aus der Vergangenheit sind, während das Leben doch von uns fordert, nicht hinter uns, sondern nach vorwärts in die Zukunft zu sehen.
Die Gespenster oder Engel können so mächtig werden, können eine so eindringliche Sprache zu uns reden, daß uns darüber unser gegenwärtiges Leben verloren geht. Und zwar können das zweifellos auch die Engel unter unseren Erinnerungen besorgen. Wem sind nicht schon Menschen begegnet, die von dem mehr oder minder reichen Schatz ihrer schönen Erinnerungen leben und zehren, die in solchen Erinnerungen förmlich „schwelgen", denen diese ihre angenehmen, erfreulichen, be- ?lückenden Erinnerungen, um das Dichterwort zu zitieren, das einzige laradies bedeuten, aus dem sie nicht vertrieben werden können? Die immer wieder versucht sind, sentimental nach rückwärts zu schauen, sich zu erinnern, wie schön doch dieses oder jenes gewesen ist — und die darüber versäumen, die guten und fruchtbaren Möglichkeiten der Gegenwart zu ergreifen und zu erfüllen, ja, sie überhaupt auch nur einigermaßen deutlich zu sehen? Auch die guten Engel wollen also schließlich weislich im Zaume gehalten werden, sonst erwürgen sie das neue Leben, das uns immer wieder aus dem Heute erblüht.
Welches Maß an innerer Freiheit ein Mensch gegenüber seinen guten und schlechten Erinnerungen besitzt, in welchem seelischen Verhältnis er zu ihnen steht, das entscheidet eben darüber, wieweit er fruchtbar, aufbauend, schöpferisch lebt. Es gibt hier gar keine Möglichkeit, das Schicksal zu betrügen. Wer einmal eine große Enttäuschung an einem anderen Menschen erlebt oder selber einmal katastrophal versagt hat und nun mit pessimistischer Grundstimmung, mißtrauisch und innerlich schwankend, weiterlebt, weil er von dieser üblen Erinnerung nicht loskommt, der tut unter allen Umständen sich selbst und den neuen Menschen, die in seinen Gesichtskreis treten, ein Unrecht an. Er muß den Erinnerungs-„komplex", den er da mit sich herumschleppt, schleunigst aufzulösen oder auf das richtige Maß an Bedeutung zu beschränken trachten. Das ist manchmal recht schwer, es erfordert einen hohen Grad an Selbstkritik, aber es geht, wenn man den rechten Willen hat. Und wer sich das, was ihm gegenwärtig begegnet, vielleicht in Gestalt eines Menschen, und was er gegenwärtig erlebt, vielleicht auf einer schönen Reife, immer wieder durch seine Erinnerung entwerten läßt, entwerten nämlich durch den sentimentalen und überdies auch etwas feigen Seufzer: „Ach, so schön wie damals kann es ja nicht fein!", der zeigt damit am Ende nur feine eigene Lebensfchwäche oder feine eigene lieblose Einstellung zur Gegenwart an. Ueberhaupt: wer das Gegenwärtige immer nur am Vergangenen mißt, der darf sich auch nicht darüber wundern, daß er eben nur feine Erinnerungen und keine Gegenwart besitzt.
Natürlich heißt das nicht, daß man von feinen Erinnerungen, gleich- glültig ob gut ober schlecht, so weit wie möglich abrücken solle, um unbekümmert zu leben. Erfahrungen und Erlebnisse sind ja schließlich dazu da, daß man sie im späteren Leben sinnvoll benutzt — und so besteht die Kunst eben darin, nicht zu viel ,in der Erinnerung" zu behalten, aber auch nicht zu wenig. Cs ist eine wohltuende Eigenschaft des Lebens, daß es gerade das Schlechte allmählich unserem Gedächtnis zu entwinden sucht, daß es die Dinge in unserer Erinnerung mit der Zeit überglänzt und verklärt. Und gewiß, der Mensch soll vergessen können. Es gibt eben tatsächlich Erfahrungen, die wir in uns „verinnerlicht" haben, und die wir nun wieder „veräußerlichen" müssen, von uns abstoßen wie einen giftigen Stoff. So mancher vergißt aber auch zu schnell und zu viel — aus Großmut oder Leichtsinn das Schlechte und aus Undankbarkeit oder Unachtsamkeit das Gute, das ihm im Leben geschah. Er vergißt, daß unsere guten und schlechten Erinnerungen einen großen Schatz an Belehrungen und Versprechungen, Warnungen und Tröstungen, Verboten und Äntrieben darstellen, aus dem heraus wir leben können — leben freilich nur unter einer Bedingung: wenn wir das Echte in ihm vom Unechten zu unterscheiden wissen, wenn wir ihn richtig verwalten.
Der Wirt am Erbseneck.
Von Nikolaus Schwarzkopf.
Der Wirt, der vorn am Erbseneck wohnte, hieß der „Gehste weg da hinten". So nannte man ihn, weil er Sonntags einen Flügelrock trug, der, wenn er zwischen den Gästen fast waagerecht hinschwebte, hohe Achtung gebot, als stäke der Herr Pfarrer drinnen oder der Herr Lehrer. Der Wirt war zugleich Bartschaber, Makler, Ferkelstecher und Klavierstimmer. Er verkaufte zudem Kohlen, Bretter und Latten; er kaufte Aepfel, Kartoffeln, Heu und Stroh auf und lieferte alles in die Stadt. Kam der Gerichtsvollzieher ins Dorf, so hopste der „Gehste weg da hinten", der ein geknicktes Bein hatte, neben dem gefürchteten Mann einher und erzählte dem die Witze, die im Dorfe umgingen.
Der „Gehste weg da hinten" verzapfte das frischeste Bier, denn er hatte eine sogenannte Pression. Was das war, wußte ich nicht, aber es hing außen an der gelbgetünchten Mauer, nah der Zapfstelle innen, an einem Bleirohr eine Bleiflasche, und wir meinten, das Bier lause, bevor es ins Glas falle, durch diese Flasche, in der wohl irgendein Kobold sitzen mochte.
Der „Gehste weg da hinten" hielt auch den Gemeindesasel, den Gemeindeeber und den Gemeindeziegenbock. Sein Hof war deshalb durch ein undurchsehbares Tor von der Gasse abgeschlossen, und quer überm Tor zog sich ein dichter Stacheldraht hin, so daß kein Bub Lust bekam, da empormhangeln. So hatte bas Wirtshaus für uns etwas Geheimnisvolles an sich unb ich kam jährlich eigentlich nur zweimal hin, wenn unsere Ziegen zum Bock mußten.
Wir hatten keine Ferkel zu stechen, kein Klavier zu stimmen, keine Aepsel, fein Heu, kein Stroh zu verkaufen; bei uns hatte der Gerichtsvollzieher nichts zu vollziehen: zu uns kam ber „Gehste weg ba hinten" nur als Bartschaber, unb zwar jeben Samstag gegen Abenb. Die Schabe kostete jebesmal fünf Pfennig; als der geschäftige Mann durch den Polizeidiener ausschellen ließ, das Bartschaben koste fortan sechs Pfennig,
ließ sich mein Vater gleich vielen Männern den Bart wachsen. Mir schnitt der „Gehste weg ba hinten" viermal im Jahre die Haare. Das geschah in unserem Hof am Mistplatz mit einer ungeheuren Schere, bie ba über einen ungeheuren Kamm hinklapperte unb die Haare büschelweise von sich wegspringen lieh in ben Winb ober auf den Mist. Nach jebem Schnitt hob ber Scherer bie blinkenbe Schere weg vom Kopf unb schnitt zweimal durch bie Luft, woburch ber Stahl sich aller Härchen enttebigte. Er machte den Kopf völlig kahl unb ließ nichts stehen, unb ber Scheitel ober Läuse- pfab mußte wieder wachsen. Wie ein geschorenes Schaf lief man umher und fühlte sich gleich diesem wohl ober unwohl. Mich rounberte, baß der Scherer mit solcher Wolle, wie er sie mir abschnitt, nichts anfangen konnte. Er verdiente auch an mir fünf Pfennig. Alle Knaben unb alle Männer würben über ben gleichen Kamm geschoren, alle Männer über den gleichen Löffel gedartschabt. Samstags um bie Mittagsstunde tarn aus Frankfurt der Biermann und brachte Bindings Bier, bas beste Bier der Welt. Das beste Bier ber Welt würbe also in meinem Dorf getrunken! Der Biermann hieß Anton unb war im ganzen Dorf bekannt unb geehrt und trug einen zugespitzten Vollbart, als könne jein Kopf, wenn er wollte, auf diesem Bart kreiseln wie unsere Tanzbären. Zu diesem Zweck schien mir bas am weitesten unten herausstehenbe Haar besonbers zugespitzt, wie ber Nagel an meinem Tanzbär. Einen Leberschurz hatte ber Änton an, unb oben im Brustlatz staken seine Bücher, in bie er mit bicker Hanb sorgsam einfdjrieb, was er ablieferte. Gäule hatte der Anton, roie's im Dorf keine gab, zwei Grauschimmel mit ganz kurzen Schwänzen, langen zotteligen Mähnen und ebenso zotteligen Stirnhaaren, bie künstlich gewellt, bie Augen fast ganz verbeckten. Die Geschirre waren mit Messing beschlagen, blitzblank; Halfter, Schwanzriemen unb Bauchgurt waren mit Mefsingplättchen eingeschlauft, unb selbst über ben feisten Backen hingen Leberriemen, die nichts zu tun hatten, als solche kleiner werbende Plättchen zu halten. Wie Mädchenzöpfe hingen bie ba, unb wenn bie Sonne auf ben Gäulen lag, funkelten sie sondergleichen. Oft habe ich gesehen, baß ber „Gehste weg ba hinten" ben Gäulen auf ber flachen Hanb ein Stück Zucker reichte, daß er ihre Backen klatschte, ihre Mähnen zauselte, ihre Mäuler ausriß, bie Zähne zu betrachten, unb weil er die Gäule so liebte, liebte auch ich ihn. Ich habe heute noch Gäule außerorbentlich lieb, beklatsche sie gern, streichle sie gern, greife ihnen gern in die Münder, fahre gern zweispännig unb schwinge bie Peitsche, als wenn ich rounber wer wäre. Das habe ich von unserem Wirt, ben „Gehste weg ba hinten". Später, als ich in die Jahre des eigenen Biergenießens gewachsen war, hielt ich biete Freunbschast mit ihm, unb lange hatte ich meinen eigenen Krug mit eingebäHerten Halbkreisen und einem zinnernen Deckel, der in Rom oder in Athen hätte geboren sein können, denn es stufte sich ba in immer kleiner roerbenben Kreisen ein Denkmal empor, auf besten Sockel ein kleiner feister Gott thronte, ber zum Trinken ermunterte, weil er selbst seine Gottheit dem Trunk verdankte. Ich habe aber diesen kleinen Gott nach und nach verlassen und sogar lange Zeit verleugnet; manchen ber kleinen Götter habe ich verlassen unb verleugnet, unb je älter man wird — ich bin nun schon ein halbes Jahrhundert alt — um so mehr kommt man von diesem göttlichen Kleinzeug ab. Es steht für mich fest: diese kleinen Götter haben die Welt nicht geschaffen, sie tummeln sich nur allhier, machen sich bisweilen schön, bisweilen unschön, spielen in Luft mit uns, spielen in Schmerz mit uns, unb wie so oft hat bas Nibelungenlieb recht, bas in meiner Heimat entftanb, „baß Lieb unb Leibe zu jüngste lohnet".
Ich habe — bics zu bekennen brängt mich sehr — gegen ben Krug geschrieben, ein an sich fröhliches Buch, unb der „Gehste weg da hinten" hat mir damals, als ich des Kruges mich nicht mehr bediente, daraufhin die Freundschaft gekündigt. Das Schlimmste an dem Buch war, wie er mich wissen ließ, daß es so fröhlich ist, und daß es ohne den Krug so fröhlich ist, baß Fröhlichkeit überhaupt sichtbar werben kann ohne ben Krug. Gewiß, ich gebe zu, bas Buch ist mit einem erzieherhaft strengen Blick geschrieben, aber biefer Blick, lieber älterer Freunb, mußte über beine Kasse hinwegsehen, weil er getreu meinem Berufe unb meiner Berufung, sich übers beutfche Volk hinstreckt. Unb daß aus beinen Krügen immer Seligkeit und Segen kommt, bas willst bu wohl nicht behaupten. Du bist traft beiner vielseitigen Tüchtigkeit zu einem wohlhabenden Manne geworden. „Gehste weg ba vorn" rohre für bich ein viel besserer Name gewesen. Ich liebe dich noch heute, obwohl bu schon gestorben bist, unb wenn ich für bie Toten bete, bete ich auch für bich. Sollten wir im Himmel bereinft zufammenkommen, was burchaus nicht ausgeschlossen erscheint, bann wollen wir abgeklärt unb gottnahe über ben Fall noch einmal reben. Dir haben sich bie Welträtsel gelöst, ich schlage mich noch mit ihnen herum: vielleicht sitzest bu irgenbroo ba oben hinter ben ©fernen unb lächelst über mich unb über uns alle.
Lächle nur, mein Lieber! Du hast immer gelächelt, wenn bu, sieben Glas Bier in ber Rechten unb sieben Glas Bier in ber Linken, burch beine Gäste hinschwebtest! O, oft sehe ich dich im Geiste auch unter ben Himmlischen hinschroeben, unb statt ber Rockflügel sehe ich wirkliche Flügel an beinen breiten Schultern. Ich weiß, zu beiner Seligkeit gehört, daß bu Gäste bebienen barfft, bu großer Liebhaber der Durstenden, unb bie Durftenben tränten, das ist ja nach Jesus eines ber großen himmelstürmen- den Werke ber Barmherzigkeit. Das hat er an einem seiner feierlichsten Tage, am Tage der Bergpredigt selber verkündigt.
Wie gern wäre ich Wirt geworden, wie gern rohre ich Wirt!
Nicht weniger als fünf Schutzpatrone nehmen sich deines Standes an, gewiß ein Zeichen außerordentlicher Begnadung; auch bie Heiligen drei Könige, bie aus bem Morgenlanb tarnen, bas Jesustinb anzubeten, die unterwegs töniglich bewirtet mürben unb töniglich bewirteten, unb, was mich am meisten freut, ber hl. St. Goar, der rheinische Einsiebler, ber in feiner Hütte am Weg in feiner Weise Vorübergehenbe bewirtete. Solltest bu, lieber Freunb, je im Leben vergessen haben, ben einen ober anberen deiner Schutzpatrone zu lieben, bann bevorzuge ihn ba droben, wenn es dir möglich ist, und ich, wenn ich in dein Reich komme, vergiß auch meiner nicht!
Verantwortlich; vr. tzansThyriot. — Druck undDerlagtDrüh l'scheUniv ersitäts»Buch« undSteindrucker ei, R. Lange, Gießen.


