Ausgabe 
1.3.1937
 
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Gturmnacht.

Von Theodor Storm.

Im Hinterhaus, im Fliesensaal, lieber Großmutters Tisch und Bänke, lieber die alten Schatullen und Schränke Wandert der zitternde Mondenstrahl. Vom Walde kommt der Wind Und fährt an die Scheiben, Und geschwind, geschwind Schwatzt er ein Wort, Und dann wieder fort Zum Wald über Föhren und Eiben. Da wird auch das alte verzauberte Holz Da drinnen lebendig;

Wie sonst im Walde will es stolz Die Kronen schütteln unbändig, Mit den Aesten greifen hinaus in die Nacht, Mit dem Sturm sich schaukeln in brausender Jagd, Mit den Blättern im Uebermut rauschen. Beim Tanz im Flug Durch Wolkenzug Mit dem Mondlicht silberne Blicke tauschen. Da müht sich der Lehnstuhl, die Arme zu recken, Den Rokokofuh will das Kanapee strecken. In der Kommode die Schubfächer drängen Und wollen die rostigen Schlösser sprengen; Der Eichschrank unter dem kleinen Troß Steht da, ein finsterer Koloß.

Traumhaft regt er die Klauen an, Ihm zuckt's in der verlorenen Krone, Doch bricht er nicht den schweren Bann. Und draußen pfeift ihm der Wind zum Hohne Und fährt an die Laden und rüttelt mit Macht, Bläst durch die Ritzen, grunzt und lacht, Schmeißt die Fledermäuse, die kleinen Gespenster, Klitschend gegen die rasselnden Fenster. Die glupen dumm-neugierig hinein Da drin steht voll der Mondenschein.

Aber droben im Haus, Im behaglichen Zimmer, Beim Sturmgebraus Saßen und schwatzten die Alten noch immer. Nicht hörend, wie drunten die Saaltür sprang, Wie ein Klang war erwacht, Aus der lautlosen Nacht, Der schollernd drang lieber Trepp' und Gang, Daß drin in der Kammer die Kinder mit Schrecken Ausfuhren und schlüpften unter die Decken.

Schnepfenstnch.

Von Dr. Ludwig Roth.

Der März, der Lenzing, ist für den Jäger der Schnepsenmond. In Ihm bewahrheitet sich immer wieder der alte Jägerspruch:

Aus fremden Landen her Kommen sie übers Meer, Kommen seit Ewigkeit Zur rechten Zeit."

Diese rechte Zeit ist etwa der 8. März. Drei Jahrzehnte hindurch habe ich in dem schönen Revier, in welchem mein Vater schon zwanzig Jahre gejagt hatte, den Schnepfenstrich ausgeübt: an der Nordfeite des Taunus, lieber den Verlauf des Schnepfenstrichs habe ich stets genaue Aufzeich­nungen gemacht und als Ergebnis festgestellt, daß die langgeschnäbelten Frühlingsboten etwa am 8. März bei uns eintreffen. Meist drei Tage nach der Ankunft ist der Strich besonders lebhaft, was sich aber nur auf ein oder zwei Abende erstreckt. Dann flaut die Sache ab, der Strich wird zu einem gewöhnlichen Durchgänge.Der Vogel mit dem langen Gesicht" zeigt sich dann nur hin und wieder und wird auch nur hin und wieder erlegt. Etwa vierzehn Tage nach dem Eintreffen derErsten" wird der Strich recht lebhaft, meist ist das um den 22. März der Fall. Diese beste Strichzeit in meiner nassauischen Heimat dauert etwa drei Tage, dann wird es merklich ruhiger. Nach etwa sechs Tagen kommt dann nochmals ein größerer Nachtrupp, und etwa am 31. März ist der Strich zu Ende.

lieber den Beginn des Schnepfenstrichs liegen auch Aufzeichnungen vor, die dreißig Jahre lang von 1856 bis 1886 von Dr. Julius Hoff­mann in Stuttgart und gleichzeitig von Dr. Q u istorp in Greifswald niedergeschrieben worden sind. Die Durchschnittsrechnung aus diesen dreißig Jahrgängen hat für Stuttgart als mittlere Ankunftszeit den 8. März, für'Greifswald den 12. März angegeben.

Häufig trifft das bekannte Berschen

Okuli, da kommen sie, Lätare, das ist das Wahre, Judika sind sie auch noch da, Palmarum, Tralarum

zu. Aber nicht immer! Das hängt von der Beweglichkeit des Oster- fcftßs ab.

Einstmals war der Schnepfenstrich viel besser als heute. Was muß das einst an milden Märzabenden einGequorre" undPuitzen balzen­der Schnepfen am Taunus gewesen sein! Scheinbar war in der Gegend

der Saalburg und in den Revieren um Homburg v. d. HR>e einst das reineSchnepfenparadies"". Wer von den Bürgern Homburgs v. d. H. einhundert Schnepfen auf dem Frllhjahrsftrich schoß, war abgabenfrei. Heute ist das eine phantastische Zahl; die Waldschnepfe hat derart ab­genommen, daß viele weidgerechte Jäger und Naturfreunde sogar dafür eingetreten sind, die Waldschnepfe im Frühjahr ganz zu schonen, also weder beim Strich noch beim Buschieren mit dem Vorstehhund zu schießen, sondern nur im Herbst die Jagd auf den Vogelmit dem langen Gesicht" auszuüben. DieKönigin der Niederjagd" kündet chre bevorstehende Ankunft durchHerolde" undVorläufer" an. So pflegt z. B. die weiße Bachstelze bei uns acht bis zehn Tage vor der Wald­schnepfe einzutreffen. Ein untrügliches Kennzeichen, daß die Ankunft der Waldschnepfe bevorsteht, ist das Eintreffen der Singdrossel. Sie kommt einzeln gewöhnlich vier bis sechs Tage vor der Waldschnepfe an und zur Zeit, wo der Schnepfenflug seinen Anfang nimmt, ist gewöhnlich des Morgens und namentlich des Abends schon ein vielstimmiges Singdrossel­konzert im Walde zu hören. Der Seidelbast steht nun in warmen Wal­dungen schon in voller Blüte. Das Hausrotschwänzchen kommt in vielen Jahren gleichzeitig mit der Waldschnepfe oder nur wenige Tage später als die letzteren, an und man kann mit großer Sicherheit behaupten, daß die ersten Schnepfen angekommen sein müssen, wenn man die ersten Hausrotschwänzchen gesehen hat.

Auch das Ende des Schnepfenstrichs künden einige Vorboten an: namentlich der kleine Girlitz und der Gartenrotschwanz. Derkleine Girlitz" trifft gewöhnlich in den letzten Tagen des März oder in den ersten Tagen des April ein. Wenige Tage nachher fangen in Durch­schnittsjahren die Gebüsche zu grünen an und wenn der melodische Schlag des Schwarzplättchens aus dem Garten erschallt und das eintönige Lied des Wendehalses in den Baumgärten vernommen wird, wenn der Weiß­dornpfenniggroße" Blättchen getrieben hat und die sonnigen Wiesen­hänge mit den goldstrahlenden Blüten der Kuhblume (Taraxacum offi- cinale) besät sind, dann ist der Schnepfenstrich gewöhnlich zu Ende.

Durchschnittlich beginnt der Abendstrich der Waldschnevfe nicht mit der ersten Dämmerung, sondern etwas später, in Süddeutschland in der ersten Hälfte des Mörz etwa zwischen 6% bis 7 Uhr. Vei bedecktem Himmel beginnt der Strich gewöhnlich etwas früher als bei hellem Himmel. Ausnahmsweise, besonders bei düsterer Regenstimmung, kommt es auch vor, daß einzelne Schnepfen vor dem Beginn der Dämmerung ihren Balzflug beginnen. Namentlich wurde schon oft beobachtet, daß Schnepfen, welche gegen Abend rege gemacht wurden, sofort in den Balzflug übergingin, wenngleich die normale Zeit hierfür noch nicht eingetreten war.

Interessant war es mir einmal in nächster Nähe zu beobachten, wie sich eine Schnepfe zum Balzflug erhob. Ich hatte meinen Stand vor einer dichten Fichtenkultur eingenommen und war etwas früh am Platze. Wohl zehn Minuten stand ich dort still, als ich plötzlich, etwa zehn Schritte entfernt, eine Schnepfe geräuschvoll aufstehen hörte, welche auch sofort, etwa zwei Meter über dem Boden, ihrQuog psiep, Quog psiep" hören ließ.

Amseln, Drosseln und Rotkehlchen haben gewöhnlich schon ihre frischen Frühlingslieder angestimmt und sich zu lebhaftem Chor vereinigt, bevor der quarrende Baßton der streichenden Schnepfe hinzukommt. Das erste Flimmern des Abendsternsdes Sirius" desSchnepfensterns" wie er auch dann und wann genannt wird, kann als Wahrzeichen gelten, daß nun der Zeitpunkt, wo die Schnepfen sich zum Balzflug erheben, K* immen ist. An trüben Abenden stellten die Singvögel ihr Lied oft zeitig ein, weit früher, als die Schnepfe zu streichen aufhört; an warmen, köstlichen Frühlingsabenden aber fingen einzelne Drosseln so lange in die herabsinkende Nacht hinein, daß ihre letzten abgebrochenen und träumerisch erlöschenden Strophen auch dem bis zuletzt ausharrendem Jäger zurufen: Frieden für heute, geh zur Ruh'.

Noch einige Winke für die junge Jägerschaftl Lebhafter Vogelgesang und milde Luft, das summende Geräusch schwärmender Rostkäfer und der Anblick zahlreicher Dämmerungsfalter (Eulen und Spanners sind gute Anzeichen für den Strich. Herrscht dagegen winterliche Stille im Wald, sieht man den eigenen Hauch als leichten Nebel vor sich und erstarren gar die Hände infolge der abendlichen Kühle, dann sind die Aussichten bedeutend ungünstiger, wenn auch noch lange nicht hoffnungslos vor­ausgesetzt nämlich, daß überhaupt Schnepfen in der Gegend liegen. Am 28. März 1899 habe ich bei Schneegestöber sogar eineDoublette" auf Schnepfen gemacht, am anderen Tage hatten wir allerdings Südwest­wind, warmes Wetter und bedeckten Himmel. Aber immerhin hatten die beiden Langschnäbel ihren Balzflug im Schneegestöber angetreten.

Für zwecklos halte ich es, bis zur völligen Dunkelheit auf dem Stande stehen zu bleiben. Ist die Dämmerung so weit vorgeschritten, daß die feinen Zweigspitzen der Bäume auf zwanzig Schritte Entfernung von einem scharfen Auge nicht mehr klar zu unterscheiden sind, bann ist auch eine etwa vorüberstreichende Schnepfe nicht mehr deutlich genug zu erkennen, um einen Schuß anzubringen, der einige Anwartschaft auf Erfolg hat. Nur heller Mondschein verlängert die Aussicht, auch in später Dämmerung noch einen glücklichen Schuß zu tun.

Eine wichtige Rolle bei der Ausübung des Schnepfensttichs spielt die Wahl des Standes. Vor allem sind es junge Schläge und Stangenhölzer, über welche die streichenden Schnepfen gerne hinziehen; auch Waldwiesen, Kreuzpunkte breiter Waldwege, ja selbst Waldränder bieten hier und da günstige Anstandsplätze. Ich Hobe beinahe vierzig Jahre einen lichten Platz oberhalb einer Waldwiese, hinter mir alte, hohe Eichen, beim Schnepfenstrich innegehabt. Meist tarnen die Schnepfen aus dem Wiesen­grund in Richtung des hohen Eichenwaldes gestrichen, oder sie strichen den Rand des Eichwaldes entlang. Das lag daran, daß der Holzbestand in der nächsten Umgebung dieses Platzes sich nicht grundlegend änderte.

Ueberhaupt bleibt der Platz, welchen die streichenden Waldschnepfen erfahrungsgemäß mit Vorliebe passieren, häufig viele Jahre hindurch gleichgünstig für den Anstand. Aber mit einem Male hört bisweilen ein solcher Platz auf, von den streichenden Waldschnepfen bevorzugt zu werden; dabei wird nicht immer der Nachweis der hierbei wirkenden

' Ursache mit Sicherheit geliefert werden können.