SiehenerZamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Nummer 9
Zreitag. den 3b Januar
Jahrgang |936
lSelM.16WHe.20Mn!
Von Otto Folberth.
Copyright 1935 by Romanvertrieb Langen/Müller, München.
2. Fortsetzung.
Sonst ist alles Gelände ringsum weit und kahl und unbegrenzt. Wohin man auch blicken mag, man kann es nur irrend tun, man gleitet immer wieder zurück, man findet keinen Ruhepunkt für das Auge außer an den düstern Umrissen des ragenden Meierhofs.
Anders als zwischen den Grashügeln der Artilleriestellung ist hier alles bebaute Steppe. Breite Ackerstreisen zeigen den Strom der Arbeit an, der sich von einem Horizont zum andern über sie bewegt hat. Aus den Streisen stehen, soweit das Auge reicht, in regelmäßigen Abständen Kornkreuze, Tausende. Hunderttausende von Kornkreuzen. Ihre gelben Hausen sind wie Zahnreihen, unendlich viele Zahnreihen mit dunkeln Lücken und Zwischenräumen, sind wie Zinnen übereinander getürmter Mauern einer befestigten Stadt. Hier mag der Schnitt erfolgt sein, als die russische Front an der Zlota-Lipa zerbrach.
Dömner, dem Bauern, dem Richtvormeister des Geschützes, gehen die Augen über.
„So viel Frucht! Rein, so viel Frucht!" sagt er ein übers andere Mal.
„Wie groß ist denn Ihr Acker zu Hause, Dömner?"
„Mein Vater besitzt alles in allem neun Joch, Herr Kadett. Wir sind vier Brüder, die sie teilen sollen. Auf dem Stück, das wir voriges Jahr mit Weizen bebauten, hatten wir zwanzig Kreuze stehen. Mehr, glaube ich, haben wir überhaupt nie geerntet. Ja, wenn wir so viel Boden hätten als diese hier...!"
Er wagt nicht zu sagen „Bauern", denn er weiß, daß die Bauern hier noch weniger besitzen als in Siebenbürgen. Alles, dieser ganze, unübersehbare Reichtum gehört ja dem Grundherrn.
Möß wird nachdenklich. Vor drei Tagen also fuhren über diese Felder, über die jetzt die schweren Kolonnen unserer Geschütze fahren, hochgetürmte Erntewagen dem Meierhof zu. Gestern, vor dem Sturm der Ungarn, brannte seine letzte Scheune ab. Ihre Asche muß noch glimmen. Und heute? Heute gibt der Regen sich redlich Mühe, den Schleier der Vergessenheit über die Tage von Urlow zu breiten. Ist das also, heißt das also Krieg?
Und doch, und doch ist an diesem Tränenmorgen noch nichts versunken, noch keine Wunde vernarbt, noch kein Schmerz überwunden. Zu deutlich hat sich dem Fleisch dieser Erde jede Phase des Kampfes eingeprägt, zu offen vor aller Augen reiht sich noch Fingerabdruck an Fingerabdruck seines Verlaufs.
lieber diese breiten, abgemähten Ackerstreisen ging gestern der Todesweg der siebenbürgischen Regimenter. Vor und zu beiden Seiten des Meierhofs, in hochgelegener, das Gelände weithin beherrschender Stellung harrten die russischen Maschinengewehre, harrten in ihren tiefen Gräben die sibirischen Scharfschützen. Was über die Aecker lief, nahmen sie weither schon aufs Korn, knallten den geduckt eilenden Gestalten spritzende Kugeln um die Ohren.
Die Siebenbürger suchten Deckung hinter den Strohhaufen des geschnittenen Weizens. Sie griffen buchstäblich nach dem rettenden Strohhalm. Gegen Sicht wenigstens mußten sie ja schützen, die Hausen. Und sie wußten, gegen Sicht geschützt zu sein, war schon viel, oh, konnte zuweilen sehr viel bedeuten in diesem Krieg.
Außerdem — wie dufteten die hängenden Aehren heimatlich an den gelben Kreuzen! Alle, fast alle waren sie ja Bauern, hatten jetzt selbst ihre Kreuze stehen aus schmalem Stoppelfelde daheim.
„Schweinerei!" hatte da einer ganz laut einmal gerufen, „die Halme zwei Spannen über dem Erdboden abzufchneiden! Zu uns müßten diese faulen Panjes in die Schule gehen "
„Und glaubst du, hier sei im Frühjahr wenigstens richtig geackert worden", hatte sein Nachbar im gleichen entrüsteten Tone erwidert. ,,Zeu, cä nu! Bei Gott nichtl Wir wühlten uns mit dem Spaten hier sonst nicht so verteufelt schwer ein."
„Diese Erde, Brüder, würde das Doppelte tragen in unsern Händen." Im nächsten Augenblick fanden sich die drei Stimmen schon nicht mehr. Das Hasten und Stieben von Haufen zu Haufen, bald rechtshin, bald linkshin hob schließlich alle Ordnung auf. Man geriet in immer neue Zusammenhänge, doch ehe man sich in ihnen halbwegs zurechtgefunden hatte, sprengte das Streufeuer der russischen Maschinengewehre auch sie wieder auseinanb»'
So gab's manchen, der nach atemraubendem Sprung über das offene Feld klirrend zu Füßen eines Hausens niederstürzte, den Kops tief hineinwuschelte in feine strohige Fülle, und aus Schmerz oder Verzweiflung, aus Bauernweh oder -lüft — wer weiß? — oder einfach, um Augenblicke lang nichts anderes denken zu müssen, in die körnige Frucht biß.
Denn der Meierhof mähte. Oh, rote er das Mähen verstandI Er war ja vom Schnitt her noch in Uebung.
Gerade was den Siebenbürgern Rettung versprochen und sie in seinen Schutz gelockt hatte, gerade das wurde ihnen nun zu Gefahr und Verderb. Ralchelnd durchbohrten die Kugeln die lockern Kreuze, legten Ungarn, Rumänen und Sachsen zu den goldgelben Garben des galizischen Weizens.
Seht, da liegen sie noch jetzt, das Gewehr im Anschlag, und lugen an den Haufen vorbei nach dem Meierhof. Wie auf dem Exerzierplatz liegen sie, mäuschenstill, als schreite eben ein strenger Vorgesetzter in ihrem Rücken die Front ab. Sie zucken nicht mit der Wimper „Auf!" möchte man ihnen zurufen. „Auf!" Aber das Wort erstickt einem in der Kehle, sobald man es denkt.
Einige pressen nicht das Gewehr, sie pressen den kurzstieligen Spaten an die Brust. Drei, vier, fünf Stiche waren schon getan, den Strohschutz vor ihnen mit Erde zu verstärken. Dann muß plötzlich alles aufgehört haben. Auch sie rühren kein Glied mehr. Auch auf ihnen lastet der Bann eines Unsichtbaren. Richt einmal der triefende Regen vermag sie zur geringsten Bewegung zu verleiten. Und er riefelt ihnen doch unaufhörlich senkrecht in den Racken hinein.
Einer liegt ganz nahe am Wegrand. Eine Gruppe von Kanonieren umsteht ihn. Aus jedem Geschützzug, der an ihm vorbeirollt, treten einige aus, vermehren den Schwarm der Gaffer. Möß reitet auf sie zu, wundert sich sehr, daß sie ein Grab schaufeln.
„Was tut ihr? Warum gerade diesen da begraben?"
„Es ist mein Bruder", antwortet einer der Kanoniere. „Ich habe ihn zufällig erkannt, als ich vorhin an ihm vorbeiwollte."
Das ist der erste Tote, denkt Möß, in dessen glasige Augen ich in diesem Krieg blicke Und sein Bruder begräbt ihn
Je weiter er reitet, um so verwüsteter ist das Feld. Kaum steht ein Kornkreuz unversehrt da. Manche sind völlig zerwühlt. Geschoßeinschläge haben die Erde tief verwundet. Sie ist übersät mit Ausrüstungsgegenständen: mit Patronentaschen, Gewehrkolben, Jnsanteriespaten, mit Mützen und Rucksäcken.
Nie noch hat Möß ein so grauenerregendes Stück Erde gesehen. Daß die Zerstörung, von Menschen gewollt und ins Werk gesetzt, je solche Zerrbilder erstarrter Ohnmacht, zerkrampfter Qual schaffen könne, hat er nicht geahnt. Eine furchtbare Erkenntnis scheint in ihm aufzusteigen. Als werde er jetzt erst wissend, jetzt, in diesem Augenblick — ein Eingeweihter.
Wie sich die Toten, je näher er dem feindlichen Graben kommt, auf dem Felde mehren! Nicht mehr einzeln, nein, zu zweit, zu britt liegen sie am Fuße ber sruchtfchweren Kreuze. Man spürt deutlich einen süßlich verpesteten Ruch über den Acker streichen. Man hält den Atem an und den Mund zu. Man möchte endlich einmal weg, weit weg fein von hier. *
Im Meierhof haben Nahkämpfe ftattgefunben. Deutliche, allzu deutliche Spuren verraten es. Aber Möß blickt nicht mehr hin. Er hat genug gesehen. Er reitet auch nicht mit Gerö an die russischen Gräben heran, um die Wirkung ihrer Treffer festzustellen Er hört (lieber hätte er es nie vernommen!), sie sei entsetzlich gewesen, die Gräben müßten voll Menschen gesteckt haben. Er muß fortwährend an gestern und vorgestern denken, an die schwere Beschießung seiner Mulde, an bas unerhörte Glück, baß babei niemanb sein Leben ließ.
Im einzigen Raum bes Meierhofs, ber noch ein Dach trägt, ist jetzt ein Hilfsplatz eingerichtet, ©tunbenlang hält bie Artilleriekolonne in unmittelbarer Nähe. Niemanb weiß weshalb. Um sich vor bem noch immer triefenben Regen zu schützen, tritt Möß unter das Vordach des Hauses. Stundenlang hört er das Stöhnen und Wimmern der Verwundeten drinnen. Blut und Jammer und Qual steigt ihm bis an die Kehle.
*
Endlich setzt sich bie Kolonne roieber in Bewegung. Ein Vormarsch wie am ersten Tage ist es aber nicht. Das Wort hat seine Fröhlichkeit, sein hüpfenbes Herz, seinen Leichtsinn verloren. Als hätte jemanb einen Schleier über es geworfen.
Es kommt ja kaum zu richtiger Kolonnenbilbung. Die Batterien fahren halb hinter biefem Dorf-, bald hinter jenem Waldrand auf, geben ein paar Schüsse ab, trollen sich fort. Man bleibt verloren im Ungewissen.


