Ausgabe 
30.11.1936
 
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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Nummer 85

Montag, -en 2. November

Jahrgang 1956

auch nur auf Einstellung erkannten, war der Triumph für ihn so groh, daß er ihn wohl für die Leiden hätte entschädigen können, wenn seine Lebenskraft in Krankheit und Enttäuschung nicht unterdessen gebrochen gewesen wäre.

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>lt die Nachricht von dem Freispruch noch in der einen, der ihr den Sinn davon auslegte. Sie fühlte, >lk von Frankreich verloren hatte, und gab sich der ^/l Vw so unwürdig geschah, ohne Rücksicht hin. Sie hielt ,'u/ulbiger als vorher und nahm das Urteil auf wie

eine absichtliche Beleidigung. Ihre Frauen fanden sie tagelang weinend dasitzen, und so hartnäckig war diese Tochter Maria Theresiens, daß sie den schwachen König noch zu einem dritten Streich antrieb, der nun als eine Kriegserklärung ans Parlament und an das Volk einfchlagen mußte. Sie handelte wie alle Willkür, erst rief sie selber die öffentlichen Gerichte an; als die nicht nach ihrem Sinne das Urteil sprachen, trat doch Gewalt vor Recht. Und alles Unrecht, was ihr in dieser Sache geschehen war und noch geschah, war doch nicht schlimmer, als daß sie nun den König antrieb, das Urteil eigenmächtig zu korrigieren.

Kaum war der kranke Rohan am zweiten Tag nach seinem Frei­spruch wieder im Hotel de Strasbourg ausgestanden, bejubelt von dem Volk, das sich vor seinem Fenster unablässig drängte und ihn zu sehen wünschte, als zum letztenmal der Breteuil im königlichen Auftrag bei ihm erschien. Der Rohan hatte Zeit gehabt, sein Leben zu bedenken; er wußte, daß es verloren war, und gab sich keiner Rache hin. Er empfing den Breteuil bei sich, wie es dem Hausminister des Königs ziemte, ließ ihn durch keine Miene spüren, daß er doch als Sieger geblieben war, und nahm mit Gleichmut die königliche Korrektur des Urteils hin: daß er sein Amt als Groß-Almosenier abzugeben und sich in die Verban­nung nach seiner Abtei La Chaise-Dieu zu begeben habe. Dieser Stuhl Gottes lag nicht eben lieblich in den Bergen der Auvergne, und nach Reinigung des Kardinals vor dem Parlament war es deutlich, was dieser durch Geheimbefehl verordnete Landaufenthalt bedeuten sollte. So hatten die Pariser auch gleich den bösen Spott zur Hand, und kein Wort wurde

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Die Halsbandgeschichie

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Macf) dem Helden kam die Naive, das Spottbild seiner Gegnerin, Nicole Leguay, im Spiel die Gräfin Oliva. Sie kannte nicht sogleich er­scheinen, weil sie gerade ihren Neugeborenen schenkte, und die Herren Räte um den Aufschub einiger Minuten bitten mutzte.Das Gesetz verstummte vor der Natur", hieß es danach im Protokoll. Sie selber aber verstummte vor dem Gesetz, als sie endlich, eilfertig zugeknöpft, erschien. So oft sie etwas sagen wollte, schluchzte sie und brachte keinen Satz heraus, so daß sie schon in Kürze ihrem Söhnchen zurückgegeben wurde.

Zum Schluß als lustige Person der Cagliostro. Es waren manche in dem Saal, die ihn noch nicht gesehen hatten, und es schien, als hätte eine kundige Hand ihn für das Ende dieser Szene aufgespart, auch die Müden noch einmal anzuregen. Er kam im Rock aus grüner Seide, mit Gold be­hängt wie ein Löwe, den man endlich in die Arena läßt. Kaurn wartete er die erste Frage ab, um mit seiner Drommetenstimme die Vorstellung zu beginnen; nach wenigen Minuten war ein Gelächter in der Kammer, das nur die Sorge, ihn zu stören, manchmal dämpfte. Er sprach nach seiner Gewohnheit in einem Kauderwelsch aus allen Sprachen, warf mit den Armen um sich, daß er schwitzte, sank manchmal aus Entzückung vor sich selber fast in die Knie und brachte jedem zum Bewußtsein, was für ein Satyrfpiel dieser Handel doch gewesen war, so daß die Sitzung endlich mit einer Fröhlichkeit ausging, die allen Angeklagten zugute kam, nur nicht der Königin, der man die Blindheit ihres Hasses argwöhnisch nicht übersah.

Um fünf Uhr andern Morgens schon stand man und wartete. So heftig war der Andrang und soviel Leidenschaft in bloße Neugier gemischt, daß nur durch eine Kette von Soldaten die Straße freigehalten wurde,

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oanesZx och einmal in die Bastille zurück. Aber sein Trcms- pictäNp?" tem Ausbruch der wilden Leidenschaft. Von vielen bei jedem Schritte aufgehalten, von Blumen über- t Wagen Stunden, bis er zur Festung kam. So phgeschrei in allen Gassen, daß einige meinten, es u hören fein. Und wo ein Richter von der Menge hifen ihn die Damen an sich, ihn zu küssen. Zum erregten Zeit erschienen die Fischweiber der Halle ion ihren kräftigen Armen gedrückt, mit Blumen cher Richter einen Geruch in feine Säle, der die nen ließ.

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noch neunundvierzig Stimmen, die für die kleineren Beklagten rasch einig waren: Die Gräfin wurde zur Züchtigung auf bloßem Körper, zur Brand­markung auf beiden Schultern verurteilt, und zur Einsperrung lebens­länglich in die Salpetriere. Ihr Vermögen wurde konfisziert zum Nutzen des aefchädigten Kardinals. Der Graf in Abwesenheit zur gleichen Strafe; der Netaux wurde milderweise des Landes verwiesen; gegen die andern, namentlich die Nicole, auf Einstellung des Verfahrens erkannt.

Das gleiche Urteil wollten feine Gegner auch dem Kardinal auflegen, statt einer ganzen Freisprechung, weil sie den Tadel, der darin lag, für seinen Leichtsinn und die Unehrerbietung vor der Majestät für nötig hielten. Darüber brach noch einmal die Leidenschaft zu Stürmen aus; denn jeder der neunundvierzig Räte mußte fein Urteil und die Begrün­dung dazu einzeln abgeben. Da gab es einige, die sich mit kurzem Wort abfanden, die meisten aber suchten noch diese letzte Gelegenheit, zu über­zeugen, und einer der Gegner von Versailles ging mit Worten vor, wie sie ein französisches Gericht noch nicht vernommen hatte. Nach sechzehn­stündiger Beratung konnte abends endlich das Urteil verkündigt werden. Mit sechsundzwanzig gegen einundzwanzig Stimmen zwei hatten sich aus Gründen der Verwandtschaft noch enthalten müffen wurde der Kardinal Rohan gänzlich steigefprochen. Und weil die andern Stimmen

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einer Wildkatze die Kraft in ihrem kleinen Körper, daß ihr das glühende Eisen beim zweitenmal statt auf die Schulter auf ihren Busen kam. Das hatten Hunderte mit angesehen, die Tausenden davon erzählten. So rasch die Menge ist, zum Schaden ihren Spott zu legen, dem Leidenden gibt sie die Welt. Bald wußte man die rührenden Geschichten zu er­zählen, wie sie sich mit den Zähnen wehrte, als ihr die Peiniger die Kleider vor allem Volk vom Leibe rissen, und wie sie einen durch ihren Biß aufs Blut verwundete, wie ihr zartes Fleisch unterm glühenden Eisen rauchte und wie sie ganz zerschunden, ohnmächtig und mit Sand und Blut bedeckt auf einem Karren in die Salpetriere gefahren wor­den war. Wie dort eines der armen Mädchen der Gräfin aus Mitleid seinen Strohsack abgetreten habe, damit sie nicht mit sechs Gefangenen zugleich auf einem Lager schlafen muhte. Wie sie in grobe Sacklein­wand gekleidet sei, und dennoch ihre Tage lesend in derNachfolge Christi" verbrächte! In den Schaufenstern der Buchhändler war ihr Bild in dieser Tracht zu sehen, und in den Zeitungen standen täglich Einzel­heiten aus dem Gefängnisleben. So wurde ihre Flucht zwar durch das Mitleid begünstigt, doch biente sie dem Hof zum Schaden, weil gleich bas heimliche Gerücht begann, daß die geheimnisvolle Verbindung nut der Königin nun bewiesen sei und daß Marie Antoinette sich nur mit ruhigerem Gewissen ihres Halsbandes freuen wollte.