SiehenerKmilieMWer
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1957 Montag, den l.März Nummer \T
Der Giechtin
ORoman von Theodor Fontane
11. Fortsetzung.
„Hast ganz recht, Ieserich. Und deshalb können wir auch nicht gegen ?**; ^nb 'ch ffeue rnich, daß du das auch so scharf aufgefaßt hast. Du bist überhaupt ein Menschenkenner. Wo du's bloß her hast. Du hast so was von nem Philosophen. Hast du schon mal einen gesehen?"
„Nein, Herr Graf. Wenn man so viel zu tun hat und immer Silber putzen muß."
„Ja, Ieserich, das hilft doch nu nid), davon kann ich dich nicht freimachen .. ."
„Nein, so mein ich es ja auch nich, Herr Graf, und ich bin ja auch fürs Alte. Gute Herrschaft und immer denken, ,man gehört so halb wie mit dazu/ — dafür bin ich. Und manche sollen ja auch halb mit dazu gehören ... Aber ein bißchen anstrengend is es doch mitunter, und man is doch am Ende auch ein Mensch ..."
„Na höre, Ieserich, das hab ich dir doch noch nicht abgesprochen."
„Nein, nein, Herr Graf. Gott, man sagt so was bloß. Aber ein bißchen is es doch damit..."
12. Kapitel.
Waldemar — wie Rex seinem Freunde Czako, als beide über den Cremmer Damm ritten, ganz richtig mitgeteilt hatte — verkehrte feit Ausgang des Winters im Barbyschen Hause, das er sehr bald vor andern Häusern seiner Bekanntschaft bevorzugte. Vieles rog,r es, was ihn da fesselte, voran die beiden Samen; aber auch der alte Graf. Er fand Ähnlichkeiten, selbst in der äußeren Erscheinung, zwischen dem Grafen und seinem Papa, und in seinem Tagebuche, das er, trotz sonstiger Modernität, in altmodischer Weise von jung an führte, hatte er sich gleich am ersten Abend über eine gewisse Verwandtschaft zwischen den beiden geäußert. Es hieß da unterm achtzehnten April: „Ich kann Wedel nicht dankbar genug sein, mich bei den Barbys eingeführt zu haben; alles, was er von dem Haufe gesagt, fand ich bestätigt. Diese Gräfin, wie scharmant, und die Schwester ebenso, trotzdem größere Gegensätze kaum denkbar sind. An der einen alles Temperament und Anmut, an der andern alles Charakter ober, wenn das zuviel gesagt sein sollte, Schlichtheit, Festigkeit. Es bleibt mit den Namen doch eine eigene Sache; die Gräfin ist ganz Melusine und die Komtesse ganz Armgard. Ich habe bis jetzt freilich nur eine dieses Namens kennengelernt, noch dazu bloß als Bllhnenfigur, und ich mußte beständig an diese denken, wie sie da sich glaube, es war Fräulein Stolberg, die ja auch das Maß hat) dem Landvogt so mutig in den Zügel fällt. Ganz so wirkt Komtesse Armgard! Ich möchte beinah sagen, es läßt sich an ihr wahrnehmen, daß ihre Mutter eine richtige Schweizerin war. Und dazu der alte Gras! Wie ein Zwillingsbruder von Papa; derselbe Bismarckkopf, dasselbe humane Wesen, dieselbe Freundlichkeit, dieselbe gute Laune. Papa ist aber ausgiebiger und auch wohl origineller. Vielleicht hat der verschiedene Lebensgang diese Verschiedenheiten erst geschaffen. Papa sitzt nun seit richtigen dreißig Jahren in seinem Ruppiner Winkel fest, der Graf war ebensolange draußen! Ein Botschaftsrat ist eben was anderes als ein Rittersdiastsrat, und an der Themse wächst man sich anders aus als am .Stechlin' — unfern Stechlin dabei natürlich in Ehren. Trotzdem, die Verwandtschaft bleibt. Und der alte Diener, den sie Ieserich nennen, »der ist nun schon ganz und gar unser Engelke vom Kopf bis zur Zeh. Aber was am verwandtesten ist, das ist doch die gesamte Hausatmo- Iphäre, das Liberale. Papa selbst würde zwar darüber lachen — er lacht über nichts so sehr wie über Liberalismus —, und doch kenne ich keinen Menschen, der innerlich so frei wäre, wie gerade mein guter Alter. Zu- ßeben wird er's freilich nie und wird in dem Glauben sterben: .Morgen tragen sie einen echten alten Junker zu Grabe.' Das ist er auch, aber doch auch wieder das volle Gegenteil davon. Er Hai keine Spur von Teldstsucht. Und diesen schönen Zug (ach, so selten), den hat auch der alte Graf. Nebenher freilich ist er Weltmann, und das gibt bann den Unterschied und das Uebergewicht. Er weiß — was sie hierzulande nicht rvijsen oder nicht wissen wollen —, daß hinterm Berge auch noch Leute wohnen. Und mitunter noch ganz andre."
*
Das waren die Worte, die Woldemar in sein Tagebuch eintrug. Von ssllem, was er gesehen, war er angenehm berührt worden, auch von HMS und Wohnung. Und dazu war guter Grund da, mehr als er nach [einem ersten Besuche wissen konnte. Das von der gräflichen Familie gewohnte Haus mit seinen Loggien und seinem diminutiven Hof und Sorten teilte sich in zwei Hälften, von denen jede noch wieder ihre be- vndern Annexe hatte. Zu der Beletage gehörte das zur Seite gelegene
pittoreske Hof- und Stallgebäude, drin der gräfliche Kutscher Herr Imme, residierte, während zu dem die zweite Hälfte des Hauses bildenden Hochparterre ziemlich selbstverständlich noch das kleine niedriae Souterrain gerechnet wurde, drin, außer Portier Hartwig selbst, dessen Frau sein Sohn Rudolf und seine Nichte Hedwig wohnten. Letztere freilich nur zeitweilig, und zwar immer nur dann, wenn sie was aller- öings ziemlich häufig vorkam, mal wieder ohne Stellung war Die Wirtin des Hauses, Frau Hagelversicherungssekretär Schickedanz, hätte müssen, ließ es aber gehen, weil Hedwig ein heiteres, quickes und sehr diesen gelegentlichen Aufenthalt der Nichte Hartwigs eigentlich beanstanden müssen, ließ es aber gehen, weil Hedwig ein heileres, quickes und sehr anstelliges Dmg war und manches besaß, was die Schickedanz mit ver Ungehörigkeit bes ewigen Dienstwechsels wieder aussöhnte.
_ Die schickedanz, eine Frau von sechzig, war schon verwitwet, als im Herbst funfundachtzig die Barbys einzogen, Komtesse Armgard damals erst zehnjährig. Frau Schickedanz selbst war um jene Zeit noch in Trauer, weil ihr Gatte, der Versicherungssekretär, erst im Dezember des voraufgegangenen Jahres gestorben war, „drei Tage vor Weihnachten" ein Umstand, auf den der Hilfsprediger, ein junger Kandidat, in feiner Leichenrede beständig hmgewiefen und die gewollte Wirkung auch richtig erzielt hatte. Allerdings nur bei der Schickedanz selbst und einigermaßen auch bei der Frau Hartwig, die während der ganzen Rede beständig mit dem Kopf genickt und nachträglich ihrem Manne bemerkt hatte: „Ja, Hartwig, da liegt doch was drin." Hartwig selber indes, der, im Gegensatz ZU den meisten seines Standes, humoristisch angeflogen war, hatte für die merkwürdige Fügung von „drei Tage vor Weihnachten" nicht das geringste Verständnis gezeigt, vielmehr nur die Bemerkung dafür gehabt: „Ich weiß nicht, Mutter, was du dir eigentlich dabei denkst? Ein Tag ist wie der andre; mal muß man ran , — worauf die Frau jedoch geantwortet hatte: „Ja, Hartwig, das sagst du so immer; aber wenn du dran bist, bann re bst bu anbers."
Der verstorbene Schickebanz hatte, wie der Tob ihn ankam, ein Leben hinter sich, bas sich in zwei sehr verschiedene Hälften, in eine ganz kleine unbedeutende und in eine ganz große, teilte. Die unbedeutende Hälfte halte lange gedauert, die große nur ganz kurz. Er war ein Ziegelstreichersohn aus dem bei Potsdam gelegenen Dorfe Kaputt, was er, als er aus dem diesem Dorfnamen entsprechenden Zustande heraus war, in Gesellschaft guter Freunde gern hervorhob. Es war so ziemlich der einzige Witz seines Lebens, an dem er aber zäh festhielt, weil er sah, daß er immer wieder wirkte. Manche gingen so weit, ihm den Witz auch noch moralisch gutzuschreiben, und behaupteten: Schickedanz sei nicht bloß - ein Charakter, sondern auch eine bescheidene Natur.
Ob dies zutraf, wer will es sagen! Aber daß war sicher, daß er sich von Anfang an als ein aufgeweckter Junge gezeigt hatte. Schon mit sechzehn war er als Hilfsschreiber in die deutschenglische Hageloersicherungsgesellschaft Pluoius eingetreten und hatte mit sechsundsechzig fein fünfzigjähriges Dienstjubiläum in eben dieser Gesellschaft gefeiert. Das war aus bestimmten Gründen ein großer Tag gewesen. Denn als Schickedanz ihn erlebte, hieß er nur noch so ganz obenhin „Herr Versicherungssekretär", war aber in Wahrheit über diesen seinen Titel weit hinausgewachsen und besaß bereits bas schöne Haus am Kronprinzenufer. Er hatte sich bas leisten können, weil er im Laufe ber letzten fünf Jahre zweimal hintereinanber ein Viertel vom großen Lose gewonnen hatte. Dies sah er sich allerseits als persönliches Verbienst angerechnet unb auch wohl mit Recht. Denn arbeiten kann jeher, bas große Los gewinnen kann nicht jeher. Unb so blieb er benn bei ber Versicherungsgesellschaft lebiglich nur noch als verhätscheltes Zierstück, weil es barnals wie jetzt einen guten Einbruck machte, Personen ber Art im Dienst ober gar als Teilnehmer zu haben. An ber Spitze muß immer ein Fürst stehen. Unb Schickebanz war jetzt Fürst. Alles brängte sich nicht bloß an ihn, säubern seine Stammtischfreunbe, bie zu seiner zweimal bewährten Glückshand ein unbedingtes Vertrauen hatten, drangen sogar ein Zeitlang ihn ihn, die Lotterielose für sie zu ziehen. Aber keiner gewann, was schließlich einen Umschlag schuf und einzelne von „bösem Blick" und sogar ganz unfinnigerweife von Mogelei sprechen ließ. Die meisten indessen hielten es für klug, ihr Uebelwollen zurückzuhalten; war er doch immerhin ein Mann, ber jedem, wenn er wollte, Deckung unb Stütze geben konnte. Ja, Schickebanz' Glück und Ansehen waren groß, am größten natürlich an seinem Jubiläumstage. Nicht zu glauben, wer da alles kam. Nur ein Drben tarn nicht, was denn auch von einigen Schickebanzfanatikern sehr mißliebig bemerkt würbe. Besonbers schmerzlich empfanb es bie Frau. „Gott, er hat doch immer so treu gewählt", sagte sie. Sie kam aber nicht in bie Lage, sich in biesen Schmerz einzuleben, da schon bie nächsten Zeiten bestimmt waren, ihr Schwereres zu bringen. Am 21. September war bas Jubiläum gewesen, am 21. Oktober erkrankte er, am 21. Dezember starb er. Auf bem Notizenzettel, ben man barnals bem Kandidaten zugestellt hatte, hatte dieser dreimal wiederkehrende „einundzwan- zigste" gefehlt, was alles in allem wohl als ein Glück angesehen werden konnte, weil, entgegengesetztenfalls die „drei Tage vor Weihnackten"


