Ausgabe 
30.11.1936
 
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Der Tod fürs Vaterland.

Bon FriedrichHölderlin.

Du kömmst, o Schlacht! schon wogen die Jünglinge hinab von ihren Hügeln, hinab ins Tal, wo keck heraus die Würger dringen, sicher der Kunst und des Arms, doch sichrer kömmt über sie die Seele der Jünglinge, denn die Gerechten schlagen wie Zauberer, und ihre Vaterlandsgesänge lähmen die Kniee der Ehrelosen.

O nehmt mich, nehmt mich mit in die Reihen aus, damit ich einst nicht sterbe gemeinen Tods!

Umsonst zu sterben, lieb ich nicht; doch lieb ich, zu fallen am Opferhügel

fürs Vaterland, zu bluten des Herzens Blut, fürs Vaterland und bald ifts geschehen! Zu euch, ihr Teuer« I kymm' ich, die mich leben lehrten und sterben, zu euch hinunter!

Wie ost im Lichte dürstet' ich, euch zu sehn, ihr Helden und ihr Dichter aus alter Zeitl Nun grüßt ihr freundlich den geringen Fremdling, und brüderlich ifts hier unten;

und Siegesboten kommen herab: die Schlacht ist unser. Lebe droben, o Vaterland und zähle nicht die Toten! Dir ist, liebes! nicht einer zu viel gefallen.

Derff'inger.

Von Hans Gäfgen.

Diese interessanten Ausschnitte sind dem in K. Thiene­manns Verlag, Stuttgart, erschienenen BuchDersslinger" von Hans Gäfgen entnommen. (Preis 1,60 Mark.).

Man schreibt das Jahr 1632.

Der große Krieg tobt durch die Länder Europas. Städte brennen, Dörfer brennen, kein Acker wird mehr bebaut, der Hunger reitet durch das Land. Aber es reiten auch Soldaten durch Deutschland, viele, viele Soldaten, Deutsche und Fremde, und unter ihnen auch ein Hauptmann, Hauptmann Derfflinger.

Der Schlafgeselle aus dem Zelt ist noch immer Dragoner, nun auch im Heere Gultav Adolfs, wie Derfflinger. Er muß stramm stehen vor seinem einstigen Kameraden. Das Spotten hat er sich abgewöhnt und manchmal meint er bei sich: Der Derfflinger ist ein Kerl! Dielleicht wird er wirklich General ...

Beliebt ist der Hauptmann wie kaum ein zweiter.

Seine Soldaten gehen für ihn durch dick und dünn. Er ist. wenn Ihn auch Ehrgeiz beseelt, kein Leuteschinder. Für jeden hat er ein gutes Wort. Hat einer etwas auf dem Herzen, bei dem Hauptmann findet er ein williges Ohr.

Herr Hauptmann, nächsten Monat wird mein Vater neunzig!

Potztausend, Kerl, das ist etwas, da reiten wir hin, alle zusammen, und vorher treiben wir ein Schwein auf "

Da strahlt das Auge des Soldaten. Er hatte um Urlaub bitten wollen, sein Dorf, wo der Vater wohnt, liegt nicht weit. Aber so, wie es der Hauptmann will, ist es ihm viel lieber.

Und der Derfflinger hält, was er versprochen hat.

Mit vieler Mühe wird im ausgeplünderten Land das Schwein ge­funden. Der Hauptmann bezahlt es auf Heller und Pfennig ans seiner Tasche Er hätte es nehmen können ohne Geld, er hat ja die Macht, und seine Reiter stehen hinter ihm. Er aber bezahlt das Schwein ...

Ja, o ist der Derfflinger.

Die einen nennen ihn einen Dummkopf, die anderen aber blicken zu ihm auf, als fei er etwas Besonderes, eine Ausnahme in diesen wüsten, wirren Zeiten. .

Bedenkt doch, Derfflinger, wieviel Kannen Wein Ihr trinken könntet für den Preis, den Ihr für das Schwein erlegt habt", fagt einer b'Cr Offiziere.

Das Gefühl, recht getan zu haben, schmeckt mir besser als der Wein." , , _ £

Derfflinger ruft es und reitet davon, gefolgt von feinen Soldaten.

Als sie dem Alten das Schwein in den verödeten Hof treiben, traut der Mann feinen Augen nicht.

Alle Reiter, die bisher gekommen", murmelt er,haben genommen, roeggetrieben, und ihr, ihr bringt einem fteinalten Mann ein Schwein. Zeiten find das, seltsame Zeiten ..." _ , , ..

Mit Tränen in den Augen schließt der Vater den Sohn in die

Als sie dem Hauptmann danken wollen, da ist er davongeritten, aber ein Faß Wein hat er dagelassen für feine Soldaten.

igar besser so, Leute", meint er am nächsten Morgen,Mn immer­hin euer Hauptmann, und chr konntet sorgloser feiern ohne mich ...

1674: Als Feldmarschall gibt Derfflinger nichts auf äußere Ehrungen.

Er ist so schlicht geblieben, wie in den Tagen, da er als einfacher

Soldat seine Pflicht getan. .

Aber er freut sich, daß man in ihm die Armee ehrt, di« junge, tüchtige Armee -

Und sie ist sein Werk!

Ohne Derfflinger, ohne seinen unermüdlichen Einsatz für die Sol­daten wäre sie nicht in solch kurzer Zeit zu einer Macht geworden, mit der Europa rechnen muß.

Immer wieder jetzt er sich für die Verbesserung der Ausrüstung der Truppen ein und bemüht sich, daß die Feuerwaffen immer weitere Verbreitung finden.

Auf strenge Manneszucht ist er unablässig bedacht.

Einmal wird chm gemeldet, daß brandenburgische Soldaten einem Schuhmacher seinen ganzen Vorrat an Stiefeln weggenommen haben.

Da fährt Derfflinger auf.

Er wartet nicht, bis angespannt ist, sondern reitet, nur von seinem Burschen begleitet, in die Stadt, aus der der Vorfall berichtet wor­den ist.

Kerls!" wettert er die Soldaten an,ihr wollt Derfstingerfche Dra­goner sein und macht mir solche Unehre? Wer von euch hat gestohlene Stiefel an, vortreten!?

Einer tritt aus dem Glied, ein zweiter, dritter, vierter ...

Ausziehen die Stiefel!"

Die Soldaten gehorchen.

Antreten zum Parademarsch!"

Barfuß müssen die Missetäter mit im Glied marschieren.

Es gibt Blasen und wunde Füße.

Derfflinger kennt kein Pardon.

Der Schuster, dem ihr die Stiefel weggenommen habt, hat auch nicht gelacht, als ihm das geschah!"

Seit diesem Tage hat Derfflinger nicht mehr zu klagen über feine Soldaten, die von ihm sagen:Der Derfflinger ist ein Kerl, vor dem man den Hut ziehen muß ..."

Jeder hat seine Engel und Gespenster.

was uns die Erinnerungen sagen.

Von Georg Foerster.

Ein Geschäftsmann hat zuviel gewagt, hat im Eifer seines Strebens das ihm Mögliche überschätzt, ist infolgedessen in Schwierigkeiten ge­raten und muh schließlich sein Unternehmen aufgeben, um nach einer Weile ein anderes, viel kleineres zu beginnen. Aber nun will es mit ihm trotz [einer glänzenden Eignungen und Fähigkeiten nicht mehr jo recht gedeihen. Er ist eingeschüchtert, ist ängstlich geworden, ertraut sich nicht mehr mit dem früheren Schwung an die Dinge heran. Immer, wenn er riskieren soll, oder wenn es so aussieht, als könnte er nun den Rahmen seines Unternehmens wieder weiterspannen, mutz er an feinen Mißerfolg, seinePleite" denken. Das hat sich tief in ihn hinemge- frelfen, das sitzt als böse oder warnende Erinnerung in ihm fest. Sie ist gleichsam stets auf dem Sprung, wieder lebendig zu werden, sobald der Mann größere Pläne saßt oder neue Möglichkeiten an ihn heran- treten Wie ein Bleigewicht wirkt dies auf seine Energie und ferne Ein­fälle und fo kann man ihm getrost prophezeien, daß er es, wenn er diese schlechte Erinnerung nicht los wird und überwindet, zu mchts Bedeutendem mehr bringen wirb. . . , ,__

Und einen anderen Fall. Jemand erlebt eine Periode in feinem Dafein in der er aus irgendwelchen Gründen kraftlos und entmutigt ist.. Betrübnis erfüllt seine Tage, das Leben macht ihm keine rechte Freude mehr, er kann sich zu nichts Bestimmtem aufraffen und nichts, was er anzufassen versucht, will ihm in der richtigen Weise gelingen. Schließlich aber wird er kritisch und beginnt, darüber nachzudenken, ob denn tat­sächlich nur noch so wenigmit ihm los sei", und ob ihm denn tat­sächlich das Leben so viel Anlaß zur Bedrücktheit gäbe. Und indem er sich besinnt, steigen allerlei Erinnerungen in ihm auf, Erinnerungen an schöne Stunden, Erinnerungen an Tage, Wochen, Monate, in denen sich ihm das Leben von feiner glücklichen und gelungenen Seite gezeigt hat, Erinerungen auch an alle die Beweise von Kraft, Gesundheit und Fähig­keiten die er selber schon im Leben geliefert hat. Daraus schöpft er neuen Glauben, neuen Mut. Die guten (Erinnerungen werden ihm ge­wissermaßen zu einem Boden, auf dem er stehen, zu einem Sprungbrett, von dem er sich aufs neue emporschwingen kann: sie werden ihm zu einer seelischen Kraftquelle, die chm frische Antriebe gibt, zu leben und fruchtbar tätig und wirksam sein.

3»ei Grenzfälle, die, auf die verschiedenartigste Weise abgewandelt, im Leben immer wieder vorkommen und die so recht deutlich machen, welche besondere und tiefere Bewandtnis es eigentlich mit unseren Er­innerungen hat. Das eine Mal können sie unsere schlimmsten Feinde, das andere Mal unsere größten Freunde sein; das eine Mal können sie uns schwächen und hemmen, das andere Mal uns helfen, daß wir im Leben vorwärtskommen, daß wir in einer düsteren seelischen Ver­fassung oder in einer kritischen Lage nicht untergehen. Es fragt sich nur, ob mir so weit Lebenskünstler sind, daß wir unsere (Erinnerungen sinn­voll zu ordnen vermögen, daß wir mit ihnen auf eine kluge Art um- maeben verstehen, indem wir sie pflegen, dabei aber sorgfältig darauf bedacht sind, das schädliche Unkraut auszumerzen, das da neben dem vielen Guten auch recht üppig auf diesem bunten und weiten Felde '""Jeder Mensch macht ja im Leben seine glücklichen und unglücklichen, erfreulichen und betrüblichen, ermutigende und enttäuschende Erfah­rungen, die, namentlich wenn es sich um schicksalhaft-menschliche und seelische Dinge handelt, gleichsamnach innen" schlagen und m unserem Inneren geraume Zeit hindurch, manchmal auch für immer, fortbesteheu. Wird an diese Erlebnisse und Erfahrungen gerührt, dannerinnern mir uns. Ein sehr treffender Ausdruck! Indern wir uns aber erinnern uni) wie häufig nicht aus äußerem Anlaß, sondern weil wir selber immer wieder daran rühren! befinden wir uns sicher zunächst einmal in einer etwas zwiespältigen Lage gegenüber den lebendigen gegen­wärtigen Ausgaben, die wir haben. Und zwar deshalb weil Misere (Erinnerungen immer Mahnzeichen ober Weckrufe, Gespenster oder Engel