Ausgabe 
1.2.1937
 
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SHmg etwa Casars 'ergeben, können nicht hoch genug eingeschätzt werden. Die Distanz des Feidherrn und Staatsmannes zur eigenen Tat ist bei- spielhast. Die fast an Nüchternheit grenzende Sachlichkeit seiner Darlegun­gen ist von großartiger Wirkung. Die strenge und kurzgefaßte, absolut auf das Wesentliche beschränkte Sprache ist als eine regelrechte Schule männlicher Aufrichtigkeit und überlegener Charakterfestigkeit anzusprechen.

Solche erzieherischen Werte der alten Sprachen freizumachen, ist eine Aufgabe der Schule, die nicht vernachlässigt werden sollte. Wer die Schön­heit des Griechischen, die Strenge und Sachlichkeit des Lateinischen in sich ausgenommen hat, der kann wofern nur der Unterricht in einer Weise erfolgt, die einer aus dem Geist des fremden Volkes entspringenden Schachtelei" vorbeugt sich einer Haltung nicht mehr entziehen, die ihn zwingt, sich der Schönheit der deutschen Sprache zu widmen. Entsetzlich ist, was auch heute noch, trotz vieler und nimmer rastender Bemühungen auf dem Gebiete des Kaufmannsdeutsch geleistet wird. Schwülstige und umständliche Ausdrucksweise, Schnörkeleien und Verzierungen, die an die Comptoirs" der Gründerzeit gemahnen, in denen sie üppig gepflegt wurden, feiern hier noch ihre Feste. Auch heute noch gibt es Kausleute, die an den anderen die Aufforderung richten:Haben Sie bitte die Freundlichkeit", indem sie gleichzeitig denEmpfang des Geehrten be­stätigen" undohne mehr für heute verbleiben".

In der heutigen Zeit, die so sehr amMangel an Zeit" leidet, wäre mehr Wesentlichkeit angebracht. Man kann dieselbe Sache in drei Sätzen und auf drei Seiten erörtern, wie man denken und gedankenlos schwätzen tarnt Schwätzer aber leisten weder der Sprache noch dem Volk einen Dienst Sie zeigen nur, daß sie, bei allen sonstigen Kenntnissen, ihre eigene Sprache nicht beherrschen.

Die Schönheit der Sprache, gehört sie nicht auch zur Schönheit der Arbeit? Hören wir auf, die deutsche Sprache zum Aschenputtel herabzu­würdigen, sie zur Magd der Gedankenlosigkeit und Gedankenarmut zu machen, die schwätzen muß, um ihre Hohlheit zu verbergen. Die Sprache ist eine Königin, die alle Gebiete des Lebens beherrscht, die den Menschen begleitet und seinen Gedanken ihr Gewand leiht. Lernen wir von den Alten, dieser Königin zu dienen, zu begreifen, daß ihr Dienst zugleich ein Dienst am deutschen Volke ist.

Johann Balthasar Neumann.

Zum 250. Geburtstage des großen deutschen Barock-Baumeisters.

Von Jürgen Rauch.

An einem Juniabend gehen wir über die alte Würzburger Brücke, an den wsltfrohen zwölf Heiligen vorbei mit ihren heiter gebauschten Ge­wändern, hinüber zur Würzburger Residenz. Eine festliche Menge hat sich im Kaisersaal zu den alljährlich dort stattfindenden Mozartspielen ver­sammelt, und während im Kerzenlicht warm und tief das Gold der Stukkatur und der matte Glanz des Marmors aus dem Halbdunkel auf­leuchten, erklingt Musik des 18. Jahrhunderts. Die Fenster müssen geöffnet sein, denn in die Musik tönt nächtlicher Vogelruf und leises Plätschern der Fontänen aus dem Park.

Wie trunken stehen mir danach unter dem Glitzern des Kronleuchters in dem wunderbaren Treppenhaus und glauben den Junihimmel über uns gespannt, so täuschend hat ihn T i e p o l o s Pinsel da hinausgezaubert. Die weite Welt ist dargestellt: Bier (!) Erdteile und das unendliche Firma­ment, belebt von graziösen Putten und dem ganzen Aufgebot olympischer Götter und dies alles zur Huldigung des Bauherrn! Zu dessen Füßen ist auch er ju entdecken, der Schöpfer des steinernen Wunders einer Residenz: Johann Balthasar Neumann in der Galaunisorm eines Obersten der fränkischen Kreisartillerie, auf einem Kanonenrohr sitzend, neben ihm seine große gelbe Dogge.

Es klingt paradox, daß der Mann, dem wir die traumhaftesten Schöp­fungen des deutschen Barock, ja, der deutschen Baukunst überhaupt ver­danken, Soldat war und zeitlebens mit technischen Ausgaben aller Art amtlich beschäftigt: mit Straßen- und Brückenbau, mit der Konstruktion von Maschinen, Pumpwerken, Wasserleitungen, mit dem Bau einer Glas­fabrik ... Zu den amtlichen Eigenschaften gehörte auch die Verwaltung des für ihn an der Universität Würzburg geschaffenen Lehrstuhls für Zivil- und Kriegsbaukunst. Zum eigentlichen Kunstbau kam er verhältnis­mäßig spät mit 33 Jahren getrieben einzig und allein von feinem Talent, das er mit unerhörtem Fleiß ausbildete.

So hören wir schon von einem Zeitgenossen aus der Vaterstadt Eger, wo er am 30. Januar 1687 rund 50 Jahre nach Wallensteins Er­mordung geboren wurde und seine Jugend- und Lehrzeit verbrachte, daßsein großes Talent für alle Gattung von Bauwesen sich bey Zeiten in dem niedrigen Stand eines Glockengießers entwickelte". Dieses Hand­werk, genauer das Glocken- und Geschützgießen, das Büchsenmacher- und Feuerwerkerhandwerk, erlernte er bei seinem Oheim Balthasar B l a tz e r, danach kam er als Soldat weit herum, machte auch einen Feldzug gegen die Türken mit und beschließt seine militärische Laufbahn in Würzburg als Oberingenieur und Oberst der Kreisartillerie.Im Umgang mit gebil­deten Männern aus dem Artilleriekorps sammelte er manche Kenntnisse aus der mathematischen Wissenschaft und benutzte seine Feierstunden zur Erlernung dieser Wissenschaft. Daneben übte er sich im Zeichnen sowie im Entwerfen seltener Instrumente und der Anfertigung eigener Erfindungen", erzählt ein anderer Zeitgenosse von dem unablässigen Streben des jungen Universalgenies.

Iw Jahre 1719 war er in Würzburg mit dem Ausbau der Feste Marienberg beschäftigt. Im gleichen Jahre besteigt Johann Philipp aus dem kunll- und prochtliebenden Geschlecht der Schönborns (man könnte sie die deutschen Medici nennen) in Würzburg als Fürstbischof den Stuhl Kilions. Die Mitglieder des ursprünglich aus dem Westerwald stammenden Ritteraeickilechtes führten eine kluge Macht- und Familienpolitik: in ganz Siiddeuftckland saßen sie als geistliche Fürsten und Herren: in Mainz und Trier, in Speyer, Bamberg und Konstanz und vor allem in Würzburg.

Unter Johann Philipp entfaltet sich ein flutendes geistiges Leben, das ebenso funftfreubig und weltoffen wie tolerant war. (Philosophen, Dichter und Künstler lösten einander ab. Protestantische Räte gehörten zu den engeren Mitarbeitern des Fürstbischofs.) Der Satz, daß sich unter dem Krummstab in Franken gut leben lasse, ist auf die Regierung der Schön­borns gemünzt.

Diesem glänzenden Hofleben fehlte ein würdiger äußerer Rahmen: eine Residenz. Man war bei Hofe und in der ganzen kunstverständigen Welt nicht wenig erstaunt, mit dem Bau der fürstlichen Residenz einen gänzlich unbe­kannten deutschen Jngenieur-Ofsizier und nicht einen der berühmten italie­nischen oder französischen Barockbaumeister betraut zu sehen, üleumann war erst ein einziges Mal im Kunstbau hervorgetreten. Zwar läßt diese erste künstlerische Arbeit, die Gestaltung der Treppe zu Kloster Ebrach im Jahre 1716 schon den Könner ahnen: die nach dem Vorbild von Pommersfelden entworfene Treppe ist mit soviel Geschick und genialer Konstruktion dem ganz anders gestalteten Grundriß des Klosters eingefügt, daß der wirklich kunstverständige Fürst wohl schon hier dieKlaue des Löwen" erkannte. Und wenn es wirklich Zufall war, was die beiden zusammenführte, so war es ein Zufall, den man anbeten muß, um mit Novalis zu reden. Denn ohne diesen Zufall würden heute nicht die Werke Neumanns in all ihrer Pracht und Ueberirdifchkeit wie eine Kette leuchten­der Steine in der Reinheit der fränkischen Luft schimmern.

Neumann entwarf kühne Pläne, und fein fürstlicher Herr war, nach feinem eigenen Wort, so sehr vomBauwurmb" besessen, daß er sogar nachtsmit dem Zirkul über den Plänen brütete".Ein erstelle in area"* verhießen ihm die großartigen Ideen feinesHauptmann", der kurz vorher noch Fähnrich undGemeiner" gewesen war. Dennoch wurden die führenden vorläufig noch führenden Barockkünstler der Zeit, der berühmte Hildebrand in Wien, Erbauer des Belvedere, ebenso wie die Pariser Meister G. de Boffrand, R. de Gotte und natürlich der Oberbaudirektor seines Mainzer Oheims, M. von Welsch, zur Mitarbeit herangezogen. Bald bildete die geplante Würzburger Re­sidenz das Tagesgespräck) von Wien, sogar der Kaiser und Prinz Eugen ließen sich dieRisse" Hildebrands oorlegen. Und die Herren in Paris? Neumann hatte nach Paris reifen müssen, um sich mit den beiden Hof- architekten (einer durfte von der Mitarbeit des anderen nichts wissen) über den Bau zu besprechen!Viel auf italienisch monier und etwas teutsches dabei", so urteilte de Gotte, wie Neumann in einem Bries nach Würzburg berichtet, aber im großen ganzen tarnen den beiden die Pläne recht merkwürdig vor, und sie wußten nichts Rechtes damit anzu- fangen. Neumann aber hat bei seinem Pariser Besuch gewiß viel gesehen und gelernt, aber was er aus all diesen Anregungen machte, das setzte dieKollegen", die bisher allein den Begriff Barock bestimmt hatten, bei ihrem Gegenbesuch in Würzburg in nicht geringes Erstaunen. Das war zwar auch Barock, aber neben dieser leidenschaftlichen Beschwingtheit und jenseitigen Anmut, neben dieser himmelstürmenden Kraft bei aller äußeren Ruhe und Klarheit, mußten die von ihnen angefertigten Gegen- pläne, wären sie zur Ausführung gekommen, doch nur als kalte und monotone Pracht erscheinen.

Ja, jetzt gab es einen deutschen Barock von europäischem Rang. Mit Neumann haben Joh. Michael Fischer, Andreas Schlüter, die Gebrüder As am, Pöppelmann den deutschen Barock seinen Weg gleichsam nach innen geführt, ihn wahrhaft beseelt und die deutsche Kunst zugleich auf einen ihrer höchsten Gipfel geführt. Sind auch die Barock- Anfänge zweifellos im katholischen Kirchenbau zu suchen man hat ihn Ausdrucksmittel der gegenreformatorischen Religiosität genannt in diesen vollendetsten Schöpfungen ist er jedoch von so erhabener Frömmigkeit, daß er beide, die protestantische und katholische Welt, großartig überwölbt.

Eine solche Schöpfung ist Neumanns Wallfahrtskirche zu Vier­zehnheiligen. Wo gibt es einen Jnnenraum wie diesen: von der rätselhaften Mischung von Weichheit und Strenge, von Zartheit und Uebergeroalt, von Jenseitsinbrunst und strahlender Weltlichkeit wie hier bare Schöpferkraft des Meisters offenbaren. Alles Technische ist in einem in dieser Kirche über dem Main? Balthasar Neumanns Jnnenröume sind es vor allem, dieerschütternd großartig", wie D e h i o sagt, die wunder­bare Schöpferkraft des Meisters offenbaren. Alles Technische ist in einem beglückenden Spiel aufgelöst, das sind keine Räume mehr, sondern einfach Wunder kühner, kaum nachrechenbarerBerechnung" und großzügiger Aufbau. Ob man sich nun im Innern der Klosterkirche von Neresheim im Württembergischen oder in der Schönbornkapelle am Dom zu Würzburg befindet, alles fließt da in einer komplizierten, vielfach ge­brochenen, nirgends eine gerade Wand zulassenden höchsten Einheit zu­sammen.

Und seine Treppen gar sind allein schon ein einzigartiges Denkmal herrlichster deutscher Kunst, die in Frankreich oder Italien nichts Aehn- liches neben sich finden, es sind brandende Wellen, über die man nicht ohne Verzückung emporgetragen wird. Die schönste Neumannsche Treppe ist wohl die eigenartig elliptische im Schloß zu Bruchsal, aber auch die im Brühler Schloß erscheint kaum weniger eindrucksvoll. Bei beiden Bauten hat man Neumann erst später hinzugezogen, als sich die Spann­weite seines Schaffens von Würzburg und denSchönbornfchen Landen" auch über Süddeutschland, vom oberen Rhein bis Trier (Paulinuskirche), vom Bodensee bis Köln, von Bruchsal bis Wien erstreckte. Aber am vollsten klingt der Akkord Neumannschen Barocks wohl in Würzburg: vomKäppele" den Main herüber zur Schönbornkapelle und zur Residenz! Hier muß man die barocken Meister der Töne hören, um erst recht inne zu werden, wie sehr die Neumannsche Kunst der Musik verwandt ist, der Ueberfinnlidjften unter den Künsten". Bei Mozarts göttlich-heileren Klängen, bei der deutschesten und tiefsten Musik eines Bach und Händel, fällt einem beglückend das Wort ein von der Baukunst des Barock als dersteingewordenen Musik".

* area: in der (Beometrie: Ebene.

^cron,wörtlich Dr. Hans Thyriot. Druck und Derlag: Brühl'sche Universitäts-Duch. und Steindruckerei.». Lange, Gieße«.