Das haben wir nun geschafft, wir zwei."

Dann grüßte er mit dem Degen nach hem Fenster hinauf. Und die schöne Sophie streute Blumen von oben herab, auf beide.

Beran «wörtlich: Dr. AanS Thyriot. Druck und Derlag: Brühl'sche UniversitätS-Duch- und Steindr uckerei. R. Lange, Gießen.