fein? beiden geballten Fäuste gegen das Fenster aus, drohend, stumm: ichttchlich droht er nur noch mit der einen Hand und geht rücklings in den Keller zurück. Als er an den Stuhl stieß, siel das Licht um. Im gleichen Augenblick schlug eine gewaltige Flamme empor.
Der Müller schreit aus und springt fort. Einen Augenblick läuft er vor Schrecken ganz von Sinnen auf dem Holplatz umher und weiß sich nicht zu helfen. Er läuft zum Kellerfenster, schlagt die Scheiben ein und ruft hinunter; dann beugt er sich nieder, packt mit feinen Fäusten die Eifen- ftangen und rüttelt an ihnen, biegt sie auseinander, reißt sie heraus.
Da hört er eine Stimme aus dem Keller, eine Stimme ohne Worte, ein Stöhnen, wie von einem Toten in der Erde, zweimal ertönt es, und der Müller flieht fchreckerfüllt vom Fenster fort, über den Hofplatz weg, hinunter auf den Weg und heim. Er wagt nicht, sich umzufehen. Als er einige Minuten später zusammen mit Johannes zurückkam, stand das ganze Schloß, das alte große Holzhaus, in Hellen Flammen. Ein paar Leute von der Dampstchissbrücke waren auch hinzugekommen; doch auch diese konnten nichts machen, alles war verloren.
Der Mund des Müllers aber war stumm wie das Grab.
XI.
Fragt jemand, was die Liebe ist, so ist sie nichts als ein Wind, der in den Rosen raujcht und bann wieder dahinstirbt. Ost aber ist sie auch wie ein unzerbrechliches Siegel, das das ganze Leben lang dauert, bis zum Tode. Gott hat sie in vielerlei Arten geschaffen und hat sie bestehen ober vergehen sehen:
Zwei Mütter gehen aus einem Wege bahin und sprechen miteinander. Die eine ist in heitere blaue Gewänder gekleidet, denn ihr Geliebter ist von der Reise heimgekommen. Die andere ist in Trauer. Sie hatte drei Tochter, zwei dunkle, — die dritte war blond, und die blonde starb. Es ist zehn Jahre her, zehn ganze Jahre, und doch trägt die Mutter noch Trauer um sie.
Cs ist so herrlich heute! jubelt die blaugekleidete Mutter und schlägt die Hände zusammen. Die Wärme berauscht mich, die Liebe berauscht mich, ich bin voller Glück. Ich könnte hier aus dem Weg meine Arme der Sonne entgegenstrecken und ihr S$üf|e- senden.
Aber die Schwarzgekleidete ist still und lächelt nicht und anroortet nicht.
Trauerst du immer noch um dein kleines Mädchen? fragt die Blaue in der Unschuld ihres Herzens. Ist es nicht zehn Jahre her, feit sie starb?
Die Schwarze antwortet:
Doch. Jetzt würde sie fünfzehn Jahre alt (ein.
Da sagt die Blaue, um sie zu tröffen:
Aber du hast andere Tochter am Leben, du hast noch zwei.
Die Schwarze schluchzt:
Ja. Aber keine von ihnen ist blond. Sie, die starb, war [o blond.
Und die beiden Mütter trennen sich, und jede geht ihres Weges, jede mit Ihrer Siebe ...
Aber diese beiden dunklen Tochter hatten ebenfalls jede ihre Liebe, und sie liebten den gleichen Mann.
Er kam zur Aelteften und sagte:
Ich mochte Sie um einen guten Rat bitten, denn ich liebe Ihre Schwester. Gestern war ich ihr untreu, sie überraschte mich, als ich ihr Dienstmädchen im Gang küßte; sie fchrie ein wenig auf, es war ein (eifer Jammerruf, und ging vorbei. Was soll ich nun tun? Ich liebe Ihre Schwester, sprechen Sie um Gottes willen mit ihr und helfen Sie mir!
Und die Netteste erbleichte und griff sich ans Herz; aber sie lächelte, als wollte sie ihn segnen und antwortete:
Ich werde Ihnen Helsen.
Am Tage daraus ging er zu der Jüngeren, warf sich vor ihr aus die Knie und gestand ihr seine Liebe.
Sie musterte ihn von oben bis unten und entgegnete:
Leider kann ich nicht mehr als zehn Kronen entbehren, wenn Sie das meinen sollten. Aber gehen Sie zu meiner Schwester, die hat mehr.
Damit verließ sie ihn hocherhobenen Hauptes
Als sie aber ihr Zimmer erreicht hatte, warf sie sich auf den Boden und rang die Hände vor Liebe.
Es ist Winter und auf den Straßen kalt, Nebel, Staub und Wind. Johannes ist wieder in der Stadt, in dem alten Zimmer, wo er die Pappeln an die Holzwand klopfen hort und aus deffen Fenster er mehr als einmal den grauen Tag begrüßt hat. Jetzt ist die Sonne fort.
Seine Arbeit halte ihn die ganze Zeit abgelenkt; er beschrieb große Bogen und sah, wie es ihrer immer mehr wurden, je mehr der Winter Kleinem Ende näherte. Es war eine Reihe von Märchen aus dem Lande ter Phantasie, eine endlose, [onnenrote Nacht.
Ader die Tage waren verschiedenartig, die guten wechselten ab mit den schlimmen, und bisweilen, wenn er im besten Arbeiten war, konnte ein Gedanke, konnten zwei Augen, ein Wort von srüher her ihn treffen und feine Stimmung plötzlich verlöschen. Dann erhob er sich und begann in seinem Zimmer von Wand zu Wand auf und ab zu gehen; oft hatte er das getan, auf seinem Boden mar ein weißer Streifen entstanden, und der Streifen wurde mit jedem Tatze weißer ...
Heute, da ich nicht arbeiten, nicht denken, vor meinen (Erinnerungen keine Ruhe finden kann, setze ich mich hin, um das auszufchreiben, was ich in einer Nacht erlebt habe. Lieber Leser, ich habe heute einen so fürchterlich bösen Tag, draußen schneit cs, auf der Straße geht fast kein Mensch, alles ist traurig, und meine Seele ist so entsetzlich öde. Ich bin auf der Straße umhergewandert und zuletzt stundenlang hier in meinem Zimmer auf und ab gegangen und habe versucht, mich ein wenig zu sammeln; aber jetzt ist es nachmittag, und es ist noch nicht besser geworden. Ich, der warm sein sollte, bin kalt und bleich wie ein gestorbener Tag. Lieber Leser, in diesem Zustand will ich versuchen, von einer hellen und spannenden Nacht zu schreiben. Denn die Arbeit zwingt mich zur Ruhe, und wenn einige Stunden vergangen sind, bin ich vielleicht wieder froh...
Es kloplt an die Türe, und Camilla Beier, feine junge heimliche Verlobte, tritt bei ihm ein. Er legt die Feder weg und erhebt sich. Sie lächeln beide mA begrüßen einander.
Du fragst mich nicht nach dem Ball, sagt sie sofort unb läßt sich auf einen Stuhl fallen. Ich habe jeden Tanz getanzt. Bis drei Uhr dauerte es. Ich tanzte mit Richmond.
Taufend Dank, daß du gekommen bist, Camilla. Ich bin so furchtbar traurig, und du bist so fröhlich; das wird mir helfen. Was für ein Kleid trugst du denn auf dem Ball?
Ein rotes, natürlich. Ach Gatt, ich erinnere mich nicht mehr, aber ich muß viel gefprodjen, viel gelacht haben. Es war so wundervoll. Ja ich trug ein rotes Kleid, ohne Aermel, ohne jede Andeutung von Aerrneln. Richmond ist an der Gesandtschaft in London.
Soso.
Seine Eltern sind Engländer, aber er ist hier geboren. Was hast du mit deinen Augen gemacht? Sie sind [o rot? Hast du geweint?
Nein, antwortet er und lacht; ich habe in meine Märchen hinein- geftarrt, und da ist so viel Sonne. Camilla, wenn du recht lieb fein willst, bann zerreiße dieses Papier nicht noch mehr, als du schon getan hast.
Ach Gott, wie zerstreut ich bin! Entschuldige, Johannes.
Es tut nichts, es sind nur ein paar Notizen. Aber erzähl weiter: und du hattest wohl eine Role im Haar?
Ja, ja. Eine rote Rose; sie war beinah schwarz. Weißt du was, Johannes, wir konnten auf unserer Hochzeitsreise nach London fahren. Es ist gar nicht so fürchterlich dort, wie man sagt, und daß es jo neblig sein soll, ist nur Erfindung.
Wer hat das gesagt?
Richmond. Er sagte es heute nacht, und er weiß es. Du kennst ja Richmond.
Nein, ich kenne ihn nicht. Er hat einmal eine Rede auf mich gehalten; er trug Diamantknöpfe im Hemd, das ist alles, dessen ich mich von ihm entsinne.
Er ist ganz reizend. Nein, als er zu mir trat, sich verbeugte und sagte: Das gnädige Fräulein kennt mich vielleicht nicht mehr ... Du, ich gab ihm die Rose.
Du gabst ihm die Rose? Was für eine Rose?
Die ich im Haar hatte. Ich gab sie ihm.
Richmond hat dir wohl sehr gut gefallen.
Sie wird rot und verteidigt sich eifrig: Nein, nein, durchaus nicht. Man kann doch einen leiden mögen, ihn fchätzen, ohne daß ... Pfui, Johannes, bist du verrückt! Ich werde feinen Namen nie mehr erwähnen.
Gott segne dich, Camilla, aber ich meinte nicht ... du sollst wirklich nicht glauben ... 3m Gegenteil, ich will ihm dafür danken, daß er dich unterhalten hat.
Ja, wenn du das tust — das zu tun wagst! Ich für mein Teil werde im Leben kein Wort mehr mit ihm sprechen.
Pause.
Ja, ja, laß es jetzt gut [ein, sagt er. Willst du schon gehen?
Ja, ich kann nicht länger bleiben. Wie weit bist du jetzt mit deiner Arbeit gekommen? Meine Mutter fragte danach. Denke dir, seit vielen Wachen habe ich Dietoria nicht mehr gesehen, und eben traf Ich sie wieder.
Jetzt?
Als ich hierher ging. Sie lächelte. Nein, du meine Güte, wie' hat sie verloren! Hör, kommst du nicht bald einmal zu uns?
Doch, bald, antwortet er und springt auf. Eine Röte hat sich über sein Gesicht gelegt. Vielleicht in den nächsten Tagen. Ich will erst noch etwas schreiben, das mir in den Sinn tarn, einen Schluß für meine Märchen. O, ich werde etwas schreiben! Stelle dir die Erde vor, von oben gesehen, wie ein herrlicher, eigentümlicher Papstmantel. In seinen Falten gehen Menschen umher, sie gehen paarweise, es ist Abend und still, die Stunde der Liebe. Es soll heißen: Das Geschlecht. Ich glaube, es wird gewaltig werden; ich habe dieses Gesicht so ost gehabt, und jedesmal ist es so, als wollte meine Brust zerspringen, und als könnte ich die Erde umarmen. Da gehen Menschen und Tiere und Vögel, und alle haben sie ihre Stunde der Liebe, Camilla. (Eine Woge der Verzückung erwartet sie, die Augen werden feuriger, die Brust atmet heftig. Dann steigt eine feine Röte aus der Erde aüf; es ist die Schamröte aller dieser nackten Herzen, und die Nacht färbt sich rosenrot. Aber weit draußen im Hintergrund liegen die großen schlafenden Berge; sie haben nichts gesehen und nichts gehört. Und am Morgen wirst Gott seinen warmen Sonnenschein über alles. Das Geschlecht soll es heißen.
Ja. Und wenn ich das fertig hade, werde ich kommen. Tausend Dank, weil du hier warst, Camilla. Und du sollst nicht mehr an das denken, was ich gesagt habe. Ich habe nichts Schlimmes damit gemeint.
Ich denke gar nicht mehr daran. Aber ich werde seinen Namen nie wieder erwähnen. Das werde ich nie mehr tun.
Am nächsten Vormittag kommt Camilla wieder. Sie Ist bleich und ungewöhnlich unruhig.
Was fehlt dir? fragt er.
Mir? Nichts, antwortet sie rasch. Dich habe ich lieb. Du sollst wirklich nicht glauben, daß mir etwas sehit, und daß ich dich nicht lieb habe. Nein, jetzt sollst du hören, was ich mir ausgedacht habe: wir reifen nicht nach London. - Was fallen wir dort? (Er wußte wohl nicht, wovon er sprach, dieser Mensch Es ist dort mehr Nebel, als er glaubt. Du siehst mich an, weshalb tust du das? Ich habe seinen Namen durchaus nicht genannt. Solch ein Lügner! (Er log mich so an; wir reisen nicht nach London.
Er sieht sie an, er wird ausmerksam.
Nein, wir reisen nicht nach London, sagt er nachdenklich.
Nicht wahr! Alfa, das tun wir nicht. Hast du die Geschichte von dem Geschlecht fertig? Mein Gott, wie ich mich dafür interessiere. Jetzt mußt du es aber recht bald fertig machen und zu uns kommen, Johannes. Die Stunde der Liebe, war es nicht jo? Und der prachtvolle Mantel des Papstes mit den Falten, eine rosenrote Nacht, mein Gott, wie gut ich noch weiß, was du mir davon erzählt hast. Ich war in letzter Zeit nicht oft hier; aber jetzt will ich jeden Tag kommen und fragen, ob du fertig bist.
Ich werde bald fertig [ein, sagt er und sieht sie immer noch an.
(Schluß folgt.)


